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Objekt / Inventarnr.: Gm1087

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Maria und Elisabeth mit ihren Kindern; Rückseite: Gefangennahme Christi (Gemälde, Altarbild)

Inventarnummer: Gm1087
Datierung: um 1400/10
Ort: Franken; Nürnberg
Material/Technik: Malerei und Polimentgold auf Nadelholz
Maße: H. 92,8 cm; B. 135 cm
Sammlung: Malerei bis 1800 und Glasmalerei
Beschreibung:
Die Tafel gehört zu einem großen Flügelaltar, dessen ursprünglicher Aufstellungsort unbekannt ist. Die Flügel zeigen auf den Außenseiten Szenen aus der Passion Christi, auf den Innenseiten vor feierlichem Goldgrund Ereignisse aus dem Leben Mariens. Die Grundlagen seines Stils verdankt der Meister böhmischer Malerei, deren Einfluß auf Nürnberg seit der zweiten Hälfte des Jahrhunderts wirksam wurde. Von dort leitet sich die plastische Rundung der Formen sowie das weiche Spiel von Licht und Schatten her. Ähnliche Darstellungen der häuslichen Arbeit erscheinen auch in der zeitgenössischen, aus Nürnberg herzuleitenden Glasmalerei im Ulmer Münster. Der Streit um die Breipfanne und der Hilferuf des Johannes: "sich in muter ihesus tut mier", sind einzigartige Zeugnisse für die augenzwinkernde Verarbeitung von Motiven des Alltags. Nach Weilandt 2009 stammen die Fragmente des Marienretabels aus der Frauenkirche Nürnberg: Die ungewöhnlichen Marienszenen der Festtagseite sind durch die spezifischen Festgewohnheiten und den Reliquienschatz der Frauenkirche bestimmt. Laut Beschreibung von 1442 besaß die Kirche ein Haupt der Kinder des Bethlehemischen Kindermordes sowie den goldenen Gürtel Mariens (vgl. Szene mit Maria und Elisabeth), den Kaiser Karl IV. der Kirche geschenkt hatte. Unter den Marienreliquien befanden sich ausserdem Überreste von Mariens "gespünn" sowie "ein stucklein eins portleins", das Maria selber gewirkt habe. Die Passionsszenen auf den Außenseiten der Flügel des großen Marienaltars erscheinen vor blauem Grund. Die sich folgenden Ereignisse um die Gefangennahme Christi sind als gleichzeitig ablaufend auf einen einzigen Augenblick konzentriert: Judaskuß, kurze Gegenwehr des Petrus, Heilung des Ohres des Malchus, Flucht der Jünger und Wegführung des Gefangenen mit einem Strick um den Hals. Die Nachtszene wird wie üblich durch eine brennende Fackel angedeutet. Im Gegensatz zu den eleganten, weichen Figuren der goldgrundigen Innenseite dominieren in den Passionsszenen der Außenseiten gedrungene Gestalten mit schweren, breiten Köpfen.
Beschriftung:
Die Tafeln sind Teile eines monumentalen Flügelaltars. Die Feiertagsseite zeigte Marienszenen. Maria und Elisabeth sitzen bei häuslicher Arbeit. Motivische Anklänge bietet ein Fenster im Ulmer Münster, geschaffen um 1395/1400 von Nürnberger Glasmalern. Einzigartig und rätselhaft ist der Streit von Christus und Johannes um die Breipfanne. Szene und zugehörige Inschrift verweisen wohl auf die Menschwerdung und Taufe Christi. Die Szene schildert Episoden der Gefangennahme. Im Zentrum stehen Judaskuss und Heilung des Malchus. Ihm hatte Petrus das Ohr abgetrennt. Links hinten flieht ein Jünger, von dem die Soldaten nur den Mantel ergreifen. Wie in damaligen Passionsspielen wird die Szene dramatisch inszeniert. Der auf Christus einschlagende Soldat blickt direkt zum Betrachter und bezieht ihn als Zeugen in das Geschehen ein.
Literatur:
Germanisches Nationalmuseum: Denkschriften des Germanischen Nationalmuseums, Bd. 1 u. 2. Leipzig 1856, S. 128 (Gm 113). — Essenwein, August von: Katalog der im germanischen Museum befindlichen Gemälde. Nürnberg 1882, Nr. 83. — Essenwein, August von: Katalog der im germanischen Museum befindlichen Gemälde. Nürnberg 1885, Nr. 83. — Thode, Henry: Die Malerschule von Nürnberg im 14. und 15. Jahrhundert in ihrer Entwicklung bis auf Dürer. Frankfurt a.M. 1891, S. 46. — Essenwein, August von: Katalog der im germanischen Museum befindlichen Gemälde. Nürnberg 1893, Nr. 90. — Gebhardt, Carl: Die Anfänge der Tafelmalerei in Nürnberg (Studien zur deutschen Kunstgeschichte, Bd. 103). Straßburg 1908, S. 16. — Braune, Heinz: Katalog der Gemälde-Sammlung des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg. Nürnberg 1909, Nr. 113. — Abraham 1915 (??), S.9-10. — Collection Goldschmidt-Przibram de Bruxelles. Catalogue des tableaux, sculptures, bronzes. Frederik Muller u. Cie. Amsterdam 1924, Nr. 1. — Zimmermann, E. Heinrich: Die Tafelmalerei. In. Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums. Nürnberg 1930/1931, S. 28--30. — Stange, Alfred: Deutsche Malerei der Gotik. Bd. 2. München/Berlin 1936, S. 170--172. — Lutze, Eberhard/Wiegand, Eberhard: Kataloge des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg: Die Gemälde des 13. bis 16. Jahrhunderts. Text- und Bildband. Leipzig 1936--37, S.117--118, Abb.12--16. — Schmidt 1969, S.317. — Stange, Alfred: Kritisches Verzeichnis der deutschen Tafelbilder vor Dürer. Bd. 3. Hrsg. von Norbert Lieb, bearbeitet von Peter Strieder/Hanna Härtle. München 1978, Nr. 13. — Pickering, F.P.: Zur Ikonographie der Kindheit von Johannes dem Täufer. In: Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums, 1981, S. 21--27. — Schatzkammer der Deutschen. Aus den Sammlungen des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg. Nürnberg 1982, Farbabb. 39 (Gm 1087). — Nürnberg 1300--1550. Kunst der Gotik und Renaissance. The Metropolitan Museum of Art/ Germanisches Nationalmuseum. New York/Nürnberg 1986, Nr.23 mit Farbabb. (Gm 1087. Vorder- und Rückseite). — Pieper, Paul: Anbetung der Heiligen Drei Könige mit dem Hl. Antonius Abbas. In: Pantheon 45, 1987, S. 54--57 (Rekonstruktionsversuch). — Strieder, Peter: Tafelmalerei in Nürnberg 1350--1550. Königstein i.T. 1993, S. 24--26, 169. — Jantzen, Sigrun: Der Marienaltar im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg im Kontext der zeitgenössischen Altaraufbauten (Europäische Hochschulschriften Reihe 28, Kunstgeschichte, Bd. 289). Frankfurt a.M. 1997. — Germanisches Nationalmuseum. Führer durch die Sammlungen. Nürnberg 2001, S. 62. — Urbach, Susanne: "Maria und Elisabeth mit ihren Kindern". Die Nürnberger Tafel: Genre, Erzählung oder Symbol? In: Frank Matthias Kammel/Carola Bettina Gries (Hrsg.): Begegnungen mit Alten Meistern. Altdeutsche Tafelmalerei auf dem Prüfstand (Wissenschaftliche Beibände zum Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums 17). Nürnberg 2000, S. 39--50. — Brinckmann, Bodo/Kemperdick, Stephan: Deutsche Gemälde im Städel 1300--1500. Mainz 2002, S. 55--65. — Hess, Daniel: Marien- und Johanneskopf aus einer Kreuzigungstafel. In: Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums. Nürnberg 2005, S. 189--191. — Mittelalter. Kunst und Kultur von der Spätantike bis zum 15. Jahrhundert (Die Schausammlungen des Germanischen Nationalmuseums, Bd. 2). Nürnberg 2007, S. 343--345, 434, Kat. 459, Abb. 262--263, 312--315, 454. — Weilandt, Gerhard: Das Hochaltarretabel der Nürnberger Frauenkriche. Ein Hauptwerk der Kunst um 1400. Standortstudien V. In: Jiri Fajt/Andrea Langer (Hrsg.): Kunst als Herrschaftsinstrument. Böhmen und das Heilige Römische Reich unter den Luxemburgern im europäischen Kontext. Berlin/München 2009, S. 200--210, 216--218. — Gerhard Weilandt: Das Hochalterretabel der Nürnberger Frauenkriche. Ein Hauptwerk der Kunst um 1400. Standortstudien V. In: Jiří Fajt/Andrea Langer (Hrsg.): Kunst als Herrschaftsinstrument. Böhmen und das Heilige Römische Reich unter den Luxemburgern im europäischen Kontext. München/Berlin 2009, S. 196--220.
 
 
3.3.130726