Fossiler Schmuckstein
Dieser prächtige Kabinettschrank entstand in Nordostdeutschland, möglicherweise in Königsberg. Alle sichtbaren Flächen seines Holzkerns sind mit Bernstein belegt. Bernstein ist ein fossiles Baumharz, das schon seit vorgeschichtlicheMehr

Fossiler Schmuckstein
Dieser prächtige Kabinettschrank entstand in Nordostdeutschland, möglicherweise in Königsberg. Alle sichtbaren Flächen seines Holzkerns sind mit Bernstein belegt. Bernstein ist ein fossiles Baumharz, das schon seit vorgeschichtlicher Zeit für Schmuckgegenstände verwendet wurde. Er kommt vor allem an der Ostseeküste vor, besonders in der Gegend von Königsberg. Die Bernsteinplatten sind in unterschiedlicher Stärke geschnitten und zeigen Farbschattierungen von hellem Beige bis zu dunklem Braun. Die Transparenz ist bei Dunkelrot am stärksten, die beinfarbenen Stellen sind dagegen vollkommen undurchsichtig. Daran sind mikroskopisch kleine Luftbläschen schuld. Teilweise sind die transparenten Bernsteinstücke mit Metallfolie hinterlegt, um das einfallende Licht zu reflektieren und die Farbwirkung zu steigern.

Allegorische Reliefs
Zwischen den geschliffenen Platten verstecken sich zahlreiche Reliefs, die man erst bei genauerem Hinsehen entdeckt. Kleine Bildfelder stellen die vier Elemente dar. Auf der linken Schrankseite verweisen Scheiterhaufen und Fackeln auf das Element Feuer. Die zahlreichen Muscheln und die Delphine der rechten Schrankwand stehen für das Wasser. Wolkenbänder, Vögel und Musikinstrumente auf der linken Tür verkörpern das Element Luft. Reliefs auf der Türmitte stellen die antiken Musen dar. Auf der rechten Tür verweisen Vierfüßler auf das Element Erde. Hier versinnbildlichen die Figuren im Mittelrelief wohl die Architektur und die Wissenschaft. In der oberen Hälfte der Türen lagern die Gottheiten Apollo (rechts) und Ceres (links). Dies legt die Schlussfolgerung nahe, dass die Reliefs ursprünglich gegengleich angebracht waren, sodass Apollo den Musen und Ceres der Erde zugeordnet war.

Ein besonderer Anlass?
Kabinettschränke dienten als private Sammlungs- und Aufbewahrungsmöbel für besondere Kostbarkeiten. Das vorliegende Exemplar aus Bernstein stammt wegen seiner exquisiten kunsthandwerklichen Ausführung und seines hohen Materialwerts vermutlich aus einer höfischen Sammlung. Größe und Pracht deuten auf einen besonderen Auftrag hin. Möglicherweise entstand der Schrank anlässlich der Hochzeit Friedrichs I., König von Preußen, mit Sophie Luise von Mecklenburg-Schwerin im Jahr 1708.
 

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Von der Rennbahn ins Kinderzimmer
Modern, ja fast futuristisch erscheint das Automobil-Spielzeug, das August Geigenberger 1903 entworfen hat (Entwurfszeichnung LGA9847/3). Es ist stromlinienförmigMehr

Von der Rennbahn ins Kinderzimmer
Modern, ja fast futuristisch erscheint das Automobil-Spielzeug, das August Geigenberger 1903 entworfen hat (Entwurfszeichnung LGA9847/3). Es ist stromlinienförmig und auf einfache Formen und Farben reduziert. Dennoch entbehrt es nicht eines gewissen Humors, beispielsweise durch die überlangen Arme des Fahrers. Um 1900 waren Automobile noch kein alltäglicher Anblick, und viele Menschen standen ihnen skeptisch gegenüber. Seit 1895 gab es allerdings in Frankreich schon erste Autorennen. Um 1900 fuhren dann bereits raketenförmige Spezialanfertigungen bei diesen Rennen mit, deren Fotos vielleicht sogar Geigenberger zu seinem Entwurf inspirierten.


Karikatur und Kinderbuch
Der Künstler betrieb zusammen mit seinem Bruder Otto in Wasserburg am Inn eine kunstgewerbliche Werkstatt. Vorher lebte er zu Ausbildungszwecken mehrere Jahre lang in München, wo er die Königliche Kunstgewerbeschule besuchte. Hier erhielt er entscheidende künstlerische Impulse im Sinne des Jugendstils. Seine karikaturesken Illustrationen verkaufte er unter anderem an die Zeitschrift Jugend. 1902 schuf er ein Kinderbuch mit dem Titel „Der tapfere Ingobert“.

Spielzeug für eine neue Zeit
Das Bayerische Gewerbemuseum Nürnberg rief 1903 einen Wettbewerb für neuartiges Holzspielzeug aus. Die Lebensreformbewegung, die vor allem in bildungsbürgerlichen Haushalten Anklang fand, forderte naturnahes Spielzeug, dessen einfache Formen der kindlichen Fantasie Raum geben sollten. In diesem Sinne muss man auch Geigenbergers hochgelobte Beiträge zum Wettbewerb verstehen. Die vorliegende Ausführung des Automobils stammt vom Nürnberger Holzbildhauer Jean Stöttner. Um das lokale Handwerk zu fördern, verbreitete das Kultusministerium 1904 die prämierten Entwürfe aus dem Wettbewerb zum Nachbau in Berchtesgaden, Oberammergau und Partenkirchen. Jedoch blieb die handwerkliche Herstellung von Reformspielzeug eine Randerscheinung, da sie nicht mit der industriellen Massenproduktion mithalten konnte.

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Nachziehen und Reiten
Das ungefähr 300 Jahre alte Räderpferd ist 76cm hoch und damit groß genug, dass ein Kind darauf platznehmen konnte. Die Bodenplatte hat mehrere Löcher, von denen das vorderste zum Festbinden einer Schnur diente. Das PferMehr

Nachziehen und Reiten
Das ungefähr 300 Jahre alte Räderpferd ist 76cm hoch und damit groß genug, dass ein Kind darauf platznehmen konnte. Die Bodenplatte hat mehrere Löcher, von denen das vorderste zum Festbinden einer Schnur diente. Das Pferd ist damit gleichzeitig ein Reit- und ein Nachziehspielzeug. Seine Proportionen unterscheiden sich stark von der Natur – die stämmigen Beine stehen in Kontrast zum zierlichen Kopf. Das Zaumzeug und die Mähne sind mit eingeritztem Dekor verziert: Neben Zacken und Fischgräten findet man links und rechts auch je eine Wirbelrosette.


Identität trifft Ideologie
Das GNM kaufte das Pferd 1903 von einem Antiquitätenhändler in Davos (Schweiz). Seinen ersten Standort im Museum hatte es in der „Klettgauer Bauernstube“, die die Kultur der deutsch-schweizerischen Grenzlandschaft wiedergeben sollte. Doch später wurde das Spielzeug aus diesem Kontext entfernt und als niederdeutsch bezeichnet. Es war eine willkommene Projektionsfläche für Deutschnationalisten, die darin ein Stück „ihrer“ Geschichte und Identität sahen. Die Verzierungen auf der Mähne bezeichneten sie ab den 1920er Jahren als Lebensrute und Sonnenwirbel, zwei Symbole, die auf germanischen Runen basieren sollen. Dieser Deutung folgte auch die Volkskunde in Zeiten des Nationalsozialismus.

Naturwissenschaftlich betrachtet
Erst das zufällige Entdecken eines ähnlichen Räderpferds aus dem Engadiner Museum in St. Moritz führte die Forschung auf eine entscheidende Spur. Das dortige Exemplar stammt, ebenso wie ein weiteres in Privatbesitz, aus dem Kanton Graubünden. 2014/15 führte das GNM eine dendrochronologische Untersuchung an seinem Pferd durch. Die Datierung der Holzprobe ergab, dass der jüngste Jahrring von 1696 stammt. Das Fichtenholz wuchs höchstwahrscheinlich in den Nordalpen (Schweiz). Die Zuschreibung als Graubündener Spielzeug aus der Zeit um 1700 war damit erstmalig gesichert. So konnte eine naturwissenschaftliche Methode dabei helfen, ideologisch geleitete Falschannahmen der Vergangenheit auszuräumen.

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Ideale Reisebegleiter
Sonnenuhren verwendete man bereits in der Antike zur Zeitmessung. Für gewöhnlich sind sie fest an einem Ort installiert, da ihr Ziffernblatt jeweils nur für einen bestimmten Breitengrad ausgelegt ist. Im 15. JahrhundertMehr

Ideale Reisebegleiter
Sonnenuhren verwendete man bereits in der Antike zur Zeitmessung. Für gewöhnlich sind sie fest an einem Ort installiert, da ihr Ziffernblatt jeweils nur für einen bestimmten Breitengrad ausgelegt ist. Im 15. Jahrhundert wurde die mobile Klappsonnenuhr erfunden. Obwohl es zu der Zeit bereits mechanische Räderuhren gab, waren diese Taschen-Sonnenuhren ihnen in mancher Hinsicht überlegen: Sie waren klein, leicht und nicht so störanfällig wie die durch Räderwerke betriebenen Uhren. Daher waren Klappsonnenuhren besonders bei Reisenden beliebt und verbreiteten sich in ganz Europa.

Die Tücken der mobilen Zeitmessung
Anstelle eines starren Zeigers haben Klappsonnenuhren einen sogenannten Polfaden, der sich beim Öffnen aufspannt. Er dient als Schattenwerfer auf dem kreisförmigen Ziffernblatt. In die Bodenplatte dieser Uhr ist außerdem ein Kompass eingelassen. Er ist wichtig für die genaue Ausrichtung des Polfadens parallel zur Erdachse. Im Deckel befindet sich eine Tageslängenanzeige. Sie gibt die für die Sonnenuhr so wichtigen Lichtstunden pro Tag an, die Monate sind mit den entsprechenden Tierkreiszeichen versehen.
Die größte Schwierigkeit der mobilen Zeitmessung ergibt sich aus den unterschiedlichen Sonnenständen an verschiedenen Orten. Bei einer solchen Klappsonnenuhr gleicht man diese geografischen Unterschiede aus, indem man den Winkel des Polfadens verändert. Im Deckel der Uhr ist daher eine Liste der wichtigsten europäischen Handelsstädte mit ihrem jeweiligen Breitengrad eingraviert. Auf der Mittelachse konnte man den Polfaden im entsprechenden Bohrloch neben dem Breitengrad fixieren. Damit war die Uhr auf die richtige Ortszeit „eingestellt“.

Eine Dynastie von Uhrenmachern
Vor allem Nürnberg und Augsburg entwickelten sich im 16. Jahrhundert zu bekannten Produktionsstätten von Klappsonnenuhren. In Nürnberg war die Familie Reinmann mit Meistern in mehreren Generationen als Kompass- und Instrumentenbauer tätig. Paulus Reinmann war einer der wenigen, die Sonnenuhren aus verschiedenen Werkstoffen – Holz, Metall und Elfenbein – herstellte. Seine Klappsonnenuhren waren unter Liebhabern weit über die Landesgrenzen hinweg begehrt. Seine Signatur auf dem Gehäuse kann als Qualitätsgarantie verstanden werden.
 

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Absolute Präzision
Ein Torquetum wurde zur Vermessung der Welt und des Himmels genutzt. Es zeigt modellhaft die Lage von Horizont und Äquator und dient zur Bestimmung des Sonnenstands - und damit der Zeit. Man verwendete Torqueten auch zur BMehr

Absolute Präzision
Ein Torquetum wurde zur Vermessung der Welt und des Himmels genutzt. Es zeigt modellhaft die Lage von Horizont und Äquator und dient zur Bestimmung des Sonnenstands - und damit der Zeit. Man verwendete Torqueten auch zur Berechnung von Längen, Höhen und Breiten. Dadurch ließen sich Sternpositionen genau bestimmen, man konnte aber auch die Höhe von Bergen oder Bauwerken ermitteln. Daneben wurde es, wie die meisten astronomischen Geräte, für astrologische Berechnungen eingesetzt.
Seinen Namen verdankt das Torquetum seinen drehbaren Scheiben, Zeigern und Bogenstücken – „torquere“ ist das lateinische Wort für „drehen“. Für das reibungslose Zusammenspiel der dreidimensional angeordneten Bestandteile ist äußerste Präzision gefragt. Dies gilt sowohl für die Bearbeitung des Metalls als auch für die eingravierten Maßsysteme zum Ablesen der Werte.

Bilderkosmos
Entworfen hat dieses Torquetum der damals europaweit bekannte Mathematiker und Astronom Johannes Praetorius. Was vor allem ins Auge fällt, ist die kunstvolle Ausgestaltung des von vier kleinen Löwen getragenen Instruments. Das Messing wurde mit unterschiedlichen handwerklichen Techniken bearbeitet und vergoldet. Neben den feinen, rein funktionalen Skalen sind alle Flächen vollständig mit bildlichen Darstellungen bedeckt. Dazu gehören unter anderem Themen der Bibel und ein Jahreszeiten-Zyklus, aber auch Männer bei Vermessungsarbeiten mit unterschiedlichen Instrumenten. Als Vorlagen nutzte der namentlich nicht bekannte Graveur W.W. wissenschaftliche Bücher und Serien von Stichen.


Bürgerliche Kunstkammer
In Auftrag gegeben wurde das Torquetum vom Nürnberger Arzt Melchior Ayrer. Es könnte ihm in seiner medizinischen Praxis zur Ermittlung günstiger Zeitpunkte für bestimmte Heilbehandlungen und Eingriffe gedient haben. Vor allem war es ein sehr repräsentatives Objekt. Ayrer hatte es bei Praetorius zusammen mit anderen, ebenso kunstvoll gestalteten wissenschaftliche Instrumenten in Auftrag gegeben. Selbstbewusst ließ er sein Familienwappen neben der Signatur von Praetorius anbringen.
Mit seiner kostbaren Instrumentensammlung konnte sich der Arzt selbst mit adligen Machthabern messen: Die bei Praetorius in Auftrag gegebenen Stücke haben die Qualität vergleichbarer Instrumente in der Kunstkammer des Kurfürsten August von Sachsen. Einige Geräte von Praetorius besaß der Kurfürst sogar in fast identischer Ausführung.
 

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Ein familiäres Bildnis?
Selbstbewusst richtet diese Frau ihren Blick nach vorn. Eine Inschrift auf der Rückseite der Gipsbüste verrät, dass sie die Frauenrechtlerin und Sozialistin Clara Zetkin im Jahr 1901 darstellt. Das ebenfalls sichtbare Monogramm „KMehr

Ein familiäres Bildnis?
Selbstbewusst richtet diese Frau ihren Blick nach vorn. Eine Inschrift auf der Rückseite der Gipsbüste verrät, dass sie die Frauenrechtlerin und Sozialistin Clara Zetkin im Jahr 1901 darstellt. Das ebenfalls sichtbare Monogramm „K. K.“ konnte bisher niemandem zugeordnet werden, jedoch dürfte der Porträtkopf im Umkreis des Malers Georg Friedrich Zundel entstanden sein. Zundel war der zweite Ehemann Zetkins. Er war bekannt für idealisierende Bildnisse von Arbeiter*innen. Die unregelmäßige, „impressionistische“ Oberfläche der Büste passt zu dem Stil, den Zundel und sein Umkreis pflegten. Um 1900 plante er eine eigene kleine Familiengalerie. Es ist nicht auszuschließen, dass dieser Porträtkopf dazugehörte. Arbeitsspuren, die im Gips stehen gelassen sind, sprechen für eine intime und persönliche Wiedergabe der Dargestellten.

Leben für den Sozialismus
Clara Zetkin war ab 1878 in der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) und ab 1890 in der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) tätig. Gemeinsam mit ihrem Ehemann lebte sie in großbürgerlichen Verhältnissen am Rande Stuttgarts. Im Lauf ihrer politischen Karriere „radikalisierte“ Zetkin sich. Ihr
pazifistisches Engagement galt in den 1910er Jahren als subversiv und leitete ihren Bruch mit der SPD ein. 1918 schloss Zetkin sich der neugegründeten Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) an, für die sie bis zum Ende der Weimarer Republik Mitglied des Reichstags war.

Der Internationale Frauentag
Wenngleich Zetkin sich stark für das Frauenwahlrecht einsetzte, relativierte sie einige feministische Forderungen. Ihrer Ansicht nach werde der Sozialismus eine klassenlose Gesellschaft schaffen, ohne dass Frauenrechte unabhängig davon eingefordert werden müssten. Trotz dieser Ansicht schlug sie 1910 gemeinsam mit Käte Duncker einen Internationalen Frauentag vor, für den der 8. März wenige Jahre später zum festen Datum wurde. Die Nationalsozialisten schafften den Tag umgehend ab. Clara Zetkin ging ins russische Exil, wo sie bald darauf starb. 1977 beschloss die Generalversammlung der Vereinten Nationen, den Internationalen Frauentag erneut am 8. März zu begehen, um das Erbe emanzipatorischer Bewegungen zu würdigen.

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Wer schön sein will, muss leiden
Die Trägerin dieses Reifrocks hatte es nicht leicht, wenn sie durch Türen gehen oder in einer Kutsche sitzen wollte. Die eingeschränkte Bewegungsfreiheit wurde jedoch durch ein imposantes und standesgemäßes Auftreten kompMehr

Wer schön sein will, muss leiden
Die Trägerin dieses Reifrocks hatte es nicht leicht, wenn sie durch Türen gehen oder in einer Kutsche sitzen wollte. Die eingeschränkte Bewegungsfreiheit wurde jedoch durch ein imposantes und standesgemäßes Auftreten kompensiert. Reifröcke betonten die Hüften ihrer Trägerin auf übertriebene Weise und ließen dadurch die geschnürte Taille noch schmaler erscheinen. Außerdem versteckten sie den Unterkörper, was den Sittenvorstellungen des 18. Jahrhunderts entsprach. Die Damenmode musste damals fast bodenlang sein. Nur im Bereich des Dekolletés zeigten die Damen abends Haut.

Nachhaltigkeit? Fehlanzeige!
Das Gestell dieses Reifrocks besteht aus Fischbein, welches mit Leinenstoff überzogen wurde. Da die vertikalen Verbindungen aus Bändern bestehen, konnte man den Reifrock flach zusammenlegen. Korrekterweise würde man Fischbein heute als Walbarten bezeichnen. Große Wale filtrieren mit ihnen Kleinstlebewesen aus dem Wasser, um sie zu verspeisen. Das Material ist gleichzeitig hart und biegsam. Man kann es durch Erhitzung verformen sowie in schmale Streifen spalten. Es kam neben Reifröcken auch bei Schnürmiedern zum Einsatz. Die massenhafte Verwendung befeuerte die Waljagd und war einer der Gründe, weshalb Bartenwale fast ausgerottet wurden. Erst die Erfindung von Stahl- und Kunststoffgestellen sowie das Ende der Reifrockmode verringerte die Nachfrage nach Fischbein.

Mode und Tugend
Voluminöse Röcke waren schon seit dem späten 15. Jahrhundert in Mode. Jedoch waren sie anfangs kegelförmig. Sie nahmen ihren Ursprung in Spanien, wo man sie verdugado nannte, was bisweilen mit „Tugendhüter“ übersetzt wurde. Der Name kommt jedoch eigentlich von verdugo, spanisch für Scharfrichter sowie „grünes Holz“ (Schössling), das Konstruktionsmaterial des Unterrocks. Die Form näherte sich mit der Zeit der Ellipse an. Das erleichterte den Trägerinnen das Niedersetzen ein wenig. Schon im 18. Jahrhundert wurde behauptet, der Reifrock sei erfunden worden, um eine ungewollte Schwangerschaft zu verstecken.
 

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Jagd nach dem Altertum
Das Germanische Nationalmuseum versteht sich maßgeblich als Museum für den deutschsprachigen Raum. Als um 1900 der Trakt mit den sogenannten Bauernstuben eingerichtet wurde, war es daher naheliMehr

Jagd nach dem Altertum
Das Germanische Nationalmuseum versteht sich maßgeblich als Museum für den deutschsprachigen Raum. Als um 1900 der Trakt mit den sogenannten Bauernstuben eingerichtet wurde, war es daher naheliegend, dass auch ein Zimmer aus der deutschsprachigen Schweiz gezeigt wurde. Museumsleute und Freunde historistischer Lebenswelten machten damals regelrecht Jagd auf derartige Getäfer, wie die Wandvertäfelungen in der Schweiz heißen. Die dortigen Museumsdirektoren und Denkmalpfleger zeigten sich besorgt angesichts des lebhaften Verkaufs dieser Altertümer ins Ausland. Die Rubrik „Schweizerische Altertümer im In- und Auslande“ in den Jahresberichten des Schweizerischen Landesmuseums, informierte eigens über den Verbleib wichtiger Objekte. Dazu zählte auch die nach Nürnberg gelangte „Stube“ aus dem Klettgau. Laut einem Schreiben des damaligen Direktors Gustav Bezold stammte sie aus „Gunterswyl oberhalb Ermatingen“, heute ein Ortsteil der Gemeinde Wäldi im Kanton Thurgau.

Modernisierung und Erinnerung
Aus dem Kanton Thurgau stammen aber letztlich nur die Zimmerdecke und die Wandvertäfelung mit dem integrierten, 1666 datierten Büfett. Alle anderen Einrichtungsgegenstände sind aus anderen Orten und aus unterschiedlichen Zeiten, obwohl sie alle gemeinsam in dieser Zusammenstellung seit über einem Jahrhundert zur visuellen Vorstellung der Region beitragen. Das Museum konnte die Einbauten über einen Landwirt, Gemischtwaren- und Antiquitätenhändler aus Jestetten an der Schweizer Grenze erwerben, der bereits seit August 1898 verschiedene Objekte nach Nürnberg geliefert hatte. Im November des Jahres wies er die Museumsmitarbeiter darauf hin, dass es ihm endlich gelungen sei, „in einem schlichten Bauernhause in der Nähe v. Konstanz, ein prachtvolles Zimmergetäfel ausfindig zu machen.“ Vor allem lenkte er den Blick auf das reich geschnitzte Büffet „von hervorragender Schönheit“. Einziger Makel der Objekte war aus seiner Sicht ihre Übermalung mit weißer Ölfarbe. Doch diese war seinen Beobachtungen gemäß bei den meisten Wandvertäfelungen inzwischen üblich. Der Besitzer der angebotenen Bauteile wünschte ihren schnellen Ausbau, da er modernisieren und eine neue Vertäfelung einbauen lassen wollte. Dieser Wunsch kam dem Museum sehr entgegen, konnte es doch auf diese Weise seine Sammlung erweitern. Die weiße Farbe wurde im Museum entfernt.
 

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Unter Bauern
Philipp Bauknecht lebte ab 1910 in Davos, wo er auf Linderung seiner Tuberkulose-Erkrankung hoffte. Die Höhenluft galt damals als einziges Heilmittel für die Infektionskrankheit, die sich in den dicht bevölkerten Städten leicht verbreiten koMehr

Unter Bauern
Philipp Bauknecht lebte ab 1910 in Davos, wo er auf Linderung seiner Tuberkulose-Erkrankung hoffte. Die Höhenluft galt damals als einziges Heilmittel für die Infektionskrankheit, die sich in den dicht bevölkerten Städten leicht verbreiten konnte. Ab 1920 wohnte Bauknecht in bäuerlichem Umfeld am Rand von Davos Dorf. In seinen Kunstwerken kann man erkennen, dass ihn seine eigene Situation bedrückte. Auf dem Gemälde Holzhauer im Wald schälen Männer die Rinde von einem Baumstamm. Ihre Körper sind grob geformt und ihre Gesichter wirken wie Masken. Nicht nur hier, sondern auch auf anderen Bildern zeigte Bauknecht die Bauern auf diese rohe Art.

Bedrohliche Natur
Der Wald sieht abweisend aus, weil Bauknecht die Natur mit grellen Farben malte. Fast könnte man von Warnfarben sprechen. Der Boden richtet sich auf, als ob er aus scharfkantigen Schuppen bestünde. Die bereits abgelängten Baumstämme sind gelb und zerteilen das Bild in zwei ungleiche Hälften. Während Ernst Ludwig Kirchner, der ebenfalls in Davos lebte, das ländliche Leben eher harmonisch idealisierte, wirkt es bei Bauknecht bedrohlich. Er schilderte die Bauern aus kritischer Distanz und stellte sie als derb dar. Im Gegensatz zur kräftigen Bildwirkung steht jedoch der ungewöhnlich dünne Farbauftrag auf der Leinwand. Da Bauknecht arm war, musste er sparsam mit der Farbe umgehen.

Wertschätzung für „primitive“ Kunst
Das Gemälde ist flächig gestaltet und zeigt kaum Tiefenwirkung. Diese Reduktion erinnert an volkstümliche Kunst. Galt sie vorher noch als primitiv und wertlos, so begann im späten 19. Jahrhundert die wissenschaftliche Erforschung sowie die ästhetische Wertschätzung der Volkskunst. Im frühen 20. Jahrhundert war sie eine beliebte Inspirationsquelle – nicht nur für Bauknecht, sondern auch für andere Maler des deutschen Expressionismus. Das Bild Holzhauer im Wald wurde 1927 auf der großen Berliner Kunstausstellung gezeigt. Museen in Münster, Kassel und Stuttgart kauften schon Ende der 1920er Jahre einige seiner Bilder. 1933 verstarb Bauknecht bei einer Operation in Davos. Seine Witwe verbrachte die meisten seiner Werke in die Niederlande. Dort begann auch Bauknechts „Wiederentdeckung“ in den 1960er Jahren.

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