Von der Rennbahn ins Kinderzimmer
Modern, ja fast futuristisch erscheint das Automobil-Spielzeug, das August Geigenberger 1903 entworfen hat (Entwurfszeichnung LGA9847/3). Es ist stromlinienförmigMehr

Von der Rennbahn ins Kinderzimmer
Modern, ja fast futuristisch erscheint das Automobil-Spielzeug, das August Geigenberger 1903 entworfen hat (Entwurfszeichnung LGA9847/3). Es ist stromlinienförmig und auf einfache Formen und Farben reduziert. Dennoch entbehrt es nicht eines gewissen Humors, beispielsweise durch die überlangen Arme des Fahrers. Um 1900 waren Automobile noch kein alltäglicher Anblick, und viele Menschen standen ihnen skeptisch gegenüber. Seit 1895 gab es allerdings in Frankreich schon erste Autorennen. Um 1900 fuhren dann bereits raketenförmige Spezialanfertigungen bei diesen Rennen mit, deren Fotos vielleicht sogar Geigenberger zu seinem Entwurf inspirierten.


Karikatur und Kinderbuch
Der Künstler betrieb zusammen mit seinem Bruder Otto in Wasserburg am Inn eine kunstgewerbliche Werkstatt. Vorher lebte er zu Ausbildungszwecken mehrere Jahre lang in München, wo er die Königliche Kunstgewerbeschule besuchte. Hier erhielt er entscheidende künstlerische Impulse im Sinne des Jugendstils. Seine karikaturesken Illustrationen verkaufte er unter anderem an die Zeitschrift Jugend. 1902 schuf er ein Kinderbuch mit dem Titel „Der tapfere Ingobert“.

Spielzeug für eine neue Zeit
Das Bayerische Gewerbemuseum Nürnberg rief 1903 einen Wettbewerb für neuartiges Holzspielzeug aus. Die Lebensreformbewegung, die vor allem in bildungsbürgerlichen Haushalten Anklang fand, forderte naturnahes Spielzeug, dessen einfache Formen der kindlichen Fantasie Raum geben sollten. In diesem Sinne muss man auch Geigenbergers hochgelobte Beiträge zum Wettbewerb verstehen. Die vorliegende Ausführung des Automobils stammt vom Nürnberger Holzbildhauer Jean Stöttner. Um das lokale Handwerk zu fördern, verbreitete das Kultusministerium 1904 die prämierten Entwürfe aus dem Wettbewerb zum Nachbau in Berchtesgaden, Oberammergau und Partenkirchen. Jedoch blieb die handwerkliche Herstellung von Reformspielzeug eine Randerscheinung, da sie nicht mit der industriellen Massenproduktion mithalten konnte.

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Der lange Ton
Die Bassposaune von Isaac Ehe aus dem Jahr 1612 beeindruckt in vielerlei Hinsicht, zunächst durch ihre schiere Größe. Würde man das vollständig verbaute Rohr ausrollen, hätte es eine Länge von über 4,20 m. Um die Tonhöhe bei einer PosaMehr

Der lange Ton
Die Bassposaune von Isaac Ehe aus dem Jahr 1612 beeindruckt in vielerlei Hinsicht, zunächst durch ihre schiere Größe. Würde man das vollständig verbaute Rohr ausrollen, hätte es eine Länge von über 4,20 m. Um die Tonhöhe bei einer Posaune zu regulieren, verändert man die Rohrlänge beim Spielen, indem man zwei U-förmige Rohrteile am unteren Ende gegeneinander verschiebt. Spielt man die tiefsten Töne einer Bassposaune, muss der Zug so weit hinausgeschoben werden, dass der durchschnittliche Arm eines Menschen fast zu kurz ist. Dafür weist dieses Instrument eine Hilfe auf: Die sogenannte „Handhabe“ ist eine kleine Verlängerung, die mit einem Elfenbeingriff verziert ist.

Musikalisches Kunsthandwerk
Das mittelalterliche Nürnberg hat eine lange Tradition der Blechblasinstrumentenbauer. Zwischenzeitlich waren in der freien Reichsstadt solch hoch spezialisierte Kunsthandwerker tätig, dass sogar der Papst dort Instrumente für den Vatikan bestellte. Doch auch in Nürnberg selbst spielte Musik eine bedeutende Rolle; so unterhielt die Stadt schon seit Ende des 14. Jahrhunderts ein eigenes Stadtpfeifer-Ensemble. Neben Holzblasinstrumenten wie Pommer und Zink durfte dabei eine Posaune nicht fehlen. Einige Stadtpfeifer waren selbst bedeutende Instrumentenbauer – zu ihnen gehörte auch Isaac Ehe.

Musik für den Frieden
Stadtpfeifer spielten bei offiziellen Anlässen, öffentlichen Kundgebungen und in der Kirche. Durch die besondere politische Situation der freien Reichsstadt Nürnberg waren der Rat der Stadt und die Patrizier eng verbunden: In den Zwischenräumen der Inschrift auf dem Schallkranz „MACHT ICH ISAC EHE NVR MBE 1612“ [=Nuremberg] sind die Wappen von sieben Nürnberger Patriziergeschlechtern eingraviert: Volckamer, Harsdörfer, Tetzel, Haller von Hallerstein, Starck, Nützel und Prünsterer. Die reichen Verzierungen und die Wappen sprechen dafür, dass das Instrument für den Rat der freien Reichsstadt Nürnberg gefertigt wurde. Mit großer Wahrscheinlichkeit erklang die Posaune auch beim Nürnberger Friedensmahl 1649, als im Rathaus internationale Diplomaten das Ende des Dreißigjährigen Krieges und damit den Anfang des Europäischen Friedens feierten.
 

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Elegante Schlichtheit
Auf den ersten Blick besticht die Keramik-Vase durch ihre Schlichtheit, ihre leuchtend kobaltblaue Farbe und ihre elegante Knospenform. Sie entstand um 1870 in der Pariser Werkstatt von Théodore Deck. Über dem Standring geht die zylMehr

Elegante Schlichtheit
Auf den ersten Blick besticht die Keramik-Vase durch ihre Schlichtheit, ihre leuchtend kobaltblaue Farbe und ihre elegante Knospenform. Sie entstand um 1870 in der Pariser Werkstatt von Théodore Deck. Über dem Standring geht die zylindrische Vase in lange blattartige Gebilde über, zwischen denen ein niedriger Hals sitzt. Erst bei genauerer Betrachtung fallen zwei Ornamentbänder auf: Über dem Standring liegen Wellen und um den Hals ein Rautenmuster. In der blauglasierten Bodenfläche ist die Marke TH DECK eingepresst.

Erneuerer der Keramik
Joseph-Théodore Deck (1823–1891) war zunächst Lehrling in Straßburg. Auf seiner Wanderschaft kam er nach Österreich und nach Preußen. 1856 eröffnete er zusammen mit seinem Bruder in Paris eine Werkstatt für dekorative Keramik. Er gilt als Erneuerer der Fayence-Erzeugung, wobei er alte Techniken mit modernen Verfahren neu entwickelte. Seine Erkenntnisse veröffentlichte er 1887 in dem Buch „La Faïence“, welches zu einem Standardwerk seines Genres wurde. Auch die vorliegende Vase ist eine Fayence. Man bezeichnet damit Keramik, deren gelblicher oder rötlicher Scherben mit einer zinnoxidhaltigen, deckenden Glasur überzogen ist. Oft war die Glasur weiß und man bemalte sie mit blauen Motiven – aber nicht immer, wie dieses Beispiel zeigt.

Weltweite Inspiration
1862 zeigte Deck erstmals islamischen Dekor auf seinen Erzeugnissen. Gleichzeitig erforschte und perfektionierte er die dazugehörigen Handwerkstechniken. Von der Japan-Begeisterung der 1870er Jahre ließ er sich ebenso wie die meisten europäischen Kunstschaffenden anstecken. Im darauffolgenden Jahrzehnt erkundete er dann die chinesische Keramiktradition. Bei der vorliegenden Vase ist nur ein vager außereuropäischer Einfluss zu erkennen. Im Vergleich dazu waren andere Stücke Decks wesentlich komplexer und virtuoser. Seine Werkstatt stellte auf mehreren Weltausstellungen aus und erzielte dort große Erfolge. Auf der Pariser Weltausstellung von 1878 erwarb das Bayerische Gewerbemuseum die dargestellte Vase für seine Lehrsammlung.

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Ein besonderes Geschenk
Wie viele Rüstungen in der Sammlung des GNM war dieser Plattenharnisch für das Turnier bestimmt. Er gehörte zu einer Serie von sechs gleichartigen Harnischen mit Zusatzstücken für verschiedene Disziplinen. In Auftrag Mehr

Ein besonderes Geschenk
Wie viele Rüstungen in der Sammlung des GNM war dieser Plattenharnisch für das Turnier bestimmt. Er gehörte zu einer Serie von sechs gleichartigen Harnischen mit Zusatzstücken für verschiedene Disziplinen. In Auftrag gegeben hat ihn die sächsische Kurfürstin Sophie als Geschenk für ihren Ehemann, Christian I. von Sachsen. Der turnierbegeisterte Kurfürst hatte in seiner Dresdner Residenz eigens einen Platz für Reiterspiele bauen lassen, der 1591 fertiggestellt wurde. Zu Weihnachten jenes Jahres sollte er die Rüstungen als Geschenk bekommen. Christian I. starb jedoch kurz vor dem Fest im Alter von nur 30 Jahren.

Aufgerüstet
Sowohl für das Turnier als auch die Feldschlacht wurden Rüstungen im 16. Jahrhundert als eine Art modularer Bausatz hergestellt. Diese sogenannte Harnischgarnituren konnten – je nach Kampfart oder Turnierdisziplin – zum besseren Schutz mit Zusatzteilen verstärkt werden. Die einzelnen Elemente waren mit Lederriemen verbunden, Schnallen ermöglichten einen raschen Austausch.
In der gezeigten Zusammenstellung ist der Harnisch speziell für den Turnierkampf zu Fuß konzipiert. Schultern und Fingerhandschuhe waren durch die vielen Glieder besonders beweglich, was für den Schwertkampf wichtig war. Da hierbei die Schläge vor allem von oben kamen, ist der Helm mit einem hohen Grat verstärkt. Die Schultern sind so gearbeitet, dass die Rüstung auch für den Reiterkampf geeignet war: Die rechte Schulter ist vor der Achselhöhle offen, so dass genügend Raum für eine Lanze blieb.

Handwerkliche Meisterleistung
Als der Plattenharnisch entstand, war die Blütezeit des Plattnerhandwerks bereits vorbei. Ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts war zur Ausrüstung von großen Söldner­heeren vor allem schlichte Massenware für Hunderte von Fußsoldaten gefragt. Der in Augsburg tätige Anton Pfeffenhauser war einer der letzten großen Plattnermeister, der solche Maßanfertigungen schuf. Er veredelte das Metall mit einer technisch sehr schwierigen Bläuung. Dafür wird das polierte Blech gleichmäßig auf etwa 300°C erhitzt, bis die Oberfläche erst rötlich, dann blau anläuft. Zusammen mit den Blattranken in vergoldeter Ätzung zeigt Pfeffenhauser bei diesem Harnisch alle Raffinessen seiner Handwerkskunst.
 

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Ein selbstbewusster Kavalier
Im frontalen Gegenüber malte sich Rembrandt mit einer Halsberge (einem „Panzerkragen“ aus Metall) und einer Liebeslocke. Er zeigt sich damit im Kostüm des höfischen Kavaliers. Bei der Liebeslocke, die an Rembrandts verschatteMehr

Ein selbstbewusster Kavalier
Im frontalen Gegenüber malte sich Rembrandt mit einer Halsberge (einem „Panzerkragen“ aus Metall) und einer Liebeslocke. Er zeigt sich damit im Kostüm des höfischen Kavaliers. Bei der Liebeslocke, die an Rembrandts verschatteter Kopfseite auf die Schulter herabfällt, handelte es sich um einen Trend der aristokratischen Männermode. Rembrandts Abstammung war jedoch keineswegs adelig. Mit der Kostümierung und dem direkten Blick aus dem Bild zum Betrachter markiert das Nürnberger Bildnis einen Wendepunkt in Rembrandts Selbstdarstellung: Selbstbewusst trägt der junge Maler seinen gesellschaftlichen, geradezu aristokratischen Anspruch vor.

Statussymbole – Die frühen Selbstbildnisse
Diese gesellschaftlichen Ambitionen sind vor allem in den frühen, in Leiden entstandenen Selbstbildnissen Rembrandts ablesbar, bevor er sich in seiner Amsterdamer Zeit ab 1631 als Bürger und später schließlich auch als arbeitender Maler zeigte. Eines der Selbstbildnisse im höfischen Kostüm gelangte schon um 1630 in die Sammlung des englischen Königs. Dies belegt, dass sie von vornherein zum Verkauf und für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Der Diplomat Constantijn Huygens bezeichnete ihn schon damals als überragendes Malergenie, sagte ihm jedoch gleichzeitig einen gewissen Hochmut nach.
Manche Selbstbildnisse Rembrandts in Kostümierung erinnern an sogenannte Tronies – Studien von Gesichtern, mit denen Ausdruck, Mimik und Charakterdarstellungen erprobt wurden. Es scheint, als ob Rembrandt hier Selbstbildnis und Charakterkopf miteinander verband.

Von der Kopie zum Original
Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert galt das Nürnberger Selbstbildnis als Kopie eines Gemäldes im Mauritshuis in Den Haag, über dessen Eigenhändigkeit bis in die frühen 1990er Jahre weitgehend Einigkeit herrschte. 1998 untersuchte eine internationale Expertengruppe die beiden Gemälde im Germanischen Nationalmuseum. Mittels Röntgenaufnahmen wurden am Nürnberger Gemälde Veränderungen im Verlauf des Werkprozesses, sogenannte Pentimenti, festgestellt. Sie dokumentieren Rembrandts kreativen Prozess. Hingegen konnte auf der wesentlich glatter ausgeführten Haager Tafel mithilfe der Infrarotreflektografie eine Vorzeichnung sichtbar gemacht werden, deren Linienführung exakt dem Umriss des Nürnberger Kopfes entspricht. Offenbar wurden dessen Konturen mithilfe einer Schablone auf die Haager Tafel übertragen. So konnte bewiesen werden, dass es sich bei der Nürnberger Tafel um das eigenhändige Selbstporträt Rembrandts handelt.

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Vermessung der Welt
Astrolabien sind komplexe Zeit- und Raummessinstrumente in handlichem Format. Sie dienten zur genauen Messung von Winkeln, um damit Höhen und Entfernungen genau zu bestimmen. Mit ihrer Hilfe konntMehr

Vermessung der Welt
Astrolabien sind komplexe Zeit- und Raummessinstrumente in handlichem Format. Sie dienten zur genauen Messung von Winkeln, um damit Höhen und Entfernungen genau zu bestimmen. Mit ihrer Hilfe konnte man ohne das von Sonnenuhren benötigte Tageslicht auch nachts die genaue Zeit ablesen. Auf ihrer zweidimensionalen Scheibe bilden sie das Himmelsgewölbe über einem bestimmten Standpunkt auf der Erde ab. Mit verschiedenen gravierten Einlegescheiben kann man das Gerät auf den jeweiligen Breitengrad einstellen.
Die vielfachen Mess- und Orientierungsfunktionen machten Astrolabien zu einem wichtigen Instrument der Seefahrt. Zusammen mit gedruckten Tabellen erleichterten sie die Navigationsmöglichkeiten von Hochseeseglern.

Antikes Erbe – arabische Herkunft
Entwickelt wurden Astrolabien von griechischen Wissenschaftlern in der Antike. Sie wurden im islamisch-arabischen Kulturraum intensiv genutzt und gelangten im Mittelalter zurück nach Europa. Auch dieses Astrolabium stammt aus dem Nahen Osten. Die eingravierten Namen in arabischer Schrift bezeugen, dass es im 12. oder 13. Jahrhundert vom arabischen Meister Al-Sahl al-Nisaburi für den Herrscher der syrischen Stadt Hama hergestellt wurde. Die Datierung schwankt um hundert Jahre, da es in Hama drei Fürsten gleichen Namens gab. Eine Besonderheit dieses Astrolabiums sind die zwölf arabisch beschrifteten Tänzer und Fabelwesen, die auf der Rückseite als „Sternenzeiger“ dienen. Als Weltmodelle waren so aufwendig gestaltete Astrolabien beliebte Statussymbole von Herrschern.

Ein reines Schaustück?
Auf welchen Wegen dieses Astrolabium nach Nürnberg kam, ist nicht bekannt. Es soll sich im Spätmittelalter im Besitz des Johannes Regiomontanus befunden haben. Der Mathematiker und Astronom war 1471 nach Nürnberg gezogen, wo er systematische Beobachtungen des Himmels mit selbst konstruierten Geräten betrieb. Die Reichsstadt war für ihre Metallhandwerke berühmt und im 15./16. Jahrhundert eines der wichtigsten Zentren für den Bau wissenschaftlicher Instrumente.
Ob das Astrolabium des al-Sahl al-Nisaburi jemals praktisch zum Einsatz kam, ist höchst zweifelhaft. Denn die zugrunde liegenden Fixsternpositionen waren zu seinem Entstehungszeitpunkt bereits veraltet. Möglicherweise handelt es sich um ein reines Schaustück. In Nürnberg gelangte es in die Sammlung der Stadtbibliothek. 1877 kam es als Dauerleihgabe an das GNM, das mit 14 Astrolabien eine der bedeutendsten Sammlung dieser Instrumente weltweit beherbergt.
 

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Fossiler Schmuckstein
Dieser prächtige Kabinettschrank entstand in Nordostdeutschland, möglicherweise in Königsberg. Alle sichtbaren Flächen seines Holzkerns sind mit Bernstein belegt. Bernstein ist ein fossiles Baumharz, das schon seit vorgeschichtlicheMehr

Fossiler Schmuckstein
Dieser prächtige Kabinettschrank entstand in Nordostdeutschland, möglicherweise in Königsberg. Alle sichtbaren Flächen seines Holzkerns sind mit Bernstein belegt. Bernstein ist ein fossiles Baumharz, das schon seit vorgeschichtlicher Zeit für Schmuckgegenstände verwendet wurde. Er kommt vor allem an der Ostseeküste vor, besonders in der Gegend von Königsberg. Die Bernsteinplatten sind in unterschiedlicher Stärke geschnitten und zeigen Farbschattierungen von hellem Beige bis zu dunklem Braun. Die Transparenz ist bei Dunkelrot am stärksten, die beinfarbenen Stellen sind dagegen vollkommen undurchsichtig. Daran sind mikroskopisch kleine Luftbläschen schuld. Teilweise sind die transparenten Bernsteinstücke mit Metallfolie hinterlegt, um das einfallende Licht zu reflektieren und die Farbwirkung zu steigern.

Allegorische Reliefs
Zwischen den geschliffenen Platten verstecken sich zahlreiche Reliefs, die man erst bei genauerem Hinsehen entdeckt. Kleine Bildfelder stellen die vier Elemente dar. Auf der linken Schrankseite verweisen Scheiterhaufen und Fackeln auf das Element Feuer. Die zahlreichen Muscheln und die Delphine der rechten Schrankwand stehen für das Wasser. Wolkenbänder, Vögel und Musikinstrumente auf der linken Tür verkörpern das Element Luft. Reliefs auf der Türmitte stellen die antiken Musen dar. Auf der rechten Tür verweisen Vierfüßler auf das Element Erde. Hier versinnbildlichen die Figuren im Mittelrelief wohl die Architektur und die Wissenschaft. In der oberen Hälfte der Türen lagern die Gottheiten Apollo (rechts) und Ceres (links). Dies legt die Schlussfolgerung nahe, dass die Reliefs ursprünglich gegengleich angebracht waren, sodass Apollo den Musen und Ceres der Erde zugeordnet war.

Ein besonderer Anlass?
Kabinettschränke dienten als private Sammlungs- und Aufbewahrungsmöbel für besondere Kostbarkeiten. Das vorliegende Exemplar aus Bernstein stammt wegen seiner exquisiten kunsthandwerklichen Ausführung und seines hohen Materialwerts vermutlich aus einer höfischen Sammlung. Größe und Pracht deuten auf einen besonderen Auftrag hin. Möglicherweise entstand der Schrank anlässlich der Hochzeit Friedrichs I., König von Preußen, mit Sophie Luise von Mecklenburg-Schwerin im Jahr 1708.
 

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Silber trifft auf Elfenbein
Friedrich Adler entwarf 1910 die silberne Prunkbowle, deren Umsetzung die Nürnberger Goldschmiedewerkstatt J. C. Wich übernahm. Sie ist nicht als Gebrauchsgegenstand, sondern als Schaustück zu verstehen. Dem zylindrischen UnteMehr

Silber trifft auf Elfenbein
Friedrich Adler entwarf 1910 die silberne Prunkbowle, deren Umsetzung die Nürnberger Goldschmiedewerkstatt J. C. Wich übernahm. Sie ist nicht als Gebrauchsgegenstand, sondern als Schaustück zu verstehen. Dem zylindrischen Unterbau der Bowle sind gedrechselte Elfenbeinsäulchen vorgelagert. Die eigentliche Schale ist trompetenförmig und zeigt stilisiertes Rankenwerk vor patiniertem Grund. Auf dem Deckel verbinden sich sphärische Dreiecke zu flachen Zeltspitzen. Der Knauf ist eine Arbeit aus durchbrochenem Elfenbein, durch deren Löcher man die vergoldete Figur eines Trinkenden erkennt. Die Elfenbein-Arbeiten stammen von Adlers Schüler und Mitarbeiter Emil Kellermann.

Tradition und Innovation
Adler und Kellermann lernten sich bei den kunstgewerblichen Meisterkursen des Bayerischen Gewerbemuseums in Nürnberg kennen. Von 1910 bis 1913 leitete Adler vier der insgesamt elf Meisterkurse, die die Qualität und aktuelle Strömungen der bayerischen Kunstindustrie fördern sollten. Aus Adlers und Kellermanns Lehrer-Schüler-Beziehung entwickelte sich eine mehrjährige Zusammenarbeit. In der Prunkbowle setzten sie sowohl traditionelle als auch innovative Impulse um. Die Durchbrucharbeit am Knauf ist dafür beispielhaft: Einerseits kann man sie auf die stilisierten Naturdarstellungen in Erich Haeckels Bildband „Kunstformen der Natur“ (1904; besonders Tafel 22), zurückführen; andererseits bekrönten durchbrochene Sphären schon in der Elfenbeinschnitzerei des 17. Jahrhunderts zahlreiche Pokale.

Erster Weltkrieg und Holocaust
Das Bayerische Gewerbemuseum kaufte die Prunkbowle gleich nach ihrer Entstehung für die Lehrsammlung an. Als das Stück 1914 für eine Ausstellung nach Lyon verliehen wurde, brach der Erste Weltkrieg aus, woraufhin Frankreich die Rücksendung der Leihgaben verweigerte. Die Prunkbowle fand ihren Weg auf den Kunstmarkt, konnte 1976 aber für das Museum zurückgekauft werden. Adler selbst war noch bis 1933 extrem erfolgreich und gefragt. Dann verhängten die Nationalsozialisten ein Arbeitsverbot über den jüdischen Kunsthandwerker und Lehrer. Letztendlich konnte nur ein Teil seiner Familie fliehen. 1942 wurde Adler im Konzentrationslager Auschwitz ermordet.

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Made in Augsburg
Die Idee, Saiten durch einen Hammer anzuschlagen, statt diese wie beim Cembalo durch einen Federkiel anzuzupfen, wurde um 1700 in Italien entwickelt. Den entscheidenden Schritt zur Durchsetzung dieser neuen Technologie machte Johann AndrMehr

Made in Augsburg
Die Idee, Saiten durch einen Hammer anzuschlagen, statt diese wie beim Cembalo durch einen Federkiel anzuzupfen, wurde um 1700 in Italien entwickelt. Den entscheidenden Schritt zur Durchsetzung dieser neuen Technologie machte Johann Andreas Stein aus Augsburg, einer der wichtigsten Klavierbauer der Musikgeschichte. Er erfand eine Flügelmechanik, die mit sehr wenigen Bauteilen auskommt, leicht zu warten ist und äußerst sensibel auf den Anschlag des Spielers reagiert. Aufgrund ihrer verschiedenen Bauteile trägt sie heute den Namen „Prellzungenmechanik“. Mit seiner Erfindung begründete Stein die berühmte Wiener Klavierbautradition, da seine Mechanik dort aufgenommen und weiterentwickelt wurde.

Piano und Forte
Die Erfindung des Klaviers in Florenz um 1700 war eine kleine Revolution, nicht nur, weil dadurch der Hammer den Federkiel beim Saitenanschlag ersetzte. Die neuartige Mechanik ermöglichte es, erstmals die Lautstärke allein durch entsprechenden Druck auf die Taste zu regulieren. Register wie beim Cembalo waren nun nicht mehr nötig. Das neue stufenlose Spiel von leise und laut – italienisch „piano e forte“ – war Namensgeber für das Pianoforte, oder kurz: Piano. Wenngleich heute vor allem historische Flügel als Hammerflügel bezeichnet werden, hat das Alter des Instruments auf diese Bezeichnung keinen Einfluss. Auch der moderne Konzertflügel ist technisch betrachtet ein Hammerflügel.

Mozart klingt
Äußerlich unterscheiden sich die frühen Hammerflügel allerdings deutlich von modernen Instrumenten. Statt auf drei, stehen sie meist auf vier oder fünf Beinen. Die heute so typische Lyra mit den Fußpedalen gab es noch nicht. Die Funktion des heutigen rechten Pedals, die Aufhebung der Dämpfung, existierte aber durchaus. Sie wurde durch zwei mit den Knien zu bedienende Hebel unter der Klaviatur betätigt. Ebenfalls augenfällig ist die filigrane, dünnwandige Bauweise. Noch gab es keine Metallstreben oder schwere eiserne Gussplatten über dem Resonanzboden, wie sie der tonnenschwere Saitenzug moderner Flügel erforderlich macht. Dementsprechend waren die frühen Flügel viel leiser als heutige Instrumente. Von Wolfgang Amadeus Mozart wissen wir, dass er die Instrumente aus der Werkstatt Steins sehr schätzte. Zu seiner Zeit galten sie als das Beste, was an Flügeln zu bekommen war.
 

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