Ein schlichtes Kleid?
Fast ohne Zier kommt dieses lachsfarbene Kleid aus hochwertigem Seidentaft aus. Durch die Reduktion der Ornamente wird das Wesentliche zur Schau gestellt. Es war passgenau für seine Trägerin geschneidert und umspielte schmeichelnd ihMehr

Ein schlichtes Kleid?
Fast ohne Zier kommt dieses lachsfarbene Kleid aus hochwertigem Seidentaft aus. Durch die Reduktion der Ornamente wird das Wesentliche zur Schau gestellt. Es war passgenau für seine Trägerin geschneidert und umspielte schmeichelnd ihre Körperform. Nur die Brustpartie und die Ärmel liegen eng an, während der restliche Stoff frei fallen kann. Die Schleppe des Kleids macht deutlich, dass es sich um ein Festgewand handelt. Schließlich findet man am Rücken doch noch ein Zierelement: Die Reihe von seidenbezogenen Holzknöpfen hat keine Funktion und betont lediglich die lange Rückenpartie des Kleides.


„Die neue Griechin“
Im 18. Jahrhundert, dem sogenannten Spätbarock oder Rokoko, war die höfische Frauenmode extrem einengend gewesen. Der Oberkörper wurde von einem Korsett eingeschnürt und unter der Taille begann ein riesiger Reifrock, der selbst alltägliche Bewegungen zu einer Herausforderung machte. Doch mit der Aufklärung begann das Bürgertum die „unnatürlichen“ Ideale des höfischen Zeremoniells abzulehnen. Stattdessen orientierten es sich an der „natürlichen“ Kleidung der antiken Griechen, die vor allem in Skulpturen überliefert war. Man nennt diese Epoche auch Klassizismus. Texte aus dieser Zeit beschreiben, dass die Bewegungen der Frauen, die als „neue Griechinnen“ gekleidet waren, viel natürlicher seien und ihr Wesen besser zur Geltung komme.

Frankreich und die Welt
Im 19. Jahrhundert war die hohe Taille der Damenkleider eine Konstante, die man bis heute in der Mode wiederfindet. Sie wird meist als Empire-Taille bezeichnet. Der Begriff kommt aus Frankreich, wo die griechische Mode im ersten Kaiserreich, dem sogenannten Empire, besonders beliebt war. Die Französinnen der Oberschicht kleideten sich gerne in der „mode à la grecque“. Denn nach der Französischen Revolution waren die Ideale der antiken griechischen Republiken populär. Der modische Pomp der Feudalgesellschaft wurde vorübergehend durch schlichte Bescheidenheit ersetzt. Doch konnte eine wohlhabende Frau hochwertigere Stoffe und bessere Verarbeitung wählen, womit sie sich subtil von der Mehrheit abhob.
 

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Ein Jahrhundertfund
Der Goldhut entstand vor ungefähr 3000 Jahren, in der späten Bronzezeit. Er kam 1953 im Wald bei den Ortschaften Ezelsdorf und Buch beim Roden von Baumstümpfen ans Tageslicht, wurde dabei jedoch in viele kleine Einzelteile zerhackt. NaMehr

Ein Jahrhundertfund
Der Goldhut entstand vor ungefähr 3000 Jahren, in der späten Bronzezeit. Er kam 1953 im Wald bei den Ortschaften Ezelsdorf und Buch beim Roden von Baumstümpfen ans Tageslicht, wurde dabei jedoch in viele kleine Einzelteile zerhackt. Nachdem der sensationelle Rang des Fundes vom Germanischen Nationalmuseum erkannt worden war, konnten die Fragmente einer aufwändigen Restaurierung im Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz zusammengefügt werden. Ursprünglich hatte der Hut wohl auch eine breite Krempe, von der jedoch nur ein kleines Fragment gefunden wurde.


Handwerk der Bronzezeit
Die technische Perfektion des Huts ist herausragend. Er wurde mit dem Hammer aus einem einzigen Goldstück herausgetrieben. Nur 310 Gramm wiegt der Kegel. Seine Wandung ist so dünn wie Papier. Er ist bis in die Spitze mit Zierbändern aus unterschiedlichen Ornamenten versehen, darunter Kreise, Räder, mandelförmige Buckel und kleine quergestreifte Kegel – sie stellen wohl den Hut selbst in Miniaturformat dar. Mehr als 20 verschiedene Stempel und sechs Rollstempel wurden für die Punzierung verwendet. Diesen Stil kennen wir von in Westeuropa verbreiteten goldenen Scheiben und Schalen aus der Bronzezeit, die als Vergleichstücke zur Datierung herangezogen werden. Es gibt heute nur drei vergleichbare Kegelhüte aus Gold, die in Museen in Speyer, Berlin und Saint-Germain-en-Laye nahe Paris zu sehen sind. Die Verbreitung der Fundorte dieser und anderer zeremonieller Fundstücke über ganz Europa belegt einen weiträumigen Austausch von technischem Know-how und Glaubensvorstellungen in der Bronzezeit.

Kult der Sonne?
Das Material und die vielen Scheibenmotive sind Hinweise auf einen bronzezeitlichen Sonnenkult. Höchstwahrscheinlich trug eine hochgestellte Persönlichkeit die prächtige Kopfbedeckung bei zeremoniellen kultischen Anlässen. Der Goldhut wurde wohl vergraben, als die damit verbundenen religiösen Vorstellungen erloschen. Für den Nürnberger Goldhut und ein weiteres Exemplar in Speyer gilt außerdem, dass sie scheinbar senkrecht im Boden vergraben wurden.
 

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Versteckte Funktion
Der Tafelaufsatz aus vergoldetem Silber entstand 1503 oder kurz vorher. Er ist eines der größten und frühesten erhaltenen Tafelschiffe. Nimmt man das Deck ab, so offenbart sich der leere Schiffsbauch. Darin haben zwei Liter Getränk Platz. DaMehr

Versteckte Funktion
Der Tafelaufsatz aus vergoldetem Silber entstand 1503 oder kurz vorher. Er ist eines der größten und frühesten erhaltenen Tafelschiffe. Nimmt man das Deck ab, so offenbart sich der leere Schiffsbauch. Darin haben zwei Liter Getränk Platz. Das Prunkstück ist extrem detailreich, verdeutlicht symbolisch den gesellschaftlichen Status seines Besitzers und erfüllt außerdem praktische Zwecke. Der Versuch, all diesen Ansprüchen gleichzeitig zu genügen, ist typisch für Meisterwerke der Goldschmiedekunst um 1500.


Ein Hochseeschiff fernab vom Meer
Das Schiff lässt sich als Karacke identifizieren. Die charakteristischen Bestandteile einer Karacke sind drei Masten, ein bauchiger Rumpf, ein hoher Aufbau am Bug sowie ein hoher Aufbau am Heck, der bereits am Großmast beginnt. Diese Schiffsform war seit dem 14. Jahrhundert unersetzlich für den europäischen Handel und später auch für die koloniale Eroberung. Da Nürnberg zwar eine reiche Handelsstadt war, jedoch weit vom Meer entfernt lag, ist die extrem genaue Wiedergabe des Schiffs durch einen unbekannten Nürnberger Goldschmied besonders bemerkenswert.

Viel zu entdecken
Die zahlreichen Details machen den Tafelaufsatz zu einem unterhaltsamen Blickfang für die Festgäste. 74 Figuren bilden eine erstaunliche Bandbreite an Aktivitäten ab. Viele davon sind typisch für die Seefahrt, wie zum Beispiel das Beladen, die Arbeit an den Segeln oder die Feindesabwehr. Man findet jedoch auch unerwartete Figuren, wie eine Wäsche waschende Frau, einen Mönch mit Kutte, und einen Matrosen, der am Bordrand sein Hinterteil entblößt. Auf dem geblähten Segel – am vorderen, sogenannten Fockmast – findet sich das „N“ als Zeichen der Nürnberger Silberbeschau, das Qualitätssiegel der Nürnberger Silberproduktion. Der Drache am Bug des Schiffs sowie die Meerfrau im Sockel verleihen dem Tafelaufsatz eine fantastische Note.

Die Besitzer und Namensgeber
Das Schiff bezieht seinen Namen von der Nürnberger Familie Schlüsselfelder. Ihr Wappen mit drei Schlüsseln ist auf der Fahne am Fockmast, über dem geblähten Segel, zu sehen. Der Auftraggeber war wohl Wilhelm Schlüsselfelder der Ältere, der sein Vermögen im Silberbergbau und -handel verdient hatte, aber noch kein Angehöriger des Patriziats war. Silberne Schiffe auf einer Festtafel waren im Mittelalter ein Privileg des höchsten Adels. Dass ein Kaufmann ein solches Werk in Auftrag gab, zeigt das Selbstbewusstsein des städtischen Bürgertums am Anfang der Neuzeit. Auch das passgenaue Futteral (HG2148) ist erhalten.

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Ein einzigartiger Fund
Auf diesen römischen Paradehelm aus der Zeit zwischen 175 und 250 nach Christi Geburt stieß man 1974 bei einem Wettpflügen in Theilenhofen im Kreis Weißenburg-Gunzenhausen in Mittelfranken. Es war ein einzigartigerMehr

Ein einzigartiger Fund
Auf diesen römischen Paradehelm aus der Zeit zwischen 175 und 250 nach Christi Geburt stieß man 1974 bei einem Wettpflügen in Theilenhofen im Kreis Weißenburg-Gunzenhausen in Mittelfranken. Es war ein einzigartiger Fund: Zuvor kannte man Helme dieser Art nur durch Darstellungen und Fragmente, und nun war erstmals ein vollständig rekonstruierbares Exemplar aufgetaucht. Der Helm wurde auf dem Areal des zum Kastell Iciniacum gehörenden Lagerdorfes gefunden..


Symbole der Macht
Der Helm ist aus mehreren Bronzeblechen zusammengesetzt. In Resten kann man erkennen, dass er ursprünglich völlig verzinnt gewesen war und damit silberhell glänzte. Ein Adler, Symbol des höchsten Gottes Jupiter und der römischen Staatsmacht, bekrönt den Helm. In Scheitelrichtung weist der Helm drei eindrucksvolle Kämme auf. Der mittlere wurde ursprünglich von einem hohen Helmbusch geziert, worauf die Befestigungslöcher an den Enden hinweisen. Zwei Löwen, Symbole für Macht, zieren die äußeren Kämme des Helms. Als Gesichtsschutz dienen bewegliche Wangenklappen. Sie zeigen Flachreliefs von Adlern mit Siegeskränzen im Schnabel. Auf dem Stirnband prangt eine Gravur des Kriegsgottes Mars zwischen zwei Feldzeichen. Links und rechts davon ist jeweils eine Siegesgöttin zu sehen. Das Stirnband wird seitlich von unheilabwehrenden Medusenköpfen abgeschlossen.


Schutz oder Zier?
Derartige Paradehelme wurden nicht im Kampf, sondern bei militärischen Reiterübungen getragen. Innen wurde wohl zusätzlich ein Kopfschutz aus Leder befestigt. Ähnliche, aber nicht ganz so aufwendig gestaltete Helme kennt man etwa von Darstellungen auf dem 312-315 errichteten Triumphbogen des Kaisers Constantin in Rom.

 

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Silber trifft auf Elfenbein
Friedrich Adler entwarf 1910 die silberne Prunkbowle, deren Umsetzung die Nürnberger Goldschmiedewerkstatt J. C. Wich übernahm. Sie ist nicht als Gebrauchsgegenstand, sondern als Schaustück zu verstehen. Dem zylindrischen UnteMehr

Silber trifft auf Elfenbein
Friedrich Adler entwarf 1910 die silberne Prunkbowle, deren Umsetzung die Nürnberger Goldschmiedewerkstatt J. C. Wich übernahm. Sie ist nicht als Gebrauchsgegenstand, sondern als Schaustück zu verstehen. Dem zylindrischen Unterbau der Bowle sind gedrechselte Elfenbeinsäulchen vorgelagert. Die eigentliche Schale ist trompetenförmig und zeigt stilisiertes Rankenwerk vor patiniertem Grund. Auf dem Deckel verbinden sich sphärische Dreiecke zu flachen Zeltspitzen. Der Knauf ist eine Arbeit aus durchbrochenem Elfenbein, durch deren Löcher man die vergoldete Figur eines Trinkenden erkennt. Die Elfenbein-Arbeiten stammen von Adlers Schüler und Mitarbeiter Emil Kellermann.

Tradition und Innovation
Adler und Kellermann lernten sich bei den kunstgewerblichen Meisterkursen des Bayerischen Gewerbemuseums in Nürnberg kennen. Von 1910 bis 1913 leitete Adler vier der insgesamt elf Meisterkurse, die die Qualität und aktuelle Strömungen der bayerischen Kunstindustrie fördern sollten. Aus Adlers und Kellermanns Lehrer-Schüler-Beziehung entwickelte sich eine mehrjährige Zusammenarbeit. In der Prunkbowle setzten sie sowohl traditionelle als auch innovative Impulse um. Die Durchbrucharbeit am Knauf ist dafür beispielhaft: Einerseits kann man sie auf die stilisierten Naturdarstellungen in Erich Haeckels Bildband „Kunstformen der Natur“ (1904; besonders Tafel 22), zurückführen; andererseits bekrönten durchbrochene Sphären schon in der Elfenbeinschnitzerei des 17. Jahrhunderts zahlreiche Pokale.

Erster Weltkrieg und Holocaust
Das Bayerische Gewerbemuseum kaufte die Prunkbowle gleich nach ihrer Entstehung für die Lehrsammlung an. Als das Stück 1914 für eine Ausstellung nach Lyon verliehen wurde, brach der Erste Weltkrieg aus, woraufhin Frankreich die Rücksendung der Leihgaben verweigerte. Die Prunkbowle fand ihren Weg auf den Kunstmarkt, konnte 1976 aber für das Museum zurückgekauft werden. Adler selbst war noch bis 1933 extrem erfolgreich und gefragt. Dann verhängten die Nationalsozialisten ein Arbeitsverbot über den jüdischen Kunsthandwerker und Lehrer. Letztendlich konnte nur ein Teil seiner Familie fliehen. 1942 wurde Adler im Konzentrationslager Auschwitz ermordet.

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Sicher verwahrt
Der hausförmige Schrein enthielt einmal die wichtigsten Reliquien – das „Heil(ig)tum“ – des Reiches. Als Teil des Kronschatzes untermauerten sie die Macht deutscher Herrscher, die ihnen nach damaliger Vorstellung durch göttliche GnaMehr

Sicher verwahrt
Der hausförmige Schrein enthielt einmal die wichtigsten Reliquien – das „Heil(ig)tum“ – des Reiches. Als Teil des Kronschatzes untermauerten sie die Macht deutscher Herrscher, die ihnen nach damaliger Vorstellung durch göttliche Gnade zukam. Zusammen mit den anderen Reichsinsignien – unter anderem Krone, Reichsapfel, Zepter und Schwert – waren sie 1424 von König Sigismund der freien Reichsstadt Nürnberg zur dauerhaften Aufbewahrung übergeben worden. Im böhmischen Kerngebiet seiner Herrschaft wüteten in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts immer wieder Kriege gegen die Hussiten. Seine Geburtsstadt Nürnberg erschien dem König für die Verwahrung der Reichskleinodien als sicherster Ort.


Ein angemessenes Behältnis
Von 1438 bis 1440 entstand der Schrein im Auftrag des Nürnberger Rats. Er war eine Gemeinschaftsarbeit mehrerer einheimischer Handwerker und Künstler. Das hölzerne Gehäuse schuf der Schreiner Hans Nürnberger, die silbernen Wappen fertigten die Goldschmiede Peter Ratzko und Hans Scheßlitzer. Welcher Rotschmied die Messingarbeiten schuf, ist nicht bekannt. Der Maler Lucas bemalte die Unterseite. Auf der Frontseite befindet sich eine Klappe, die nach der Entriegelung von insgesamt drei Schlössern nach unten hin zu öffnen ist.

Die Seiten des Schreins sind flächendeckend mit silbernen Rauten bedeckt. Das wertvolle Material bringt nicht nur die Kostbarkeit der Reliquien zum Ausdruck. Es zeigt auch die politische Bedeutung, die der Heiltumsschrein für Nürnberg hatte. Auf den silbernen Rautenfeldern repräsentiert sich die Reichsstadt mit ihrem großen und kleinen Wappen. Sie macht dadurch den Anspruch für alle sichtbar, legitimer und auf ewig bestellter Hüter des Reichsschatzes zu sein.

Für alle sichtbar – und dennoch geschützt
Auf der Unterseite des Schreins sind die beiden bedeutendsten der im Inneren verwahrten Reliquien abgebildet: Die Heilige Lanze und ein Fragment des sogenannten Wahren Kreuzes Christi, an dem Jesus hingerichtet wurde. Die Unterseite ist deshalb so wichtig, weil sie die eigentliche Schauseite des Schreins war. Denn die Nürnberger hatten ihn an Ketten in das hohe Deckengewölbe der Kapelle ihres Heilig-Geist-Spitals gehängt. Auf diese Weise war der Schatz für alle sichtbar – und trotzdem vor unerlaubtem Zugriff geschützt. Erst 1796 wurden die Reichskleinodien nach Wien gebracht, um sie vor den herannahenden französischen Truppen in Sicherheit zu bringen. Der Schrein dagegen blieb der Stadt erhalten.
 

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Ähnlich, aber einzigartig
Wilhelm Lehmbruck schuf 1911 eine lebensgroße weibliche Aktplastik aus Gips, die er Die Kniende nannte. Begleitend fertigte er mehrere Büsten der Knienden, die sich durch Material und Oberflächendetails unterscMehr

Ähnlich, aber einzigartig
Wilhelm Lehmbruck schuf 1911 eine lebensgroße weibliche Aktplastik aus Gips, die er Die Kniende nannte. Begleitend fertigte er mehrere Büsten der Knienden, die sich durch Material und Oberflächendetails unterscheiden. Das Exemplar im GNM besteht aus gelblichem Ton. Obwohl die Bearbeitungsspuren der Figur Einzigartigkeit verleihen, stellte Lehmbruck keine konkrete Person dar. Vielmehr zeigt die Büste eine universelle menschliche Geste. Die Frau hat ihre Augen geschlossen und den Kopf zu ihrer linken Schulter geneigt. Sie exponiert ihren langen, schlanken Hals. Diese Haltung könnte Nachdenklichkeit oder Demut darstellen. Lehmbruck lässt die Büste auf Höhe der Brust enden und ruft dazu auf, den Körper weiter zu imaginieren. Er deutet das Ganze an, ohne es zu zeigen.

Eine universelle Frau
Die vollfigurige Version hat ein Knie am Boden abgelegt und ein Bein aufgestellt. Ihre dünnen Körperglieder wirken elegant und unnatürlich. Daher warfen Kritiker Lehmbruck vor, er habe keinen Menschen, sondern eine Gliederpuppe geschaffen. Außerdem wurde die Kniende immer wieder als „gotisch“ bezeichnet. Doch während die gotische Bildhauerei überwiegend christliche Bildwerke schuf, vermied Lehmbruck jegliche Identifizierung der Frau. Ihr Kniefall wirkt dadurch universell. Vielleicht wartet sie auf eine Ehrung, vielleicht erweist sie jemandem eine Ehre, oder vielleicht interagiert sie gar nicht mit der Umwelt und hat ihre Aufmerksamkeit stattdessen ganz nach innen gerichtet.

Ruhm und Verachtung
Im Jahr 1909 zog Lehmbruck mit seiner Familie von Berlin nach Paris um, weil sich dort die internationale Avantgarde versammelte. Der Künstler hoffte, hier seinen großen Durchbruch zu schaffen. Als er 1911 Die Kniende und die dazugehörigen Büsten schuf, überraschte und irritierte er die Kunstwelt. Lehmbruck durfte 1912 bei der Sonderbundausstellung in Köln und 1913 bei der International Exhibition of Modern Art in New York ausstellen. Schon 1916 bezeichnete der Dichter Theodor Däubler Die Kniende als „Vorwort zum Expressionismus in der Skulptur“. Im Nationalsozialismus jedoch wurden die jüngeren Werke Lehmbrucks als „entartet“ angesehen – ein Urteil, das nach 1945 schnell wieder in Anerkennung für seine Pionierleistungen umschlug.

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Von der Rennbahn ins Kinderzimmer
Modern, ja fast futuristisch erscheint das Automobil-Spielzeug, das August Geigenberger 1903 entworfen hat (Entwurfszeichnung LGA9847/3). Es ist stromlinienförmigMehr

Von der Rennbahn ins Kinderzimmer
Modern, ja fast futuristisch erscheint das Automobil-Spielzeug, das August Geigenberger 1903 entworfen hat (Entwurfszeichnung LGA9847/3). Es ist stromlinienförmig und auf einfache Formen und Farben reduziert. Dennoch entbehrt es nicht eines gewissen Humors, beispielsweise durch die überlangen Arme des Fahrers. Um 1900 waren Automobile noch kein alltäglicher Anblick, und viele Menschen standen ihnen skeptisch gegenüber. Seit 1895 gab es allerdings in Frankreich schon erste Autorennen. Um 1900 fuhren dann bereits raketenförmige Spezialanfertigungen bei diesen Rennen mit, deren Fotos vielleicht sogar Geigenberger zu seinem Entwurf inspirierten.


Karikatur und Kinderbuch
Der Künstler betrieb zusammen mit seinem Bruder Otto in Wasserburg am Inn eine kunstgewerbliche Werkstatt. Vorher lebte er zu Ausbildungszwecken mehrere Jahre lang in München, wo er die Königliche Kunstgewerbeschule besuchte. Hier erhielt er entscheidende künstlerische Impulse im Sinne des Jugendstils. Seine karikaturesken Illustrationen verkaufte er unter anderem an die Zeitschrift Jugend. 1902 schuf er ein Kinderbuch mit dem Titel „Der tapfere Ingobert“.

Spielzeug für eine neue Zeit
Das Bayerische Gewerbemuseum Nürnberg rief 1903 einen Wettbewerb für neuartiges Holzspielzeug aus. Die Lebensreformbewegung, die vor allem in bildungsbürgerlichen Haushalten Anklang fand, forderte naturnahes Spielzeug, dessen einfache Formen der kindlichen Fantasie Raum geben sollten. In diesem Sinne muss man auch Geigenbergers hochgelobte Beiträge zum Wettbewerb verstehen. Die vorliegende Ausführung des Automobils stammt vom Nürnberger Holzbildhauer Jean Stöttner. Um das lokale Handwerk zu fördern, verbreitete das Kultusministerium 1904 die prämierten Entwürfe aus dem Wettbewerb zum Nachbau in Berchtesgaden, Oberammergau und Partenkirchen. Jedoch blieb die handwerkliche Herstellung von Reformspielzeug eine Randerscheinung, da sie nicht mit der industriellen Massenproduktion mithalten konnte.

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Ein individuelles Bildnis
Das Bildnis des Grafen Georg von Löwenstein ist eines der frühesten erhaltenen Porträts eines deutschen Malers. In verblüffender Naturtreue erfasst es die individuellen Züge des greisen Klerikers. Die gealterte HautMehr

Ein individuelles Bildnis
Das Bildnis des Grafen Georg von Löwenstein ist eines der frühesten erhaltenen Porträts eines deutschen Malers. In verblüffender Naturtreue erfasst es die individuellen Züge des greisen Klerikers. Die gealterte Haut, das schütter werdende Haar und die an der Schläfe hervortretende Ader wurden vom Maler genauestens beobachtet und mit feinem Pinselstrich wiedergegeben. Der so lebensnah dargestellte Georg von Löwenstein stammte aus einer fränkischen Adelsfamilie und war ein einflussreicher Domherr in Bamberg.

Blickwechsel
Zu dem Porträt gehörte ursprünglich ein zweites Gemälde, das sich heute im Kunstmuseum Basel befindet. Es zeigt Christus als Schmerzensmann mit den Wundmalen seiner Kreuzigung. Die beiden Tafeln waren durch Scharniere zu einem aufklappbaren Bildpaar verbunden, einem sogenannten Diptychon. Öffnete man sie, traten Christusdarstellung und Porträt in direkte Beziehung: Georg von Löwenstein, der beim Lesen in seinem Gebetbuch inne zu halten scheint, richtet seinen Blick direkt auf den Erlöser. Durch die Gegenüberstellung hat er den Gegenstand seiner inneren Betrachtungen gleichsam vor Augen. Der Schmerzensmann wurde im Mittelalter als Verkörperung von Gottes Barmherzigkeit interpretiert. Mit ihm verbunden ist die Hoffnung der Menschen auf ein gnädiges Urteil über die Seele nach dem Tod. Deshalb wird vermutet, dass Löwenstein das Bildnis anlässlich seiner Testamentssetzung 1456 in Auftrag gab.

Eine neue Bildgattung entsteht
Seit der zweiten Hälfte des 14. Jahrhundert finden sich in der Malerei Europas die ersten eigenständigen Porträts. Die frühesten überlieferten Beispiele zeigen ausschließlich Angehörige des Hochadels. Im 15. Jahrhundert ließen sich dann zunehmend auch Angehörige des niederen Adels, des Klerus und der städtischen Oberschicht im Porträt darstellen. Ihr Bedürfnis war es, der eigenen Person Bedeutung zu verleihen und ein Andenken zu sichern. Häufig standen diese Bildnisse in einem religiösen Zusammenhang. Bei dem Bildnis Löwensteins wird dies durch die Gegenüberstellung mit Christus deutlich.
Hans Pleydenwurff kam mit seiner detailgenauen Wiedergabe dem Wunsch nach persönlicher Repräsentation entgegen. Die entscheidenden Anregungen für den realistischen Malstil des Löwenstein-Bildnisses hat er wohl direkt in den Niederlanden erworben. Seine Werkstatt übernahm später Michael Wolgemut, der wiederum zum Lehrer von Albrecht Dürer wurde.
 

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