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Objekt / Inventarnr.: Z1915

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Wandtafel mit Flügeltüren der Nürnberger Brillenmacher

Inventarnummer: Z1915
Datierung: dat. 1656 / 1789
Ort: Nürnberg
Material/Technik: Architektur: Nadelholz, gesägt, gekerbt, gezapft, verleimt, gefasst, genagelt; Türen: Laubholz, gesägt, gezapft, verleimt, gefasst; Eisenteile: geschmiedet, gebohrt
Maße: Hges: 69,1 cm; Bmax geschlossen: 51,4 cm; B geöffnet: 76,2 cm; H Tür: 52,2 cm; B Tür: 18,3 cm, Tiefe: 8,8 cm
Sammlung: Handwerksgeschichte
Kunsthandwerk bis 1800
Beschreibung:
Hochrechteckige Wandtafel mit zwei Flügeltüren zum Aufklappen. An den hohen Rahmenleisten des zentralen Bretts ist mittels einfacher Eisenscharniere auf jeder Seite jeweils eine Flügeltür angebracht. Hinter den Klappflügeln sind auch je ein nach oben und unten in Voluten auslaufender Standflügel angebracht. Sowohl das zentrale Brett als auch die beiden Flügel sind in Rahmenbauweise zusammengesetzt. Die untere Rahmenleiste des zentralen Bretts ist in eine mehrfach profilierte Sockelplatte eingenutet, die obere Rahmenleiste wird von einem mehrfach profilierten Aufsatz begrenzt. Alle Architekturteile schließen rückseitig bündig ab. Der rechte Flügel weist mittig ein Schloss zum verschließen der Tafel auf. Das zentrale Brett weist rückseitig im oberen Drittel ein quer laufendes, angenageltes Blech zur Aufhängung der Tafel auf. Vorderseitig ist die Oberfläche polychrom gefasst, wobei mehrere Überfassungen festzustellen sind. Die Innenseiten der Rahmenleisten weisen einen goldfarbenen Anstrich auf, blau sind der Sockel, die Standflügel, der Aufsatz sowie der Rahmen der Flügelaußenseiten. Die Standflügel, die Scharniere sowie das untere Drittel des Aufsatzes sind mit gleichartiger Blattwerkornamentik dekoriert. Das zentrale Brett zeigt unter dem Schriftzug (Wort für Wort) -Des Löblichen Brüllenmacher Handwercks mit Nahmen wie Folget-, zwei spiegelsymmetrischen, zur Mitte weisenden Greifen die in ihren Pranken eine Hornbrille (die den Meisterstücken der Nürnberger Brillenmacher gleicht) sowie ein Fernrohr halten und der Jahreszahl 1789 auf einem braun-schwarzen Grund eine einfache Tabelle mit jeweils einem Wappen, einem Namen sowie einer Jahreszahl pro Zeile. Zeileninhalt (Zeile für Zeile, von links nach rechts [Wappen, Name, Jahreszahl] und von oben nach unten): 1) Sonne mit Gesicht, -Wolfg: Michael Bayer-, 1762; 2) Gekreuzte Pfeile, -Christian Gulden-, 1765; 3) Linke Hand, -Joh: Albrecht Hartmann-, 1767; 4) Agnus Die, -Joh: Daniel Leycham-, 1770; 5) Hirschkopf, -Joh: Conrad Schmidt-, 1775; 6) Krone, -Joh: Friedr: Schmidt-, 1778; 7) Herz, -Georg Baier-, 1780; 8) Engelskopf, -Joh: Wolfgang Wenig-, 1781; 9) Hahn nach rechts, -Gerorg Paul Heberlein-, 1781; 10) Reichsapfel, -Joh: Jacob Schmidt-, 1784; 11) Herkules, -Joh: Georg Ganger-, 1784; 12) Schreitender Bär, -Joh: Friedr: Gulden-, 1788; 13) Sich aufbäumender Schimmel, -Tobias Brenauer-, 1789; 14) Zwei Putti auf Herz, -Georg Christ: Hartmann-, 1790; 15) Fisch, -Joh: Christoph Wagner-, 1788; 16) Neptun, -Joh: Thomas Günther-, 1791; 17) Kelch [Gral?], -Philipp Friedrich Höger-, 1791; 18) Dreimaster, -Georg Paul Hartmann-, 1791; 19) Engelskopf, -Michael Weinig-, 1798. Die beiden Flügelbretter sind beidseitig gefasst und bemalt. Auf den Außenseiten ist jeweils eine männliche Person dargestellt. Diese steht aufrecht und ist dem Betrachter zugewandt. Sie tragen die gleiche Kleidung (dunkler, knielanger Mantel, flächig mit Pflanzenornamentik verziertes Wams und knielange Pluderhose, weißer Kragen, dunkle Kniestrümpfe und flache Schuhe mit hohem Absatz sowie Schnallen). Beide Darstellungen zeigen den gleichen Mann, allerdings in unterschiedlichem Lebensalter. Links der junge mit gewelltem, halblangem dunklen Haar, rechts der ältere mit gleicher Frisur aber mit weißen Haaren. Der rechte Mann ist darüber hinaus etwas kleiner und fülliger. Beide Personen halten in ihrer rechten Hand ein Einglas mit Stiel. Bei dem jüngeren Mann ruht die Linse in der Faust und der Stiel zeigt nach oben, bei dem älteren Mann ist es genau umgekehrt. Die Darstellung symbolisiert den Charakter der Korporation als generationsübergreifenden sozialen Verbund. Die Innenseiten der Flügel sind mit aufeinanderfolgenden Paarreimen ganzseitig beschriftet. Linker Flügel (Wort für Wort): -Die Statt Phänig hat einen / Außkunft tausend schrit weiten heisst PELUS. Bey Ptolmaiden der Statt / In das Meer er sein abfall hat. Wenn er durch die wellen zu hand / Das Koth auswirfft so gleist der Sand. Weil er gereinigt über das / So sieht er wie ein schön Glas. Alta hat man viel hunderd Jahr / Das Glas gemaht ist gewis und waar. Dahin seindt kommen auf die Zeit / In einem Schiff viel handels Leut. Die haben Salpeter geführt / Da sie auf dem Land Feuer geschürt. Wer mischt sich der land also bald / Mit dem Salpeter solcher gestalt. Das sie kleine Bächlein ergossen / Wie landts glas daher gestoßen. Schreibt PLINIUS. POLIDORUS. VIRGILIUS und IOSEPHUS. Aus solchem glas oben gedacht / Hat PARILIS der Meister gemacht. Gute Brüllen und Perspectiv / Durch sein erfindung und Begriff. Dem menschlichen Leben Zu gut / Welches man täglich erfahren thut. Im Geistlichen Weltlichen Stand / In den Stätten und auf dem Land. Auch Übersee und über Meer / Hat man viel Handwerck Lob Preiß und Ehr-. Rechter Flügel (Wort für Wort): -Wie man schreibt sech Zehnhundt Jahr / Sechs und fünffzig die Jahreszahl war. Haben in den Ehrbarn handwerck / Der Brillenmacher in Nurenberck. Dies drey meister Wohlbedacht / Insonderheit Solches betracht. Christoph Schmidt Andreas Ammon / Der auch eines Meisters Sohn. Meister Balthasar Schmidt erkohrn / Neben der beyden meistern geschworn. Auf zurichten zu dieser zeit / Ein Erbar Handwercksgewohnheit. Sambt einer Laden und Taffel schon / Zu lob dem Handwerck wol gethan. Fried und Einigkeit zu erhalten / Wie fürach will bey Jung und Alten. Daher sie da in dießer Stadt / Von einer edlen Hochweißer Rath. Was sie unterthänig begehrt / Mit einer herberg sind gewehrt. Demnach zu lebe geb Gott ein gnad / Das sich des Zuerfreuen hat. Ein Erbars Handwerck Jeder zeit / Die Nachkömmling in Sonderheit. Dann nichts schöneres ist in der welt / Als wo man sich zusammen Hält. In Fried und Einigkeit durch Gott / Wie dorten Abraham und Loth. Das will Gott Seynen Offenbahr / hie und dort ist gewiß waahr.- Das Mittelbrett weist rückseitig unten links die Beschriftung -Z.77170 St. Nbg.- und unten rechts -77.170 Nürnberg, Bayern, [?] Brillenmacherhandwerk-. Die Durchleuchtung der Malschichten mittels Röntgenstrahlen (aber auch schon im Streiflicht z. T. erkennbar) ergab für das Mittelbrett wohl drei oder vier Varianten der Tabelle mit unterschiedlichen Spaltenhöhen, Namen, Wappen, etc. Unter der aktuell sichtbaren Datierung 1789 war in einer Fassung das Datum 1656 angebracht. Eine weitere Datierung ist zu erkennen aber unleserlich. Die Greifen oberhalb der Tabelle hielten in einer früheren Variante kein Fernrohr sondern eine zweite Brille in Form der Nürnberger Meisterstücke. Die Außenseiten der Flügel scheinen ebenfalls Übermalungen zu zeigen.
Literatur:
Mende, Ursula: Zunftaltertümer der Nürnberger Brillenmacher im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg [Sonderdruck, Bibliothekssignatur: JK NUR 59/10], S. 98-99
 
 
3.3.130726