Ähnlich, aber einzigartig
Wilhelm Lehmbruck schuf 1911 eine lebensgroße weibliche Aktplastik aus Gips, die er Die Kniende nannte. Begleitend fertigte er mehrere Büsten der Knienden, die sich durch Material und Oberflächendetails unterscMehr

Ähnlich, aber einzigartig
Wilhelm Lehmbruck schuf 1911 eine lebensgroße weibliche Aktplastik aus Gips, die er Die Kniende nannte. Begleitend fertigte er mehrere Büsten der Knienden, die sich durch Material und Oberflächendetails unterscheiden. Das Exemplar im GNM besteht aus gelblichem Ton. Obwohl die Bearbeitungsspuren der Figur Einzigartigkeit verleihen, stellte Lehmbruck keine konkrete Person dar. Vielmehr zeigt die Büste eine universelle menschliche Geste. Die Frau hat ihre Augen geschlossen und den Kopf zu ihrer linken Schulter geneigt. Sie exponiert ihren langen, schlanken Hals. Diese Haltung könnte Nachdenklichkeit oder Demut darstellen. Lehmbruck lässt die Büste auf Höhe der Brust enden und ruft dazu auf, den Körper weiter zu imaginieren. Er deutet das Ganze an, ohne es zu zeigen.

Eine universelle Frau
Die vollfigurige Version hat ein Knie am Boden abgelegt und ein Bein aufgestellt. Ihre dünnen Körperglieder wirken elegant und unnatürlich. Daher warfen Kritiker Lehmbruck vor, er habe keinen Menschen, sondern eine Gliederpuppe geschaffen. Außerdem wurde die Kniende immer wieder als „gotisch“ bezeichnet. Doch während die gotische Bildhauerei überwiegend christliche Bildwerke schuf, vermied Lehmbruck jegliche Identifizierung der Frau. Ihr Kniefall wirkt dadurch universell. Vielleicht wartet sie auf eine Ehrung, vielleicht erweist sie jemandem eine Ehre, oder vielleicht interagiert sie gar nicht mit der Umwelt und hat ihre Aufmerksamkeit stattdessen ganz nach innen gerichtet.

Ruhm und Verachtung
Im Jahr 1909 zog Lehmbruck mit seiner Familie von Berlin nach Paris um, weil sich dort die internationale Avantgarde versammelte. Der Künstler hoffte, hier seinen großen Durchbruch zu schaffen. Als er 1911 Die Kniende und die dazugehörigen Büsten schuf, überraschte und irritierte er die Kunstwelt. Lehmbruck durfte 1912 bei der Sonderbundausstellung in Köln und 1913 bei der International Exhibition of Modern Art in New York ausstellen. Schon 1916 bezeichnete der Dichter Theodor Däubler Die Kniende als „Vorwort zum Expressionismus in der Skulptur“. Im Nationalsozialismus jedoch wurden die jüngeren Werke Lehmbrucks als „entartet“ angesehen – ein Urteil, das nach 1945 schnell wieder in Anerkennung für seine Pionierleistungen umschlug.

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Ein selbstbewusster Kavalier
Im frontalen Gegenüber malte sich Rembrandt mit einer Halsberge (einem „Panzerkragen“ aus Metall) und einer Liebeslocke. Er zeigt sich damit im Kostüm des höfischen Kavaliers. Bei der Liebeslocke, die an Rembrandts verschatteMehr

Ein selbstbewusster Kavalier
Im frontalen Gegenüber malte sich Rembrandt mit einer Halsberge (einem „Panzerkragen“ aus Metall) und einer Liebeslocke. Er zeigt sich damit im Kostüm des höfischen Kavaliers. Bei der Liebeslocke, die an Rembrandts verschatteter Kopfseite auf die Schulter herabfällt, handelte es sich um einen Trend der aristokratischen Männermode. Rembrandts Abstammung war jedoch keineswegs adelig. Mit der Kostümierung und dem direkten Blick aus dem Bild zum Betrachter markiert das Nürnberger Bildnis einen Wendepunkt in Rembrandts Selbstdarstellung: Selbstbewusst trägt der junge Maler seinen gesellschaftlichen, geradezu aristokratischen Anspruch vor.

Statussymbole – Die frühen Selbstbildnisse
Diese gesellschaftlichen Ambitionen sind vor allem in den frühen, in Leiden entstandenen Selbstbildnissen Rembrandts ablesbar, bevor er sich in seiner Amsterdamer Zeit ab 1631 als Bürger und später schließlich auch als arbeitender Maler zeigte. Eines der Selbstbildnisse im höfischen Kostüm gelangte schon um 1630 in die Sammlung des englischen Königs. Dies belegt, dass sie von vornherein zum Verkauf und für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Der Diplomat Constantijn Huygens bezeichnete ihn schon damals als überragendes Malergenie, sagte ihm jedoch gleichzeitig einen gewissen Hochmut nach.
Manche Selbstbildnisse Rembrandts in Kostümierung erinnern an sogenannte Tronies – Studien von Gesichtern, mit denen Ausdruck, Mimik und Charakterdarstellungen erprobt wurden. Es scheint, als ob Rembrandt hier Selbstbildnis und Charakterkopf miteinander verband.

Von der Kopie zum Original
Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert galt das Nürnberger Selbstbildnis als Kopie eines Gemäldes im Mauritshuis in Den Haag, über dessen Eigenhändigkeit bis in die frühen 1990er Jahre weitgehend Einigkeit herrschte. 1998 untersuchte eine internationale Expertengruppe die beiden Gemälde im Germanischen Nationalmuseum. Mittels Röntgenaufnahmen wurden am Nürnberger Gemälde Veränderungen im Verlauf des Werkprozesses, sogenannte Pentimenti, festgestellt. Sie dokumentieren Rembrandts kreativen Prozess. Hingegen konnte auf der wesentlich glatter ausgeführten Haager Tafel mithilfe der Infrarotreflektografie eine Vorzeichnung sichtbar gemacht werden, deren Linienführung exakt dem Umriss des Nürnberger Kopfes entspricht. Offenbar wurden dessen Konturen mithilfe einer Schablone auf die Haager Tafel übertragen. So konnte bewiesen werden, dass es sich bei der Nürnberger Tafel um das eigenhändige Selbstporträt Rembrandts handelt.

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Ist das Spiel für alle da?
Auf dem doppelseitigen Brett sind zwei sehr unterschiedliche Spiele vereint: Mühle und Gänsespiel. Während Mühle rein strategisch ist und keinen Zufall beinhaltet, hängt das Gänsespiel ganz vom Würfelglück ab. Das Objekt wird aMehr

Ist das Spiel für alle da?
Auf dem doppelseitigen Brett sind zwei sehr unterschiedliche Spiele vereint: Mühle und Gänsespiel. Während Mühle rein strategisch ist und keinen Zufall beinhaltet, hängt das Gänsespiel ganz vom Würfelglück ab. Das Objekt wird auf das 1. Drittel des 17. Jahrhunderts datiert und stammt aus dem süddeutschen Raum. Brettspiele waren damals in allen gesellschaftlichen Schichten beliebt. An den Fürstenhöfen bestanden die Bretter aus kostbaren Materialien wie Elfenbein, Ebenholz und Perlmutt. Sie zeigten den Wohlstand ihrer Besitzer. Manche dienten nur der Repräsentation und eigneten sich gar nicht zur Benutzung, weil die Spielsteine zu groß waren. Beliebte Spiele am Hof waren Schach und Tric Trac, das heutige Backgammon. Mühle und das Gänsespiel waren hingegen einfacher zu lernen und galten als Spiele für alle Gesellschaftsschichten.

Gänsemarsch
Laufspiele mit Spiralform existierten schon im alten Ägypten, jedoch taucht speziell das Gänsespiel erstmals im Europa des 15. oder 16. Jahrhunderts auf. Durch Würfeln rückt man vorwärts. Die Spielfelder und ihre Bedeutung variieren zwar, jedoch gibt es wiederkehrende Elemente. Die Gänsefelder ermöglichen, dass man noch einmal zieht. Die Herberge (19) und das Gefängnis (52) bedeuten ein- oder mehrmals aussetzen. Landet man auf dem Labyrinth (42), so muss man einige Felder zurückziehen. Der Tod (58) zwingt zum Neuanfang auf Feld 1. Insgesamt kann man das Spielfeld als Lebensweg deuten, wobei der Ausweg am Ende für das Paradies steht.

In der Zwickmühle
Im Gegensatz zum Gänsespiel basiert Mühle auf Taktik. Ziel ist es, alle Steine des Gegenübers wegzunehmen, indem man Dreierreihen, die sogenannten Mühlen, bildet. Man spielt mit zweimal neun Steinen unterschiedlicher Farbe. Das Spiel könnte aus antiker Zeit stammen, sicher nachweisbar ist es jedoch erst im byzantinischen Europa. Schon im Mittelalter existierten für Mühle – ebenso wie für Schach und Backgammon – Wettaufgaben, die man aus heutigen Zeitungen als Schachrätsel kennt.

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Papagei und Königin
Der reich bemalte dreibeinige Klapptisch aus den Niederlanden, dort als „flap-aan-de-wand“ bezeichnet, hat eine zwölfeckige Tischplatte. Ein auf einem Kirschbaum sitzender Papagei im Blumenkranz schmückt die Oberseite. Auf der UnterseMehr

Papagei und Königin
Der reich bemalte dreibeinige Klapptisch aus den Niederlanden, dort als „flap-aan-de-wand“ bezeichnet, hat eine zwölfeckige Tischplatte. Ein auf einem Kirschbaum sitzender Papagei im Blumenkranz schmückt die Oberseite. Auf der Unterseite ist die alttestamentarische Szene des Besuchs der Königin von Saba bei König Salomo gemalt. Lehnte der Tisch zusammengeklappt an der Wand, sah der Betrachter die biblische Darstellung. Als Vorlagen dafür dienten Handwerkern Bilderbibeln. Möbel mit alttestamentarischen Szenen waren typisch für die Hindelooper Wohnkultur und erlebten ihre Blütezeit zwischen 1740 und 1780.

Von Deko und Genre
Diesen Tisch erwarb der Sammler und Zoologe Oskar Kling (1851–1926), der das Germanische Nationalmuseum um 1900 maßgeblich beim Aufbau der damals im Entstehen begriffenen Abteilung „Bäuerliche Altertümer“, wie die Sammlung Volkskunde lange hieß, unterstützte. 1898 ließ er die Museumsbeamten wissen, dass gut bemalte Hindelooper Möbel kaum mehr zu haben seien und er in den Niederlanden solche Stücke für das GNM reserviert habe, „die leicht blos zur Zimmerdecoration weggekauft werden, z.B. einen schönen Tisch“. Hindelooper Möbel waren um 1900 als „Volkskunst“ Mode geworden und wurden bereits nachgeahmt. Maler nutzten sie gelegentlich auch als Anregung für niederländische Genredarstellungen.

Hindeloopen: Niederlande in a Nutshell
Der Tisch wurde Teil der ab 1902 im Museum ausgestellten „Hindelooper Stube“. Das am Ijsselmeer gelegene Städtchen hatte seine Blütezeit in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts erfahren und war vor allem durch dort lebenden Seefahrer, die der Handel nach Indien führte, zu Wohlstand gelangt. Seit der Weltausstellung 1878 in Paris war international das Interesse an der „Hindeloopen-Kultur“ gewachsen. Dort wurde ein begehbares Zimmer gezeigt, das für viel Aufsehen sorgte. Dieses war bereits ein Jahr zuvor in den Niederlanden selbst in einer Ausstellung in Leeuwarden mit großem Erfolg gezeigt worden. Um 1900 hatte sich die Hindelooper Sachkultur, in Räumen zusammengestellt, zum nationalen Symbol der Niederlande schlechthin entwickelt. Museen in Düsseldorf, Berlin und Nürnberg bemühten sich um entsprechende Einrichtungsgegenstände. Im GNM war man stolz, als südlichstes Museum eine „Hindelooper Stube“ präsentieren zu können, nicht zuletzt, um die Wohnkultur der „urdeutschen Westfriesen“ zu visualisieren. In ihren Sachzeugnissen glaubte die Wissenschaft, Reste germanischer Vorzeit entdecken zu können. Damals orientierte man sich beim Zeigen der sogenannten Volksaltertümer an eine Gliederung nach Stämmen und Regionen.
 

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Unter Bauern
Philipp Bauknecht lebte ab 1910 in Davos, wo er auf Linderung seiner Tuberkulose-Erkrankung hoffte. Die Höhenluft galt damals als einziges Heilmittel für die Infektionskrankheit, die sich in den dicht bevölkerten Städten leicht verbreiten koMehr

Unter Bauern
Philipp Bauknecht lebte ab 1910 in Davos, wo er auf Linderung seiner Tuberkulose-Erkrankung hoffte. Die Höhenluft galt damals als einziges Heilmittel für die Infektionskrankheit, die sich in den dicht bevölkerten Städten leicht verbreiten konnte. Ab 1920 wohnte Bauknecht in bäuerlichem Umfeld am Rand von Davos Dorf. In seinen Kunstwerken kann man erkennen, dass ihn seine eigene Situation bedrückte. Auf dem Gemälde Holzhauer im Wald schälen Männer die Rinde von einem Baumstamm. Ihre Körper sind grob geformt und ihre Gesichter wirken wie Masken. Nicht nur hier, sondern auch auf anderen Bildern zeigte Bauknecht die Bauern auf diese rohe Art.

Bedrohliche Natur
Der Wald sieht abweisend aus, weil Bauknecht die Natur mit grellen Farben malte. Fast könnte man von Warnfarben sprechen. Der Boden richtet sich auf, als ob er aus scharfkantigen Schuppen bestünde. Die bereits abgelängten Baumstämme sind gelb und zerteilen das Bild in zwei ungleiche Hälften. Während Ernst Ludwig Kirchner, der ebenfalls in Davos lebte, das ländliche Leben eher harmonisch idealisierte, wirkt es bei Bauknecht bedrohlich. Er schilderte die Bauern aus kritischer Distanz und stellte sie als derb dar. Im Gegensatz zur kräftigen Bildwirkung steht jedoch der ungewöhnlich dünne Farbauftrag auf der Leinwand. Da Bauknecht arm war, musste er sparsam mit der Farbe umgehen.

Wertschätzung für „primitive“ Kunst
Das Gemälde ist flächig gestaltet und zeigt kaum Tiefenwirkung. Diese Reduktion erinnert an volkstümliche Kunst. Galt sie vorher noch als primitiv und wertlos, so begann im späten 19. Jahrhundert die wissenschaftliche Erforschung sowie die ästhetische Wertschätzung der Volkskunst. Im frühen 20. Jahrhundert war sie eine beliebte Inspirationsquelle – nicht nur für Bauknecht, sondern auch für andere Maler des deutschen Expressionismus. Das Bild Holzhauer im Wald wurde 1927 auf der großen Berliner Kunstausstellung gezeigt. Museen in Münster, Kassel und Stuttgart kauften schon Ende der 1920er Jahre einige seiner Bilder. 1933 verstarb Bauknecht bei einer Operation in Davos. Seine Witwe verbrachte die meisten seiner Werke in die Niederlande. Dort begann auch Bauknechts „Wiederentdeckung“ in den 1960er Jahren.

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Eine versteckte Botschaft
Was einst in diesem Kästchen verwahrt wurde, ist heute nicht mehr bekannt. In solchen mit Eisenbeschlägen und Schlössern gesicherten Schatullen wurden im Mittelalter persönliche Wertgegenstände oder wichtige UrkundeMehr

Eine versteckte Botschaft
Was einst in diesem Kästchen verwahrt wurde, ist heute nicht mehr bekannt. In solchen mit Eisenbeschlägen und Schlössern gesicherten Schatullen wurden im Mittelalter persönliche Wertgegenstände oder wichtige Urkunden aufbewahrt. Dass es sich beim Inhalt um Zeugnisse der Liebe handelte, lässt die Bildszene auf der Innenseite des Deckels vermuten. Doch könnte auch das Kästchen selbst eine Liebesgabe gewesen sein.
Die vier Figuren verkörpern verschiedene Facetten der idealen Liebe. Den Mittelpunkt bildet die weiß gekleidete Figur der Keuschheit. Mit ihrer Krone ist sie als herrschende Liebestugend erkennbar. Vor ihr kniet etwas kleiner die Tugend der Demut. Für sie ist die Frucht bestimmt, die mit einem Goldregen vom Himmel fällt. Ein diagonales Schriftband erläutert die Szene: „kunsthkeit schiket zu gnaden dimietikeit enpfächt" (Keuschheit lässt zu Gnaden kommen, Demut empfängt).

Wahre Liebe
Die weiblichen Tugenden Keuschheit und Demut werden flankiert von zwei männlichen Figuren. Links steht ein modisch gekleideter Jüngling. Sein geöffnetes Gewand entblößt ein rotes Herz, das mit den Worten "aer" (fern) und "nach" (nahe) eingefasst wird. Auf Stirn und Rocksaum sind die Worte "winter, sumer" (Winter, Sommer) und "Tod - lebe" (Tod, Leben) zu lesen. Dem linken Schriftband zufolge verkörpert der Mann die wahre Liebe, die alles - Entfernungen, Zeit und Sterblichkeit - überdauert.

Die Schattenseite der Liebe
Als Gegenstück steht rechts ein weitgehend unbekleideter Mann. Mit einer Peitsche geißelt er sich selbst. Die in die Riemen eingefügten Knoten sind beschriftet mit den Worten "weinen, will, sprich, tun" (ich weine, ich will, ich spreche, ich tue). Das rechte Schriftband lässt ihn seine Folter erklären: "ich bins der nakend bloss und warten der gnaden groß myden, lyden ist mein genoß" (Ich warte nackt und bloß auf Erbarmen, Meiden und Leiden sind meine Gefährten). Er verkörpert die andere Seite der Liebe: die Entblößungen, die man durch sie erfährt, und die Qualen, die sie bereiten kann, wenn sie unerfüllt bleibt.
Was einem hier vor Augen geführt wird, ist ein Lehrstück in mittelalterlicher Moral. Welche Bedeutung die Liebe für die Menschen damals hatte, welche Gefühle sich im wahren Leben mit ihr verbanden, lässt sich heute nicht mehr sagen. Klar ist jedoch, dass die Ideale weltlicher Liebe fest im christlichen Glauben und seinen Moralvorstellungen verankert waren.
 

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Vom Machen der Schachteln
Unter Schachteln verstand man bis weit ins 19. Jahrhundert hinein ausschließlich solche massenweise produzierten Behältnisse aus Holzspänen. Hergestellt wurden sie in Regionen mit reichem Nadelbaumbestand wie dem Thüringer Wald, Mehr

Vom Machen der Schachteln
Unter Schachteln verstand man bis weit ins 19. Jahrhundert hinein ausschließlich solche massenweise produzierten Behältnisse aus Holzspänen. Hergestellt wurden sie in Regionen mit reichem Nadelbaumbestand wie dem Thüringer Wald, Böhmen und Oberbayern, wo Berchtesgaden ein Zentrum des Schachtelmacherhandwerks war.

Ein schmales, dünnes Holzbrett wurde zunächst lange in Wasser eingeweicht. Der Span ließ sich danach biegen und um einen hölzernen Formstock legen. Anschließend entfernte der Handwerker den Formstock und trocknete die gebogene Zarge am Ofen. Diese wurde verleimt und meistens mit einer gespaltenen Weidenrute zusammengenäht, wie dies auch hier der Fall ist. Deckel und Boden bestanden meist aus astfreiem Tannenholz. Viele Schachteln blieben unbemalt, gerade wenn sie dem Handel oder zum Transport dienten. Doch diese sind im Museum viel seltener überliefert als die von sogenannten Schachtelmalern aufwändig bemalten Exemplare.

Handel mit dem Höfischen
Solche Behältnisse wurden teilweise von Verlegern über Messen wie in Braunschweig oder Leipzig vertrieben. Ein Knotenpunkt der Distribution war auch Nürnberg, wo besonders viele Waren aus Thüringen und Berchtesgaden gehandelt wurden. In die Haushalte gelangten die Stücke vielfach über Wanderhändler.
Auf dem Deckel ist ein höfisches Paar aus der Zeit um 1780 dargestellt. Der Herr, der sich vor der Dame verbeugt, trägt einen roten Rock, eine Kniebundhose und einen Dreispitz. Die Dame kleidet eine Haube, ein Schultertuch (Fichu) und ein langes Kleid. Farblich abgestimmte Blumen und ein Baum bilden einen landschaftlichen Hintergrund. Über dem Paar steht geschrieben: „Mein Herz in mir / Theil ich mit dir“. Derartige (Liebes-)Paare und ähnliche Sprüche bildeten ein besonders beliebtes Sujet auf den meist ovalen Spanschachteln.

In Liebe und Erinnerung
Bei solchen Schachteln handelte es sich um Liebesgaben in der Tradition mittelalterlicher Minnegaben. Vor allem in ländlichen Regionen verschenkten Männer sie gerne an die Liebste. Meist gehörten sie sozial niedrigeren Schichten an als die abgebildeten Paare. Die Behältnisse gaben also nicht ihre eigene Lebenswelt wieder, sondern eine fremde, möglicherweise angestrebte. Letztlich bildeten die Schachteln in der ländlich-bäuerlichen Lebenswelt ein Statussymbol und waren Teil der mobilen Ausstattung.
Meist verwahrte man Hauben, Bänder, Tücher, aber auch Briefe und andere Erinnerungsstücke in den schmuckvoll bemalten Schachteln.
 

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Silber trifft auf Elfenbein
Friedrich Adler entwarf 1910 die silberne Prunkbowle, deren Umsetzung die Nürnberger Goldschmiedewerkstatt J. C. Wich übernahm. Sie ist nicht als Gebrauchsgegenstand, sondern als Schaustück zu verstehen. Dem zylindrischen UnteMehr

Silber trifft auf Elfenbein
Friedrich Adler entwarf 1910 die silberne Prunkbowle, deren Umsetzung die Nürnberger Goldschmiedewerkstatt J. C. Wich übernahm. Sie ist nicht als Gebrauchsgegenstand, sondern als Schaustück zu verstehen. Dem zylindrischen Unterbau der Bowle sind gedrechselte Elfenbeinsäulchen vorgelagert. Die eigentliche Schale ist trompetenförmig und zeigt stilisiertes Rankenwerk vor patiniertem Grund. Auf dem Deckel verbinden sich sphärische Dreiecke zu flachen Zeltspitzen. Der Knauf ist eine Arbeit aus durchbrochenem Elfenbein, durch deren Löcher man die vergoldete Figur eines Trinkenden erkennt. Die Elfenbein-Arbeiten stammen von Adlers Schüler und Mitarbeiter Emil Kellermann.

Tradition und Innovation
Adler und Kellermann lernten sich bei den kunstgewerblichen Meisterkursen des Bayerischen Gewerbemuseums in Nürnberg kennen. Von 1910 bis 1913 leitete Adler vier der insgesamt elf Meisterkurse, die die Qualität und aktuelle Strömungen der bayerischen Kunstindustrie fördern sollten. Aus Adlers und Kellermanns Lehrer-Schüler-Beziehung entwickelte sich eine mehrjährige Zusammenarbeit. In der Prunkbowle setzten sie sowohl traditionelle als auch innovative Impulse um. Die Durchbrucharbeit am Knauf ist dafür beispielhaft: Einerseits kann man sie auf die stilisierten Naturdarstellungen in Erich Haeckels Bildband „Kunstformen der Natur“ (1904; besonders Tafel 22), zurückführen; andererseits bekrönten durchbrochene Sphären schon in der Elfenbeinschnitzerei des 17. Jahrhunderts zahlreiche Pokale.

Erster Weltkrieg und Holocaust
Das Bayerische Gewerbemuseum kaufte die Prunkbowle gleich nach ihrer Entstehung für die Lehrsammlung an. Als das Stück 1914 für eine Ausstellung nach Lyon verliehen wurde, brach der Erste Weltkrieg aus, woraufhin Frankreich die Rücksendung der Leihgaben verweigerte. Die Prunkbowle fand ihren Weg auf den Kunstmarkt, konnte 1976 aber für das Museum zurückgekauft werden. Adler selbst war noch bis 1933 extrem erfolgreich und gefragt. Dann verhängten die Nationalsozialisten ein Arbeitsverbot über den jüdischen Kunsthandwerker und Lehrer. Letztendlich konnte nur ein Teil seiner Familie fliehen. 1942 wurde Adler im Konzentrationslager Auschwitz ermordet.

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Der Wunsch nach ewigem Leben
Ursprünglich war die Skulptur, die heute aufrechtstehend präsentiert wird, als liegende Grabfigur entworfen worden. Die überlebensgroße Darstellung des Grafen Heinrich III. von Sayn zierte die Deckelplatte seines Hochgrabs in Mehr

Der Wunsch nach ewigem Leben
Ursprünglich war die Skulptur, die heute aufrechtstehend präsentiert wird, als liegende Grabfigur entworfen worden. Die überlebensgroße Darstellung des Grafen Heinrich III. von Sayn zierte die Deckelplatte seines Hochgrabs in der Prämonstratenserabtei Sayn. Die Abtei war von seinen Vorfahren gestiftet worden und liegt am Fuß des Familienstammsitzes nahe Koblenz. Der 1247 verstorbene war einer der mächtigsten Herrscher am Mittel- und Niederrhein. Ihm unterstanden mehrere Grafschaften und bedeutende rheinische Stifte.

Wie in der nordeuropäischen Kunst üblich, erscheint der Graf liegend, aber mit geöffneten Augen. Auf diese Weise veranschaulichte man den christlichen Glauben an das ewige Leben. Über seinem auf Kissen gebetteten Kopf bilden die Mauern und Türme einer Stadt einen Baldachin. Sie verkörpern das Himmlische Jerusalem, in das die Toten am Ende aller Tage Eingang finden sollen. Löwe und Drache unter den Füßen des Verstorbenen sind als Zeichen der überwundenen Welt und des Bösen zu verstehen.

Weltlicher Glanz
Heute lässt sich kaum noch ahnen, wie prunkvoll die Grabfigur einst ausgesehen hat. Die ursprüngliche Bemalung ist nicht mehr erhalten. Winzige Farbpartikel in der Holzoberfläche lassen allerdings Rückschlüsse auf die farbige Gestaltung der Skulptur ziehen. Der Dargestellte trug einst ein prächtiges goldgemustertes Gewand, darüber einen roten Mantel mit weißem Pelzfutter. Ein hellblauer Gürtel mit goldener Schnalle, ein rot-grün gemustertes Almosentäschchen, schwarze Schuhe und der rote Blütenkranz auf seinem Haupt vervollständigten die repräsentative Erscheinung des Grafen.

Im Tod vereint
Was die Grabfigur neben ihrer monumentalen Größe und ihrer kunstvollen Ausführung so besonders macht, ist das Kind an der Seite des Verstorbenen. Dargestellt ist die Tochter des Grafen, die nur kurze Zeit nach ihm starb. Offenbar wollte Heinrichs Witwe damit die Legitimität ihrer Tochter bezeugen, was für die Erbfolge von Bedeutung war. Ein Grabmal, auf dem Eltern und Kinder gemeinsam dargestellt werden, ist einzigartig in der Kunst der damaligen Zeit.
 

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