Die Zeit in der Tasche
Dosenuhren wie diese machten im Mittelalter zum ersten Mal die Uhrzeit immer und überall verfügbar. Zuvor bestimmten große Turmuhren an Kirchen und Rathäusern den Takt des öffentlichen Lebens. Grundlage dafür war eine Mehr

Die Zeit in der Tasche
Dosenuhren wie diese machten im Mittelalter zum ersten Mal die Uhrzeit immer und überall verfügbar. Zuvor bestimmten große Turmuhren an Kirchen und Rathäusern den Takt des öffentlichen Lebens. Grundlage dafür war eine der bahnbrechendsten Innovationen des Mittelalters, die Erfindung der mechanischen Räderuhr. Welche Auswirkungen diese Erfindung auf alle Bereiche des Lebens hatte und wie sie unser Zeitverständnis bis heute prägt, verrät die DigitalStory „Alltag im Mittelalter“.
Kleinere gewichtsgetriebene Räderuhren hielten nur langsam Einzug in bürgerliche Haushalte. Sie waren anfangs noch sehr schwer und aufgrund der Störanfälligkeit ihres Gewichtsantriebs nicht transportabel. Erst die Entwicklung eines anderen Antriebs machte es möglich, mechanische Uhren noch weiter zu verkleinern, so dass sie in eine Tasche passten.

Das Geheimnis der Schnecke
Der Nürnberger Schlosser Peter Henlein war einer der ersten, der vor 500 Jahren solche tragbaren Uhren für den privaten Gebrauch herstellte. Ihr Uhrwerk funktionierte weitgehend wie das der Räderuhr. Aber anstelle von Gewichten wurden diese kompakten Uhren durch die Zugkraft einer schneckenförmigen Metallfeder angetrieben. Dadurch liefen sie unabhängig von ihrer Lagerung recht ganggenau. Die Herstellung solcher Uhren war technisch aufwendig und teuer, nur reiche Bürger konnten sie sich leisten.

Perfekte Fälschung
Peter Henlein war bereits unter Zeitgenossen für seine Uhren berühmt. Die Dosenuhr in der Sammlung des GNM galt lange als die älteste erhaltene Taschenuhr der Welt. Untersuchungen der Jahre 2013/14 ergaben jedoch, dass ihr Uhrwerk zwar dem Typ nach aus dem frühen 16. Jahrhundert stammt; die Uhr selbst wurde aber erst im 19. Jahrhundert zusammengefügt. Vermutlich griff man dabei auf einige ältere Bauteile zurück. Im Deckel findet sich die gefälschte Signatur des berühmten Nürnberger Uhrmachers samt der Jahresangabe 1510: „Petrus Hele me f.[ecit] Norimb[erga] 1510“. Ob Original oder Nachbau – die Erfindung der Dosenuhr markiert im wahrsten Sinne den Beginn einer neuen Zeit.
 

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Nachziehen und Reiten
Das ungefähr 300 Jahre alte Räderpferd ist 76cm hoch und damit groß genug, dass ein Kind darauf platznehmen konnte. Die Bodenplatte hat mehrere Löcher, von denen das vorderste zum Festbinden einer Schnur diente. Das PferMehr

Nachziehen und Reiten
Das ungefähr 300 Jahre alte Räderpferd ist 76cm hoch und damit groß genug, dass ein Kind darauf platznehmen konnte. Die Bodenplatte hat mehrere Löcher, von denen das vorderste zum Festbinden einer Schnur diente. Das Pferd ist damit gleichzeitig ein Reit- und ein Nachziehspielzeug. Seine Proportionen unterscheiden sich stark von der Natur – die stämmigen Beine stehen in Kontrast zum zierlichen Kopf. Das Zaumzeug und die Mähne sind mit eingeritztem Dekor verziert: Neben Zacken und Fischgräten findet man links und rechts auch je eine Wirbelrosette.


Identität trifft Ideologie
Das GNM kaufte das Pferd 1903 von einem Antiquitätenhändler in Davos (Schweiz). Seinen ersten Standort im Museum hatte es in der „Klettgauer Bauernstube“, die die Kultur der deutsch-schweizerischen Grenzlandschaft wiedergeben sollte. Doch später wurde das Spielzeug aus diesem Kontext entfernt und als niederdeutsch bezeichnet. Es war eine willkommene Projektionsfläche für Deutschnationalisten, die darin ein Stück „ihrer“ Geschichte und Identität sahen. Die Verzierungen auf der Mähne bezeichneten sie ab den 1920er Jahren als Lebensrute und Sonnenwirbel, zwei Symbole, die auf germanischen Runen basieren sollen. Dieser Deutung folgte auch die Volkskunde in Zeiten des Nationalsozialismus.

Naturwissenschaftlich betrachtet
Erst das zufällige Entdecken eines ähnlichen Räderpferds aus dem Engadiner Museum in St. Moritz führte die Forschung auf eine entscheidende Spur. Das dortige Exemplar stammt, ebenso wie ein weiteres in Privatbesitz, aus dem Kanton Graubünden. 2014/15 führte das GNM eine dendrochronologische Untersuchung an seinem Pferd durch. Die Datierung der Holzprobe ergab, dass der jüngste Jahrring von 1696 stammt. Das Fichtenholz wuchs höchstwahrscheinlich in den Nordalpen (Schweiz). Die Zuschreibung als Graubündener Spielzeug aus der Zeit um 1700 war damit erstmalig gesichert. So konnte eine naturwissenschaftliche Methode dabei helfen, ideologisch geleitete Falschannahmen der Vergangenheit auszuräumen.

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Versteckte Funktion
Der Tafelaufsatz aus vergoldetem Silber entstand 1503 oder kurz vorher. Er ist eines der größten und frühesten erhaltenen Tafelschiffe. Nimmt man das Deck ab, so offenbart sich der leere Schiffsbauch. Darin haben zwei Liter Getränk Platz. DaMehr

Versteckte Funktion
Der Tafelaufsatz aus vergoldetem Silber entstand 1503 oder kurz vorher. Er ist eines der größten und frühesten erhaltenen Tafelschiffe. Nimmt man das Deck ab, so offenbart sich der leere Schiffsbauch. Darin haben zwei Liter Getränk Platz. Das Prunkstück ist extrem detailreich, verdeutlicht symbolisch den gesellschaftlichen Status seines Besitzers und erfüllt außerdem praktische Zwecke. Der Versuch, all diesen Ansprüchen gleichzeitig zu genügen, ist typisch für Meisterwerke der Goldschmiedekunst um 1500.


Ein Hochseeschiff fernab vom Meer
Das Schiff lässt sich als Karacke identifizieren. Die charakteristischen Bestandteile einer Karacke sind drei Masten, ein bauchiger Rumpf, ein hoher Aufbau am Bug sowie ein hoher Aufbau am Heck, der bereits am Großmast beginnt. Diese Schiffsform war seit dem 14. Jahrhundert unersetzlich für den europäischen Handel und später auch für die koloniale Eroberung. Da Nürnberg zwar eine reiche Handelsstadt war, jedoch weit vom Meer entfernt lag, ist die extrem genaue Wiedergabe des Schiffs durch einen unbekannten Nürnberger Goldschmied besonders bemerkenswert.

Viel zu entdecken
Die zahlreichen Details machen den Tafelaufsatz zu einem unterhaltsamen Blickfang für die Festgäste. 74 Figuren bilden eine erstaunliche Bandbreite an Aktivitäten ab. Viele davon sind typisch für die Seefahrt, wie zum Beispiel das Beladen, die Arbeit an den Segeln oder die Feindesabwehr. Man findet jedoch auch unerwartete Figuren, wie eine Wäsche waschende Frau, einen Mönch mit Kutte, und einen Matrosen, der am Bordrand sein Hinterteil entblößt. Auf dem geblähten Segel – am vorderen, sogenannten Fockmast – findet sich das „N“ als Zeichen der Nürnberger Silberbeschau, das Qualitätssiegel der Nürnberger Silberproduktion. Der Drache am Bug des Schiffs sowie die Meerfrau im Sockel verleihen dem Tafelaufsatz eine fantastische Note.

Die Besitzer und Namensgeber
Das Schiff bezieht seinen Namen von der Nürnberger Familie Schlüsselfelder. Ihr Wappen mit drei Schlüsseln ist auf der Fahne am Fockmast, über dem geblähten Segel, zu sehen. Der Auftraggeber war wohl Wilhelm Schlüsselfelder der Ältere, der sein Vermögen im Silberbergbau und -handel verdient hatte, aber noch kein Angehöriger des Patriziats war. Silberne Schiffe auf einer Festtafel waren im Mittelalter ein Privileg des höchsten Adels. Dass ein Kaufmann ein solches Werk in Auftrag gab, zeigt das Selbstbewusstsein des städtischen Bürgertums am Anfang der Neuzeit. Auch das passgenaue Futteral (HG2148) ist erhalten.

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Praktisch und komfortabel
Der zweiteilige Frauenturnanzug ist ein frühes Beispiel von Kleidung, die speziell für den Sport entworfen wurde. Dabei standen funktionale Gesichtspunkte im Vordergrund. Der Anzug sollte der Trägerin Bewegungsfreiheit bieten unMehr

Praktisch und komfortabel
Der zweiteilige Frauenturnanzug ist ein frühes Beispiel von Kleidung, die speziell für den Sport entworfen wurde. Dabei standen funktionale Gesichtspunkte im Vordergrund. Der Anzug sollte der Trägerin Bewegungsfreiheit bieten und sie dennoch angemessen kleiden, Luft zur Kühlung durchlassen und waschbar sein. Die beiden letzten Ziele erreichte man, indem man Baumwollstoff verwendete. Jedoch ist der Anzug keineswegs ohne Zier: Die weißen Linien, Paspelierung genannt, waren bereits aus der Bademode vertraut. Unter dem Kragen ist eine Raute mit vier gegenständigen „F“ eingestickt. Sie ist das Emblem der Deutschen Turnerschaft und bildet sich aus dem Kürzel des Mottos „Frisch, Fromm, Fröhlich, Frei“.

Turnende Frauen
Die Trägerin des Anzugs war Hedwig Sandhagen aus der Hansestadt Uelzen. Sie war ungefähr 17 Jahre alt, als der Anzug entstand. Sie gehörte einer Generation an, für die das Turnen fast selbstverständlich war. Schon in den 1860er Jahren hatte es sich im Schulsport durchgesetzt. Jedoch war es noch bis in die 1920er Jahre verpönt, wenn erwachsene Frauen ernsthaft Sport betrieben und an Wettbewerben teilnahmen. Besonders ihre Kleidung erregte oft Anstoß. Frauen in Hosen wurden als Mannweiber bezeichnet, oder man warf ihnen Ehrlosigkeit vor, weil sie ihre Beine nicht unter einem bodenlangen Rock versteckten. Die Turnerinnen des späten 19. Jahrhunderts trugen meist noch einen zumindest knielangen Rock über ihren Hosen. Später ließ man den Rock weg und ersetzte ihn durch einen halblangen Kittel, so wie bei dem vorliegenden Anzug.

Die Abschaffung des Korsetts
Man kann also sagen, dass die Sportkleidung wichtige Impulse für die Erneuerung der Frauenkleidung gab. Gleiches gilt für die Lebensreform-Bewegung. Sie hatte zum Ziel, das menschliche Leben wieder näher an seinen Naturzustand zurück zu führen. Während die Kleidungsreform sich zunächst auf die Männer konzentrierte, gründeten Frauen in den Jahren 1896 und 1903 Vereine zur Verbesserung der Frauenkleidung. Ihr vorrangigstes Ziel, die Abschaffung des gesundheitsschädlichen Korsetts, konnten die Frauen an vielen Orten umsetzen. Zum Beispiel wurde 1907 in Preußen das Korsett im Schulsport verboten.
 

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Ein familiäres Bildnis?
Selbstbewusst richtet diese Frau ihren Blick nach vorn. Eine Inschrift auf der Rückseite der Gipsbüste verrät, dass sie die Frauenrechtlerin und Sozialistin Clara Zetkin im Jahr 1901 darstellt. Das ebenfalls sichtbare Monogramm „KMehr

Ein familiäres Bildnis?
Selbstbewusst richtet diese Frau ihren Blick nach vorn. Eine Inschrift auf der Rückseite der Gipsbüste verrät, dass sie die Frauenrechtlerin und Sozialistin Clara Zetkin im Jahr 1901 darstellt. Das ebenfalls sichtbare Monogramm „K. K.“ konnte bisher niemandem zugeordnet werden, jedoch dürfte der Porträtkopf im Umkreis des Malers Georg Friedrich Zundel entstanden sein. Zundel war der zweite Ehemann Zetkins. Er war bekannt für idealisierende Bildnisse von Arbeiter*innen. Die unregelmäßige, „impressionistische“ Oberfläche der Büste passt zu dem Stil, den Zundel und sein Umkreis pflegten. Um 1900 plante er eine eigene kleine Familiengalerie. Es ist nicht auszuschließen, dass dieser Porträtkopf dazugehörte. Arbeitsspuren, die im Gips stehen gelassen sind, sprechen für eine intime und persönliche Wiedergabe der Dargestellten.

Leben für den Sozialismus
Clara Zetkin war ab 1878 in der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) und ab 1890 in der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) tätig. Gemeinsam mit ihrem Ehemann lebte sie in großbürgerlichen Verhältnissen am Rande Stuttgarts. Im Lauf ihrer politischen Karriere „radikalisierte“ Zetkin sich. Ihr
pazifistisches Engagement galt in den 1910er Jahren als subversiv und leitete ihren Bruch mit der SPD ein. 1918 schloss Zetkin sich der neugegründeten Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) an, für die sie bis zum Ende der Weimarer Republik Mitglied des Reichstags war.

Der Internationale Frauentag
Wenngleich Zetkin sich stark für das Frauenwahlrecht einsetzte, relativierte sie einige feministische Forderungen. Ihrer Ansicht nach werde der Sozialismus eine klassenlose Gesellschaft schaffen, ohne dass Frauenrechte unabhängig davon eingefordert werden müssten. Trotz dieser Ansicht schlug sie 1910 gemeinsam mit Käte Duncker einen Internationalen Frauentag vor, für den der 8. März wenige Jahre später zum festen Datum wurde. Die Nationalsozialisten schafften den Tag umgehend ab. Clara Zetkin ging ins russische Exil, wo sie bald darauf starb. 1977 beschloss die Generalversammlung der Vereinten Nationen, den Internationalen Frauentag erneut am 8. März zu begehen, um das Erbe emanzipatorischer Bewegungen zu würdigen.

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Vermessung der Welt
Astrolabien sind komplexe Zeit- und Raummessinstrumente in handlichem Format. Sie dienten zur genauen Messung von Winkeln, um damit Höhen und Entfernungen genau zu bestimmen. Mit ihrer Hilfe konntMehr

Vermessung der Welt
Astrolabien sind komplexe Zeit- und Raummessinstrumente in handlichem Format. Sie dienten zur genauen Messung von Winkeln, um damit Höhen und Entfernungen genau zu bestimmen. Mit ihrer Hilfe konnte man ohne das von Sonnenuhren benötigte Tageslicht auch nachts die genaue Zeit ablesen. Auf ihrer zweidimensionalen Scheibe bilden sie das Himmelsgewölbe über einem bestimmten Standpunkt auf der Erde ab. Mit verschiedenen gravierten Einlegescheiben kann man das Gerät auf den jeweiligen Breitengrad einstellen.
Die vielfachen Mess- und Orientierungsfunktionen machten Astrolabien zu einem wichtigen Instrument der Seefahrt. Zusammen mit gedruckten Tabellen erleichterten sie die Navigationsmöglichkeiten von Hochseeseglern.

Antikes Erbe – arabische Herkunft
Entwickelt wurden Astrolabien von griechischen Wissenschaftlern in der Antike. Sie wurden im islamisch-arabischen Kulturraum intensiv genutzt und gelangten im Mittelalter zurück nach Europa. Auch dieses Astrolabium stammt aus dem Nahen Osten. Die eingravierten Namen in arabischer Schrift bezeugen, dass es im 12. oder 13. Jahrhundert vom arabischen Meister Al-Sahl al-Nisaburi für den Herrscher der syrischen Stadt Hama hergestellt wurde. Die Datierung schwankt um hundert Jahre, da es in Hama drei Fürsten gleichen Namens gab. Eine Besonderheit dieses Astrolabiums sind die zwölf arabisch beschrifteten Tänzer und Fabelwesen, die auf der Rückseite als „Sternenzeiger“ dienen. Als Weltmodelle waren so aufwendig gestaltete Astrolabien beliebte Statussymbole von Herrschern.

Ein reines Schaustück?
Auf welchen Wegen dieses Astrolabium nach Nürnberg kam, ist nicht bekannt. Es soll sich im Spätmittelalter im Besitz des Johannes Regiomontanus befunden haben. Der Mathematiker und Astronom war 1471 nach Nürnberg gezogen, wo er systematische Beobachtungen des Himmels mit selbst konstruierten Geräten betrieb. Die Reichsstadt war für ihre Metallhandwerke berühmt und im 15./16. Jahrhundert eines der wichtigsten Zentren für den Bau wissenschaftlicher Instrumente.
Ob das Astrolabium des al-Sahl al-Nisaburi jemals praktisch zum Einsatz kam, ist höchst zweifelhaft. Denn die zugrunde liegenden Fixsternpositionen waren zu seinem Entstehungszeitpunkt bereits veraltet. Möglicherweise handelt es sich um ein reines Schaustück. In Nürnberg gelangte es in die Sammlung der Stadtbibliothek. 1877 kam es als Dauerleihgabe an das GNM, das mit 14 Astrolabien eine der bedeutendsten Sammlung dieser Instrumente weltweit beherbergt.
 

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(Über-)natürliche Schönheit
Das Stängelglas von 1896 erscheint so fragil und einzigartig wie eine echte Blüte. Es wurde in der Manufaktur der Tiffany Glass and Decorating Company in New York City produziert. Auf einer gewölbten Fußplatte steMehr

(Über-)natürliche Schönheit
Das Stängelglas von 1896 erscheint so fragil und einzigartig wie eine echte Blüte. Es wurde in der Manufaktur der Tiffany Glass and Decorating Company in New York City produziert. Auf einer gewölbten Fußplatte steht ein dünner Stängel, der sich nach oben erweitert und in einen Blütenkelch übergeht. In den Bauch des Glases ist ein pfauenfederförmiger Farbverlauf eingearbeitet. Der geschwungene Blütenrand hat fünf Auswölbungen und ist mit oberflächlichen Rissen, sogenannten Craquelés, verziert. Das mundgeblasene Glas besticht durch seine komplexe Farbgebung und seine verspielte Form. Von antiken römischen Gläsern bezog der Firmengründer Louis Comfort Tiffany die Idee für die irisierende Oberflächenbehandlung. Den perlmuttartigen Glanz erzielte er durch Beimischung von Metallsalzen in die Glasschmelze.

Handwerk und Einzelstück
Auch wenn sein Unternehmen später noch weitere Luxusgüter produzierte, wurde Tiffany zunächst für seine Glasarbeiten weltberühmt. Dazu zählte nicht nur Trinkgeschirr, sondern vor allem Bleiglasfenster und -lampenschirme. Tiffanys Firma expandierte zwar rasant, jedoch war es ihm wichtig, dass seine Glaserzeugnisse handgemacht waren und auch so aussahen. Im Zeitalter der fortschreitenden Massenproduktion hatte die manuelle Fertigung einen luxuriösen und nostalgischen Touch. Tiffany prägte daher den Begriff „Favrile-Glas“ als Kennzeichen seiner Marke. Das Wort stammt von lateinisch „fabrilis“ ab und bedeutet handgemacht.

Vom Malereistudenten zum Geschäftsmann
Da Tiffany in eine reiche Familie geboren wurde, konnte er sich eine lange und intensive künstlerische Ausbildung leisten. Er unternahm ausgedehnte Reisen nach Europa und Nordafrika und studierte bei mehreren profilierten Landschaftsmalern. Erst nachdem er sein Glasunternehmen schon aufgebaut hatte, übernahm Tiffany auch noch den Juwelierbetrieb seines Vaters. Dadurch entstand ein Imperium, welches bis heute den Luxusgütermarkt prägt.

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Nur scheinbar alltäglich
Eine solche Darstellung von Maria und Elisabeth mit ihren Kindern bei der häuslichen Arbeit ist ein sehr ungewöhnliches Thema in der Kunst. Die Gottesmutter mit dem aufgeklappten Buch auf dem Schoß hält eine Spindel Mehr

Nur scheinbar alltäglich
Eine solche Darstellung von Maria und Elisabeth mit ihren Kindern bei der häuslichen Arbeit ist ein sehr ungewöhnliches Thema in der Kunst. Die Gottesmutter mit dem aufgeklappten Buch auf dem Schoß hält eine Spindel in der Hand. Elisabeth wickelt das goldene Garn auf eine Haspel. Zu ihren Füßen sitzen ihre Kinder. Jesus hält in der ausgestreckten Hand einen Löffel mit Brei. Beide umfassen den Stiel einer Pfanne, Johannes der Täufer wendet sich mit einem Schriftband an seine Mutter Elisabeth: „Sichin mu(o)ter ihesus tu(o)t mir“ (Sieh hin, Mutter, was Jesus mir tut). Hinter dieser Szene versteckt sich eine theologische Aussage: So, wie Jesus Johannes von dem Brei gibt, versorgt er auch die Menschheit mit Seelennahrung. Das vordergründig alltägliche Geschehen hat also eine tiefere religiöse Bedeutung und betont zugleich die menschliche Natur des Gottessohnes.

Ein Altar zu Ehren der Jungfrau
Die Tafel gehörte zu einem Flügel des monumentalen Marienretabels vom Hochaltar der Nürnberger Frauenkirche. In geöffnetem Zustand waren neben der Darstellung von Maria und Elisabeth drei weitere Szenen aus dem Marienleben vor feierlichem Goldgrund zu sehen. Die Rückseite der Tafel, die die Gefangennahme Christi zeigt, war zusammen mit anderen Darstellungen des Leidenswegs Christi bei geschlossenen Altarflügeln sichtbar.

Anspielungen auf den Reliquienschatz
Die Marienszenen stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Reliquienschatz der Frauenkirche. Zu ihm gehörten hochkarätige Marienreliquien, wie der goldene Gürtel der Jungfrau, den Kaiser Karl IV. der Kirche geschenkt hatte. Unter den Reliquien befanden sich auch Überreste des Garns, das Maria der Legende nach für den Vorhang des Tempels in Jerusalem gesponnen haben soll. Im Bild ist beides im realen Leben Mariens verortet.
Bei kunsttechnologischen Untersuchungen fanden sich unter der Goldschicht hinter Maria und Elisabeth Spuren eines dunkelblauen Vorhangs. Dieser spielte auf eine weitere Marienreliquie der Frauenkirche an, „ein stucklein eins portleins“, wie es in einer Beschreibung von 1442 heißt. Gemeint ist die Borte des Tempelvorhangs, die Maria selber gewirkt haben soll. Wenn an Festtagen der Altar geöffnet und der Reliquienschatz in der Kirche ausgestellt war, dann machte die Wechselbeziehung von Bildern und Reliquien das Heilsgeschehen unmittelbar anschaulich.
 

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Ein Evangelist als Maler
Der heilige Lukas sitzt an einer Staffelei und malt die Maria mit dem Jesuskind auf dem Arm. Sie sitzt an einem Kaminfeuer in einem Nebenraum, dessen Türöffnung die Szene wie ein Bild einrahmt. Die beiden Räume sind Mehr

Ein Evangelist als Maler
Der heilige Lukas sitzt an einer Staffelei und malt die Maria mit dem Jesuskind auf dem Arm. Sie sitzt an einem Kaminfeuer in einem Nebenraum, dessen Türöffnung die Szene wie ein Bild einrahmt. Die beiden Räume sind so angelegt, dass zwischen Maler und Modell kein Blickkontakt möglich ist. Dies ist als Hinweis zu verstehen, dass Lukas die Gottesmutter nicht leibhaftig vor sich hatte, sondern eine göttliche Erscheinung malte. Die Darstellung folgt damit mittelalterlichen Legenden, denen zufolge der heilige Lukas als Maler einer Reihe wundertätiger Marienbilder galt. So wurde der Evangelist zum Schutzpatron der Künstler. Deren Zünfte, die Lukasgilden, wurden nach ihm benannt.

Spiel mit den Realitätsebenen
Das Tafelgemälde, das Lukas auf seiner Staffelei mit Pinsel, Palette und Malstock vollendet, verweist mit seinem Goldgrund auf traditionelle Typen von Marienbildern. Damit ist auf die Lukasmadonnen angespielt, die man dem Heiligen zuschrieb und die man deshalb für authentische Bildnisse der Gottesmutter hielt. Anders als dieses kleine Bild im Bild folgt die Darstellung der gesamten Szene einer völlig anderen Art der Realitätswiedergabe. Der perspektivische Aufbau der Stuben erzeugt die Illusion von Raumtiefe. Das Fenster hinter Lukas gibt den Blick auf einen städtischen Platz frei. Durch die realitätsnahe Wiedergabe sollte das wundersame Geschehen in die damalige Gegenwart versetzt werden, um es so glaubwürdiger zu machen.

Wandelbares Bildprogramm
Das Bild gehörte zu den 20 Gemälden eines großen Flügelaltars in der Klosterkirche der Augustiner-Eremiten in Nürnberg. Dieser bestand aus einem nicht mehr erhaltenen, etwa 3 m hohen Skulpturenschrein mit zwei beweglichen Flügelpaaren und Standflügeln. Die beweglichen Flügel waren jeweils beidseitig bemalt und konnten gewandelt, d. h. auf- und zugeklappt, werden. So ergaben sich im Verlauf des kirchlichen Festkalenders immer neue Ansichten und Bildprogramme. Die Darstellung des heiligen Lukas als Maler war nur bei geöffneten Flügeln sichtbar. Zusammen mit den Skulpturen im Schrein und anderen Heiligenszenen wurde sie an besonderen Feiertagen gezeigt.
Das 1487 vollendete Augustinerretabel gehörte zu den größten und bedeutendsten Werken der Nürnberger Malerei vor Albrecht Dürer. Großprojekte wie dieses waren nur im Zusammenspiel zahlreicher Mitarbeiter zu bewältigen. Das Retabel entstand in der Werkstatt von Hans Traut, die in der Kunstproduktion der Reichsstadt im späten 15. Jahrhundert markbestimmend war.
 

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