Unter Bauern
Philipp Bauknecht lebte ab 1910 in Davos, wo er auf Linderung seiner Tuberkulose-Erkrankung hoffte. Die Höhenluft galt damals als einziges Heilmittel für die Infektionskrankheit, die sich in den dicht bevölkerten Städten leicht verbreiten koMehr

Unter Bauern
Philipp Bauknecht lebte ab 1910 in Davos, wo er auf Linderung seiner Tuberkulose-Erkrankung hoffte. Die Höhenluft galt damals als einziges Heilmittel für die Infektionskrankheit, die sich in den dicht bevölkerten Städten leicht verbreiten konnte. Ab 1920 wohnte Bauknecht in bäuerlichem Umfeld am Rand von Davos Dorf. In seinen Kunstwerken kann man erkennen, dass ihn seine eigene Situation bedrückte. Auf dem Gemälde Holzhauer im Wald schälen Männer die Rinde von einem Baumstamm. Ihre Körper sind grob geformt und ihre Gesichter wirken wie Masken. Nicht nur hier, sondern auch auf anderen Bildern zeigte Bauknecht die Bauern auf diese rohe Art.

Bedrohliche Natur
Der Wald sieht abweisend aus, weil Bauknecht die Natur mit grellen Farben malte. Fast könnte man von Warnfarben sprechen. Der Boden richtet sich auf, als ob er aus scharfkantigen Schuppen bestünde. Die bereits abgelängten Baumstämme sind gelb und zerteilen das Bild in zwei ungleiche Hälften. Während Ernst Ludwig Kirchner, der ebenfalls in Davos lebte, das ländliche Leben eher harmonisch idealisierte, wirkt es bei Bauknecht bedrohlich. Er schilderte die Bauern aus kritischer Distanz und stellte sie als derb dar. Im Gegensatz zur kräftigen Bildwirkung steht jedoch der ungewöhnlich dünne Farbauftrag auf der Leinwand. Da Bauknecht arm war, musste er sparsam mit der Farbe umgehen.

Wertschätzung für „primitive“ Kunst
Das Gemälde ist flächig gestaltet und zeigt kaum Tiefenwirkung. Diese Reduktion erinnert an volkstümliche Kunst. Galt sie vorher noch als primitiv und wertlos, so begann im späten 19. Jahrhundert die wissenschaftliche Erforschung sowie die ästhetische Wertschätzung der Volkskunst. Im frühen 20. Jahrhundert war sie eine beliebte Inspirationsquelle – nicht nur für Bauknecht, sondern auch für andere Maler des deutschen Expressionismus. Das Bild Holzhauer im Wald wurde 1927 auf der großen Berliner Kunstausstellung gezeigt. Museen in Münster, Kassel und Stuttgart kauften schon Ende der 1920er Jahre einige seiner Bilder. 1933 verstarb Bauknecht bei einer Operation in Davos. Seine Witwe verbrachte die meisten seiner Werke in die Niederlande. Dort begann auch Bauknechts „Wiederentdeckung“ in den 1960er Jahren.

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Ideal und Wahrheit
Ernst und mächtig – so tritt Kaiser Karl der Große (747/8–814) in Albrecht Dürers Bildnis auf. Deswegen wurde es schon oft mit Darstellungen Gottvaters verglichen. Bis heute ist die Vorstellung Kaiser Karls des Großen von diesem GemäldMehr

Ideal und Wahrheit
Ernst und mächtig – so tritt Kaiser Karl der Große (747/8–814) in Albrecht Dürers Bildnis auf. Deswegen wurde es schon oft mit Darstellungen Gottvaters verglichen. Bis heute ist die Vorstellung Kaiser Karls des Großen von diesem Gemälde geprägt. Jedoch heißt es in der Inschrift auf dem Rahmen, dass das Bild der „wahren Gestalt“ Karls nur ähnlich sei. Von dessen Tod bis zur Entstehung von Dürers Werk vergingen fast 700 Jahre. Realitätsgetreue zeitgenössische Porträts Karls des Großen, die Dürer als Vorlage hätten dienen können, gab es nicht.

Der Gründervater des Reichs
Karl der Große trägt die wichtigsten Krönungsinsignien an seinem Körper – die Krone des Heiligen Römischen Reichs, den Krönungsmantel, das Zeremonienschwert, den Reichsapfel und weitere mehr. Heute weiß man, dass alle erst nach seinem Tod entstanden. Ob dies den Zeitgenossen Dürers bewusst war, ist unklar und wohl auch nebensächlich: Es ging vielmehr darum, Karl den Großen als Gründervater des Heiligen Römischen Reichs zu inszenieren und durch die Herrschaftszeichen eine materielle Verbindung zu ihm herzustellen. Alle dargestellten Krönungsinsignien wurden zu diesem Zeitpunkt in Nürnberg aufbewahrt. Da Karl der Große heiliggesprochen war, galten die Objekte als Berührungsreliquien.

Verehrung des Kaisers
Als Dürer vom Rat der Stadt Nürnberg den Auftrag erhielt, dieses Bild und sein Gegenstück (Gm168), das Bildnis des Kaisers Sigismund, zu malen, sollten die beiden als Türen eines Wandschranks bzw. Schreins im Schopperhaus am Nürnberger Hauptmarkt dienen. Für eine Nacht im Jahr befanden sich darin die Reichskleinodien, bestehend aus Krönungsinsignien und den wichtigsten Reliquien des Reichs, bevor sie bei der Heiltumsweisung auf dem Hauptmarkt präsentiert wurden. Die Reichskleinodien, Zeichen der Macht des Heiligen Römischen Reichs, wurden von 1424 bis 1796 in Nürnberg aufbewahrt, was die Stadt immens aufwertete. Die meiste Zeit waren sie verschlossen im Heiltumsschrein (KG187), welcher sich in der Kirche des Heilig-Geist-Spitals befand. Nur während der Heiltumsweisung durfte die Bevölkerung die Reichskleinodien sehen. Gleichzeitig konnten die Menschen einen Ablass erwerben und so ihre Zeit im Fegefeuer verkürzen. Mit der Einführung der Reformation in Nürnberg endete diese Praxis. Damit verloren auch die Kaiserbilder ihre ursprüngliche Funktion und wurden ab 1526 im Rathaus ausgestellt. Dort konnten sie nur wichtige Gäste sehen. Die Stadt Nürnberg ließ in Einzelfällen Kopien der Gemälde anfertigen, die sie zu diplomatischen Anlässen verschenkte.

Verbleib in Nürnberg

Eigentlich hatten sich um das Jahr 1600 der habsburgische Kaiser Rudolf II. und der Wittelsbacher Kurfürst Maximilian I. von Bayern zum Ziel gesetzt, so viele Werke Dürers wie möglich zu kaufen. Dem von ihnen ausgeübten politischen Druck ist es geschuldet, dass fast alle Werke von Dürer aus Nürnberg verschwanden. In Verhandlungen mit Rudolf II. kamen die Kaiserbilder ins Spiel, aber sie „wurden nit begert, weil schlechte Kunst daran“. Aufgrund dieses Urteils befinden sich die Kaiserbildnisse bis heute im Besitz des ursprünglichen Auftraggebers, der Stadt Nürnberg.

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Ein vollständiges Set
Die beiden Jakobsmuscheln verraten, wofür dieser Reitermantel benutzt wurde: Es handelt sich um den wasserabweisenden Überwurf eines Pilgers. Er bildet ein Set zusammen mit einem Wollfilzmantel (Mehr

Ein vollständiges Set
Die beiden Jakobsmuscheln verraten, wofür dieser Reitermantel benutzt wurde: Es handelt sich um den wasserabweisenden Überwurf eines Pilgers. Er bildet ein Set zusammen mit einem Wollfilzmantel (T550), einem Hut (T552), einem Pilgerstab (T554) und einem Rosenkranz (KG303). All diese Gegenstände gehörten Stephan III. Praun aus Nürnberg. Auf einem Bild, welches wohl erst nach seinem Tod entstand, sieht man ihn – mit leichten Abweichungen – in der ganzen Garnitur (Gm655). Der schwarze Ledermantel ist kreisrund geschnitten, hat einen Stehkragen und hinten einen „Reiterschlitz“, der die Bewegungsfreiheit des Trägers erhöhte. Er ist vergleichbar mit spanischen Reitermänteln dieser Zeit, wenn auch nicht sicher belegt ist, dass alle Teile der Garnitur in Spanien hergestellt wurden.

Gründe für die Pilgerreise
Der 26-jährige Protestant Stephan III. Praun hielt sich 1570 am spanischen Königshof in Madrid auf und begann von dort aus per Pferd seine Pilgerreise nach Santiago de Compostela. An diesem wichtigsten Pilgerort (West-) Europas befindet sich die Grabstätte des Apostels Jakobus des Älteren. Der lange, beschwerliche Weg war für die Gläubigen gleichermaßen eine Prüfung wie auch eine Chance, für ihr Seelenheil vorzusorgen. Eigentlich hatte Luther das Wallfahrtswesen kritisiert. Dennoch nahmen auch viele Angehörige des protestantischen Glaubens den Weg auf sich. Vermutlich spielte gesellschaftlicher Statuszuwachs bei dieser Entscheidung eine Rolle.

Die Jakobsmuschel
Pilgernde schmückten sich nach ihrer Rückkehr gerne mit den Abzeichen ihrer Reise. Das wichtigste Symbol ist bis heute die Jakobsmuschel. Ihre fächerförmigen Rippen wurden immer wieder verglichen mit einer vereinfachten Darstellung der Pilgerwege, die in Santiago de Compostela münden. Noch bis heute werden die Jakobswege mit einem gelben Strahlenkranz ausgeschildert, der an die Rippen auf der Jakobsmuschel erinnert. Außerdem sollen Pilgerreisende die Muscheln als Trinkschalen verwendet haben.

Seltene Relikte
Kleidung aus der Zeit vor dem 18. Jahrhundert hat sich selten erhalten. Oft wurde sie bis aufgetragen oder aber umgearbeitet. UV-Strahlung, Feuchtigkeit und Schädlingsbefall verursachen Schäden an Textilien. Umso erstaunlicher ist es, dass diese Garnitur komplett erhalten blieb, und sogar die Biografie ihres Besitzers bekannt ist.
 

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Ein besonderes Geschenk
Wie viele Rüstungen in der Sammlung des GNM war dieser Plattenharnisch für das Turnier bestimmt. Er gehörte zu einer Serie von sechs gleichartigen Harnischen mit Zusatzstücken für verschiedene Disziplinen. In Auftrag Mehr

Ein besonderes Geschenk
Wie viele Rüstungen in der Sammlung des GNM war dieser Plattenharnisch für das Turnier bestimmt. Er gehörte zu einer Serie von sechs gleichartigen Harnischen mit Zusatzstücken für verschiedene Disziplinen. In Auftrag gegeben hat ihn die sächsische Kurfürstin Sophie als Geschenk für ihren Ehemann, Christian I. von Sachsen. Der turnierbegeisterte Kurfürst hatte in seiner Dresdner Residenz eigens einen Platz für Reiterspiele bauen lassen, der 1591 fertiggestellt wurde. Zu Weihnachten jenes Jahres sollte er die Rüstungen als Geschenk bekommen. Christian I. starb jedoch kurz vor dem Fest im Alter von nur 30 Jahren.

Aufgerüstet
Sowohl für das Turnier als auch die Feldschlacht wurden Rüstungen im 16. Jahrhundert als eine Art modularer Bausatz hergestellt. Diese sogenannte Harnischgarnituren konnten – je nach Kampfart oder Turnierdisziplin – zum besseren Schutz mit Zusatzteilen verstärkt werden. Die einzelnen Elemente waren mit Lederriemen verbunden, Schnallen ermöglichten einen raschen Austausch.
In der gezeigten Zusammenstellung ist der Harnisch speziell für den Turnierkampf zu Fuß konzipiert. Schultern und Fingerhandschuhe waren durch die vielen Glieder besonders beweglich, was für den Schwertkampf wichtig war. Da hierbei die Schläge vor allem von oben kamen, ist der Helm mit einem hohen Grat verstärkt. Die Schultern sind so gearbeitet, dass die Rüstung auch für den Reiterkampf geeignet war: Die rechte Schulter ist vor der Achselhöhle offen, so dass genügend Raum für eine Lanze blieb.

Handwerkliche Meisterleistung
Als der Plattenharnisch entstand, war die Blütezeit des Plattnerhandwerks bereits vorbei. Ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts war zur Ausrüstung von großen Söldner­heeren vor allem schlichte Massenware für Hunderte von Fußsoldaten gefragt. Der in Augsburg tätige Anton Pfeffenhauser war einer der letzten großen Plattnermeister, der solche Maßanfertigungen schuf. Er veredelte das Metall mit einer technisch sehr schwierigen Bläuung. Dafür wird das polierte Blech gleichmäßig auf etwa 300°C erhitzt, bis die Oberfläche erst rötlich, dann blau anläuft. Zusammen mit den Blattranken in vergoldeter Ätzung zeigt Pfeffenhauser bei diesem Harnisch alle Raffinessen seiner Handwerkskunst.
 

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Von der Rennbahn ins Kinderzimmer
Modern, ja fast futuristisch erscheint das Automobil-Spielzeug, das August Geigenberger 1903 entworfen hat (Entwurfszeichnung LGA9847/3). Es ist stromlinienförmig und auf eMehr

Von der Rennbahn ins Kinderzimmer
Modern, ja fast futuristisch erscheint das Automobil-Spielzeug, das August Geigenberger 1903 entworfen hat (Entwurfszeichnung LGA9847/3). Es ist stromlinienförmig und auf einfache Formen und Farben reduziert. Dennoch entbehrt es nicht eines gewissen Humors, beispielsweise durch die überlangen Arme des Fahrers. Um 1900 waren Automobile noch kein alltäglicher Anblick, und viele Menschen standen ihnen skeptisch gegenüber. Seit 1895 gab es allerdings in Frankreich schon erste Autorennen. Um 1900 fuhren dann bereits raketenförmige Spezialanfertigungen bei diesen Rennen mit, deren Fotos vielleicht sogar Geigenberger zu seinem Entwurf inspirierten.


Karikatur und Kinderbuch
Der Künstler betrieb zusammen mit seinem Bruder Otto in Wasserburg am Inn eine kunstgewerbliche Werkstatt. Vorher lebte er zu Ausbildungszwecken mehrere Jahre lang in München, wo er die Königliche Kunstgewerbeschule besuchte. Hier erhielt er entscheidende künstlerische Impulse im Sinne des Jugendstils. Seine karikaturesken Illustrationen verkaufte er unter anderem an die Zeitschrift Jugend. 1902 schuf er ein Kinderbuch mit dem Titel „Der tapfere Ingobert“.

Spielzeug für eine neue Zeit
Das Bayerische Gewerbemuseum Nürnberg rief 1903 einen Wettbewerb für neuartiges Holzspielzeug aus. Die Lebensreformbewegung, die vor allem in bildungsbürgerlichen Haushalten Anklang fand, forderte naturnahes Spielzeug, dessen einfache Formen der kindlichen Fantasie Raum geben sollten. In diesem Sinne muss man auch Geigenbergers hochgelobte Beiträge zum Wettbewerb verstehen. Die vorliegende Ausführung des Automobils stammt vom Nürnberger Holzbildhauer Jean Stöttner. Um das lokale Handwerk zu fördern, verbreitete das Kultusministerium 1904 die prämierten Entwürfe aus dem Wettbewerb zum Nachbau in Berchtesgaden, Oberammergau und Partenkirchen. Jedoch blieb die handwerkliche Herstellung von Reformspielzeug eine Randerscheinung, da sie nicht mit der industriellen Massenproduktion mithalten konnte.

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Praktisch und komfortabel
Der zweiteilige Frauenturnanzug ist ein frühes Beispiel von Kleidung, die speziell für den Sport entworfen wurde. Dabei standen funktionale Gesichtspunkte im Vordergrund. Der Anzug sollte der Trägerin Bewegungsfreiheit bieten unMehr

Praktisch und komfortabel
Der zweiteilige Frauenturnanzug ist ein frühes Beispiel von Kleidung, die speziell für den Sport entworfen wurde. Dabei standen funktionale Gesichtspunkte im Vordergrund. Der Anzug sollte der Trägerin Bewegungsfreiheit bieten und sie dennoch angemessen kleiden, Luft zur Kühlung durchlassen und waschbar sein. Die beiden letzten Ziele erreichte man, indem man Baumwollstoff verwendete. Jedoch ist der Anzug keineswegs ohne Zier: Die weißen Linien, Paspelierung genannt, waren bereits aus der Bademode vertraut. Unter dem Kragen ist eine Raute mit vier gegenständigen „F“ eingestickt. Sie ist das Emblem der Deutschen Turnerschaft und bildet sich aus dem Kürzel des Mottos „Frisch, Fromm, Fröhlich, Frei“.

Turnende Frauen
Die Trägerin des Anzugs war Hedwig Sandhagen aus der Hansestadt Uelzen. Sie war ungefähr 17 Jahre alt, als der Anzug entstand. Sie gehörte einer Generation an, für die das Turnen fast selbstverständlich war. Schon in den 1860er Jahren hatte es sich im Schulsport durchgesetzt. Jedoch war es noch bis in die 1920er Jahre verpönt, wenn erwachsene Frauen ernsthaft Sport betrieben und an Wettbewerben teilnahmen. Besonders ihre Kleidung erregte oft Anstoß. Frauen in Hosen wurden als Mannweiber bezeichnet, oder man warf ihnen Ehrlosigkeit vor, weil sie ihre Beine nicht unter einem bodenlangen Rock versteckten. Die Turnerinnen des späten 19. Jahrhunderts trugen meist noch einen zumindest knielangen Rock über ihren Hosen. Später ließ man den Rock weg und ersetzte ihn durch einen halblangen Kittel, so wie bei dem vorliegenden Anzug.

Die Abschaffung des Korsetts
Man kann also sagen, dass die Sportkleidung wichtige Impulse für die Erneuerung der Frauenkleidung gab. Gleiches gilt für die Lebensreform-Bewegung. Sie hatte zum Ziel, das menschliche Leben wieder näher an seinen Naturzustand zurück zu führen. Während die Kleidungsreform sich zunächst auf die Männer konzentrierte, gründeten Frauen in den Jahren 1896 und 1903 Vereine zur Verbesserung der Frauenkleidung. Ihr vorrangigstes Ziel, die Abschaffung des gesundheitsschädlichen Korsetts, konnten die Frauen an vielen Orten umsetzen. Zum Beispiel wurde 1907 in Preußen das Korsett im Schulsport verboten.
 

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Schmuck der Völkerwanderungszeit
Die Adlerfibel ist ein Teil des Schatzes von Domagnano in der Republik San Marino, der 1893 gefunden wurde. Sie entstand um 500 n. Chr. und zählt zu den bedeutendsten Funden der Völkerwanderungszeit. Sie besteht aus Gold, welches in ZellentMehr

Schmuck der Völkerwanderungszeit
Die Adlerfibel ist ein Teil des Schatzes von Domagnano in der Republik San Marino, der 1893 gefunden wurde. Sie entstand um 500 n. Chr. und zählt zu den bedeutendsten Funden der Völkerwanderungszeit. Sie besteht aus Gold, welches in Zellentechnik verarbeitet wurde. In die Zellen sind vorwiegend dünn geschliffene Plättchen aus Almandin, einer Granatart, eingelegt. In einigen der Zellen ist noch eine vergoldete Silberfolie erhalten, die den transparenten Edelstein zum Leuchten bringen sollte. Von insgesamt 21 Schmuckteilen aus dem Schatzfund gelangten acht in das Germanische Nationalmuseum – die Adlerfibel, ein Ohrring, fünf Anhänger eines Halskolliers und eine kleine zikadenförmige Fibel. Die anderen Stücke sind in mehreren öffentlichen und privaten Sammlungen, darunter das British Museum und der Louvre Abu Dhabi.

Die Mode der Ostgoten
Eine Fibel ist eine Art Brosche, mit deren Nadel man einen Umhang verschließen kann. Zur Adlerfibel gab es ein Gegenstück. Die beiden wurden mit einer Kette verbunden und dienten als edler Mantelverschluss. Die Besitzerin des kostbaren Schmuckes war eine Ostgotin aus dem Kreis um König Theoderich, welcher das Vorbild für Dietrich von Bern in der mittelalterlichen Heldendichtung war. Sein Regierungssitz war Ravenna, das nur ca. 70km von Domagnano entfernt liegt. Die Ostgoten waren ein germanischer Stamm, der das Weströmische Reich einnahm und von 493 bis 552 beherrschte. Für die ostgotische Oberschicht war vor allem die Mode des byzantinischen Hofes vorbildhaft.

Kultureller Austausch
Der Schmuck von Domagnano spiegelt den intensiven kulturellen Austausch in der Völkerwanderungszeit wider. Die einzelnen Schmuckstücke lassen gotische, römische und byzantinische Einflüsse erkennen. Ein anschauliches Beispiel ist die Adlerfibel. Der Adler war einerseits Zeichen der römischen Staatsmacht, andererseits steht er in der christlichen Symbolik für die Auferstehung der Seele und für das Bekenntnis zum christlichen Glauben. Auf der Brust trägt er ein Kreuz. Die Trägerin dieses Schmuckstücks gab sich also öffentlich als Christin zu erkennen. Die Ostgoten praktizierten eine Art des Christentums, die man Arianismus nennt. Die arianische Lehre bestritt die Wesensgleichheit von Gott, Sohn und Heiligem Geist.
 

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Was ist eine Votivgabe?
Der Begriff Votiv leitet sich vom lateinischen „votum“ ab, was für Gelübde, Versprechen; Wunsch oder Verlangen steht. Votivgaben von Gläubigen finden sich noch heute in Wallfahrtskirchen. In dMehr

Was ist eine Votivgabe?
Der Begriff Votiv leitet sich vom lateinischen „votum“ ab, was für Gelübde, Versprechen; Wunsch oder Verlangen steht. Votivgaben von Gläubigen finden sich noch heute in Wallfahrtskirchen. In der Geschichte gehen sie auf kultische Opfergaben zurück. Im Mittelalter bezeugen sie den Schutz durch einen Heiligen. Votive wurden aus unterschiedlichen Materialien hergestellt, darunter Ton, Bronze, Eisen oder Holz, vor allem aber Wachs.
Eine Votivgabe oder -tafel ist der materialisierte Ausdruck eines intimen Aktes zwischen einem Gläubigen und dem von ihm an Wallfahrtsorten angerufenen Gnadenbild. Letzteres steht entweder stellvertretend für Jesus Christus, Maria als Universalpatronin oder andere Heilige, die meist bei speziellen Anliegen um Hilfe oder zum Dank für die Errettung aus einer Notlage angerufen wurden. Votivgaben veranschaulichen oft das geheilte Leiden entweder in symbolischer Form oder als Abbild des erkrankten Organs oder Körperteils der Votanten.

Brüste als Votiv?
Brustvotive wurden unter anderem der hl. Agatha als Dank für die Heilung dargebracht, vor allem für zwei Krankheiten: Brustkrebs oder Brustentzündungen. Letztere traten bis weit ins 19. Jahrhundert hinein häufig bei Wöchnerinnen auf. Die Bitte nach ausreichendem Milchfluss, also nach Muttermilch, war in den meisten Bevölkerungsschichten existentiell für das Überleben der Säuglinge, denn industriell gefertigte Babynahrung gab es noch nicht.

Wieso aus Silber?
Seit dem Barockzeitalter schätzte das Bürgertum Silber als Material für Votivgaben. Mit der Epoche der Aufklärung gewann Silber zunehmend an Bedeutung, weil damals die naiv gemalten Votivtafeln in die Kritik gerieten und echte, edle Materialien bevorzugt wurden. Im Fall dieses Brustvotivs wurden verschiedene Einzelelemente des wertigen Materials zu einer Tafel zusammengefügt. Die beiden kreisrunden Brüste stellen jedoch kein reales Abbild weiblicher Brüste dar.
 

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Ähnlich, aber einzigartig
Wilhelm Lehmbruck schuf 1911 eine lebensgroße weibliche Aktplastik aus Gips, die er Die Kniende nannte. Begleitend fertigte er mehrere Büsten der Knienden, die sich durch Material und Oberflächendetails unterscMehr

Ähnlich, aber einzigartig
Wilhelm Lehmbruck schuf 1911 eine lebensgroße weibliche Aktplastik aus Gips, die er Die Kniende nannte. Begleitend fertigte er mehrere Büsten der Knienden, die sich durch Material und Oberflächendetails unterscheiden. Das Exemplar im GNM besteht aus gelblichem Ton. Obwohl die Bearbeitungsspuren der Figur Einzigartigkeit verleihen, stellte Lehmbruck keine konkrete Person dar. Vielmehr zeigt die Büste eine universelle menschliche Geste. Die Frau hat ihre Augen geschlossen und den Kopf zu ihrer linken Schulter geneigt. Sie exponiert ihren langen, schlanken Hals. Diese Haltung könnte Nachdenklichkeit oder Demut darstellen. Lehmbruck lässt die Büste auf Höhe der Brust enden und ruft dazu auf, den Körper weiter zu imaginieren. Er deutet das Ganze an, ohne es zu zeigen.

Eine universelle Frau
Die vollfigurige Version hat ein Knie am Boden abgelegt und ein Bein aufgestellt. Ihre dünnen Körperglieder wirken elegant und unnatürlich. Daher warfen Kritiker Lehmbruck vor, er habe keinen Menschen, sondern eine Gliederpuppe geschaffen. Außerdem wurde die Kniende immer wieder als „gotisch“ bezeichnet. Doch während die gotische Bildhauerei überwiegend christliche Bildwerke schuf, vermied Lehmbruck jegliche Identifizierung der Frau. Ihr Kniefall wirkt dadurch universell. Vielleicht wartet sie auf eine Ehrung, vielleicht erweist sie jemandem eine Ehre, oder vielleicht interagiert sie gar nicht mit der Umwelt und hat ihre Aufmerksamkeit stattdessen ganz nach innen gerichtet.

Ruhm und Verachtung
Im Jahr 1909 zog Lehmbruck mit seiner Familie von Berlin nach Paris um, weil sich dort die internationale Avantgarde versammelte. Der Künstler hoffte, hier seinen großen Durchbruch zu schaffen. Als er 1911 Die Kniende und die dazugehörigen Büsten schuf, überraschte und irritierte er die Kunstwelt. Lehmbruck durfte 1912 bei der Sonderbundausstellung in Köln und 1913 bei der International Exhibition of Modern Art in New York ausstellen. Schon 1916 bezeichnete der Dichter Theodor Däubler Die Kniende als „Vorwort zum Expressionismus in der Skulptur“. Im Nationalsozialismus jedoch wurden die jüngeren Werke Lehmbrucks als „entartet“ angesehen – ein Urteil, das nach 1945 schnell wieder in Anerkennung für seine Pionierleistungen umschlug.

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