Die Zeit im Gepäck
Zu der Zeit, als diese Klappsonnenuhr hergestellt wurde, waren mechanische Räderuhren bereits weit verbreitet. An Kirchtürmen und städtischen Rathäusern gaben sie den Takt des öffentlichen Lebens vor. Trotzdem blieben die Mehr

Die Zeit im Gepäck
Zu der Zeit, als diese Klappsonnenuhr hergestellt wurde, waren mechanische Räderuhren bereits weit verbreitet. An Kirchtürmen und städtischen Rathäusern gaben sie den Takt des öffentlichen Lebens vor. Trotzdem blieben die zuvor für die Zeitmessung verwendeten Sonnenuhren weiterhin in Gebrauch. Vor allem auf Reisen waren solche leichten und gut transportablen Klappsonnenuhren unentbehrliche Begleiter. Der eingebaute Kompass half bei der für die Zeitbestimmung nötigen Nord-Süd-Ausrichtung.
Klappbare Reise-Sonnenuhren wurden in Nürnberg seit dem späten 15. Jahrhundert hergestellt. Die Reichsstadt war weit über ihre Grenzen für die Qualität der hier produzierten wissenschaftlichen Geräte bekannt. Taschensonnenuhren waren ein gefragter Exportartikel des Nürnberger Fernhandels.

Andere Orte – andere Zeiten
Mobile Zeitmessung auf Reisen brachte ein Problem mit sich: Je nach Breitengrad war der Stand der Sonne ein anderer. Sonnenuhren hatten feste Ziffernblätter, die jeweils nur an einem bestimmten Ort ihre Gültigkeit hatten. Was man leicht verändern konnte, war die Lage des „Zeigers“. Bei solchen Klappsonnenuhren war das ein sogenannter Polfaden, der zwischen Boden und Deckel aufgespannt war, und dessen Schatten die Zeit auf dem Ziffernblatt markierte. Dessen oberes Ende konnte man an verschiedenen Punkten fixieren.
Üblicherweise enthielten Sonnenuhren ein Verzeichnis der Polhöhen für die wichtigsten europäischen Städte. Bei dieser Klappsonnenuhr wird der Deckel zur „Benutzeroberfläche“: Auf der Landkarte, die auf ihm abgebildet ist, konnte man seinen Standort bestimmen und den Polfaden durch die entsprechende Öffnung auf der Mittelachse ziehen. Bei geöffneter Uhr konnte man dann innen die für diesen Breitengrad gültige Uhrzeit ablesen.

Die Karte
Der Hersteller dieser Sonnenuhr war aller Wahrscheinlichkeit nach Erhard Etzlaub, einer der bedeutendsten Nürnberger Instrumentenbauer seiner Zeit. Bereits 1500 hatte er eine Landkarte entworfen, die vor allem Pilgern im Heiligen Jahr die Hauptwege quer durch Europa nach Rom aufzeigte. Auch die Landkarte auf dem Deckel der Sonnenuhr hatte offenbar vor allem pilgernde Christen im Blick. Sie ist, wie damals üblich, nach Süden ausgerichtet und reicht von Skandinavien bis nach Afrika. Neben Rom und Santiago de Compostela ist am linken oberen Rand auf Höhe des 30. Breitengrads „Mons Sinai“ eingezeichnet. Das am Berg Sinai gelegene Katharinenkloster war ein weiteres wichtiges Pilgerziel des Mittelalters.
 

Weniger

Ein seltener Fund
Im späten Mittelalter besaß nahezu jeder Ritter einen solchen Helm für den Krieg oder das Turnier. Dennoch sind heute nur noch weniger als 20 dieser originalen Helme erhalten. Gutes Eisen hatte damals einen hohen MaterialweMehr

Ein seltener Fund
Im späten Mittelalter besaß nahezu jeder Ritter einen solchen Helm für den Krieg oder das Turnier. Dennoch sind heute nur noch weniger als 20 dieser originalen Helme erhalten. Gutes Eisen hatte damals einen hohen Materialwert. Unbrauchbare oder veraltete Helme wurden daher in großer Zahl umgeformt und das teure Material wiederverwendet.
Dass dieser Helm die Jahrhunderte überdauerte, verdanken wir einem Brauch, der im 14. Jahrhundert aufkam: Zur Erinnerung an einen verstorbenen Ritter hängte man dessen Wappenschild zusammen mit dem Helm in der Kirche auf. Oft wurden dafür dünnwandige Nachbildungen verwendet. Erst 1924 entdeckte man, dass sich auf dem Totenschild des Hans Rieter zu Kornburg in der Allerheiligenkirche Kleinschwarzenlohe ein originaler Helm befand.

Rundum geschützt
Topfhelme waren die ersten vollständig geschlossenen Helme. Sie wurden aus mehreren miteinander vernieteten Eisenplatten gefertigt. Das obere Scheitelstück dieses Helms wurde sehr aufwendig aus einem Stück getrieben. Unterhalb der schmalen Sehschlitze erkennt man eine Reihe von Löchern, die das Atmen erleichtern sollten. Der kreuzförmige Durchbruch links war für eine Rüstkette bestimmt, die den Helm mit der Rüstung verband. Nicht erhalten ist die sogenannte Helmzier, ein Aufsatz, der den Helm mit den persönlichen Erkennungszeichen des Ritters versah.

Nicht für jeden Kampf geeignet
Topfhelme waren vor allem ein wirksamer Schutz vor Angriffen von Reitern mit der Lanze. Sie wurden daher ausschließlich von Rittern getragen. Die geschlossene Form brachte aber auch Nachteile mit sich: Sie behinderte vor allem die Sicht, die Beweglichkeit und die Atmung. Das konnten auch Atemlöcher und Sehschlitze nicht verhindern. Eine ausreichende Luftversorgung war angesichts der schweren körperlichen Anstrengung eines Kampfes entscheidend. Zum Nahkampf mit Schwert und Dolch nahmen Ritter ihren Helm daher meistens ab.

Alter Adel
Die Verwendung für den Totenschild hatte Anfang des 17. Jahrhunderts einige Veränderungen des Helms zur Folge. Dazu gehören die Farbfassung und die goldenen Schmuckstreifen, das Aufhängeloch, die Spangen vor den Sehschlitzen und der gezackte Streifen aus Kettengeflecht. Vermutlich nahm man hierfür den unteren Rand eines Kettenhemds. Dass für den Totenschild eine damals bereits veraltete Helmform verwendet wurde, geschah wohl mit Absicht: Im 16. und 17. Jahrhundert waren viele Patrizier in den Adelsstand erhoben worden. Über die Helmform betonte man die Zugehörigkeit zum alten Ritteradel.
 

Weniger

(Über-)natürliche Schönheit
Das Stängelglas von 1896 erscheint so fragil und einzigartig wie eine echte Blüte. Es wurde in der Manufaktur der Tiffany Glass and Decorating Company in New York City produziert. Auf einer gewölbten Fußplatte steMehr

(Über-)natürliche Schönheit
Das Stängelglas von 1896 erscheint so fragil und einzigartig wie eine echte Blüte. Es wurde in der Manufaktur der Tiffany Glass and Decorating Company in New York City produziert. Auf einer gewölbten Fußplatte steht ein dünner Stängel, der sich nach oben erweitert und in einen Blütenkelch übergeht. In den Bauch des Glases ist ein pfauenfederförmiger Farbverlauf eingearbeitet. Der geschwungene Blütenrand hat fünf Auswölbungen und ist mit oberflächlichen Rissen, sogenannten Craquelés, verziert. Das mundgeblasene Glas besticht durch seine komplexe Farbgebung und seine verspielte Form. Von antiken römischen Gläsern bezog der Firmengründer Louis Comfort Tiffany die Idee für die irisierende Oberflächenbehandlung. Den perlmuttartigen Glanz erzielte er durch Beimischung von Metallsalzen in die Glasschmelze.

Handwerk und Einzelstück
Auch wenn sein Unternehmen später noch weitere Luxusgüter produzierte, wurde Tiffany zunächst für seine Glasarbeiten weltberühmt. Dazu zählte nicht nur Trinkgeschirr, sondern vor allem Bleiglasfenster und -lampenschirme. Tiffanys Firma expandierte zwar rasant, jedoch war es ihm wichtig, dass seine Glaserzeugnisse handgemacht waren und auch so aussahen. Im Zeitalter der fortschreitenden Massenproduktion hatte die manuelle Fertigung einen luxuriösen und nostalgischen Touch. Tiffany prägte daher den Begriff „Favrile-Glas“ als Kennzeichen seiner Marke. Das Wort stammt von lateinisch „fabrilis“ ab und bedeutet handgemacht.

Vom Malereistudenten zum Geschäftsmann
Da Tiffany in eine reiche Familie geboren wurde, konnte er sich eine lange und intensive künstlerische Ausbildung leisten. Er unternahm ausgedehnte Reisen nach Europa und Nordafrika und studierte bei mehreren profilierten Landschaftsmalern. Erst nachdem er sein Glasunternehmen schon aufgebaut hatte, übernahm Tiffany auch noch den Juwelierbetrieb seines Vaters. Dadurch entstand ein Imperium, welches bis heute den Luxusgütermarkt prägt.

Weniger

Erst der Einband, dann das Buch
Der Prunkeinband entstand mehrere Jahrzehnte bevor das dazu gehörige Buch überhaupt geschaffen wurde. Gestiftet hatten ihn Kaiserin Theophanu und ihr minderjähriger Sohn Otto in die Abtei Echternach bei Trier. Hier eMehr

Erst der Einband, dann das Buch
Der Prunkeinband entstand mehrere Jahrzehnte bevor das dazu gehörige Buch überhaupt geschaffen wurde. Gestiftet hatten ihn Kaiserin Theophanu und ihr minderjähriger Sohn Otto in die Abtei Echternach bei Trier. Hier entstand um 1030 auch die Handschrift dafür, der berühmte Codex Aureus. Das „goldene Buch“ ist eine Evangelienschrift, deren Bezeichnung wörtlich zu verstehen ist: Die Mönche der Abtei Echternach schrieben sie mit Goldtinte auf purpurfarbene Seiten. Das reich bebilderte Manuskript ist eine der bedeutendsten und wertvollsten Handschriften des frühen Mittelalters. Es wird heute getrennt vom Bucheinband in der Bibliothek des GNM aufbewahrt, um beide Werke optimal bewahren zu können
(Hs. 156142).

Höchste Handwerkskunst
Der kostbare Buchdeckel wurde in Trier bei einer der führenden Goldschmiede­werkstätten der Zeit in Auftrag gegeben. Diese war vor allem bekannt für ihre besondere Technik der Emailkunst, das sogenannte Zellenschmelz-Verfahren: Dünne aufgelötete Goldstege bildeten ein Muster, in das jeweils eine Masse aus geschmolzenem Glas in verschiedenen Farben eingefüllt wurde.
Die Elfenbeintafel im Zentrum war zumindest teilweise farbig bemalt und vergoldet. Sie enthält eine frühe Darstellung der Kreuzigung Christi. Von rechts reicht der römische Soldat Stephaton Christus einen angefeuchteten Essigschwamm; Longinus fügt Christus später mit einer Lanze die Seitenwunde zu. Kreuzigungsdarstellungen gewannen in den folgenden Jahrhunderten immer mehr an Bedeutung und gehörten im Spätmittelalter zu den am häufigsten dargestellten Bildthemen.

Ein Kind als Stifter
Um die Elfenbeintafel herum ist eine ganze Reihe von feinen, heute nur schwer erkennbaren Figuren in das dünne Goldblech des Deckels getrieben. Darunter befinden sich Maria und Heilige, die mit der Abtei Echternach verbunden sind, sowie Symboltiere der Evangelisten und Personifikationen der vier Paradiesflüsse. Sie versinnbildlichen die Ausbreitung des Evangeliums in alle vier Himmelsrichtungen.
In Gestalt aufrechtstehender Stifterfiguren präsentieren sich Kaiserin Theophanu und ihr Sohn gleichrangig zwischen den Heiligen. Sie betonen damit die enge Verbindung von Herrscherhaus und Kirche. Die Inschrift neben dem minderjährigen Thronfolger ermöglicht auch eine ungefähre Datierung: Den Titel „Otto III.“ erhielt er 983, als er im Alter von drei Jahren zum deutschen König gekrönt wurde. Der Einband muss also danach, spätestens aber im Todesjahr von Theophanu 991 entstanden sein.
 

Weniger

Unter Bauern
Philipp Bauknecht lebte ab 1910 in Davos, wo er auf Linderung seiner Tuberkulose-Erkrankung hoffte. Die Höhenluft galt damals als einziges Heilmittel für die Infektionskrankheit, die sich in den dicht bevölkerten Städten leicht verbreiten koMehr

Unter Bauern
Philipp Bauknecht lebte ab 1910 in Davos, wo er auf Linderung seiner Tuberkulose-Erkrankung hoffte. Die Höhenluft galt damals als einziges Heilmittel für die Infektionskrankheit, die sich in den dicht bevölkerten Städten leicht verbreiten konnte. Ab 1920 wohnte Bauknecht in bäuerlichem Umfeld am Rand von Davos Dorf. In seinen Kunstwerken kann man erkennen, dass ihn seine eigene Situation bedrückte. Auf dem Gemälde Holzhauer im Wald schälen Männer die Rinde von einem Baumstamm. Ihre Körper sind grob geformt und ihre Gesichter wirken wie Masken. Nicht nur hier, sondern auch auf anderen Bildern zeigte Bauknecht die Bauern auf diese rohe Art.

Bedrohliche Natur
Der Wald sieht abweisend aus, weil Bauknecht die Natur mit grellen Farben malte. Fast könnte man von Warnfarben sprechen. Der Boden richtet sich auf, als ob er aus scharfkantigen Schuppen bestünde. Die bereits abgelängten Baumstämme sind gelb und zerteilen das Bild in zwei ungleiche Hälften. Während Ernst Ludwig Kirchner, der ebenfalls in Davos lebte, das ländliche Leben eher harmonisch idealisierte, wirkt es bei Bauknecht bedrohlich. Er schilderte die Bauern aus kritischer Distanz und stellte sie als derb dar. Im Gegensatz zur kräftigen Bildwirkung steht jedoch der ungewöhnlich dünne Farbauftrag auf der Leinwand. Da Bauknecht arm war, musste er sparsam mit der Farbe umgehen.

Wertschätzung für „primitive“ Kunst
Das Gemälde ist flächig gestaltet und zeigt kaum Tiefenwirkung. Diese Reduktion erinnert an volkstümliche Kunst. Galt sie vorher noch als primitiv und wertlos, so begann im späten 19. Jahrhundert die wissenschaftliche Erforschung sowie die ästhetische Wertschätzung der Volkskunst. Im frühen 20. Jahrhundert war sie eine beliebte Inspirationsquelle – nicht nur für Bauknecht, sondern auch für andere Maler des deutschen Expressionismus. Das Bild Holzhauer im Wald wurde 1927 auf der großen Berliner Kunstausstellung gezeigt. Museen in Münster, Kassel und Stuttgart kauften schon Ende der 1920er Jahre einige seiner Bilder. 1933 verstarb Bauknecht bei einer Operation in Davos. Seine Witwe verbrachte die meisten seiner Werke in die Niederlande. Dort begann auch Bauknechts „Wiederentdeckung“ in den 1960er Jahren.

Weniger

Ein Evangelist als Maler
Der heilige Lukas sitzt an einer Staffelei und malt die Maria mit dem Jesuskind auf dem Arm. Sie sitzt an einem Kaminfeuer in einem Nebenraum, dessen Türöffnung die Szene wie ein Bild einrahmt. Die beiden Räume sind Mehr

Ein Evangelist als Maler
Der heilige Lukas sitzt an einer Staffelei und malt die Maria mit dem Jesuskind auf dem Arm. Sie sitzt an einem Kaminfeuer in einem Nebenraum, dessen Türöffnung die Szene wie ein Bild einrahmt. Die beiden Räume sind so angelegt, dass zwischen Maler und Modell kein Blickkontakt möglich ist. Dies ist als Hinweis zu verstehen, dass Lukas die Gottesmutter nicht leibhaftig vor sich hatte, sondern eine göttliche Erscheinung malte. Die Darstellung folgt damit mittelalterlichen Legenden, denen zufolge der heilige Lukas als Maler einer Reihe wundertätiger Marienbilder galt. So wurde der Evangelist zum Schutzpatron der Künstler. Deren Zünfte, die Lukasgilden, wurden nach ihm benannt.

Spiel mit den Realitätsebenen
Das Tafelgemälde, das Lukas auf seiner Staffelei mit Pinsel, Palette und Malstock vollendet, verweist mit seinem Goldgrund auf traditionelle Typen von Marienbildern. Damit ist auf die Lukasmadonnen angespielt, die man dem Heiligen zuschrieb und die man deshalb für authentische Bildnisse der Gottesmutter hielt. Anders als dieses kleine Bild im Bild folgt die Darstellung der gesamten Szene einer völlig anderen Art der Realitätswiedergabe. Der perspektivische Aufbau der Stuben erzeugt die Illusion von Raumtiefe. Das Fenster hinter Lukas gibt den Blick auf einen städtischen Platz frei. Durch die realitätsnahe Wiedergabe sollte das wundersame Geschehen in die damalige Gegenwart versetzt werden, um es so glaubwürdiger zu machen.

Wandelbares Bildprogramm
Das Bild gehörte zu den 20 Gemälden eines großen Flügelaltars in der Klosterkirche der Augustiner-Eremiten in Nürnberg. Dieser bestand aus einem nicht mehr erhaltenen, etwa 3 m hohen Skulpturenschrein mit zwei beweglichen Flügelpaaren und Standflügeln. Die beweglichen Flügel waren jeweils beidseitig bemalt und konnten gewandelt, d. h. auf- und zugeklappt, werden. So ergaben sich im Verlauf des kirchlichen Festkalenders immer neue Ansichten und Bildprogramme. Die Darstellung des heiligen Lukas als Maler war nur bei geöffneten Flügeln sichtbar. Zusammen mit den Skulpturen im Schrein und anderen Heiligenszenen wurde sie an besonderen Feiertagen gezeigt.
Das 1487 vollendete Augustinerretabel gehörte zu den größten und bedeutendsten Werken der Nürnberger Malerei vor Albrecht Dürer. Großprojekte wie dieses waren nur im Zusammenspiel zahlreicher Mitarbeiter zu bewältigen. Das Retabel entstand in der Werkstatt von Hans Traut, die in der Kunstproduktion der Reichsstadt im späten 15. Jahrhundert markbestimmend war.
 

Weniger

Nur scheinbar alltäglich
Eine solche Darstellung von Maria und Elisabeth mit ihren Kindern bei der häuslichen Arbeit ist ein sehr ungewöhnliches Thema in der Kunst. Die Gottesmutter mit dem aufgeklappten Buch auf dem Schoß hält eine Spindel Mehr

Nur scheinbar alltäglich
Eine solche Darstellung von Maria und Elisabeth mit ihren Kindern bei der häuslichen Arbeit ist ein sehr ungewöhnliches Thema in der Kunst. Die Gottesmutter mit dem aufgeklappten Buch auf dem Schoß hält eine Spindel in der Hand. Elisabeth wickelt das goldene Garn auf eine Haspel. Zu ihren Füßen sitzen ihre Kinder. Jesus hält in der ausgestreckten Hand einen Löffel mit Brei. Beide umfassen den Stiel einer Pfanne, Johannes der Täufer wendet sich mit einem Schriftband an seine Mutter Elisabeth: „Sichin mu(o)ter ihesus tu(o)t mir“ (Sieh hin, Mutter, was Jesus mir tut). Hinter dieser Szene versteckt sich eine theologische Aussage: So, wie Jesus Johannes von dem Brei gibt, versorgt er auch die Menschheit mit Seelennahrung. Das vordergründig alltägliche Geschehen hat also eine tiefere religiöse Bedeutung und betont zugleich die menschliche Natur des Gottessohnes.

Ein Altar zu Ehren der Jungfrau
Die Tafel gehörte zu einem Flügel des monumentalen Marienretabels vom Hochaltar der Nürnberger Frauenkirche. In geöffnetem Zustand waren neben der Darstellung von Maria und Elisabeth drei weitere Szenen aus dem Marienleben vor feierlichem Goldgrund zu sehen. Die Rückseite der Tafel, die die Gefangennahme Christi zeigt, war zusammen mit anderen Darstellungen des Leidenswegs Christi bei geschlossenen Altarflügeln sichtbar.

Anspielungen auf den Reliquienschatz
Die Marienszenen stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Reliquienschatz der Frauenkirche. Zu ihm gehörten hochkarätige Marienreliquien, wie der goldene Gürtel der Jungfrau, den Kaiser Karl IV. der Kirche geschenkt hatte. Unter den Reliquien befanden sich auch Überreste des Garns, das Maria der Legende nach für den Vorhang des Tempels in Jerusalem gesponnen haben soll. Im Bild ist beides im realen Leben Mariens verortet.
Bei kunsttechnologischen Untersuchungen fanden sich unter der Goldschicht hinter Maria und Elisabeth Spuren eines dunkelblauen Vorhangs. Dieser spielte auf eine weitere Marienreliquie der Frauenkirche an, „ein stucklein eins portleins“, wie es in einer Beschreibung von 1442 heißt. Gemeint ist die Borte des Tempelvorhangs, die Maria selber gewirkt haben soll. Wenn an Festtagen der Altar geöffnet und der Reliquienschatz in der Kirche ausgestellt war, dann machte die Wechselbeziehung von Bildern und Reliquien das Heilsgeschehen unmittelbar anschaulich.
 

Weniger

Göttlicher Geleitschutz
Die Figurengruppe verbildlicht die Geschichte von Tobias und dem Engel, die in den apokryphen Schriften des Alten Testaments überliefert ist. Tobias begibt sich darin auf eine gefahrvolle Reise, um das in der Ferne voMehr

Göttlicher Geleitschutz
Die Figurengruppe verbildlicht die Geschichte von Tobias und dem Engel, die in den apokryphen Schriften des Alten Testaments überliefert ist. Tobias begibt sich darin auf eine gefahrvolle Reise, um das in der Ferne von seinem Vater hinterlegte Vermögen zurückzuholen. Auf dessen Rat hin engagiert er einen Reisebegleiter als Geleitschutz. Er ahnt nicht, dass es sich dabei um den Erzengel Raphael handelt, der ihm unerkannt auf der Reise zur Seite steht. Unter anderem hilft er Tobias, im Fluss Tigris einen gefährlichen Fisch zu fangen. Dessen Gallenblase, die er von seiner Reise mit nach Hause bringt, hat heilkräftige Wirkung und gibt seinem erblindeten Vater das Augenlicht zurück.
Wie für Tobias ist Raphael auch für Betrachter der Figurengruppe nicht als Engel erkennbar, Veit Stoß hat ihn ohne Flügel dargestellt. Andere Details, die den erzählerischen Zusammenhang der Geschichte ursprünglich verbildlichten, gingen im Laufe der Jahrhunderte verloren. Dazu gehört der Fisch, den Tobias an einer Schnur in seiner linken Hand bei sich trug, und die Dose mit der Fischgalle, die Raphael auf der erhobenen Hand präsentierte.

Ein spätes Meisterwerk
Veit Stoß hat wie bei vielen seiner Werke auf eine farbige Fassung des Holzes verzichtet. Doch obwohl man die Struktur des Lindenholzes erkennen kann, ist die Illusion der vom Wind gebauschten Stoffe beinahe perfekt. Mit seiner Schnitzkunst gewinnt er dem Material eine Leichtigkeit ab, die die ganze Meisterschaft des damals fast 70jährigen Künstlers offenbart. Als „miracolo di legno“, ein „Wunder aus Holz“, rühmte später der italienische Kunstschriftsteller Giorgio Vasari ein vergleichbares Werk von Veit Stoß in Florenz.

Export eines Bildthemas
Die 1516 geschaffene Figurengruppe war als Stiftung für die Nürnberger Dominikanerkirche bestimmt. Auftraggeber war der der aus Florenz stammende Fernhandelskaufmann Raffaelo Torrigiani, der sich mehrmals in der Reichsstadt aufgehalten hatte. Das in seiner Heimat verbreitete Bildthema war in der Kunst nördlich der Alpen weitgehend unbekannt. Bei der Wahl mag eine Rolle gespielt haben, dass es sich beim Erzengel Raphael um seinen Namenspatron handelt. Vor allem aber wollte der Kaufmann sich wohl – wie der junge Tobias – bei seinen weiten und gefährlichen Handelsreisen unter den Schutz einer göttlichen Macht stellen.
 

Weniger

Von der Rennbahn ins Kinderzimmer
Modern, ja fast futuristisch erscheint das Automobil-Spielzeug, das August Geigenberger 1903 entworfen hat (Entwurfszeichnung LGA9847/3). Es ist stromlinienförmigMehr

Von der Rennbahn ins Kinderzimmer
Modern, ja fast futuristisch erscheint das Automobil-Spielzeug, das August Geigenberger 1903 entworfen hat (Entwurfszeichnung LGA9847/3). Es ist stromlinienförmig und auf einfache Formen und Farben reduziert. Dennoch entbehrt es nicht eines gewissen Humors, beispielsweise durch die überlangen Arme des Fahrers. Um 1900 waren Automobile noch kein alltäglicher Anblick, und viele Menschen standen ihnen skeptisch gegenüber. Seit 1895 gab es allerdings in Frankreich schon erste Autorennen. Um 1900 fuhren dann bereits raketenförmige Spezialanfertigungen bei diesen Rennen mit, deren Fotos vielleicht sogar Geigenberger zu seinem Entwurf inspirierten.


Karikatur und Kinderbuch
Der Künstler betrieb zusammen mit seinem Bruder Otto in Wasserburg am Inn eine kunstgewerbliche Werkstatt. Vorher lebte er zu Ausbildungszwecken mehrere Jahre lang in München, wo er die Königliche Kunstgewerbeschule besuchte. Hier erhielt er entscheidende künstlerische Impulse im Sinne des Jugendstils. Seine karikaturesken Illustrationen verkaufte er unter anderem an die Zeitschrift Jugend. 1902 schuf er ein Kinderbuch mit dem Titel „Der tapfere Ingobert“.

Spielzeug für eine neue Zeit
Das Bayerische Gewerbemuseum Nürnberg rief 1903 einen Wettbewerb für neuartiges Holzspielzeug aus. Die Lebensreformbewegung, die vor allem in bildungsbürgerlichen Haushalten Anklang fand, forderte naturnahes Spielzeug, dessen einfache Formen der kindlichen Fantasie Raum geben sollten. In diesem Sinne muss man auch Geigenbergers hochgelobte Beiträge zum Wettbewerb verstehen. Die vorliegende Ausführung des Automobils stammt vom Nürnberger Holzbildhauer Jean Stöttner. Um das lokale Handwerk zu fördern, verbreitete das Kultusministerium 1904 die prämierten Entwürfe aus dem Wettbewerb zum Nachbau in Berchtesgaden, Oberammergau und Partenkirchen. Jedoch blieb die handwerkliche Herstellung von Reformspielzeug eine Randerscheinung, da sie nicht mit der industriellen Massenproduktion mithalten konnte.

Weniger