Ein Gewerbe stellt sich vor
Die Klapptafel gehörte den Nürnberger Fassmachern. Im Streiflicht erkennt man eine untere Malschicht mit der Jahreszahl 1568. Das Objekt wurde über längere Zeit benutzt und mindestens zweimal umgearbeitet. Auf der linken Außenseite der Klapptafel steht eine Inschrift, die sich auf die Abnehmer und den Nutzen von Fässern bezieht. Rechts wird die Handwerksherberge beschrieben: als Anlaufstelle für wandernde Gesellen, als Versammlungsort des Handwerks, sowie als Informationszentrum für Kunden mit Notfällen. Öffnet man die Tafel mit dem eichelWeiterlesen

Ein Gewerbe stellt sich vor
Die Klapptafel gehörte den Nürnberger Fassmachern. Im Streiflicht erkennt man eine untere Malschicht mit der Jahreszahl 1568. Das Objekt wurde über längere Zeit benutzt und mindestens zweimal umgearbeitet. Auf der linken Außenseite der Klapptafel steht eine Inschrift, die sich auf die Abnehmer und den Nutzen von Fässern bezieht. Rechts wird die Handwerksherberge beschrieben: als Anlaufstelle für wandernde Gesellen, als Versammlungsort des Handwerks, sowie als Informationszentrum für Kunden mit Notfällen. Öffnet man die Tafel mit dem eichelförmigen Schiebemechanismus, so sieht man Darstellungen von sechs Altgesellen mit Namen. Die Herren auf den Außenflügeln prosten sich zu, während die Männer auf der Mitteltafel gerade Fassreifen setzen. Zwei Beisitzer werden nur schriftlich erwähnt.

Lehrling, Geselle und Meister
Altgesellen waren die offiziellen Vertreter der Gesellen gegenüber den Meistern. Auffällig ist, dass sich die Außenseite auf das ganze Handwerk bezieht, die Innenseite jedoch ausschließlich den Gesellen gewidmet ist. In Nürnberg gab es zwar keine Zünfte, weil sie nach dem Zunftaufstand von 1348/49 verboten wurden, jedoch gab es zunftähnliche Strukturen. Eine neuzeitliche Zunft hatte drei „Qualifikationsstufen“: Lehrling, Geselle und Meister. Nach etwa drei Jahren Lehrzeit wurde ein Lehrling zum Gesellen. Die Gesellenzeit beinhaltete meist eine ebenfalls etwa dreijährige Wanderschaft, bei der man bei Meistern in fremden Städten arbeitete. Anschließend konnte sich ein Geselle bei einer Zunft seiner Wahl um die Meisterschaft bewerben und eine eigene Werkstatt aufbauen.

Handwerk & Stadt
Die Klapptafel zeigt, dass das Gemeinschaftsgut der Fassmacher kontinuierlich genutzt und immer wieder an neue Umstände angepasst wurde. Der Bezug auf ihre Tradition war für die Gewerke ebenso wichtig wie die Ehrbarkeit ihrer Mitglieder. Die Zünfte waren nicht nur Berufsinnungen und Ausbildungseinrichtungen. Sie waren vielmehr auch ein zentraler Baustein des gesellschaftlichen Gefüges von Städten, die dem einzelnen Handwerker seinen Platz in der Gesellschaft vermittelten.

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Kriegsausbruch
Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs schrieb Ernst Ludwig Kirchner an einen Bekannten: „Das Bild ist 1914 in Berlin entstanden, als Tag und Nacht die schreienden Militärzüge unter meinem Fenster vorbeifuhren“. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges war für Kirchner ein Schock. Er befand sich mit seiner Freundin Erna Schilling auf der Insel Fehmarn und wurde bei der vorzeitigen Rückkehr nach Berlin aufgrund der wachsenden Spionageangst irrtümlich zweimal festgenommen – dies, so kommentierte er später, „gab uns einen Vorgeschmack auf KriegWeiterlesen

Kriegsausbruch
Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs schrieb Ernst Ludwig Kirchner an einen Bekannten: „Das Bild ist 1914 in Berlin entstanden, als Tag und Nacht die schreienden Militärzüge unter meinem Fenster vorbeifuhren“. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges war für Kirchner ein Schock. Er befand sich mit seiner Freundin Erna Schilling auf der Insel Fehmarn und wurde bei der vorzeitigen Rückkehr nach Berlin aufgrund der wachsenden Spionageangst irrtümlich zweimal festgenommen – dies, so kommentierte er später, „gab uns einen Vorgeschmack auf Krieg“. Kirchner hatte panische Angst vor Uniformierten, ging nur nachts aus dem Haus, betäubte sich mit Alkohol.

Der Außenseiter
Die Gestaltung von Kirchners Atelier spiegelt seine Distanz zur wilhelminischen Gesellschaft wieder. Der opulente Morgenmantel und der ornamentale Teppich erinnern noch an bessere Zeiten mit antibürgerlichen Festen. Nun stehen sie im Kontrast zu der düsteren Stimmung des Bildes. Das große Absinthglas erlaubt mehrere Deutungen. Vorrangig zeigt es, dass der Trinker sich betäuben möchte. Das Gefäß könnte aber auch den Kelch Christi symbolisieren. Kurz vor der Kreuzigung bat Christus im Garten Gethsemane seinen Vater darum, er solle „diesen Kelch“ – das Todesopfer – an ihm vorübergehen lassen. Vielleicht steht der Kelch also auch für Kirchners Todesangst, ausgelöst durch den Kriegsausbruch.

Kunst in Krisenzeiten
Trotz aller Sorgen meldete Kirchner sich freiwillig zum Kriegseinsatz. Im Frühjahr 1915 wurde er Rekrut, ertrug den Drill aber nur wenige Monate. Die Nachrichten vom Tod mehrerer Freunde trafen ihn schwer. Der Künstler verfiel in eine tiefe Krise. Seine Alkoholkrankheit erschwerte die Situation zusätzlich, sodass er schließlich nicht an die Front geschickt, sondern in ein Sanatorium verlegt wurde. 1916 schrieb Kirchner: „Schwerer als alles andere lastet der Druck des Krieges und die überhandnehmende Oberflächlichkeit. Ich habe immer den Eindruck eines blutigen Karnevals (...). Trotzdem versuche ich (…) aus dem Verworrenen ein Bild der Zeit zu schaffen, was ja meine Aufgabe ist.“

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Ein Evangelist als Maler
Der heilige Lukas sitzt an einer Staffelei und malt die Maria mit dem Jesuskind auf dem Arm. Sie sitzt an einem Kaminfeuer in einem Nebenraum, dessen Türöffnung die Szene wie ein Bild einrahmt. Die beiden Räume sind so angelegt, dass zwischen Maler und Modell kein Blickkontakt möglich ist. Dies ist als Hinweis zu verstehen, dass Lukas die Gottesmutter nicht leibhaftig vor sich hatte, sondern eine göttliche Erscheinung malte. Die Darstellung folgt damit mittelalterlichen Legenden, denen zufolge der heilige LukasWeiterlesen

Ein Evangelist als Maler
Der heilige Lukas sitzt an einer Staffelei und malt die Maria mit dem Jesuskind auf dem Arm. Sie sitzt an einem Kaminfeuer in einem Nebenraum, dessen Türöffnung die Szene wie ein Bild einrahmt. Die beiden Räume sind so angelegt, dass zwischen Maler und Modell kein Blickkontakt möglich ist. Dies ist als Hinweis zu verstehen, dass Lukas die Gottesmutter nicht leibhaftig vor sich hatte, sondern eine göttliche Erscheinung malte. Die Darstellung folgt damit mittelalterlichen Legenden, denen zufolge der heilige Lukas als Maler einer Reihe wundertätiger Marienbilder galt. So wurde der Evangelist zum Schutzpatron der Künstler. Deren Zünfte, die Lukasgilden, wurden nach ihm benannt.

Spiel mit den Realitätsebenen
Das Tafelgemälde, das Lukas auf seiner Staffelei mit Pinsel, Palette und Malstock vollendet, verweist mit seinem Goldgrund auf traditionelle Typen von Marienbildern. Damit ist auf die Lukasmadonnen angespielt, die man dem Heiligen zuschrieb und die man deshalb für authentische Bildnisse der Gottesmutter hielt. Anders als dieses kleine Bild im Bild folgt die Darstellung der gesamten Szene einer völlig anderen Art der Realitätswiedergabe. Der perspektivische Aufbau der Stuben erzeugt die Illusion von Raumtiefe. Das Fenster hinter Lukas gibt den Blick auf einen städtischen Platz frei. Durch die realitätsnahe Wiedergabe sollte das wundersame Geschehen in die damalige Gegenwart versetzt werden, um es so glaubwürdiger zu machen.

Wandelbares Bildprogramm
Das Bild gehörte zu den 20 Gemälden eines großen Flügelaltars in der Klosterkirche der Augustiner-Eremiten in Nürnberg. Dieser bestand aus einem nicht mehr erhaltenen, etwa 3 m hohen Skulpturenschrein mit zwei beweglichen Flügelpaaren und Standflügeln. Die beweglichen Flügel waren jeweils beidseitig bemalt und konnten gewandelt, d. h. auf- und zugeklappt, werden. So ergaben sich im Verlauf des kirchlichen Festkalenders immer neue Ansichten und Bildprogramme. Die Darstellung des heiligen Lukas als Maler war nur bei geöffneten Flügeln sichtbar. Zusammen mit den Skulpturen im Schrein und anderen Heiligenszenen wurde sie an besonderen Feiertagen gezeigt.
Das 1487 vollendete Augustinerretabel gehörte zu den größten und bedeutendsten Werken der Nürnberger Malerei vor Albrecht Dürer. Großprojekte wie dieses waren nur im Zusammenspiel zahlreicher Mitarbeiter zu bewältigen. Das Retabel entstand in der Werkstatt von Hans Traut, die in der Kunstproduktion der Reichsstadt im späten 15. Jahrhundert markbestimmend war.
 

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Ein familiäres Bildnis?
Selbstbewusst richtet diese Frau ihren Blick nach vorn. Eine Inschrift auf der Rückseite der Gipsbüste verrät, dass sie die Frauenrechtlerin und Sozialistin Clara Zetkin im Jahr 1901 darstellt. Das ebenfalls sichtbare Monogramm „K. K.“ konnte bisher niemandem zugeordnet werden, jedoch dürfte der Porträtkopf im Umkreis des Malers Georg Friedrich Zundel entstanden sein. Zundel war der zweite Ehemann Zetkins. Er war bekannt für idealisierende Bildnisse von Arbeiter*innen. Die unregelmäßige, „impressionistische“ Oberfläche der BWeiterlesen

Ein familiäres Bildnis?
Selbstbewusst richtet diese Frau ihren Blick nach vorn. Eine Inschrift auf der Rückseite der Gipsbüste verrät, dass sie die Frauenrechtlerin und Sozialistin Clara Zetkin im Jahr 1901 darstellt. Das ebenfalls sichtbare Monogramm „K. K.“ konnte bisher niemandem zugeordnet werden, jedoch dürfte der Porträtkopf im Umkreis des Malers Georg Friedrich Zundel entstanden sein. Zundel war der zweite Ehemann Zetkins. Er war bekannt für idealisierende Bildnisse von Arbeiter*innen. Die unregelmäßige, „impressionistische“ Oberfläche der Büste passt zu dem Stil, den Zundel und sein Umkreis pflegten. Um 1900 plante er eine eigene kleine Familiengalerie. Es ist nicht auszuschließen, dass dieser Porträtkopf dazugehörte. Arbeitsspuren, die im Gips stehen gelassen sind, sprechen für eine intime und persönliche Wiedergabe der Dargestellten.

Leben für den Sozialismus
Clara Zetkin war ab 1878 in der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) und ab 1890 in der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) tätig. Gemeinsam mit ihrem Ehemann lebte sie in großbürgerlichen Verhältnissen am Rande Stuttgarts. Im Lauf ihrer politischen Karriere „radikalisierte“ Zetkin sich. Ihr
pazifistisches Engagement galt in den 1910er Jahren als subversiv und leitete ihren Bruch mit der SPD ein. 1918 schloss Zetkin sich der neugegründeten Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) an, für die sie bis zum Ende der Weimarer Republik Mitglied des Reichstags war.

Der Internationale Frauentag
Wenngleich Zetkin sich stark für das Frauenwahlrecht einsetzte, relativierte sie einige feministische Forderungen. Ihrer Ansicht nach werde der Sozialismus eine klassenlose Gesellschaft schaffen, ohne dass Frauenrechte unabhängig davon eingefordert werden müssten. Trotz dieser Ansicht schlug sie 1910 gemeinsam mit Käte Duncker einen Internationalen Frauentag vor, für den der 8. März wenige Jahre später zum festen Datum wurde. Die Nationalsozialisten schafften den Tag umgehend ab. Clara Zetkin ging ins russische Exil, wo sie bald darauf starb. 1977 beschloss die Generalversammlung der Vereinten Nationen, den Internationalen Frauentag erneut am 8. März zu begehen, um das Erbe emanzipatorischer Bewegungen zu würdigen.

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Ein einzigartiger Fund
Auf diesen römischen Paradehelm aus der Zeit zwischen 175 und 250 nach Christi Geburt stieß man 1974 bei einem Wettpflügen in Theilenhofen im Kreis Weißenburg-Gunzenhausen in Mittelfranken. Es war ein einzigartiger Fund: Zuvor kannte man Helme dieser Art nur durch Darstellungen und Fragmente, und nun war erstmals ein vollständig rekonstruierbares Exemplar aufgetaucht. Der Helm wurde auf dem Areal des zum Kastell Iciniacum gehörenden Lagerdorfes gefunden..


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Ein einzigartiger Fund
Auf diesen römischen Paradehelm aus der Zeit zwischen 175 und 250 nach Christi Geburt stieß man 1974 bei einem Wettpflügen in Theilenhofen im Kreis Weißenburg-Gunzenhausen in Mittelfranken. Es war ein einzigartiger Fund: Zuvor kannte man Helme dieser Art nur durch Darstellungen und Fragmente, und nun war erstmals ein vollständig rekonstruierbares Exemplar aufgetaucht. Der Helm wurde auf dem Areal des zum Kastell Iciniacum gehörenden Lagerdorfes gefunden..


Symbole der Macht
Der Helm ist aus mehreren Bronzeblechen zusammengesetzt. In Resten kann man erkennen, dass er ursprünglich völlig verzinnt gewesen war und damit silberhell glänzte. Ein Adler, Symbol des höchsten Gottes Jupiter und der römischen Staatsmacht, bekrönt den Helm. In Scheitelrichtung weist der Helm drei eindrucksvolle Kämme auf. Der mittlere wurde ursprünglich von einem hohen Helmbusch geziert, worauf die Befestigungslöcher an den Enden hinweisen. Zwei Löwen, Symbole für Macht, zieren die äußeren Kämme des Helms. Als Gesichtsschutz dienen bewegliche Wangenklappen. Sie zeigen Flachreliefs von Adlern mit Siegeskränzen im Schnabel. Auf dem Stirnband prangt eine Gravur des Kriegsgottes Mars zwischen zwei Feldzeichen. Links und rechts davon ist jeweils eine Siegesgöttin zu sehen. Das Stirnband wird seitlich von unheilabwehrenden Medusenköpfen abgeschlossen.


Schutz oder Zier?
Derartige Paradehelme wurden nicht im Kampf, sondern bei militärischen Reiterübungen getragen. Innen wurde wohl zusätzlich ein Kopfschutz aus Leder befestigt. Ähnliche, aber nicht ganz so aufwendig gestaltete Helme kennt man etwa von Darstellungen auf dem 312-315 errichteten Triumphbogen des Kaisers Constantin in Rom.

 

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Was ist eine Votivgabe?
Der Begriff Votiv leitet sich vom lateinischen „votum“ ab, was für Gelübde, Versprechen; Wunsch oder Verlangen steht. Votivgaben von Gläubigen finden sich noch heute in Wallfahrtskirchen. In der Geschichte gehen sie auf kultische Opfergaben zurück. Im Mittelalter bezeugen sie den Schutz durch einen Heiligen. Votive wurden aus unterschiedlichen Materialien hergestellt, darunter Ton, Bronze, Eisen oder Holz, vor allem aber Wachs.
Eine VotivgabeWeiterlesen

Was ist eine Votivgabe?
Der Begriff Votiv leitet sich vom lateinischen „votum“ ab, was für Gelübde, Versprechen; Wunsch oder Verlangen steht. Votivgaben von Gläubigen finden sich noch heute in Wallfahrtskirchen. In der Geschichte gehen sie auf kultische Opfergaben zurück. Im Mittelalter bezeugen sie den Schutz durch einen Heiligen. Votive wurden aus unterschiedlichen Materialien hergestellt, darunter Ton, Bronze, Eisen oder Holz, vor allem aber Wachs.
Eine Votivgabe oder -tafel ist der materialisierte Ausdruck eines intimen Aktes zwischen einem Gläubigen und dem von ihm an Wallfahrtsorten angerufenen Gnadenbild. Letzteres steht entweder stellvertretend für Jesus Christus, Maria als Universalpatronin oder andere Heilige, die meist bei speziellen Anliegen um Hilfe oder zum Dank für die Errettung aus einer Notlage angerufen wurden. Votivgaben veranschaulichen oft das geheilte Leiden entweder in symbolischer Form oder als Abbild des erkrankten Organs oder Körperteils der Votanten.

Brüste als Votiv?
Brustvotive wurden unter anderem der hl. Agatha als Dank für die Heilung dargebracht, vor allem für zwei Krankheiten: Brustkrebs oder Brustentzündungen. Letztere traten bis weit ins 19. Jahrhundert hinein häufig bei Wöchnerinnen auf. Die Bitte nach ausreichendem Milchfluss, also nach Muttermilch, war in den meisten Bevölkerungsschichten existentiell für das Überleben der Säuglinge, denn industriell gefertigte Babynahrung gab es noch nicht.

Wieso aus Silber?
Seit dem Barockzeitalter schätzte das Bürgertum Silber als Material für Votivgaben. Mit der Epoche der Aufklärung gewann Silber zunehmend an Bedeutung, weil damals die naiv gemalten Votivtafeln in die Kritik gerieten und echte, edle Materialien bevorzugt wurden. Im Fall dieses Brustvotivs wurden verschiedene Einzelelemente des wertigen Materials zu einer Tafel zusammengefügt. Die beiden kreisrunden Brüste stellen jedoch kein reales Abbild weiblicher Brüste dar.
 

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Ein schlichtes Kleid?
Fast ohne Zier kommt dieses lachsfarbene Kleid aus hochwertigem Seidentaft aus. Durch die Reduktion der Ornamente wird das Wesentliche zur Schau gestellt. Es war passgenau für seine Trägerin geschneidert und umspielte schmeichelnd ihre Körperform. Nur die Brustpartie und die Ärmel liegen eng an, während der restliche Stoff frei fallen kann. Die Schleppe des Kleids macht deutlich, dass es sich um ein Festgewand handelt. Schließlich findet man am Rücken doch noch ein Zierelement: Die Reihe von seidenbezogenen Holzknöpfen hat keinWeiterlesen

Ein schlichtes Kleid?
Fast ohne Zier kommt dieses lachsfarbene Kleid aus hochwertigem Seidentaft aus. Durch die Reduktion der Ornamente wird das Wesentliche zur Schau gestellt. Es war passgenau für seine Trägerin geschneidert und umspielte schmeichelnd ihre Körperform. Nur die Brustpartie und die Ärmel liegen eng an, während der restliche Stoff frei fallen kann. Die Schleppe des Kleids macht deutlich, dass es sich um ein Festgewand handelt. Schließlich findet man am Rücken doch noch ein Zierelement: Die Reihe von seidenbezogenen Holzknöpfen hat keine Funktion und betont lediglich die lange Rückenpartie des Kleides.


„Die neue Griechin“
Im 18. Jahrhundert, dem sogenannten Spätbarock oder Rokoko, war die höfische Frauenmode extrem einengend gewesen. Der Oberkörper wurde von einem Korsett eingeschnürt und unter der Taille begann ein riesiger Reifrock, der selbst alltägliche Bewegungen zu einer Herausforderung machte. Doch mit der Aufklärung begann das Bürgertum die „unnatürlichen“ Ideale des höfischen Zeremoniells abzulehnen. Stattdessen orientierten es sich an der „natürlichen“ Kleidung der antiken Griechen, die vor allem in Skulpturen überliefert war. Man nennt diese Epoche auch Klassizismus. Texte aus dieser Zeit beschreiben, dass die Bewegungen der Frauen, die als „neue Griechinnen“ gekleidet waren, viel natürlicher seien und ihr Wesen besser zur Geltung komme.

Frankreich und die Welt
Im 19. Jahrhundert war die hohe Taille der Damenkleider eine Konstante, die man bis heute in der Mode wiederfindet. Sie wird meist als Empire-Taille bezeichnet. Der Begriff kommt aus Frankreich, wo die griechische Mode im ersten Kaiserreich, dem sogenannten Empire, besonders beliebt war. Die Französinnen der Oberschicht kleideten sich gerne in der „mode à la grecque“. Denn nach der Französischen Revolution waren die Ideale der antiken griechischen Republiken populär. Der modische Pomp der Feudalgesellschaft wurde vorübergehend durch schlichte Bescheidenheit ersetzt. Doch konnte eine wohlhabende Frau hochwertigere Stoffe und bessere Verarbeitung wählen, womit sie sich subtil von der Mehrheit abhob.
 

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Spitzweg: der Scheinheilige
Ein Mönch vor einer Kirche betet neben einer Mutter mit ihrem Kind – so der Anschein. Der zweite Blick offenbart die entblößte Schulter der Frau. Das weiße Hemd und das Licht betonen ihre nackte Haut. Carl Spitzweg war ein Meister der Anspielung und Doppeldeutigkeit. Verbirgt sich hinter der scheinbar idyllischen und harmonischen Szene also eine Kritik an der Doppelmoral der Kirche und ihrer Vertreter? Das gotische Gotteshaus ist nur mehr eine schöne und schmückende Ruine in einer romantisch verwilderten Landschaft. Der MWeiterlesen

Spitzweg: der Scheinheilige
Ein Mönch vor einer Kirche betet neben einer Mutter mit ihrem Kind – so der Anschein. Der zweite Blick offenbart die entblößte Schulter der Frau. Das weiße Hemd und das Licht betonen ihre nackte Haut. Carl Spitzweg war ein Meister der Anspielung und Doppeldeutigkeit. Verbirgt sich hinter der scheinbar idyllischen und harmonischen Szene also eine Kritik an der Doppelmoral der Kirche und ihrer Vertreter? Das gotische Gotteshaus ist nur mehr eine schöne und schmückende Ruine in einer romantisch verwilderten Landschaft. Der Mönch wird mit Wanderstock und Sack als umherziehender Wandermönch dargestellt. Wandermönche waren durch die Kirche längst verboten und galten in der Gesellschaft als Landstreicher und Schmarotzer. Mutter und Kind gleichen in Farbe der Kleidung und Haltung Darstellungen von Maria mit dem Jesuskind. Der abschweifende Blick des betenden Mönchs lässt all das zu einer theatralen Szene werden.


Kritik und Gesellschaft
Die Gesellschaft im Deutschland Mitte des 19. Jahrhunderts war von Unterdrückung und vom Rückzug aus der Öffentlichkeit geprägt. Ironie und Doppeldeutigkeit waren ein beliebtes Mittel, um die eigentliche Meinungsäußerung zu tarnen und der Zensur zu entgehen. Der in München lebende Spitzweg lieferte u.a. Zeichnungen für die humoristische Wochenschrift „Fliegende Blätter“. In Karikaturen, Gedichten und Erzählungen nahm er vor allem das deutsche (Klein-)Bürgertum aufs Korn. Eine immer wiederkehrende fiktive Figur war der Schulmeister Gottlieb Biedermaier. Von ihm leitet sich der spätere kulturgeschichtliche Begriff Biedermeier ab. Zu dieser geistigen Strömung wird heute auch die Malerei Spitzwegs gezählt.

Das kleine Format
Die Bildwelten Spitzwegs sind wie ein ironischer Kommentar zu der im 19. Jahrhundert beliebten Historienmalerei. Während in dieser Ereignisse aus Religion und Geschichte übernatürlich groß und verherrlichend dargestellt wurden, bot Spitzweg in seinen kleinformatigen Werken Einblicke in die Mitte der Gesellschaft. Wie in seinen zahlreichen Landschaftsbildern ist der Mensch bei ihm häufig verhältnismäßig klein dargestellt und wirkt wie Beiwerk, was seine Bedeutung in der Welt in Frage stellt. Als Spitzwegs Bilder entstanden, war die Industrialisierung bereits in vollem Gange und Fabriken mit qualmenden Schornsteinen wuchsen wie Pilze aus der Landschaft. Spitzwegs Darstellungen von idyllischer Natur und heiler Welt boten somit auch einen Rückzug aus der Realität. Sein scharfer und kritischer Blick auf Mensch und Gesellschaft verleiht den kleinformatigen Ölgemälden somit eine innere Größe. In Spitzwegs Kunst spiegelt sich eine vom Fortschritt mitgerissene und teils erschütterte Gesellschaft, indem Sehnsüchte und Enttäuschung in idyllischer Eintracht ineinander übergehen.

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Ein vollständiges Set
Die beiden Jakobsmuscheln verraten, wofür dieser Reitermantel benutzt wurde: Es handelt sich um den wasserabweisenden Überwurf eines Pilgers. Er bildet ein Set zusammen mit einem Wollfilzmantel (T550), einem Hut (T552), einem Pilgerstab (T554) und einem Rosenkranz (KG303). All diese Gegenstände gehörten Stephan IIWeiterlesen

Ein vollständiges Set
Die beiden Jakobsmuscheln verraten, wofür dieser Reitermantel benutzt wurde: Es handelt sich um den wasserabweisenden Überwurf eines Pilgers. Er bildet ein Set zusammen mit einem Wollfilzmantel (T550), einem Hut (T552), einem Pilgerstab (T554) und einem Rosenkranz (KG303). All diese Gegenstände gehörten Stephan III. Praun aus Nürnberg. Auf einem Bild, welches wohl erst nach seinem Tod entstand, sieht man ihn – mit leichten Abweichungen – in der ganzen Garnitur (Gm655). Der schwarze Ledermantel ist kreisrund geschnitten, hat einen Stehkragen und hinten einen „Reiterschlitz“, der die Bewegungsfreiheit des Trägers erhöhte. Er ist vergleichbar mit spanischen Reitermänteln dieser Zeit, wenn auch nicht sicher belegt ist, dass alle Teile der Garnitur in Spanien hergestellt wurden.

Gründe für die Pilgerreise
Der 26-jährige Protestant Stephan III. Praun hielt sich 1570 am spanischen Königshof in Madrid auf und begann von dort aus per Pferd seine Pilgerreise nach Santiago de Compostela. An diesem wichtigsten Pilgerort (West-) Europas befindet sich die Grabstätte des Apostels Jakobus des Älteren. Der lange, beschwerliche Weg war für die Gläubigen gleichermaßen eine Prüfung wie auch eine Chance, für ihr Seelenheil vorzusorgen. Eigentlich hatte Luther das Wallfahrtswesen kritisiert. Dennoch nahmen auch viele Angehörige des protestantischen Glaubens den Weg auf sich. Vermutlich spielte gesellschaftlicher Statuszuwachs bei dieser Entscheidung eine Rolle.

Die Jakobsmuschel
Pilgernde schmückten sich nach ihrer Rückkehr gerne mit den Abzeichen ihrer Reise. Das wichtigste Symbol ist bis heute die Jakobsmuschel. Ihre fächerförmigen Rippen wurden immer wieder verglichen mit einer vereinfachten Darstellung der Pilgerwege, die in Santiago de Compostela münden. Noch bis heute werden die Jakobswege mit einem gelben Strahlenkranz ausgeschildert, der an die Rippen auf der Jakobsmuschel erinnert. Außerdem sollen Pilgerreisende die Muscheln als Trinkschalen verwendet haben.

Seltene Relikte
Kleidung aus der Zeit vor dem 18. Jahrhundert hat sich selten erhalten. Oft wurde sie bis aufgetragen oder aber umgearbeitet. UV-Strahlung, Feuchtigkeit und Schädlingsbefall verursachen Schäden an Textilien. Umso erstaunlicher ist es, dass diese Garnitur komplett erhalten blieb, und sogar die Biografie ihres Besitzers bekannt ist.
 

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