Abbruch und musealer Aufbruch
Die Anregung zur Präsentation einer „niedersächsische[n] Bauernstube“ ging im Februar 1897 von einem Bauinspektor in Niedersachsen aus. Er schrieb an das Germanische Nationalmuseum, dass eine solche Stube bis zu diesem ZeitpuMehr

Abbruch und musealer Aufbruch
Die Anregung zur Präsentation einer „niedersächsische[n] Bauernstube“ ging im Februar 1897 von einem Bauinspektor in Niedersachsen aus. Er schrieb an das Germanische Nationalmuseum, dass eine solche Stube bis zu diesem Zeitpunkt in allen Museen fehlte. Entsprechende Objekte würden immer seltener, und die Museen in der Region hätten kein Interesse daran. Das GNM erwarb daraufhin eine große Anzahl von Holzbauteilen von abgebrochenen Bauernhöfen aus der Gegend von Diepholz. Mit ihnen sollten die Haupträume eines niedersächsischen Bauernhauses modellhaft nachgebaut werden. Schließlich wurde sogar ein ganzes Haus gekauft, um weitere Objekte für die museale Präsentation zu gewinnen. Die Anschaulichkeit ging so weit, dass die beiden ausgewählten Räume, nämlich Flett und Döns, von den Museumsbesucher*innen betreten werden konnten – und nach wie vor können.


Flett
Das typische niederdeutsche Hallenhaus ist oft in Zweiständerbauweise errichtet. Unter einem großen stroh- oder schilfgedeckten Dach sind die ausgedehnten Wirtschaftsräume und die im Verhältnis eher beengten Wohnräume vereint. Solche landwirtschaftlichen Bauten waren charakteristisch für weite Teile Norddeutschlands. Eine große Diele diente als Dreschstelle, Durch- und Futtergang sowie als Festsaal, seitlich befanden sich die Viehställe. An die Diele grenzte die Flett an, die heute allgemein als Herdraum bezeichnet wird. Mit der offenen Feuerstelle war dieser Raum das Zentrum menschlichen Zusammenlebens Die wandfesten Einrichtungsteile, Balken, Türen und die Butzen der Flett im GNM stammen aus verschiedenen Gebäuden der Kreise Diepholz und Vechta und gehören dem späten 16. bis zum 18. Jahrhundert an. Möbel und Hausrat sind zum Teil jünger.
Der nicht originale hölzerne Funkenschirm über dem Herd hielt das Flugfeuer von der Balkendecke und dem leicht entflammbaren Dach fern. Er drängte zudem den Rauch durch die Türen der Abseiten aus dem Haus, denn einen Schornstein gab es hier nicht. Der Rauch konservierte Würste und Schinken, er schützte Getreide und Dach vor Ungeziefer, jedoch führte er oft zu Augenleiden. An dem schwenkbaren Wendebaum hängt ein höhenverstellbarer Kesselhaken, durch den der Abstand des Topfes zum Feuer und somit die Wärmezufuhr beim Kochen reguliert wurde.

Döns
Beiderseits des Herdraums befinden sich die Abseiten, links mit dem Essplatz, rechts mit dem Waschplatz einschließlich des Spülsteins. Die Rückwand des Herdraums dient als Brandmauer. Sie ist mit den in Norddeutschland weit verbreiteten niederländischen Fliesen geschmückt. Eine Tür führt vom Herdraum in die holzvertäfelte Döns. Diese Bezeichnung leitet sich von dem mittelalterlichen „durnitz“ ab, dem beheizbaren Raum auf Burgen. Die Döns wurde mit einem gusseisernen Hinterlader vom Flett aus beheizt und war folglich rauchfrei, eine wichtige Voraussetzung für die Ausdifferenzierung der Wohnbereiche. Ein wandfestes Bett, Butze oder Durk genannt, war sowohl vom Flett als auch von der Döns zugänglich und ermöglichte einen Überblick über beide Bereiche. Eine weitere Durk befindet sich an der Seitenwand der Döns. Die eingebauten Butzen stammen aus unterschiedlichen Häusern und wurden dem Ziel untergeordnet, im Museum eine idealtypische Situation zu vermitteln.

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Ideale Reisebegleiter
Sonnenuhren verwendete man bereits in der Antike zur Zeitmessung. Für gewöhnlich sind sie fest an einem Ort installiert, da ihr Ziffernblatt jeweils nur für einen bestimmten Breitengrad ausgelegt ist. Im 15. JahrhundertMehr

Ideale Reisebegleiter
Sonnenuhren verwendete man bereits in der Antike zur Zeitmessung. Für gewöhnlich sind sie fest an einem Ort installiert, da ihr Ziffernblatt jeweils nur für einen bestimmten Breitengrad ausgelegt ist. Im 15. Jahrhundert wurde die mobile Klappsonnenuhr erfunden. Obwohl es zu der Zeit bereits mechanische Räderuhren gab, waren diese Taschen-Sonnenuhren ihnen in mancher Hinsicht überlegen: Sie waren klein, leicht und nicht so störanfällig wie die durch Räderwerke betriebenen Uhren. Daher waren Klappsonnenuhren besonders bei Reisenden beliebt und verbreiteten sich in ganz Europa.

Die Tücken der mobilen Zeitmessung
Anstelle eines starren Zeigers haben Klappsonnenuhren einen sogenannten Polfaden, der sich beim Öffnen aufspannt. Er dient als Schattenwerfer auf dem kreisförmigen Ziffernblatt. In die Bodenplatte dieser Uhr ist außerdem ein Kompass eingelassen. Er ist wichtig für die genaue Ausrichtung des Polfadens parallel zur Erdachse. Im Deckel befindet sich eine Tageslängenanzeige. Sie gibt die für die Sonnenuhr so wichtigen Lichtstunden pro Tag an, die Monate sind mit den entsprechenden Tierkreiszeichen versehen.
Die größte Schwierigkeit der mobilen Zeitmessung ergibt sich aus den unterschiedlichen Sonnenständen an verschiedenen Orten. Bei einer solchen Klappsonnenuhr gleicht man diese geografischen Unterschiede aus, indem man den Winkel des Polfadens verändert. Im Deckel der Uhr ist daher eine Liste der wichtigsten europäischen Handelsstädte mit ihrem jeweiligen Breitengrad eingraviert. Auf der Mittelachse konnte man den Polfaden im entsprechenden Bohrloch neben dem Breitengrad fixieren. Damit war die Uhr auf die richtige Ortszeit „eingestellt“.

Eine Dynastie von Uhrenmachern
Vor allem Nürnberg und Augsburg entwickelten sich im 16. Jahrhundert zu bekannten Produktionsstätten von Klappsonnenuhren. In Nürnberg war die Familie Reinmann mit Meistern in mehreren Generationen als Kompass- und Instrumentenbauer tätig. Paulus Reinmann war einer der wenigen, die Sonnenuhren aus verschiedenen Werkstoffen – Holz, Metall und Elfenbein – herstellte. Seine Klappsonnenuhren waren unter Liebhabern weit über die Landesgrenzen hinweg begehrt. Seine Signatur auf dem Gehäuse kann als Qualitätsgarantie verstanden werden.
 

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Nur scheinbar alltäglich
Eine solche Darstellung von Maria und Elisabeth mit ihren Kindern bei der häuslichen Arbeit ist ein sehr ungewöhnliches Thema in der Kunst. Die Gottesmutter mit dem aufgeklappten Buch auf dem Schoß hält eine Spindel Mehr

Nur scheinbar alltäglich
Eine solche Darstellung von Maria und Elisabeth mit ihren Kindern bei der häuslichen Arbeit ist ein sehr ungewöhnliches Thema in der Kunst. Die Gottesmutter mit dem aufgeklappten Buch auf dem Schoß hält eine Spindel in der Hand. Elisabeth wickelt das goldene Garn auf eine Haspel. Zu ihren Füßen sitzen ihre Kinder. Jesus hält in der ausgestreckten Hand einen Löffel mit Brei. Beide umfassen den Stiel einer Pfanne, Johannes der Täufer wendet sich mit einem Schriftband an seine Mutter Elisabeth: „Sichin mu(o)ter ihesus tu(o)t mir“ (Sieh hin, Mutter, was Jesus mir tut). Hinter dieser Szene versteckt sich eine theologische Aussage: So, wie Jesus Johannes von dem Brei gibt, versorgt er auch die Menschheit mit Seelennahrung. Das vordergründig alltägliche Geschehen hat also eine tiefere religiöse Bedeutung und betont zugleich die menschliche Natur des Gottessohnes.

Ein Altar zu Ehren der Jungfrau
Die Tafel gehörte zu einem Flügel des monumentalen Marienretabels vom Hochaltar der Nürnberger Frauenkirche. In geöffnetem Zustand waren neben der Darstellung von Maria und Elisabeth drei weitere Szenen aus dem Marienleben vor feierlichem Goldgrund zu sehen. Die Rückseite der Tafel, die die Gefangennahme Christi zeigt, war zusammen mit anderen Darstellungen des Leidenswegs Christi bei geschlossenen Altarflügeln sichtbar.

Anspielungen auf den Reliquienschatz
Die Marienszenen stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Reliquienschatz der Frauenkirche. Zu ihm gehörten hochkarätige Marienreliquien, wie der goldene Gürtel der Jungfrau, den Kaiser Karl IV. der Kirche geschenkt hatte. Unter den Reliquien befanden sich auch Überreste des Garns, das Maria der Legende nach für den Vorhang des Tempels in Jerusalem gesponnen haben soll. Im Bild ist beides im realen Leben Mariens verortet.
Bei kunsttechnologischen Untersuchungen fanden sich unter der Goldschicht hinter Maria und Elisabeth Spuren eines dunkelblauen Vorhangs. Dieser spielte auf eine weitere Marienreliquie der Frauenkirche an, „ein stucklein eins portleins“, wie es in einer Beschreibung von 1442 heißt. Gemeint ist die Borte des Tempelvorhangs, die Maria selber gewirkt haben soll. Wenn an Festtagen der Altar geöffnet und der Reliquienschatz in der Kirche ausgestellt war, dann machte die Wechselbeziehung von Bildern und Reliquien das Heilsgeschehen unmittelbar anschaulich.
 

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Die Zeit in der Tasche
Dosenuhren wie diese machten im Mittelalter zum ersten Mal die Uhrzeit immer und überall verfügbar. Zuvor bestimmten große Turmuhren an Kirchen und Rathäusern den Takt des öffentlichen Lebens. Grundlage dafür war eine Mehr

Die Zeit in der Tasche
Dosenuhren wie diese machten im Mittelalter zum ersten Mal die Uhrzeit immer und überall verfügbar. Zuvor bestimmten große Turmuhren an Kirchen und Rathäusern den Takt des öffentlichen Lebens. Grundlage dafür war eine der bahnbrechendsten Innovationen des Mittelalters, die Erfindung der mechanischen Räderuhr. Welche Auswirkungen diese Erfindung auf alle Bereiche des Lebens hatte und wie sie unser Zeitverständnis bis heute prägt, verrät die DigitalStory „Alltag im Mittelalter“.
Kleinere gewichtsgetriebene Räderuhren hielten nur langsam Einzug in bürgerliche Haushalte. Sie waren anfangs noch sehr schwer und aufgrund der Störanfälligkeit ihres Gewichtsantriebs nicht transportabel. Erst die Entwicklung eines anderen Antriebs machte es möglich, mechanische Uhren noch weiter zu verkleinern, so dass sie in eine Tasche passten.

Das Geheimnis der Schnecke
Der Nürnberger Schlosser Peter Henlein war einer der ersten, der vor 500 Jahren solche tragbaren Uhren für den privaten Gebrauch herstellte. Ihr Uhrwerk funktionierte weitgehend wie das der Räderuhr. Aber anstelle von Gewichten wurden diese kompakten Uhren durch die Zugkraft einer schneckenförmigen Metallfeder angetrieben. Dadurch liefen sie unabhängig von ihrer Lagerung recht ganggenau. Die Herstellung solcher Uhren war technisch aufwendig und teuer, nur reiche Bürger konnten sie sich leisten.

Perfekte Fälschung
Peter Henlein war bereits unter Zeitgenossen für seine Uhren berühmt. Die Dosenuhr in der Sammlung des GNM galt lange als die älteste erhaltene Taschenuhr der Welt. Untersuchungen der Jahre 2013/14 ergaben jedoch, dass ihr Uhrwerk zwar dem Typ nach aus dem frühen 16. Jahrhundert stammt; die Uhr selbst wurde aber erst im 19. Jahrhundert zusammengefügt. Vermutlich griff man dabei auf einige ältere Bauteile zurück. Im Deckel findet sich die gefälschte Signatur des berühmten Nürnberger Uhrmachers samt der Jahresangabe 1510: „Petrus Hele me f.[ecit] Norimb[erga] 1510“. Ob Original oder Nachbau – die Erfindung der Dosenuhr markiert im wahrsten Sinne den Beginn einer neuen Zeit.
 

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Die Kunst der Minne
Eine Gartenlandschaft wird zur Spielwiese einer ausgelassenen, in Gruppen arrangierten Hofgesellschaft. Dass das bunte Treiben einen erotischen Hintergrund hat, lässt schon ihre Aufmachung erkennen: Die figurbetont-modische KleiMehr

Die Kunst der Minne
Eine Gartenlandschaft wird zur Spielwiese einer ausgelassenen, in Gruppen arrangierten Hofgesellschaft. Dass das bunte Treiben einen erotischen Hintergrund hat, lässt schon ihre Aufmachung erkennen: Die figurbetont-modische Kleidung der jungen Männer ist ebenso aufreizend wie die tiefen Kleiderdekolletés der Hofdamen. Ihre Spiele folgen den Gesetzen der Minne. Darunter versteht man das an den Höfen des Hochmittelalters zur Kunstform entwickelte Liebeswerben um eine begehrte Frau.


Spielarten der Liebe
Dargestellt sind einige heute noch bekannte Spiele, wie Fangen oder Blindekuh. Aber auch längst vergessene Spiele sind zu sehen: Die linke obere Gruppe vergnügt sich beim „Main Chaude“. Hierbei muss ein Mann mit geschlossenen Augen erraten, wer ihm die Hand auf das Gesäß legt. Direkt darunter treten ein Höfling und eine Edeldame zur sogenannten „Quintaine“ an. In dieser Abwandlung des ritterlichen Lanzenstechens versuchen sich die Gegner durch einen Stoß mit dem Fuß zu Fall zu bringen. Beobachtet wird das heiter-frivole Geschicklichkeitsspiel von der Minnekönigin höchstpersönlich. Ganz rechts macht der Minnestrick einen Höfling zum gefesselten Liebesopfer. Nur die verehrte Dame kann ihn befreien. Im Zentrum des Bildteppichs steht die Minneburg. Sie ist das Sinnbild für die begehrte Frau, die es – wie eine Festung – durch die Minne zu erobern gilt.


Ein höfisches Thema?
Ob der Teppich für den privaten oder öffentlichen Raum hergestellt wurde, ist nicht überliefert. Zwei Wappen am rechten Rand verweisen auf die angesehene Tuchhändlerfamilie Diel in Speyer, die diesen Teppich offenbar in Auftrag gegeben hatte. Als Ratgeber der Pfälzer Kurfürsten war ihr der repräsentative Gebrauch von Wandteppichen am Heidelberger Hof geläufig. Großformatige Wandteppiche im häuslichen Bereich waren bis ins 16. Jahrhundert überwiegend dem Adel und der städtischen Oberschicht vorbehalten. Dass ein bürgerlicher Auftraggeber sich ausgerechnet für ein höfisches Motiv wie die Minne entscheidet, ist bemerkenswert. Offenbar wollte die Familie Diel als reiche Tuchhändler durch die Wahl des Themas auch ihr Standesbewusstsein zum Ausdruck bringen.

 

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(Über-)natürliche Schönheit
Das Stängelglas von 1896 erscheint so fragil und einzigartig wie eine echte Blüte. Es wurde in der Manufaktur der Tiffany Glass and Decorating Company in New York City produziert. Auf einer gewölbten Fußplatte steMehr

(Über-)natürliche Schönheit
Das Stängelglas von 1896 erscheint so fragil und einzigartig wie eine echte Blüte. Es wurde in der Manufaktur der Tiffany Glass and Decorating Company in New York City produziert. Auf einer gewölbten Fußplatte steht ein dünner Stängel, der sich nach oben erweitert und in einen Blütenkelch übergeht. In den Bauch des Glases ist ein pfauenfederförmiger Farbverlauf eingearbeitet. Der geschwungene Blütenrand hat fünf Auswölbungen und ist mit oberflächlichen Rissen, sogenannten Craquelés, verziert. Das mundgeblasene Glas besticht durch seine komplexe Farbgebung und seine verspielte Form. Von antiken römischen Gläsern bezog der Firmengründer Louis Comfort Tiffany die Idee für die irisierende Oberflächenbehandlung. Den perlmuttartigen Glanz erzielte er durch Beimischung von Metallsalzen in die Glasschmelze.

Handwerk und Einzelstück
Auch wenn sein Unternehmen später noch weitere Luxusgüter produzierte, wurde Tiffany zunächst für seine Glasarbeiten weltberühmt. Dazu zählte nicht nur Trinkgeschirr, sondern vor allem Bleiglasfenster und -lampenschirme. Tiffanys Firma expandierte zwar rasant, jedoch war es ihm wichtig, dass seine Glaserzeugnisse handgemacht waren und auch so aussahen. Im Zeitalter der fortschreitenden Massenproduktion hatte die manuelle Fertigung einen luxuriösen und nostalgischen Touch. Tiffany prägte daher den Begriff „Favrile-Glas“ als Kennzeichen seiner Marke. Das Wort stammt von lateinisch „fabrilis“ ab und bedeutet handgemacht.

Vom Malereistudenten zum Geschäftsmann
Da Tiffany in eine reiche Familie geboren wurde, konnte er sich eine lange und intensive künstlerische Ausbildung leisten. Er unternahm ausgedehnte Reisen nach Europa und Nordafrika und studierte bei mehreren profilierten Landschaftsmalern. Erst nachdem er sein Glasunternehmen schon aufgebaut hatte, übernahm Tiffany auch noch den Juwelierbetrieb seines Vaters. Dadurch entstand ein Imperium, welches bis heute den Luxusgütermarkt prägt.

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Ein vollständiges Set
Die beiden Jakobsmuscheln verraten, wofür dieser Reitermantel benutzt wurde: Es handelt sich um den wasserabweisenden Überwurf eines Pilgers. Er bildet ein Set zusammen mit einem Wollfilzmantel (Mehr

Ein vollständiges Set
Die beiden Jakobsmuscheln verraten, wofür dieser Reitermantel benutzt wurde: Es handelt sich um den wasserabweisenden Überwurf eines Pilgers. Er bildet ein Set zusammen mit einem Wollfilzmantel (T550), einem Hut (T552), einem Pilgerstab (T554) und einem Rosenkranz (KG303). All diese Gegenstände gehörten Stephan III. Praun aus Nürnberg. Auf einem Bild, welches wohl erst nach seinem Tod entstand, sieht man ihn – mit leichten Abweichungen – in der ganzen Garnitur (Gm655). Der schwarze Ledermantel ist kreisrund geschnitten, hat einen Stehkragen und hinten einen „Reiterschlitz“, der die Bewegungsfreiheit des Trägers erhöhte. Er ist vergleichbar mit spanischen Reitermänteln dieser Zeit, wenn auch nicht sicher belegt ist, dass alle Teile der Garnitur in Spanien hergestellt wurden.

Gründe für die Pilgerreise
Der 26-jährige Protestant Stephan III. Praun hielt sich 1570 am spanischen Königshof in Madrid auf und begann von dort aus per Pferd seine Pilgerreise nach Santiago de Compostela. An diesem wichtigsten Pilgerort (West-) Europas befindet sich die Grabstätte des Apostels Jakobus des Älteren. Der lange, beschwerliche Weg war für die Gläubigen gleichermaßen eine Prüfung wie auch eine Chance, für ihr Seelenheil vorzusorgen. Eigentlich hatte Luther das Wallfahrtswesen kritisiert. Dennoch nahmen auch viele Angehörige des protestantischen Glaubens den Weg auf sich. Vermutlich spielte gesellschaftlicher Statuszuwachs bei dieser Entscheidung eine Rolle.

Die Jakobsmuschel
Pilgernde schmückten sich nach ihrer Rückkehr gerne mit den Abzeichen ihrer Reise. Das wichtigste Symbol ist bis heute die Jakobsmuschel. Ihre fächerförmigen Rippen wurden immer wieder verglichen mit einer vereinfachten Darstellung der Pilgerwege, die in Santiago de Compostela münden. Noch bis heute werden die Jakobswege mit einem gelben Strahlenkranz ausgeschildert, der an die Rippen auf der Jakobsmuschel erinnert. Außerdem sollen Pilgerreisende die Muscheln als Trinkschalen verwendet haben.

Seltene Relikte
Kleidung aus der Zeit vor dem 18. Jahrhundert hat sich selten erhalten. Oft wurde sie bis aufgetragen oder aber umgearbeitet. UV-Strahlung, Feuchtigkeit und Schädlingsbefall verursachen Schäden an Textilien. Umso erstaunlicher ist es, dass diese Garnitur komplett erhalten blieb, und sogar die Biografie ihres Besitzers bekannt ist.
 

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Sicher verwahrt
Der hausförmige Schrein enthielt einmal die wichtigsten Reliquien – das „Heil(ig)tum“ – des Reiches. Als Teil des Kronschatzes untermauerten sie die Macht deutscher Herrscher, die ihnen nach damaliger Vorstellung durch göttliche GnaMehr

Sicher verwahrt
Der hausförmige Schrein enthielt einmal die wichtigsten Reliquien – das „Heil(ig)tum“ – des Reiches. Als Teil des Kronschatzes untermauerten sie die Macht deutscher Herrscher, die ihnen nach damaliger Vorstellung durch göttliche Gnade zukam. Zusammen mit den anderen Reichsinsignien – unter anderem Krone, Reichsapfel, Zepter und Schwert – waren sie 1424 von König Sigismund der freien Reichsstadt Nürnberg zur dauerhaften Aufbewahrung übergeben worden. Im böhmischen Kerngebiet seiner Herrschaft wüteten in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts immer wieder Kriege gegen die Hussiten. Seine Geburtsstadt Nürnberg erschien dem König für die Verwahrung der Reichskleinodien als sicherster Ort.


Ein angemessenes Behältnis
Von 1438 bis 1440 entstand der Schrein im Auftrag des Nürnberger Rats. Er war eine Gemeinschaftsarbeit mehrerer einheimischer Handwerker und Künstler. Das hölzerne Gehäuse schuf der Schreiner Hans Nürnberger, die silbernen Wappen fertigten die Goldschmiede Peter Ratzko und Hans Scheßlitzer. Welcher Rotschmied die Messingarbeiten schuf, ist nicht bekannt. Der Maler Lucas bemalte die Unterseite. Auf der Frontseite befindet sich eine Klappe, die nach der Entriegelung von insgesamt drei Schlössern nach unten hin zu öffnen ist.

Die Seiten des Schreins sind flächendeckend mit silbernen Rauten bedeckt. Das wertvolle Material bringt nicht nur die Kostbarkeit der Reliquien zum Ausdruck. Es zeigt auch die politische Bedeutung, die der Heiltumsschrein für Nürnberg hatte. Auf den silbernen Rautenfeldern repräsentiert sich die Reichsstadt mit ihrem großen und kleinen Wappen. Sie macht dadurch den Anspruch für alle sichtbar, legitimer und auf ewig bestellter Hüter des Reichsschatzes zu sein.

Für alle sichtbar – und dennoch geschützt
Auf der Unterseite des Schreins sind die beiden bedeutendsten der im Inneren verwahrten Reliquien abgebildet: Die Heilige Lanze und ein Fragment des sogenannten Wahren Kreuzes Christi, an dem Jesus hingerichtet wurde. Die Unterseite ist deshalb so wichtig, weil sie die eigentliche Schauseite des Schreins war. Denn die Nürnberger hatten ihn an Ketten in das hohe Deckengewölbe der Kapelle ihres Heilig-Geist-Spitals gehängt. Auf diese Weise war der Schatz für alle sichtbar – und trotzdem vor unerlaubtem Zugriff geschützt. Erst 1796 wurden die Reichskleinodien nach Wien gebracht, um sie vor den herannahenden französischen Truppen in Sicherheit zu bringen. Der Schrein dagegen blieb der Stadt erhalten.
 

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Die Zeit im Gepäck
Zu der Zeit, als diese Klappsonnenuhr hergestellt wurde, waren mechanische Räderuhren bereits weit verbreitet. An Kirchtürmen und städtischen Rathäusern gaben sie den Takt des öffentlichen Lebens vor. Trotzdem blieben die Mehr

Die Zeit im Gepäck
Zu der Zeit, als diese Klappsonnenuhr hergestellt wurde, waren mechanische Räderuhren bereits weit verbreitet. An Kirchtürmen und städtischen Rathäusern gaben sie den Takt des öffentlichen Lebens vor. Trotzdem blieben die zuvor für die Zeitmessung verwendeten Sonnenuhren weiterhin in Gebrauch. Vor allem auf Reisen waren solche leichten und gut transportablen Klappsonnenuhren unentbehrliche Begleiter. Der eingebaute Kompass half bei der für die Zeitbestimmung nötigen Nord-Süd-Ausrichtung.
Klappbare Reise-Sonnenuhren wurden in Nürnberg seit dem späten 15. Jahrhundert hergestellt. Die Reichsstadt war weit über ihre Grenzen für die Qualität der hier produzierten wissenschaftlichen Geräte bekannt. Taschensonnenuhren waren ein gefragter Exportartikel des Nürnberger Fernhandels.

Andere Orte – andere Zeiten
Mobile Zeitmessung auf Reisen brachte ein Problem mit sich: Je nach Breitengrad war der Stand der Sonne ein anderer. Sonnenuhren hatten feste Ziffernblätter, die jeweils nur an einem bestimmten Ort ihre Gültigkeit hatten. Was man leicht verändern konnte, war die Lage des „Zeigers“. Bei solchen Klappsonnenuhren war das ein sogenannter Polfaden, der zwischen Boden und Deckel aufgespannt war, und dessen Schatten die Zeit auf dem Ziffernblatt markierte. Dessen oberes Ende konnte man an verschiedenen Punkten fixieren.
Üblicherweise enthielten Sonnenuhren ein Verzeichnis der Polhöhen für die wichtigsten europäischen Städte. Bei dieser Klappsonnenuhr wird der Deckel zur „Benutzeroberfläche“: Auf der Landkarte, die auf ihm abgebildet ist, konnte man seinen Standort bestimmen und den Polfaden durch die entsprechende Öffnung auf der Mittelachse ziehen. Bei geöffneter Uhr konnte man dann innen die für diesen Breitengrad gültige Uhrzeit ablesen.

Die Karte
Der Hersteller dieser Sonnenuhr war aller Wahrscheinlichkeit nach Erhard Etzlaub, einer der bedeutendsten Nürnberger Instrumentenbauer seiner Zeit. Bereits 1500 hatte er eine Landkarte entworfen, die vor allem Pilgern im Heiligen Jahr die Hauptwege quer durch Europa nach Rom aufzeigte. Auch die Landkarte auf dem Deckel der Sonnenuhr hatte offenbar vor allem pilgernde Christen im Blick. Sie ist, wie damals üblich, nach Süden ausgerichtet und reicht von Skandinavien bis nach Afrika. Neben Rom und Santiago de Compostela ist am linken oberen Rand auf Höhe des 30. Breitengrads „Mons Sinai“ eingezeichnet. Das am Berg Sinai gelegene Katharinenkloster war ein weiteres wichtiges Pilgerziel des Mittelalters.
 

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