(Über-)natürliche Schönheit
Das Stängelglas von 1896 erscheint so fragil und einzigartig wie eine echte Blüte. Es wurde in der Manufaktur der Tiffany Glass and Decorating Company in New York City produziert. Auf einer gewölbten Fußplatte steMehr

(Über-)natürliche Schönheit
Das Stängelglas von 1896 erscheint so fragil und einzigartig wie eine echte Blüte. Es wurde in der Manufaktur der Tiffany Glass and Decorating Company in New York City produziert. Auf einer gewölbten Fußplatte steht ein dünner Stängel, der sich nach oben erweitert und in einen Blütenkelch übergeht. In den Bauch des Glases ist ein pfauenfederförmiger Farbverlauf eingearbeitet. Der geschwungene Blütenrand hat fünf Auswölbungen und ist mit oberflächlichen Rissen, sogenannten Craquelés, verziert. Das mundgeblasene Glas besticht durch seine komplexe Farbgebung und seine verspielte Form. Von antiken römischen Gläsern bezog der Firmengründer Louis Comfort Tiffany die Idee für die irisierende Oberflächenbehandlung. Den perlmuttartigen Glanz erzielte er durch Beimischung von Metallsalzen in die Glasschmelze.

Handwerk und Einzelstück
Auch wenn sein Unternehmen später noch weitere Luxusgüter produzierte, wurde Tiffany zunächst für seine Glasarbeiten weltberühmt. Dazu zählte nicht nur Trinkgeschirr, sondern vor allem Bleiglasfenster und -lampenschirme. Tiffanys Firma expandierte zwar rasant, jedoch war es ihm wichtig, dass seine Glaserzeugnisse handgemacht waren und auch so aussahen. Im Zeitalter der fortschreitenden Massenproduktion hatte die manuelle Fertigung einen luxuriösen und nostalgischen Touch. Tiffany prägte daher den Begriff „Favrile-Glas“ als Kennzeichen seiner Marke. Das Wort stammt von lateinisch „fabrilis“ ab und bedeutet handgemacht.

Vom Malereistudenten zum Geschäftsmann
Da Tiffany in eine reiche Familie geboren wurde, konnte er sich eine lange und intensive künstlerische Ausbildung leisten. Er unternahm ausgedehnte Reisen nach Europa und Nordafrika und studierte bei mehreren profilierten Landschaftsmalern. Erst nachdem er sein Glasunternehmen schon aufgebaut hatte, übernahm Tiffany auch noch den Juwelierbetrieb seines Vaters. Dadurch entstand ein Imperium, welches bis heute den Luxusgütermarkt prägt.

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Vermessung der Welt
Astrolabien sind komplexe Zeit- und Raummessinstrumente in handlichem Format. Sie dienten zur genauen Messung von Winkeln, um damit Höhen und Entfernungen genau zu bestimmen. Mit ihrer Hilfe konntMehr

Vermessung der Welt
Astrolabien sind komplexe Zeit- und Raummessinstrumente in handlichem Format. Sie dienten zur genauen Messung von Winkeln, um damit Höhen und Entfernungen genau zu bestimmen. Mit ihrer Hilfe konnte man ohne das von Sonnenuhren benötigte Tageslicht auch nachts die genaue Zeit ablesen. Auf ihrer zweidimensionalen Scheibe bilden sie das Himmelsgewölbe über einem bestimmten Standpunkt auf der Erde ab. Mit verschiedenen gravierten Einlegescheiben kann man das Gerät auf den jeweiligen Breitengrad einstellen.
Die vielfachen Mess- und Orientierungsfunktionen machten Astrolabien zu einem wichtigen Instrument der Seefahrt. Zusammen mit gedruckten Tabellen erleichterten sie die Navigationsmöglichkeiten von Hochseeseglern.

Antikes Erbe – arabische Herkunft
Entwickelt wurden Astrolabien von griechischen Wissenschaftlern in der Antike. Sie wurden im islamisch-arabischen Kulturraum intensiv genutzt und gelangten im Mittelalter zurück nach Europa. Auch dieses Astrolabium stammt aus dem Nahen Osten. Die eingravierten Namen in arabischer Schrift bezeugen, dass es im 12. oder 13. Jahrhundert vom arabischen Meister Al-Sahl al-Nisaburi für den Herrscher der syrischen Stadt Hama hergestellt wurde. Die Datierung schwankt um hundert Jahre, da es in Hama drei Fürsten gleichen Namens gab. Eine Besonderheit dieses Astrolabiums sind die zwölf arabisch beschrifteten Tänzer und Fabelwesen, die auf der Rückseite als „Sternenzeiger“ dienen. Als Weltmodelle waren so aufwendig gestaltete Astrolabien beliebte Statussymbole von Herrschern.

Ein reines Schaustück?
Auf welchen Wegen dieses Astrolabium nach Nürnberg kam, ist nicht bekannt. Es soll sich im Spätmittelalter im Besitz des Johannes Regiomontanus befunden haben. Der Mathematiker und Astronom war 1471 nach Nürnberg gezogen, wo er systematische Beobachtungen des Himmels mit selbst konstruierten Geräten betrieb. Die Reichsstadt war für ihre Metallhandwerke berühmt und im 15./16. Jahrhundert eines der wichtigsten Zentren für den Bau wissenschaftlicher Instrumente.
Ob das Astrolabium des al-Sahl al-Nisaburi jemals praktisch zum Einsatz kam, ist höchst zweifelhaft. Denn die zugrunde liegenden Fixsternpositionen waren zu seinem Entstehungszeitpunkt bereits veraltet. Möglicherweise handelt es sich um ein reines Schaustück. In Nürnberg gelangte es in die Sammlung der Stadtbibliothek. 1877 kam es als Dauerleihgabe an das GNM, das mit 14 Astrolabien eine der bedeutendsten Sammlung dieser Instrumente weltweit beherbergt.
 

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Silber trifft auf Elfenbein
Friedrich Adler entwarf 1910 die silberne Prunkbowle, deren Umsetzung die Nürnberger Goldschmiedewerkstatt J. C. Wich übernahm. Sie ist nicht als Gebrauchsgegenstand, sondern als Schaustück zu verstehen. Dem zylindrischen UnteMehr

Silber trifft auf Elfenbein
Friedrich Adler entwarf 1910 die silberne Prunkbowle, deren Umsetzung die Nürnberger Goldschmiedewerkstatt J. C. Wich übernahm. Sie ist nicht als Gebrauchsgegenstand, sondern als Schaustück zu verstehen. Dem zylindrischen Unterbau der Bowle sind gedrechselte Elfenbeinsäulchen vorgelagert. Die eigentliche Schale ist trompetenförmig und zeigt stilisiertes Rankenwerk vor patiniertem Grund. Auf dem Deckel verbinden sich sphärische Dreiecke zu flachen Zeltspitzen. Der Knauf ist eine Arbeit aus durchbrochenem Elfenbein, durch deren Löcher man die vergoldete Figur eines Trinkenden erkennt. Die Elfenbein-Arbeiten stammen von Adlers Schüler und Mitarbeiter Emil Kellermann.

Tradition und Innovation
Adler und Kellermann lernten sich bei den kunstgewerblichen Meisterkursen des Bayerischen Gewerbemuseums in Nürnberg kennen. Von 1910 bis 1913 leitete Adler vier der insgesamt elf Meisterkurse, die die Qualität und aktuelle Strömungen der bayerischen Kunstindustrie fördern sollten. Aus Adlers und Kellermanns Lehrer-Schüler-Beziehung entwickelte sich eine mehrjährige Zusammenarbeit. In der Prunkbowle setzten sie sowohl traditionelle als auch innovative Impulse um. Die Durchbrucharbeit am Knauf ist dafür beispielhaft: Einerseits kann man sie auf die stilisierten Naturdarstellungen in Erich Haeckels Bildband „Kunstformen der Natur“ (1904; besonders Tafel 22), zurückführen; andererseits bekrönten durchbrochene Sphären schon in der Elfenbeinschnitzerei des 17. Jahrhunderts zahlreiche Pokale.

Erster Weltkrieg und Holocaust
Das Bayerische Gewerbemuseum kaufte die Prunkbowle gleich nach ihrer Entstehung für die Lehrsammlung an. Als das Stück 1914 für eine Ausstellung nach Lyon verliehen wurde, brach der Erste Weltkrieg aus, woraufhin Frankreich die Rücksendung der Leihgaben verweigerte. Die Prunkbowle fand ihren Weg auf den Kunstmarkt, konnte 1976 aber für das Museum zurückgekauft werden. Adler selbst war noch bis 1933 extrem erfolgreich und gefragt. Dann verhängten die Nationalsozialisten ein Arbeitsverbot über den jüdischen Kunsthandwerker und Lehrer. Letztendlich konnte nur ein Teil seiner Familie fliehen. 1942 wurde Adler im Konzentrationslager Auschwitz ermordet.

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Wer schön sein will, muss leiden
Die Trägerin dieses Reifrocks hatte es nicht leicht, wenn sie durch Türen gehen oder in einer Kutsche sitzen wollte. Die eingeschränkte Bewegungsfreiheit wurde jedoch durch ein imposantes und standesgemäßes Auftreten kompMehr

Wer schön sein will, muss leiden
Die Trägerin dieses Reifrocks hatte es nicht leicht, wenn sie durch Türen gehen oder in einer Kutsche sitzen wollte. Die eingeschränkte Bewegungsfreiheit wurde jedoch durch ein imposantes und standesgemäßes Auftreten kompensiert. Reifröcke betonten die Hüften ihrer Trägerin auf übertriebene Weise und ließen dadurch die geschnürte Taille noch schmaler erscheinen. Außerdem versteckten sie den Unterkörper, was den Sittenvorstellungen des 18. Jahrhunderts entsprach. Die Damenmode musste damals fast bodenlang sein. Nur im Bereich des Dekolletés zeigten die Damen abends Haut.

Nachhaltigkeit? Fehlanzeige!
Das Gestell dieses Reifrocks besteht aus Fischbein, welches mit Leinenstoff überzogen wurde. Da die vertikalen Verbindungen aus Bändern bestehen, konnte man den Reifrock flach zusammenlegen. Korrekterweise würde man Fischbein heute als Walbarten bezeichnen. Große Wale filtrieren mit ihnen Kleinstlebewesen aus dem Wasser, um sie zu verspeisen. Das Material ist gleichzeitig hart und biegsam. Man kann es durch Erhitzung verformen sowie in schmale Streifen spalten. Es kam neben Reifröcken auch bei Schnürmiedern zum Einsatz. Die massenhafte Verwendung befeuerte die Waljagd und war einer der Gründe, weshalb Bartenwale fast ausgerottet wurden. Erst die Erfindung von Stahl- und Kunststoffgestellen sowie das Ende der Reifrockmode verringerte die Nachfrage nach Fischbein.

Mode und Tugend
Voluminöse Röcke waren schon seit dem späten 15. Jahrhundert in Mode. Jedoch waren sie anfangs kegelförmig. Sie nahmen ihren Ursprung in Spanien, wo man sie verdugado nannte, was bisweilen mit „Tugendhüter“ übersetzt wurde. Der Name kommt jedoch eigentlich von verdugo, spanisch für Scharfrichter sowie „grünes Holz“ (Schössling), das Konstruktionsmaterial des Unterrocks. Die Form näherte sich mit der Zeit der Ellipse an. Das erleichterte den Trägerinnen das Niedersetzen ein wenig. Schon im 18. Jahrhundert wurde behauptet, der Reifrock sei erfunden worden, um eine ungewollte Schwangerschaft zu verstecken.
 

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Unter Bauern
Philipp Bauknecht lebte ab 1910 in Davos, wo er auf Linderung seiner Tuberkulose-Erkrankung hoffte. Die Höhenluft galt damals als einziges Heilmittel für die Infektionskrankheit, die sich in den dicht bevölkerten Städten leicht verbreiten koMehr

Unter Bauern
Philipp Bauknecht lebte ab 1910 in Davos, wo er auf Linderung seiner Tuberkulose-Erkrankung hoffte. Die Höhenluft galt damals als einziges Heilmittel für die Infektionskrankheit, die sich in den dicht bevölkerten Städten leicht verbreiten konnte. Ab 1920 wohnte Bauknecht in bäuerlichem Umfeld am Rand von Davos Dorf. In seinen Kunstwerken kann man erkennen, dass ihn seine eigene Situation bedrückte. Auf dem Gemälde Holzhauer im Wald schälen Männer die Rinde von einem Baumstamm. Ihre Körper sind grob geformt und ihre Gesichter wirken wie Masken. Nicht nur hier, sondern auch auf anderen Bildern zeigte Bauknecht die Bauern auf diese rohe Art.

Bedrohliche Natur
Der Wald sieht abweisend aus, weil Bauknecht die Natur mit grellen Farben malte. Fast könnte man von Warnfarben sprechen. Der Boden richtet sich auf, als ob er aus scharfkantigen Schuppen bestünde. Die bereits abgelängten Baumstämme sind gelb und zerteilen das Bild in zwei ungleiche Hälften. Während Ernst Ludwig Kirchner, der ebenfalls in Davos lebte, das ländliche Leben eher harmonisch idealisierte, wirkt es bei Bauknecht bedrohlich. Er schilderte die Bauern aus kritischer Distanz und stellte sie als derb dar. Im Gegensatz zur kräftigen Bildwirkung steht jedoch der ungewöhnlich dünne Farbauftrag auf der Leinwand. Da Bauknecht arm war, musste er sparsam mit der Farbe umgehen.

Wertschätzung für „primitive“ Kunst
Das Gemälde ist flächig gestaltet und zeigt kaum Tiefenwirkung. Diese Reduktion erinnert an volkstümliche Kunst. Galt sie vorher noch als primitiv und wertlos, so begann im späten 19. Jahrhundert die wissenschaftliche Erforschung sowie die ästhetische Wertschätzung der Volkskunst. Im frühen 20. Jahrhundert war sie eine beliebte Inspirationsquelle – nicht nur für Bauknecht, sondern auch für andere Maler des deutschen Expressionismus. Das Bild Holzhauer im Wald wurde 1927 auf der großen Berliner Kunstausstellung gezeigt. Museen in Münster, Kassel und Stuttgart kauften schon Ende der 1920er Jahre einige seiner Bilder. 1933 verstarb Bauknecht bei einer Operation in Davos. Seine Witwe verbrachte die meisten seiner Werke in die Niederlande. Dort begann auch Bauknechts „Wiederentdeckung“ in den 1960er Jahren.

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Nachziehen und Reiten
Das ungefähr 300 Jahre alte Räderpferd ist 76cm hoch und damit groß genug, dass ein Kind darauf platznehmen konnte. Die Bodenplatte hat mehrere Löcher, von denen das vorderste zum Festbinden einer Schnur diente. Das PferMehr

Nachziehen und Reiten
Das ungefähr 300 Jahre alte Räderpferd ist 76cm hoch und damit groß genug, dass ein Kind darauf platznehmen konnte. Die Bodenplatte hat mehrere Löcher, von denen das vorderste zum Festbinden einer Schnur diente. Das Pferd ist damit gleichzeitig ein Reit- und ein Nachziehspielzeug. Seine Proportionen unterscheiden sich stark von der Natur – die stämmigen Beine stehen in Kontrast zum zierlichen Kopf. Das Zaumzeug und die Mähne sind mit eingeritztem Dekor verziert: Neben Zacken und Fischgräten findet man links und rechts auch je eine Wirbelrosette.


Identität trifft Ideologie
Das GNM kaufte das Pferd 1903 von einem Antiquitätenhändler in Davos (Schweiz). Seinen ersten Standort im Museum hatte es in der „Klettgauer Bauernstube“, die die Kultur der deutsch-schweizerischen Grenzlandschaft wiedergeben sollte. Doch später wurde das Spielzeug aus diesem Kontext entfernt und als niederdeutsch bezeichnet. Es war eine willkommene Projektionsfläche für Deutschnationalisten, die darin ein Stück „ihrer“ Geschichte und Identität sahen. Die Verzierungen auf der Mähne bezeichneten sie ab den 1920er Jahren als Lebensrute und Sonnenwirbel, zwei Symbole, die auf germanischen Runen basieren sollen. Dieser Deutung folgte auch die Volkskunde in Zeiten des Nationalsozialismus.

Naturwissenschaftlich betrachtet
Erst das zufällige Entdecken eines ähnlichen Räderpferds aus dem Engadiner Museum in St. Moritz führte die Forschung auf eine entscheidende Spur. Das dortige Exemplar stammt, ebenso wie ein weiteres in Privatbesitz, aus dem Kanton Graubünden. 2014/15 führte das GNM eine dendrochronologische Untersuchung an seinem Pferd durch. Die Datierung der Holzprobe ergab, dass der jüngste Jahrring von 1696 stammt. Das Fichtenholz wuchs höchstwahrscheinlich in den Nordalpen (Schweiz). Die Zuschreibung als Graubündener Spielzeug aus der Zeit um 1700 war damit erstmalig gesichert. So konnte eine naturwissenschaftliche Methode dabei helfen, ideologisch geleitete Falschannahmen der Vergangenheit auszuräumen.

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Die Zeit im Gepäck
Zu der Zeit, als diese Klappsonnenuhr hergestellt wurde, waren mechanische Räderuhren bereits weit verbreitet. An Kirchtürmen und städtischen Rathäusern gaben sie den Takt des öffentlichen Lebens vor. Trotzdem blieben die Mehr

Die Zeit im Gepäck
Zu der Zeit, als diese Klappsonnenuhr hergestellt wurde, waren mechanische Räderuhren bereits weit verbreitet. An Kirchtürmen und städtischen Rathäusern gaben sie den Takt des öffentlichen Lebens vor. Trotzdem blieben die zuvor für die Zeitmessung verwendeten Sonnenuhren weiterhin in Gebrauch. Vor allem auf Reisen waren solche leichten und gut transportablen Klappsonnenuhren unentbehrliche Begleiter. Der eingebaute Kompass half bei der für die Zeitbestimmung nötigen Nord-Süd-Ausrichtung.
Klappbare Reise-Sonnenuhren wurden in Nürnberg seit dem späten 15. Jahrhundert hergestellt. Die Reichsstadt war weit über ihre Grenzen für die Qualität der hier produzierten wissenschaftlichen Geräte bekannt. Taschensonnenuhren waren ein gefragter Exportartikel des Nürnberger Fernhandels.

Andere Orte – andere Zeiten
Mobile Zeitmessung auf Reisen brachte ein Problem mit sich: Je nach Breitengrad war der Stand der Sonne ein anderer. Sonnenuhren hatten feste Ziffernblätter, die jeweils nur an einem bestimmten Ort ihre Gültigkeit hatten. Was man leicht verändern konnte, war die Lage des „Zeigers“. Bei solchen Klappsonnenuhren war das ein sogenannter Polfaden, der zwischen Boden und Deckel aufgespannt war, und dessen Schatten die Zeit auf dem Ziffernblatt markierte. Dessen oberes Ende konnte man an verschiedenen Punkten fixieren.
Üblicherweise enthielten Sonnenuhren ein Verzeichnis der Polhöhen für die wichtigsten europäischen Städte. Bei dieser Klappsonnenuhr wird der Deckel zur „Benutzeroberfläche“: Auf der Landkarte, die auf ihm abgebildet ist, konnte man seinen Standort bestimmen und den Polfaden durch die entsprechende Öffnung auf der Mittelachse ziehen. Bei geöffneter Uhr konnte man dann innen die für diesen Breitengrad gültige Uhrzeit ablesen.

Die Karte
Der Hersteller dieser Sonnenuhr war aller Wahrscheinlichkeit nach Erhard Etzlaub, einer der bedeutendsten Nürnberger Instrumentenbauer seiner Zeit. Bereits 1500 hatte er eine Landkarte entworfen, die vor allem Pilgern im Heiligen Jahr die Hauptwege quer durch Europa nach Rom aufzeigte. Auch die Landkarte auf dem Deckel der Sonnenuhr hatte offenbar vor allem pilgernde Christen im Blick. Sie ist, wie damals üblich, nach Süden ausgerichtet und reicht von Skandinavien bis nach Afrika. Neben Rom und Santiago de Compostela ist am linken oberen Rand auf Höhe des 30. Breitengrads „Mons Sinai“ eingezeichnet. Das am Berg Sinai gelegene Katharinenkloster war ein weiteres wichtiges Pilgerziel des Mittelalters.
 

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Luxus aus Augsburg
Das ungewöhnlich große Service besteht aus 53 Teilen und umfasst Toilettengarnitur, Schreibzeug und Frühstücksgeschirr – kurzum alles, was eine Dame aus bestem Hause um 1700 im Laufe des Tages benötigte. Gemeinsam ist allen Teilen die bMehr

Luxus aus Augsburg
Das ungewöhnlich große Service besteht aus 53 Teilen und umfasst Toilettengarnitur, Schreibzeug und Frühstücksgeschirr – kurzum alles, was eine Dame aus bestem Hause um 1700 im Laufe des Tages benötigte. Gemeinsam ist allen Teilen die besonders kostbare und fragile Verbindung von Achatelementen und vergoldetem Silber. Alles konnte platzsparend in dem eleganten Koffer aus rotem Leder verstaut oder transportiert werden. Allerdings spricht der gute Erhaltungszustand vieler solcher Service dafür, dass sie selten oder gar nicht benutzt wurden und Statussymbole der wohlhabendsten Kreise waren. Bräutigame schenkten sie oft ihrer Braut als Morgengabe.
Die Silberfassungen wurden Ende des 17. Jahrhunderts vom Goldschmied Tobias Baur aus Augsburg angefertigt, dessen Marke „TB“ auf viele der Einzelstücke gestempelt ist. Die Augsburger Goldschmiede hatten bei der Produktion dieser Luxuserzeugnisse eine nahezu monopolartige Stellung in Nordeuropa.

Morgendliche Repräsentation
Während der Morgentoilette nahm man das Frühstück ein und empfing Besuch, ganz nach dem Vorbild des französischen Hofs. Die frühesten Service dieser Art entstanden entsprechend auch in Frankreich. Dieses Service beinhaltet eine Glocke, mit der man nach dem Personal klingelte, Kerzenständer und eine Lichtputzschere zum Kürzen von Kerzendochten, Kanne und Gießbecken für erfrischendes Wasser, Spiegel, Frisier- und Schminkzubehör. Schreibgeräte und Handstempel durften ebenso wenig fehlen wie Utensilien zum Genuss der morgendlichen Suppe oder des neuen Modegetränks Tee.

Bewunderung und Spott
Die aufwendige Morgentoilette war eines der Distinktionsmerkmale des Adels. Der katholische Prediger Abraham a Sancta Clara erzählt uns um 1700 (nicht ohne moralisierende Hintergedanken) von der Bedeutung der weiblichen Toilette: „Die Dame […] schläfft darauf am Sonntag bis gegen 10 Uhr, dann setzt sie sich zu dem Nacht-Tisch vor dem Spiegel, zwinget die Haare durch Pomade in die Höhe, putzt, stutzt, ziert, schminkt sich, umsteckt sich mit kostbaren Haar- und Zitternadeln; es glänzet alles von Schmück, Silber und Gold …“ Das Ritual zog aber bald auch Spott auf sich, weil es als überzogen wahrgenommen wurde. 

 

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Es klingelt und funkelt
Jedesmal, wenn die Trägerin dieser Goldhaube den Kopf wandte, ertönte ein zartes Klingeln, und die Flindern glänzten und funkelten. Flindern sind kleine Metallplättchen, ähnlich den heutigen Pailletten. Die Basis dieses KopfschmucMehr

Es klingelt und funkelt
Jedesmal, wenn die Trägerin dieser Goldhaube den Kopf wandte, ertönte ein zartes Klingeln, und die Flindern glänzten und funkelten. Flindern sind kleine Metallplättchen, ähnlich den heutigen Pailletten. Die Basis dieses Kopfschmucks bildet eine geknüpfte Seidenhaube, die mit einem Leinenpolster in Form gebracht ist. Aus der Oberfläche ragen unzählige, mit Seidenfäden umwundene Drahtstifte heraus, in die die vergoldeten Kupferplättchen eingehängt sind. Sie waren dadurch beweglich und erzielten so die besonderen visuellen und akustischen Effekte. Die im Nacken gebundenen Bänder blieben beim Tragen unsichtbar. Sie gaben dem Kopfputz Halt.

Mode für den ersten Stand
Die Menschen in Nürnberg waren im 17. Jahrhundert in fünf Stände eingeteilt, von denen die ersten vier allerdings nur ca. 1% der Bevölkerung ausmachten. Kleiderordnungen regelten genau, welcher Stand wann welche Kleidung und Schmuck tragen durfte. In einer Nürnberger Kleiderordnung von 1657 stand explizit, dass eine Flinderhaube mit „eingehängten Plättlein“ Frauen des ersten Stands vorbehalten war. Es gab auch Flinderhauben mit „aufgehefften“ – also festgenähten – „Plättlein“, bei denen das Spiel mit den Lichtreflexen aber längst nicht so wirkungsvoll war. Diese schlichtere Haube durften Frauen bis in den dritten Stand tragen.


Traditionsbewusst oder altmodisch?
Die Flinderhaube galt im 17. Jahrhundert als ehrbar und standesbewusst, aber auch als konservativ. Statt zum althergebrachten „teutschen Habit“ zu greifen, kleidete sich die modebewusste Nürnbergerin nun lieber nach französischer Art. Und während es früher vorgeschrieben war, dass verheiratete Frauen ihre Haare komplett mit einer Haube bedecken mussten, trugen sie nun haarsichtige Kopfbedeckungen wie Hut und Barett. Die Flinderhaube kam 1859, nur wenige Jahre nach der Gründung, in die Sammlung des Germanischen Nationalmuseums.

 

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