Beschützerin der Kunst
Die römische Göttin Minerva – bei den Griechen bereits als Athene verehrt – galt in der antiken Mythologie als Hüterin des Wissens und Göttin der Weisheit. Darüber hinaus sprach man ihr auch Einfluss auf die Geschicke Mehr

Beschützerin der Kunst
Die römische Göttin Minerva – bei den Griechen bereits als Athene verehrt – galt in der antiken Mythologie als Hüterin des Wissens und Göttin der Weisheit. Darüber hinaus sprach man ihr auch Einfluss auf die Geschicke des Staates und die taktische Kriegsführung zu. Entsprechend wehrhaft ist sie hier mit einem prächtigen Federhelm, einem Schuppenpanzer und wadenhohen Stiefeln ausgerüstet. Ihr Schild ist mit dem Haupt der Medusa geschmückt, dessen Anblick der Sage nach alle Gegner zu Stein erstarren ließ.
An der Hand führt sie einen Knaben, der vertrauensvoll zu ihr aufschaut. Mit dem Buch und einer Zeichenrolle unter dem Arm ist er als Verkörperung der Künste dargestellt. Weitgehend unbekleidet und wehrlos vertraut er sich der sicheren Führung der Schutzgöttin an.

Die Leichtigkeit des Rokoko
Die über drei Meter hohe Skulptur war eine von mindestens zwölf Darstellungen mythologischer Götter und Heroen im Park von Schloss Seehof bei Bamberg. Geschaffen hat sie der aus Böhmen stammende Bildhauer Ferdinand Tietz (1708-1777). Mit 28 Jahren war er nach Würzburg gekommen, wo er neben Arbeiten an der neuen Residenz auch kirchliche und bürgerliche Aufträge übernahm. Nach seiner Übersiedlung ins nahe gelegene Bamberg wurde er zum Hofbildhauer des dortigen Fürstbischofs. Tietz betrieb eine große Werkstatt mit fünf Gesellen und gilt als einer der bedeutendsten Bildhauer des süddeutschen Rokoko. Für den Zeitstil typisch sind die leichte, tänzerische Wendung des Körpers und die gebauschten, die Figur in weiten Bögen umspielenden Gewänder.

Garten der Götter
Schloss Seehof war die Sommerresidenz der Bamberger Fürstbischöfe und diente vor allem als Jagdschloss. Die weitläufigen Parkanlagen, für die auch die Skulpturen geschaffen wurden, bildeten mit ihren Orangerien, Fontänen Alleen, Hecken und Terrassen ein besonderes Gartenkunstwerk. Sie waren nicht so sehr an französische Vorbilder angelehnt, die auf die Repräsentation absolutistischer Macht abzielten, sondern an die sehr viel intimer gestalteten Gärten italienischer Villen oder holländischer Anlagen. Der Garten lud ein zum Lustwandeln, zu Rückzug und Muße. Er konnte aber auch ein Ort der Repräsentation sein und bot dann die reizvolle Kulisse für Feste und Veranstaltungen. Eine Skulptur wie die der Minerva war Teil dieser Inszenierung. Als Schutzpatronin der Künste war sie ein Sinnbild der Kunst- und Wissenschaftsförderung der Bamberger Fürstbischöfe.
 

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Die Zeit in der Tasche
Dosenuhren wie diese machten im Mittelalter zum ersten Mal die Uhrzeit immer und überall verfügbar. Zuvor bestimmten große Turmuhren an Kirchen und Rathäusern den Takt des öffentlichen Lebens. Grundlage dafür war eine Mehr

Die Zeit in der Tasche
Dosenuhren wie diese machten im Mittelalter zum ersten Mal die Uhrzeit immer und überall verfügbar. Zuvor bestimmten große Turmuhren an Kirchen und Rathäusern den Takt des öffentlichen Lebens. Grundlage dafür war eine der bahnbrechendsten Innovationen des Mittelalters, die Erfindung der mechanischen Räderuhr. Welche Auswirkungen diese Erfindung auf alle Bereiche des Lebens hatte und wie sie unser Zeitverständnis bis heute prägt, verrät die DigitalStory „Alltag im Mittelalter“.
Kleinere gewichtsgetriebene Räderuhren hielten nur langsam Einzug in bürgerliche Haushalte. Sie waren anfangs noch sehr schwer und aufgrund der Störanfälligkeit ihres Gewichtsantriebs nicht transportabel. Erst die Entwicklung eines anderen Antriebs machte es möglich, mechanische Uhren noch weiter zu verkleinern, so dass sie in eine Tasche passten.

Das Geheimnis der Schnecke
Der Nürnberger Schlosser Peter Henlein war einer der ersten, der vor 500 Jahren solche tragbaren Uhren für den privaten Gebrauch herstellte. Ihr Uhrwerk funktionierte weitgehend wie das der Räderuhr. Aber anstelle von Gewichten wurden diese kompakten Uhren durch die Zugkraft einer schneckenförmigen Metallfeder angetrieben. Dadurch liefen sie unabhängig von ihrer Lagerung recht ganggenau. Die Herstellung solcher Uhren war technisch aufwendig und teuer, nur reiche Bürger konnten sie sich leisten.

Perfekte Fälschung
Peter Henlein war bereits unter Zeitgenossen für seine Uhren berühmt. Die Dosenuhr in der Sammlung des GNM galt lange als die älteste erhaltene Taschenuhr der Welt. Untersuchungen der Jahre 2013/14 ergaben jedoch, dass ihr Uhrwerk zwar dem Typ nach aus dem frühen 16. Jahrhundert stammt; die Uhr selbst wurde aber erst im 19. Jahrhundert zusammengefügt. Vermutlich griff man dabei auf einige ältere Bauteile zurück. Im Deckel findet sich die gefälschte Signatur des berühmten Nürnberger Uhrmachers samt der Jahresangabe 1510: „Petrus Hele me f.[ecit] Norimb[erga] 1510“. Ob Original oder Nachbau – die Erfindung der Dosenuhr markiert im wahrsten Sinne den Beginn einer neuen Zeit.
 

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Das „Zeitalter der Entdeckungen“
Der Behaim-Globus gilt als älteste naturalistische Erd-Darstellung, die selbst Kugelform hat. Schon die antiken Griechen wussten, dass die Erde rund ist, und fertigten Globen an. Jedoch ist nicht bekannt, dass einer von ihMehr

Das „Zeitalter der Entdeckungen“
Der Behaim-Globus gilt als älteste naturalistische Erd-Darstellung, die selbst Kugelform hat. Schon die antiken Griechen wussten, dass die Erde rund ist, und fertigten Globen an. Jedoch ist nicht bekannt, dass einer von ihnen die Zeit überdauerte. Martin Behaim verwendete für die Konzeption des Globus eine Vielzahl antiker und zeitgenössischer Quellen. Jedoch mangelte es noch an exakten Karten und empirischen Erfahrungen. Der Globus fasst das bekannte Wissen über die Welt zusammen und gleicht einer visuellen Enzyklopädie. Daher ist er über und über beschriftet. Darunter findet sich legendenhaftes Wissen über Seeungeheuer und Fabelwesen genauso wie damals aktuelle Erkenntnisse über Ressourcenvorkommen und Reiserouten. Das Objekt zeigt eindrücklich, dass Europa seine Hände nach der ganzen Welt ausstreckte. Als Behaim die Arbeit am Globus im Jahr 1492 aufnahm, landete Christoph Kolumbus gerade erst in Amerika. Daher ist dieser Teil der Welt noch nicht dargestellt, ebenso wie Australien. Die bekannten Kontinente hingegen sind zu groß geraten, weil der Erdumfang unter Berufung auf den antiken Gelehrten Claudius Ptolemäus zu klein gewählt wurde.


Behaims Globus und seine Beweggründe
Martin Behaim war ein Nürnberger Patrizier, der nach Portugal ausgewandert war und dort für den König arbeitete. Er nahm wahrscheinlich an Entdeckungsfahrten Teil und hatte deswegen wohl Zugriff auf exklusives Kartenmaterial. Deshalb ist die Westküste Afrikas schon relativ präzise wiedergegeben. Vielleicht hatten die Portugiesen die Herstellung des Globus sogar unterstützt. Ein weiterer möglicher Beweggrund war die Suche nach Sponsoren für kostspielige Entdeckungs- und Handelsreisen. Behaim hat an vielen Orten vermerkt, dass man dort wertvolle Rohstoffe finden könne. Dazu zählten zum Beispiel Perlen, edle Hölzer und Gewürze. Ihre Kennzeichnung auf dem Globus sollte Investoren dazu bewegen, die Reisen finanziell zu unterstützen.

Spezialisten arbeiten zusammen
Mehrere Nürnberger Handwerker erschufen den Globus in einem arbeitsteiligen Prozess. Ein Glockengießer lieferte eine Lehmkugel, die mit Leinentüchern beklebt wurde. So entstanden durch Abformung zwei hohle Halbkugeln. Auf diese wurden Pergament und Papier aufgebracht. Ein Buchmaler und ein Schreiber gestalteten die Oberfläche. Das Gestell des Globus fertigten ein Schlosser und ein Schreiner. Für diesen aufwendigen Prozess gab es noch keine Vorbilder. Der Globus wurde anschließend im Nürnberger Rathaus aufgestellt und dort vermutlich wichtigen Gästen der Stadt gezeigt. Leider ist er heute nicht mehr gut lesbar. Schuld daran sind Alterung und mehrfache Restaurierungen.

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Ans Tageslicht geholt
Die Tannenberg-Büchse ist die älteste sicher datierbare Handfeuerwaffe Europas. Benannt wurde sie nach ihrem Fundort, der 1399 zerstörten Burg Tannenberg in Hessen. 1849 fand man sie dort während einer der ersten mittelMehr

Ans Tageslicht geholt
Die Tannenberg-Büchse ist die älteste sicher datierbare Handfeuerwaffe Europas. Benannt wurde sie nach ihrem Fundort, der 1399 zerstörten Burg Tannenberg in Hessen. 1849 fand man sie dort während einer der ersten mittelalterarchäologischen Ausgrabungen in Deutschland. Sie lag in der Zisterne, die durch die Zerstörung der Burg verschüttet worden war. Dass die Anlage – ebenfalls durch Feuerwaffen – Ende des 14. Jahrhunderts vollständig in Schutt und Asche gelegt und nicht wiederaufgebaut wurde, erwies sich als Glücksfall für die Archäologen. Denn dadurch konnte die Büchse mit Sicherheit auf eine Zeit vor 1399 datiert werden.

Zerstörerische Kraft
Handbüchsen gehören zu den frühesten Feuerwaffen. Sie wurden parallel zu den schwereren Feuergeschützen der Artillerie seit den 1360er Jahren entwickelt. Anders als Kanonen waren sie viel mobiler und konnten von einem oder zwei Männern herumgetragen und abgefeuert werden. Sie bestanden aus einem Metallrohr, das zur besseren Handhabung auf einen langen Holzstock montiert war. Geschossen wurde mit Schwarzpulver und Munition aus Bleikugeln, die von vorne in das Rohr geladen wurden. Durch das seitliche Zündloch brachte eine glühende Lunte das Schwarzpulver zur Explosion, die Kugel wurde „abgefeuert“.
Diese frühen Feuerwaffen bargen für ihre Schützen auch Risiken. Es fehlten Erfahrungen im Umgang mit Pulver und Munition, aber auch Spezialisten zur Herstellung der Waffen. Der Beruf des Büchsenmachers entwickelte sich erst im Laufe des 14. Jahrhunderts. Untersuchungen der Tannenberg-Büchse zeigten, wie porös das Rohr aus gegossener Bronze ist. Möglicherweise wäre es beim Zünden explodiert, was offenbar mit einer ähnlichen Waffe passiert ist, deren Fragmente man in unmittelbarer Nähe gefunden hat. Die Tannenberg-Büchse wurde dagegen nicht abgefeuert. Als man sie fand, steckte in ihrem Lauf noch die Kugel.

Eine neue Art der Kriegführung
Feuerwaffen veränderten die Kriegführung gegen Ende des 14. Jahrhunderts grundlegend. Ermöglicht wurde die neue Waffentechnologie durch die Erfindung des Schwarzpulvers in China. Obwohl die ersten Handfeuerwaffen bereits eine beachtliche Reichweite hatten, schossen sie nur sehr ungenau. Auch in der Schussfrequenz waren sie den damals üblichen Handbögen und Armbrüsten unterlegen. Dennoch setzten sie sich immer mehr durch. Man konnte sie kostengünstig und in großen Mengen herstellen, und es brauchte im Unterschied zu anderen Fernwaffen keine lange Ausbildung, um sie zu bedienen.
 

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Hans-Sachs-Verehrung im 19. Jahrhundert
Der Nürnberger Hans Sachs (1494–1576) war ein Schuster und der bekannteste aller Meistersinger. Er erfuhr im 19. Jahrhundert große Verehrung. Ein wichtiger Grund war das historistische Interesse am Mittelalter, in Zuge dessen NMehr

Hans-Sachs-Verehrung im 19. Jahrhundert
Der Nürnberger Hans Sachs (1494–1576) war ein Schuster und der bekannteste aller Meistersinger. Er erfuhr im 19. Jahrhundert große Verehrung. Ein wichtiger Grund war das historistische Interesse am Mittelalter, in Zuge dessen Nürnberg seine Blütezeit um 1500 glorifizierte. Das eindrucksvolle, wenn auch historisch nicht korrekte Kostüm wurde beim jährlichen Handwerkerzug getragen. Ab 1826 feierten die Nürnberger das Nationalfest, den Vorgänger des heutigen Volksfests. Zu Pferderennen, Schießübungen und Ähnlichem kam ab 1832 ein Handwerkerzug mit historischen Kostümen dazu. In Anwesenheit des bayerischen Königspaares vertrat 1833 erstmals ein als Hans Sachs verkleideter Darsteller die Nürnberger Schuhmacher. Der Festzug fand 1832 bis 1842 jährlich statt, pausierte dann, und wurde wieder 1853 bis 1868 abgehalten. Danach kamen die Kostüme ins Germanische Nationalmuseum.


Kostümhistorische Inspiration
Das Gewand des berühmten Schusterpoeten besteht aus einer entgegen historischer Praxis ärmellosen, pelzbesetzten Mantel, Schaube genannt (Z1354). Sie wurde über einem Leibrock (Z1359) und strumpfhosenartigen Beinlingen getragen. Die fast vollständig in Bandschlaufen aufgelösten Ärmel sind Teile des Leibrockes. Um das Kostüm in die Zeit Kaiser Maximilians I. zu versetzen, bediente man sich historischer Zitate wie Samtbesätze, Zierschlitze, Ärmelpuffen und Barett (Z1363). Diese Elemente galten damals als Standardvokabular der Kleidung um 1500.

Zwischen Entwurf und Ausführung
Der Architekt und Denkmalpfleger Carl Alexander Heideloff gestaltete die Kostüme für den Festzug. Das Goldene Ehrenbuch der Gewerbe und Zünfte (1834) stellte die teilnehmenden Handwerksvertreter mit ihren Fahnen vor. Man kann einige Abweichungen zwischen den Zeichnungen und den erhaltenen Kostümen erkennen. Das liegt höchstwahrscheinlich an der langen Nutzungsdauer der Kostüme, ebenso wie an den späteren Reparaturen und Umarbeitungen.

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Ein besonderes Geschenk
Wie viele Rüstungen in der Sammlung des GNM war dieser Plattenharnisch für das Turnier bestimmt. Er gehörte zu einer Serie von sechs gleichartigen Harnischen mit Zusatzstücken für verschiedene Disziplinen. In Auftrag Mehr

Ein besonderes Geschenk
Wie viele Rüstungen in der Sammlung des GNM war dieser Plattenharnisch für das Turnier bestimmt. Er gehörte zu einer Serie von sechs gleichartigen Harnischen mit Zusatzstücken für verschiedene Disziplinen. In Auftrag gegeben hat ihn die sächsische Kurfürstin Sophie als Geschenk für ihren Ehemann, Christian I. von Sachsen. Der turnierbegeisterte Kurfürst hatte in seiner Dresdner Residenz eigens einen Platz für Reiterspiele bauen lassen, der 1591 fertiggestellt wurde. Zu Weihnachten jenes Jahres sollte er die Rüstungen als Geschenk bekommen. Christian I. starb jedoch kurz vor dem Fest im Alter von nur 30 Jahren.

Aufgerüstet
Sowohl für das Turnier als auch die Feldschlacht wurden Rüstungen im 16. Jahrhundert als eine Art modularer Bausatz hergestellt. Diese sogenannte Harnischgarnituren konnten – je nach Kampfart oder Turnierdisziplin – zum besseren Schutz mit Zusatzteilen verstärkt werden. Die einzelnen Elemente waren mit Lederriemen verbunden, Schnallen ermöglichten einen raschen Austausch.
In der gezeigten Zusammenstellung ist der Harnisch speziell für den Turnierkampf zu Fuß konzipiert. Schultern und Fingerhandschuhe waren durch die vielen Glieder besonders beweglich, was für den Schwertkampf wichtig war. Da hierbei die Schläge vor allem von oben kamen, ist der Helm mit einem hohen Grat verstärkt. Die Schultern sind so gearbeitet, dass die Rüstung auch für den Reiterkampf geeignet war: Die rechte Schulter ist vor der Achselhöhle offen, so dass genügend Raum für eine Lanze blieb.

Handwerkliche Meisterleistung
Als der Plattenharnisch entstand, war die Blütezeit des Plattnerhandwerks bereits vorbei. Ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts war zur Ausrüstung von großen Söldner­heeren vor allem schlichte Massenware für Hunderte von Fußsoldaten gefragt. Der in Augsburg tätige Anton Pfeffenhauser war einer der letzten großen Plattnermeister, der solche Maßanfertigungen schuf. Er veredelte das Metall mit einer technisch sehr schwierigen Bläuung. Dafür wird das polierte Blech gleichmäßig auf etwa 300°C erhitzt, bis die Oberfläche erst rötlich, dann blau anläuft. Zusammen mit den Blattranken in vergoldeter Ätzung zeigt Pfeffenhauser bei diesem Harnisch alle Raffinessen seiner Handwerkskunst.
 

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Jagd nach dem Altertum
Das Germanische Nationalmuseum versteht sich maßgeblich als Museum für den deutschsprachigen Raum. Als um 1900 der Trakt mit den sogenannten Bauernstuben eingerichtet wurde, war es daher naheliMehr

Jagd nach dem Altertum
Das Germanische Nationalmuseum versteht sich maßgeblich als Museum für den deutschsprachigen Raum. Als um 1900 der Trakt mit den sogenannten Bauernstuben eingerichtet wurde, war es daher naheliegend, dass auch ein Zimmer aus der deutschsprachigen Schweiz gezeigt wurde. Museumsleute und Freunde historistischer Lebenswelten machten damals regelrecht Jagd auf derartige Getäfer, wie die Wandvertäfelungen in der Schweiz heißen. Die dortigen Museumsdirektoren und Denkmalpfleger zeigten sich besorgt angesichts des lebhaften Verkaufs dieser Altertümer ins Ausland. Die Rubrik „Schweizerische Altertümer im In- und Auslande“ in den Jahresberichten des Schweizerischen Landesmuseums, informierte eigens über den Verbleib wichtiger Objekte. Dazu zählte auch die nach Nürnberg gelangte „Stube“ aus dem Klettgau. Laut einem Schreiben des damaligen Direktors Gustav Bezold stammte sie aus „Gunterswyl oberhalb Ermatingen“, heute ein Ortsteil der Gemeinde Wäldi im Kanton Thurgau.

Modernisierung und Erinnerung
Aus dem Kanton Thurgau stammen aber letztlich nur die Zimmerdecke und die Wandvertäfelung mit dem integrierten, 1666 datierten Büfett. Alle anderen Einrichtungsgegenstände sind aus anderen Orten und aus unterschiedlichen Zeiten, obwohl sie alle gemeinsam in dieser Zusammenstellung seit über einem Jahrhundert zur visuellen Vorstellung der Region beitragen. Das Museum konnte die Einbauten über einen Landwirt, Gemischtwaren- und Antiquitätenhändler aus Jestetten an der Schweizer Grenze erwerben, der bereits seit August 1898 verschiedene Objekte nach Nürnberg geliefert hatte. Im November des Jahres wies er die Museumsmitarbeiter darauf hin, dass es ihm endlich gelungen sei, „in einem schlichten Bauernhause in der Nähe v. Konstanz, ein prachtvolles Zimmergetäfel ausfindig zu machen.“ Vor allem lenkte er den Blick auf das reich geschnitzte Büffet „von hervorragender Schönheit“. Einziger Makel der Objekte war aus seiner Sicht ihre Übermalung mit weißer Ölfarbe. Doch diese war seinen Beobachtungen gemäß bei den meisten Wandvertäfelungen inzwischen üblich. Der Besitzer der angebotenen Bauteile wünschte ihren schnellen Ausbau, da er modernisieren und eine neue Vertäfelung einbauen lassen wollte. Dieser Wunsch kam dem Museum sehr entgegen, konnte es doch auf diese Weise seine Sammlung erweitern. Die weiße Farbe wurde im Museum entfernt.
 

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Mahnen und Verlocken
Die Liebesgöttin Venus und Amor, der oft als ihr Sohn gilt, stehen nackt in einer Landschaft. Der kleine Amor hat eine Honigwabe aus einem Bienenstock in einem Baumstamm gestohlen. Nun greifen ihMehr

Mahnen und Verlocken
Die Liebesgöttin Venus und Amor, der oft als ihr Sohn gilt, stehen nackt in einer Landschaft. Der kleine Amor hat eine Honigwabe aus einem Bienenstock in einem Baumstamm gestohlen. Nun greifen ihn die Insekten an. Mit schmerzverzerrtem Gesicht wendet er sich an seine Mutter, die tadelnd den Zeigefinger erhoben hat. Die lateinische Inschrift oben rechts erklärt die Bedeutung des Bildes: „Dass Amor, während er den Honig aus der Höhle stahl von den Bienen in den Finger gestochen wurde. So verletzt auch uns die kurze, vergängliche Wollust, die wir begehren. Sie ist mit herben Schmerzen verbunden.“ Das Gemälde warnt vor den Folgen der Begierde. Die Mutter erklärt ihrem Sohn, dass er selbst schuld an den schmerzhaften Bienenstichen sei. Normalerweise sei er es, der mit seinen Liebespfeilen Begehren weckt und damit neben Liebe auch Leid stiftet. Die moralisierende Aussage des Bildes dient aber, wie so oft, auch als Deckmäntelchen der Aktdarstellung. Beim Betrachten der Venus konnte man ihre visuellen Reize genießen und gleichzeitig durch die enthaltene Mahnung Distanz aufbauen.

Körperideale
Cranach gibt den nackten Körper der Venus in voller Bildlänge wieder. Ihr transparenter Schleier verhüllt ihren Körper überhaupt nicht – man könnte sogar sagen, dass er ihre Nacktheit noch betont. Dasselbe gilt für den Goldschmuck an ihrem Hals und Armgelenk. Aktgemälde waren ein beliebtes Thema in der Malerei der Dürerzeit. Die mädchenhafte Körperform von Cranachs Venus ist nicht aus dem Studium der Natur oder von Skulpturen der Antike abgeleitet, wie es beispielsweise Dürer tat. Stattdessen kann man Cranachs Frauenfiguren eher eine Nähe zu den überlängten Körpern des vorangegangenen Jahrhunderts nachsagen. Gleichzeitig klingt hier schon das elegante, artifizielle Körperbild des beginnenden Manierismus an.

Die Cranach-Werkstatt
Lucas Cranach der Ältere arbeitete in einem humanistischen Umfeld, in dem mythologische Bildthemen und erotische Darstellungen beliebt waren. Er war von 1505 an Hofmaler bei Kurfürst Friedrich dem Weisen in Sachsen und wurde später auch von dessen Nachfolgern beschäftigt. In Wittenberg betrieb er eine äußerst erfolgreiche Werkstatt, die nach und nach von seinem Sohn, Lucas Cranach dem Jüngeren, übernommen wurde. Unter den vielen Mitarbeitern der Werkstatt herrschte eine rege Arbeitsteilung, weswegen sich mitunter nicht einfach bestimmen lässt, wer an einem bestimmten Werk beteiligt war. Schätzungen gehen davon aus, dass dort 3.000 bis 5.000 Gemälde produziert wurden, von denen heute noch ca. 1.000 existieren. Von der Venus mit Amor als Honigdieb gibt es ungefähr 20 Ausführungen, von denen keine zwei identisch sind. Im Germanischen Nationalmuseum existiert noch ein weiteres Bild Cranachs mit demselben Thema (Gm1097).

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Ein vollständiges Set
Die beiden Jakobsmuscheln verraten, wofür dieser Reitermantel benutzt wurde: Es handelt sich um den wasserabweisenden Überwurf eines Pilgers. Er bildet ein Set zusammen mit einem Wollfilzmantel (Mehr

Ein vollständiges Set
Die beiden Jakobsmuscheln verraten, wofür dieser Reitermantel benutzt wurde: Es handelt sich um den wasserabweisenden Überwurf eines Pilgers. Er bildet ein Set zusammen mit einem Wollfilzmantel (T550), einem Hut (T552), einem Pilgerstab (T554) und einem Rosenkranz (KG303). All diese Gegenstände gehörten Stephan III. Praun aus Nürnberg. Auf einem Bild, welches wohl erst nach seinem Tod entstand, sieht man ihn – mit leichten Abweichungen – in der ganzen Garnitur (Gm655). Der schwarze Ledermantel ist kreisrund geschnitten, hat einen Stehkragen und hinten einen „Reiterschlitz“, der die Bewegungsfreiheit des Trägers erhöhte. Er ist vergleichbar mit spanischen Reitermänteln dieser Zeit, wenn auch nicht sicher belegt ist, dass alle Teile der Garnitur in Spanien hergestellt wurden.

Gründe für die Pilgerreise
Der 26-jährige Protestant Stephan III. Praun hielt sich 1570 am spanischen Königshof in Madrid auf und begann von dort aus per Pferd seine Pilgerreise nach Santiago de Compostela. An diesem wichtigsten Pilgerort (West-) Europas befindet sich die Grabstätte des Apostels Jakobus des Älteren. Der lange, beschwerliche Weg war für die Gläubigen gleichermaßen eine Prüfung wie auch eine Chance, für ihr Seelenheil vorzusorgen. Eigentlich hatte Luther das Wallfahrtswesen kritisiert. Dennoch nahmen auch viele Angehörige des protestantischen Glaubens den Weg auf sich. Vermutlich spielte gesellschaftlicher Statuszuwachs bei dieser Entscheidung eine Rolle.

Die Jakobsmuschel
Pilgernde schmückten sich nach ihrer Rückkehr gerne mit den Abzeichen ihrer Reise. Das wichtigste Symbol ist bis heute die Jakobsmuschel. Ihre fächerförmigen Rippen wurden immer wieder verglichen mit einer vereinfachten Darstellung der Pilgerwege, die in Santiago de Compostela münden. Noch bis heute werden die Jakobswege mit einem gelben Strahlenkranz ausgeschildert, der an die Rippen auf der Jakobsmuschel erinnert. Außerdem sollen Pilgerreisende die Muscheln als Trinkschalen verwendet haben.

Seltene Relikte
Kleidung aus der Zeit vor dem 18. Jahrhundert hat sich selten erhalten. Oft wurde sie bis aufgetragen oder aber umgearbeitet. UV-Strahlung, Feuchtigkeit und Schädlingsbefall verursachen Schäden an Textilien. Umso erstaunlicher ist es, dass diese Garnitur komplett erhalten blieb, und sogar die Biografie ihres Besitzers bekannt ist.
 

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