Notkleidung
Not macht erfinderisch – was das bedeuten kann, macht dieser Wintermantel deutlich. Er steht beispielhaft für die Notkleidung der 1940er Jahre. Im Zweiten Weltkrieg und danach waren Stoffe und Kleidung Mangelware. Sie wurden seit Kriegsbeginn rationiert uMehr

Notkleidung
Not macht erfinderisch – was das bedeuten kann, macht dieser Wintermantel deutlich. Er steht beispielhaft für die Notkleidung der 1940er Jahre. Im Zweiten Weltkrieg und danach waren Stoffe und Kleidung Mangelware. Sie wurden seit Kriegsbeginn rationiert und nur noch gegen Bezugsscheine abgegeben. Die Textilproduktion für militärische Zwecke hatte Vorrang. Bei Bombenangriffen, auf der Flucht und durch Plünderungen waren große Kleidermengen verloren gegangen. Außerdem spendeten viele Menschen im Krieg Stoff zur Wiederverwendung. Das alles hatte zur Folge, dass die textilen Reserven der Gesellschaft am Ende des Zweiten Weltkriegs erschöpft waren. Zusätzlich lag die produzierende Industrie am Boden. Doch die Menschen wussten sich zu helfen.

Quasi Couture
Alte, teilweise schon untragbare Kleidung wurde umgearbeitet, zweckfremde Textilien wurden zu Kleidung verarbeitet. Heute würde man von „Upcycling“ oder „Repurposing“ sprechen. Auch dieser Wintermantel hatte ursprünglich eine andere Funktion: Er war ein Schlafsack aus britischen Armeebeständen. Der schwere Wollstoff ähnelt zumindest von Weitem den voluminösen Stoffen, die in den 1940er beliebt waren. Der kantige Schnitt des Mantels orientiert sich an den damaligen Trends, dazu kommen breit abgesteppte Kanten, große Knöpfe, aufgesetzte Taschen und eine gegürtete Taille. Zusätzlichen Schutz bot eine lose Kapuze zum Umbinden.


Deckenmäntel
Der Mantel ist ein Produkt der Schneiderei Gebrüder Mitzlaff in Würzburg. Jedoch konnten auch noch viele Privatpersonen, vor allem Frauen, selbst schneidern. Sie verarbeiteten etwa alte Decken aus Luftschutzkellern und US-Hilfslieferungen, die im Sommer 1947 in CARE-Paketen verschickt wurden, zu sogenannten Deckenmänteln. Jedes dieser Pakete enthielt zwei ungefärbte Decken, Nähzeug, eine Schere und ein Paar Schuhsohlen. So halfen sich die Menschen über die Winterzeit, in der der Mangel am stärksten zu spüren war.
 

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(Über-)natürliche Schönheit
Das Stängelglas von 1896 erscheint so fragil und einzigartig wie eine echte Blüte. Es wurde in der Manufaktur der Tiffany Glass and Decorating Company in New York City produziert. Auf einer gewölbten Fußplatte steMehr

(Über-)natürliche Schönheit
Das Stängelglas von 1896 erscheint so fragil und einzigartig wie eine echte Blüte. Es wurde in der Manufaktur der Tiffany Glass and Decorating Company in New York City produziert. Auf einer gewölbten Fußplatte steht ein dünner Stängel, der sich nach oben erweitert und in einen Blütenkelch übergeht. In den Bauch des Glases ist ein pfauenfederförmiger Farbverlauf eingearbeitet. Der geschwungene Blütenrand hat fünf Auswölbungen und ist mit oberflächlichen Rissen, sogenannten Craquelés, verziert. Das mundgeblasene Glas besticht durch seine komplexe Farbgebung und seine verspielte Form. Von antiken römischen Gläsern bezog der Firmengründer Louis Comfort Tiffany die Idee für die irisierende Oberflächenbehandlung. Den perlmuttartigen Glanz erzielte er durch Beimischung von Metallsalzen in die Glasschmelze.

Handwerk und Einzelstück
Auch wenn sein Unternehmen später noch weitere Luxusgüter produzierte, wurde Tiffany zunächst für seine Glasarbeiten weltberühmt. Dazu zählte nicht nur Trinkgeschirr, sondern vor allem Bleiglasfenster und -lampenschirme. Tiffanys Firma expandierte zwar rasant, jedoch war es ihm wichtig, dass seine Glaserzeugnisse handgemacht waren und auch so aussahen. Im Zeitalter der fortschreitenden Massenproduktion hatte die manuelle Fertigung einen luxuriösen und nostalgischen Touch. Tiffany prägte daher den Begriff „Favrile-Glas“ als Kennzeichen seiner Marke. Das Wort stammt von lateinisch „fabrilis“ ab und bedeutet handgemacht.

Vom Malereistudenten zum Geschäftsmann
Da Tiffany in eine reiche Familie geboren wurde, konnte er sich eine lange und intensive künstlerische Ausbildung leisten. Er unternahm ausgedehnte Reisen nach Europa und Nordafrika und studierte bei mehreren profilierten Landschaftsmalern. Erst nachdem er sein Glasunternehmen schon aufgebaut hatte, übernahm Tiffany auch noch den Juwelierbetrieb seines Vaters. Dadurch entstand ein Imperium, welches bis heute den Luxusgütermarkt prägt.

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Erst der Einband, dann das Buch
Der Prunkeinband entstand mehrere Jahrzehnte bevor das dazu gehörige Buch überhaupt geschaffen wurde. Gestiftet hatten ihn Kaiserin Theophanu und ihr minderjähriger Sohn Otto in die Abtei Echternach bei Trier. Hier eMehr

Erst der Einband, dann das Buch
Der Prunkeinband entstand mehrere Jahrzehnte bevor das dazu gehörige Buch überhaupt geschaffen wurde. Gestiftet hatten ihn Kaiserin Theophanu und ihr minderjähriger Sohn Otto in die Abtei Echternach bei Trier. Hier entstand um 1030 auch die Handschrift dafür, der berühmte Codex Aureus. Das „goldene Buch“ ist eine Evangelienschrift, deren Bezeichnung wörtlich zu verstehen ist: Die Mönche der Abtei Echternach schrieben sie mit Goldtinte auf purpurfarbene Seiten. Das reich bebilderte Manuskript ist eine der bedeutendsten und wertvollsten Handschriften des frühen Mittelalters. Es wird heute getrennt vom Bucheinband in der Bibliothek des GNM aufbewahrt, um beide Werke optimal bewahren zu können
(Hs. 156142).

Höchste Handwerkskunst
Der kostbare Buchdeckel wurde in Trier bei einer der führenden Goldschmiede­werkstätten der Zeit in Auftrag gegeben. Diese war vor allem bekannt für ihre besondere Technik der Emailkunst, das sogenannte Zellenschmelz-Verfahren: Dünne aufgelötete Goldstege bildeten ein Muster, in das jeweils eine Masse aus geschmolzenem Glas in verschiedenen Farben eingefüllt wurde.
Die Elfenbeintafel im Zentrum war zumindest teilweise farbig bemalt und vergoldet. Sie enthält eine frühe Darstellung der Kreuzigung Christi. Von rechts reicht der römische Soldat Stephaton Christus einen angefeuchteten Essigschwamm; Longinus fügt Christus später mit einer Lanze die Seitenwunde zu. Kreuzigungsdarstellungen gewannen in den folgenden Jahrhunderten immer mehr an Bedeutung und gehörten im Spätmittelalter zu den am häufigsten dargestellten Bildthemen.

Ein Kind als Stifter
Um die Elfenbeintafel herum ist eine ganze Reihe von feinen, heute nur schwer erkennbaren Figuren in das dünne Goldblech des Deckels getrieben. Darunter befinden sich Maria und Heilige, die mit der Abtei Echternach verbunden sind, sowie Symboltiere der Evangelisten und Personifikationen der vier Paradiesflüsse. Sie versinnbildlichen die Ausbreitung des Evangeliums in alle vier Himmelsrichtungen.
In Gestalt aufrechtstehender Stifterfiguren präsentieren sich Kaiserin Theophanu und ihr Sohn gleichrangig zwischen den Heiligen. Sie betonen damit die enge Verbindung von Herrscherhaus und Kirche. Die Inschrift neben dem minderjährigen Thronfolger ermöglicht auch eine ungefähre Datierung: Den Titel „Otto III.“ erhielt er 983, als er im Alter von drei Jahren zum deutschen König gekrönt wurde. Der Einband muss also danach, spätestens aber im Todesjahr von Theophanu 991 entstanden sein.
 

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Silber trifft auf Elfenbein
Friedrich Adler entwarf 1910 die silberne Prunkbowle, deren Umsetzung die Nürnberger Goldschmiedewerkstatt J. C. Wich übernahm. Sie ist nicht als Gebrauchsgegenstand, sondern als Schaustück zu verstehen. Dem zylindrischen UnteMehr

Silber trifft auf Elfenbein
Friedrich Adler entwarf 1910 die silberne Prunkbowle, deren Umsetzung die Nürnberger Goldschmiedewerkstatt J. C. Wich übernahm. Sie ist nicht als Gebrauchsgegenstand, sondern als Schaustück zu verstehen. Dem zylindrischen Unterbau der Bowle sind gedrechselte Elfenbeinsäulchen vorgelagert. Die eigentliche Schale ist trompetenförmig und zeigt stilisiertes Rankenwerk vor patiniertem Grund. Auf dem Deckel verbinden sich sphärische Dreiecke zu flachen Zeltspitzen. Der Knauf ist eine Arbeit aus durchbrochenem Elfenbein, durch deren Löcher man die vergoldete Figur eines Trinkenden erkennt. Die Elfenbein-Arbeiten stammen von Adlers Schüler und Mitarbeiter Emil Kellermann.

Tradition und Innovation
Adler und Kellermann lernten sich bei den kunstgewerblichen Meisterkursen des Bayerischen Gewerbemuseums in Nürnberg kennen. Von 1910 bis 1913 leitete Adler vier der insgesamt elf Meisterkurse, die die Qualität und aktuelle Strömungen der bayerischen Kunstindustrie fördern sollten. Aus Adlers und Kellermanns Lehrer-Schüler-Beziehung entwickelte sich eine mehrjährige Zusammenarbeit. In der Prunkbowle setzten sie sowohl traditionelle als auch innovative Impulse um. Die Durchbrucharbeit am Knauf ist dafür beispielhaft: Einerseits kann man sie auf die stilisierten Naturdarstellungen in Erich Haeckels Bildband „Kunstformen der Natur“ (1904; besonders Tafel 22), zurückführen; andererseits bekrönten durchbrochene Sphären schon in der Elfenbeinschnitzerei des 17. Jahrhunderts zahlreiche Pokale.

Erster Weltkrieg und Holocaust
Das Bayerische Gewerbemuseum kaufte die Prunkbowle gleich nach ihrer Entstehung für die Lehrsammlung an. Als das Stück 1914 für eine Ausstellung nach Lyon verliehen wurde, brach der Erste Weltkrieg aus, woraufhin Frankreich die Rücksendung der Leihgaben verweigerte. Die Prunkbowle fand ihren Weg auf den Kunstmarkt, konnte 1976 aber für das Museum zurückgekauft werden. Adler selbst war noch bis 1933 extrem erfolgreich und gefragt. Dann verhängten die Nationalsozialisten ein Arbeitsverbot über den jüdischen Kunsthandwerker und Lehrer. Letztendlich konnte nur ein Teil seiner Familie fliehen. 1942 wurde Adler im Konzentrationslager Auschwitz ermordet.

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Ein seltener Fund
Im späten Mittelalter besaß nahezu jeder Ritter einen solchen Helm für den Krieg oder das Turnier. Dennoch sind heute nur noch weniger als 20 dieser originalen Helme erhalten. Gutes Eisen hatte damals einen hohen MaterialweMehr

Ein seltener Fund
Im späten Mittelalter besaß nahezu jeder Ritter einen solchen Helm für den Krieg oder das Turnier. Dennoch sind heute nur noch weniger als 20 dieser originalen Helme erhalten. Gutes Eisen hatte damals einen hohen Materialwert. Unbrauchbare oder veraltete Helme wurden daher in großer Zahl umgeformt und das teure Material wiederverwendet.
Dass dieser Helm die Jahrhunderte überdauerte, verdanken wir einem Brauch, der im 14. Jahrhundert aufkam: Zur Erinnerung an einen verstorbenen Ritter hängte man dessen Wappenschild zusammen mit dem Helm in der Kirche auf. Oft wurden dafür dünnwandige Nachbildungen verwendet. Erst 1924 entdeckte man, dass sich auf dem Totenschild des Hans Rieter zu Kornburg in der Allerheiligenkirche Kleinschwarzenlohe ein originaler Helm befand.

Rundum geschützt
Topfhelme waren die ersten vollständig geschlossenen Helme. Sie wurden aus mehreren miteinander vernieteten Eisenplatten gefertigt. Das obere Scheitelstück dieses Helms wurde sehr aufwendig aus einem Stück getrieben. Unterhalb der schmalen Sehschlitze erkennt man eine Reihe von Löchern, die das Atmen erleichtern sollten. Der kreuzförmige Durchbruch links war für eine Rüstkette bestimmt, die den Helm mit der Rüstung verband. Nicht erhalten ist die sogenannte Helmzier, ein Aufsatz, der den Helm mit den persönlichen Erkennungszeichen des Ritters versah.

Nicht für jeden Kampf geeignet
Topfhelme waren vor allem ein wirksamer Schutz vor Angriffen von Reitern mit der Lanze. Sie wurden daher ausschließlich von Rittern getragen. Die geschlossene Form brachte aber auch Nachteile mit sich: Sie behinderte vor allem die Sicht, die Beweglichkeit und die Atmung. Das konnten auch Atemlöcher und Sehschlitze nicht verhindern. Eine ausreichende Luftversorgung war angesichts der schweren körperlichen Anstrengung eines Kampfes entscheidend. Zum Nahkampf mit Schwert und Dolch nahmen Ritter ihren Helm daher meistens ab.

Alter Adel
Die Verwendung für den Totenschild hatte Anfang des 17. Jahrhunderts einige Veränderungen des Helms zur Folge. Dazu gehören die Farbfassung und die goldenen Schmuckstreifen, das Aufhängeloch, die Spangen vor den Sehschlitzen und der gezackte Streifen aus Kettengeflecht. Vermutlich nahm man hierfür den unteren Rand eines Kettenhemds. Dass für den Totenschild eine damals bereits veraltete Helmform verwendet wurde, geschah wohl mit Absicht: Im 16. und 17. Jahrhundert waren viele Patrizier in den Adelsstand erhoben worden. Über die Helmform betonte man die Zugehörigkeit zum alten Ritteradel.
 

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Elegante Schlichtheit
Auf den ersten Blick besticht die Keramik-Vase durch ihre Schlichtheit, ihre leuchtend kobaltblaue Farbe und ihre elegante Knospenform. Sie entstand um 1870 in der Pariser Werkstatt von Théodore Deck. Über dem Standring geht die zylMehr

Elegante Schlichtheit
Auf den ersten Blick besticht die Keramik-Vase durch ihre Schlichtheit, ihre leuchtend kobaltblaue Farbe und ihre elegante Knospenform. Sie entstand um 1870 in der Pariser Werkstatt von Théodore Deck. Über dem Standring geht die zylindrische Vase in lange blattartige Gebilde über, zwischen denen ein niedriger Hals sitzt. Erst bei genauerer Betrachtung fallen zwei Ornamentbänder auf: Über dem Standring liegen Wellen und um den Hals ein Rautenmuster. In der blauglasierten Bodenfläche ist die Marke TH DECK eingepresst.

Erneuerer der Keramik
Joseph-Théodore Deck (1823–1891) war zunächst Lehrling in Straßburg. Auf seiner Wanderschaft kam er nach Österreich und nach Preußen. 1856 eröffnete er zusammen mit seinem Bruder in Paris eine Werkstatt für dekorative Keramik. Er gilt als Erneuerer der Fayence-Erzeugung, wobei er alte Techniken mit modernen Verfahren neu entwickelte. Seine Erkenntnisse veröffentlichte er 1887 in dem Buch „La Faïence“, welches zu einem Standardwerk seines Genres wurde. Auch die vorliegende Vase ist eine Fayence. Man bezeichnet damit Keramik, deren gelblicher oder rötlicher Scherben mit einer zinnoxidhaltigen, deckenden Glasur überzogen ist. Oft war die Glasur weiß und man bemalte sie mit blauen Motiven – aber nicht immer, wie dieses Beispiel zeigt.

Weltweite Inspiration
1862 zeigte Deck erstmals islamischen Dekor auf seinen Erzeugnissen. Gleichzeitig erforschte und perfektionierte er die dazugehörigen Handwerkstechniken. Von der Japan-Begeisterung der 1870er Jahre ließ er sich ebenso wie die meisten europäischen Kunstschaffenden anstecken. Im darauffolgenden Jahrzehnt erkundete er dann die chinesische Keramiktradition. Bei der vorliegenden Vase ist nur ein vager außereuropäischer Einfluss zu erkennen. Im Vergleich dazu waren andere Stücke Decks wesentlich komplexer und virtuoser. Seine Werkstatt stellte auf mehreren Weltausstellungen aus und erzielte dort große Erfolge. Auf der Pariser Weltausstellung von 1878 erwarb das Bayerische Gewerbemuseum die dargestellte Vase für seine Lehrsammlung.

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Ein Jahrhundertfund
Der Goldhut entstand vor ungefähr 3000 Jahren, in der späten Bronzezeit. Er kam 1953 im Wald bei den Ortschaften Ezelsdorf und Buch beim Roden von Baumstümpfen ans Tageslicht, wurde dabei jedoch in viele kleine Einzelteile zerhackt. NaMehr

Ein Jahrhundertfund
Der Goldhut entstand vor ungefähr 3000 Jahren, in der späten Bronzezeit. Er kam 1953 im Wald bei den Ortschaften Ezelsdorf und Buch beim Roden von Baumstümpfen ans Tageslicht, wurde dabei jedoch in viele kleine Einzelteile zerhackt. Nachdem der sensationelle Rang des Fundes vom Germanischen Nationalmuseum erkannt worden war, konnten die Fragmente einer aufwändigen Restaurierung im Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz zusammengefügt werden. Ursprünglich hatte der Hut wohl auch eine breite Krempe, von der jedoch nur ein kleines Fragment gefunden wurde.


Handwerk der Bronzezeit
Die technische Perfektion des Huts ist herausragend. Er wurde mit dem Hammer aus einem einzigen Goldstück herausgetrieben. Nur 310 Gramm wiegt der Kegel. Seine Wandung ist so dünn wie Papier. Er ist bis in die Spitze mit Zierbändern aus unterschiedlichen Ornamenten versehen, darunter Kreise, Räder, mandelförmige Buckel und kleine quergestreifte Kegel – sie stellen wohl den Hut selbst in Miniaturformat dar. Mehr als 20 verschiedene Stempel und sechs Rollstempel wurden für die Punzierung verwendet. Diesen Stil kennen wir von in Westeuropa verbreiteten goldenen Scheiben und Schalen aus der Bronzezeit, die als Vergleichstücke zur Datierung herangezogen werden. Es gibt heute nur drei vergleichbare Kegelhüte aus Gold, die in Museen in Speyer, Berlin und Saint-Germain-en-Laye nahe Paris zu sehen sind. Die Verbreitung der Fundorte dieser und anderer zeremonieller Fundstücke über ganz Europa belegt einen weiträumigen Austausch von technischem Know-how und Glaubensvorstellungen in der Bronzezeit.

Kult der Sonne?
Das Material und die vielen Scheibenmotive sind Hinweise auf einen bronzezeitlichen Sonnenkult. Höchstwahrscheinlich trug eine hochgestellte Persönlichkeit die prächtige Kopfbedeckung bei zeremoniellen kultischen Anlässen. Der Goldhut wurde wohl vergraben, als die damit verbundenen religiösen Vorstellungen erloschen. Für den Nürnberger Goldhut und ein weiteres Exemplar in Speyer gilt außerdem, dass sie scheinbar senkrecht im Boden vergraben wurden.
 

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Absolute Präzision
Ein Torquetum wurde zur Vermessung der Welt und des Himmels genutzt. Es zeigt modellhaft die Lage von Horizont und Äquator und dient zur Bestimmung des Sonnenstands - und damit der Zeit. Man verwendete Torqueten auch zur BMehr

Absolute Präzision
Ein Torquetum wurde zur Vermessung der Welt und des Himmels genutzt. Es zeigt modellhaft die Lage von Horizont und Äquator und dient zur Bestimmung des Sonnenstands - und damit der Zeit. Man verwendete Torqueten auch zur Berechnung von Längen, Höhen und Breiten. Dadurch ließen sich Sternpositionen genau bestimmen, man konnte aber auch die Höhe von Bergen oder Bauwerken ermitteln. Daneben wurde es, wie die meisten astronomischen Geräte, für astrologische Berechnungen eingesetzt.
Seinen Namen verdankt das Torquetum seinen drehbaren Scheiben, Zeigern und Bogenstücken – „torquere“ ist das lateinische Wort für „drehen“. Für das reibungslose Zusammenspiel der dreidimensional angeordneten Bestandteile ist äußerste Präzision gefragt. Dies gilt sowohl für die Bearbeitung des Metalls als auch für die eingravierten Maßsysteme zum Ablesen der Werte.

Bilderkosmos
Entworfen hat dieses Torquetum der damals europaweit bekannte Mathematiker und Astronom Johannes Praetorius. Was vor allem ins Auge fällt, ist die kunstvolle Ausgestaltung des von vier kleinen Löwen getragenen Instruments. Das Messing wurde mit unterschiedlichen handwerklichen Techniken bearbeitet und vergoldet. Neben den feinen, rein funktionalen Skalen sind alle Flächen vollständig mit bildlichen Darstellungen bedeckt. Dazu gehören unter anderem Themen der Bibel und ein Jahreszeiten-Zyklus, aber auch Männer bei Vermessungsarbeiten mit unterschiedlichen Instrumenten. Als Vorlagen nutzte der namentlich nicht bekannte Graveur W.W. wissenschaftliche Bücher und Serien von Stichen.


Bürgerliche Kunstkammer
In Auftrag gegeben wurde das Torquetum vom Nürnberger Arzt Melchior Ayrer. Es könnte ihm in seiner medizinischen Praxis zur Ermittlung günstiger Zeitpunkte für bestimmte Heilbehandlungen und Eingriffe gedient haben. Vor allem war es ein sehr repräsentatives Objekt. Ayrer hatte es bei Praetorius zusammen mit anderen, ebenso kunstvoll gestalteten wissenschaftliche Instrumenten in Auftrag gegeben. Selbstbewusst ließ er sein Familienwappen neben der Signatur von Praetorius anbringen.
Mit seiner kostbaren Instrumentensammlung konnte sich der Arzt selbst mit adligen Machthabern messen: Die bei Praetorius in Auftrag gegebenen Stücke haben die Qualität vergleichbarer Instrumente in der Kunstkammer des Kurfürsten August von Sachsen. Einige Geräte von Praetorius besaß der Kurfürst sogar in fast identischer Ausführung.
 

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Nur scheinbar alltäglich
Eine solche Darstellung von Maria und Elisabeth mit ihren Kindern bei der häuslichen Arbeit ist ein sehr ungewöhnliches Thema in der Kunst. Die Gottesmutter mit dem aufgeklappten Buch auf dem Schoß hält eine Spindel Mehr

Nur scheinbar alltäglich
Eine solche Darstellung von Maria und Elisabeth mit ihren Kindern bei der häuslichen Arbeit ist ein sehr ungewöhnliches Thema in der Kunst. Die Gottesmutter mit dem aufgeklappten Buch auf dem Schoß hält eine Spindel in der Hand. Elisabeth wickelt das goldene Garn auf eine Haspel. Zu ihren Füßen sitzen ihre Kinder. Jesus hält in der ausgestreckten Hand einen Löffel mit Brei. Beide umfassen den Stiel einer Pfanne, Johannes der Täufer wendet sich mit einem Schriftband an seine Mutter Elisabeth: „Sichin mu(o)ter ihesus tu(o)t mir“ (Sieh hin, Mutter, was Jesus mir tut). Hinter dieser Szene versteckt sich eine theologische Aussage: So, wie Jesus Johannes von dem Brei gibt, versorgt er auch die Menschheit mit Seelennahrung. Das vordergründig alltägliche Geschehen hat also eine tiefere religiöse Bedeutung und betont zugleich die menschliche Natur des Gottessohnes.

Ein Altar zu Ehren der Jungfrau
Die Tafel gehörte zu einem Flügel des monumentalen Marienretabels vom Hochaltar der Nürnberger Frauenkirche. In geöffnetem Zustand waren neben der Darstellung von Maria und Elisabeth drei weitere Szenen aus dem Marienleben vor feierlichem Goldgrund zu sehen. Die Rückseite der Tafel, die die Gefangennahme Christi zeigt, war zusammen mit anderen Darstellungen des Leidenswegs Christi bei geschlossenen Altarflügeln sichtbar.

Anspielungen auf den Reliquienschatz
Die Marienszenen stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Reliquienschatz der Frauenkirche. Zu ihm gehörten hochkarätige Marienreliquien, wie der goldene Gürtel der Jungfrau, den Kaiser Karl IV. der Kirche geschenkt hatte. Unter den Reliquien befanden sich auch Überreste des Garns, das Maria der Legende nach für den Vorhang des Tempels in Jerusalem gesponnen haben soll. Im Bild ist beides im realen Leben Mariens verortet.
Bei kunsttechnologischen Untersuchungen fanden sich unter der Goldschicht hinter Maria und Elisabeth Spuren eines dunkelblauen Vorhangs. Dieser spielte auf eine weitere Marienreliquie der Frauenkirche an, „ein stucklein eins portleins“, wie es in einer Beschreibung von 1442 heißt. Gemeint ist die Borte des Tempelvorhangs, die Maria selber gewirkt haben soll. Wenn an Festtagen der Altar geöffnet und der Reliquienschatz in der Kirche ausgestellt war, dann machte die Wechselbeziehung von Bildern und Reliquien das Heilsgeschehen unmittelbar anschaulich.
 

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