Ein vollständiges Set
Die beiden Jakobsmuscheln verraten, wofür dieser Reitermantel benutzt wurde: Es handelt sich um den wasserabweisenden Überwurf eines Pilgers. Er bildet ein Set zusammen mit einem Wollfilzmantel (Mehr

Ein vollständiges Set
Die beiden Jakobsmuscheln verraten, wofür dieser Reitermantel benutzt wurde: Es handelt sich um den wasserabweisenden Überwurf eines Pilgers. Er bildet ein Set zusammen mit einem Wollfilzmantel (T550), einem Hut (T552), einem Pilgerstab (T554) und einem Rosenkranz (KG303). All diese Gegenstände gehörten Stephan III. Praun aus Nürnberg. Auf einem Bild, welches wohl erst nach seinem Tod entstand, sieht man ihn – mit leichten Abweichungen – in der ganzen Garnitur (Gm655). Der schwarze Ledermantel ist kreisrund geschnitten, hat einen Stehkragen und hinten einen „Reiterschlitz“, der die Bewegungsfreiheit des Trägers erhöhte. Er ist vergleichbar mit spanischen Reitermänteln dieser Zeit, wenn auch nicht sicher belegt ist, dass alle Teile der Garnitur in Spanien hergestellt wurden.

Gründe für die Pilgerreise
Der 26-jährige Protestant Stephan III. Praun hielt sich 1570 am spanischen Königshof in Madrid auf und begann von dort aus per Pferd seine Pilgerreise nach Santiago de Compostela. An diesem wichtigsten Pilgerort (West-) Europas befindet sich die Grabstätte des Apostels Jakobus des Älteren. Der lange, beschwerliche Weg war für die Gläubigen gleichermaßen eine Prüfung wie auch eine Chance, für ihr Seelenheil vorzusorgen. Eigentlich hatte Luther das Wallfahrtswesen kritisiert. Dennoch nahmen auch viele Angehörige des protestantischen Glaubens den Weg auf sich. Vermutlich spielte gesellschaftlicher Statuszuwachs bei dieser Entscheidung eine Rolle.

Die Jakobsmuschel
Pilgernde schmückten sich nach ihrer Rückkehr gerne mit den Abzeichen ihrer Reise. Das wichtigste Symbol ist bis heute die Jakobsmuschel. Ihre fächerförmigen Rippen wurden immer wieder verglichen mit einer vereinfachten Darstellung der Pilgerwege, die in Santiago de Compostela münden. Noch bis heute werden die Jakobswege mit einem gelben Strahlenkranz ausgeschildert, der an die Rippen auf der Jakobsmuschel erinnert. Außerdem sollen Pilgerreisende die Muscheln als Trinkschalen verwendet haben.

Seltene Relikte
Kleidung aus der Zeit vor dem 18. Jahrhundert hat sich selten erhalten. Oft wurde sie bis aufgetragen oder aber umgearbeitet. UV-Strahlung, Feuchtigkeit und Schädlingsbefall verursachen Schäden an Textilien. Umso erstaunlicher ist es, dass diese Garnitur komplett erhalten blieb, und sogar die Biografie ihres Besitzers bekannt ist.
 

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(Über-)natürliche Schönheit
Das Stängelglas von 1896 erscheint so fragil und einzigartig wie eine echte Blüte. Es wurde in der Manufaktur der Tiffany Glass and Decorating Company in New York City produziert. Auf einer gewölbten Fußplatte steMehr

(Über-)natürliche Schönheit
Das Stängelglas von 1896 erscheint so fragil und einzigartig wie eine echte Blüte. Es wurde in der Manufaktur der Tiffany Glass and Decorating Company in New York City produziert. Auf einer gewölbten Fußplatte steht ein dünner Stängel, der sich nach oben erweitert und in einen Blütenkelch übergeht. In den Bauch des Glases ist ein pfauenfederförmiger Farbverlauf eingearbeitet. Der geschwungene Blütenrand hat fünf Auswölbungen und ist mit oberflächlichen Rissen, sogenannten Craquelés, verziert. Das mundgeblasene Glas besticht durch seine komplexe Farbgebung und seine verspielte Form. Von antiken römischen Gläsern bezog der Firmengründer Louis Comfort Tiffany die Idee für die irisierende Oberflächenbehandlung. Den perlmuttartigen Glanz erzielte er durch Beimischung von Metallsalzen in die Glasschmelze.

Handwerk und Einzelstück
Auch wenn sein Unternehmen später noch weitere Luxusgüter produzierte, wurde Tiffany zunächst für seine Glasarbeiten weltberühmt. Dazu zählte nicht nur Trinkgeschirr, sondern vor allem Bleiglasfenster und -lampenschirme. Tiffanys Firma expandierte zwar rasant, jedoch war es ihm wichtig, dass seine Glaserzeugnisse handgemacht waren und auch so aussahen. Im Zeitalter der fortschreitenden Massenproduktion hatte die manuelle Fertigung einen luxuriösen und nostalgischen Touch. Tiffany prägte daher den Begriff „Favrile-Glas“ als Kennzeichen seiner Marke. Das Wort stammt von lateinisch „fabrilis“ ab und bedeutet handgemacht.

Vom Malereistudenten zum Geschäftsmann
Da Tiffany in eine reiche Familie geboren wurde, konnte er sich eine lange und intensive künstlerische Ausbildung leisten. Er unternahm ausgedehnte Reisen nach Europa und Nordafrika und studierte bei mehreren profilierten Landschaftsmalern. Erst nachdem er sein Glasunternehmen schon aufgebaut hatte, übernahm Tiffany auch noch den Juwelierbetrieb seines Vaters. Dadurch entstand ein Imperium, welches bis heute den Luxusgütermarkt prägt.

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Ein ungewöhnlicher Fundort
Dieser kleine Silberbecher des ausgehenden 8. Jahrhunderts wurde 1928 bei Pettstadt in der Nähe von Bamberg aus der Regnitz ausgebaggert. Wie er in den Fluss kam, ist nicht geklärt. Das Stück ist aufwändig dekoriert. Vergoldete OrnameMehr

Ein ungewöhnlicher Fundort
Dieser kleine Silberbecher des ausgehenden 8. Jahrhunderts wurde 1928 bei Pettstadt in der Nähe von Bamberg aus der Regnitz ausgebaggert. Wie er in den Fluss kam, ist nicht geklärt. Das Stück ist aufwändig dekoriert. Vergoldete Ornamentstreifen liegen kreisförmig um den oberen Rand sowie die Standfläche des Bechers. Vier senkrechte Streifen verbinden die beiden Kreise. Ihr Dekor besteht aus verschlungenem pflanzlichen Flechtwerk, vermutlich Weinranken, in die stilisierte Tiere eingeflochten sind. Mit bloßem Auge sind diese stark abstrahierten Ornamente jedoch kaum zu erkennen. Derartige Ornamente finden sich auf dem europäischen Festland vor allem an Kunstobjekten aus der Regierungszeit Karls des Großen. Ihr Ursprung liegt in nordenglischen Vorbildern des späten 7. und 8. Jahrhunderts, die im Zuge der angelsächsischen Mission auf den Kontinent gelangten.


Kein gewöhnlicher Becher
Der Silberbecher wurde ursprünglich mit einem Deckel verschlossen. Die aufstrebenden Ornamentstreifen ähneln Säulen. Sie wirken wie architektonische Stützen des Deckels, so dass der Eindruck eines kleinen überdachten Rundtempels entsteht. Solche Rundtempel tauchen in der Kunst der Karolingerzeit wiederholt als Zeichen des himmlischen Jerusalem, als Bild des Heiligen Grabes oder als Lebensbrunnen auf. Die Verbindung von Tier- und Pflanzenmotiven im Rankenwerk deutet auf den christlichen Lebensbaum hin. Dies deckt sich mit der Vermutung, dass der Becher ein sakrales Objekt war, eine sogenannte Pyxis zur Aufbewahrung der geweihten Hostien für den Gottesdienst.

Die Slawenmission

Nach Pettstadt könnte der Becher am Ende des 8. Jahrhunderts im Rahmen der Slawenchristianisierung gelangt sein, die Karl der Große initiiert hatte. Zwischen Main und Regnitz, im heutigen Nordostbayern, lebten damals heidnische Slawen. Karl der Große beauftragte den Bischof von Würzburg mit ihrer Missionierung. Gleichzeitig festigte er damit den östlichen Rand seines Reiches.
 

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Unter Bauern
Philipp Bauknecht lebte ab 1910 in Davos, wo er auf Linderung seiner Tuberkulose-Erkrankung hoffte. Die Höhenluft galt damals als einziges Heilmittel für die Infektionskrankheit, die sich in den dicht bevölkerten Städten leicht verbreiten koMehr

Unter Bauern
Philipp Bauknecht lebte ab 1910 in Davos, wo er auf Linderung seiner Tuberkulose-Erkrankung hoffte. Die Höhenluft galt damals als einziges Heilmittel für die Infektionskrankheit, die sich in den dicht bevölkerten Städten leicht verbreiten konnte. Ab 1920 wohnte Bauknecht in bäuerlichem Umfeld am Rand von Davos Dorf. In seinen Kunstwerken kann man erkennen, dass ihn seine eigene Situation bedrückte. Auf dem Gemälde Holzhauer im Wald schälen Männer die Rinde von einem Baumstamm. Ihre Körper sind grob geformt und ihre Gesichter wirken wie Masken. Nicht nur hier, sondern auch auf anderen Bildern zeigte Bauknecht die Bauern auf diese rohe Art.

Bedrohliche Natur
Der Wald sieht abweisend aus, weil Bauknecht die Natur mit grellen Farben malte. Fast könnte man von Warnfarben sprechen. Der Boden richtet sich auf, als ob er aus scharfkantigen Schuppen bestünde. Die bereits abgelängten Baumstämme sind gelb und zerteilen das Bild in zwei ungleiche Hälften. Während Ernst Ludwig Kirchner, der ebenfalls in Davos lebte, das ländliche Leben eher harmonisch idealisierte, wirkt es bei Bauknecht bedrohlich. Er schilderte die Bauern aus kritischer Distanz und stellte sie als derb dar. Im Gegensatz zur kräftigen Bildwirkung steht jedoch der ungewöhnlich dünne Farbauftrag auf der Leinwand. Da Bauknecht arm war, musste er sparsam mit der Farbe umgehen.

Wertschätzung für „primitive“ Kunst
Das Gemälde ist flächig gestaltet und zeigt kaum Tiefenwirkung. Diese Reduktion erinnert an volkstümliche Kunst. Galt sie vorher noch als primitiv und wertlos, so begann im späten 19. Jahrhundert die wissenschaftliche Erforschung sowie die ästhetische Wertschätzung der Volkskunst. Im frühen 20. Jahrhundert war sie eine beliebte Inspirationsquelle – nicht nur für Bauknecht, sondern auch für andere Maler des deutschen Expressionismus. Das Bild Holzhauer im Wald wurde 1927 auf der großen Berliner Kunstausstellung gezeigt. Museen in Münster, Kassel und Stuttgart kauften schon Ende der 1920er Jahre einige seiner Bilder. 1933 verstarb Bauknecht bei einer Operation in Davos. Seine Witwe verbrachte die meisten seiner Werke in die Niederlande. Dort begann auch Bauknechts „Wiederentdeckung“ in den 1960er Jahren.

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Erst der Einband, dann das Buch
Der Prunkeinband entstand mehrere Jahrzehnte bevor das dazu gehörige Buch überhaupt geschaffen wurde. Gestiftet hatten ihn Kaiserin Theophanu und ihr minderjähriger Sohn Otto in die Abtei Echternach bei Trier. Hier eMehr

Erst der Einband, dann das Buch
Der Prunkeinband entstand mehrere Jahrzehnte bevor das dazu gehörige Buch überhaupt geschaffen wurde. Gestiftet hatten ihn Kaiserin Theophanu und ihr minderjähriger Sohn Otto in die Abtei Echternach bei Trier. Hier entstand um 1030 auch die Handschrift dafür, der berühmte Codex Aureus. Das „goldene Buch“ ist eine Evangelienschrift, deren Bezeichnung wörtlich zu verstehen ist: Die Mönche der Abtei Echternach schrieben sie mit Goldtinte auf purpurfarbene Seiten. Das reich bebilderte Manuskript ist eine der bedeutendsten und wertvollsten Handschriften des frühen Mittelalters. Es wird heute getrennt vom Bucheinband in der Bibliothek des GNM aufbewahrt, um beide Werke optimal bewahren zu können
(Hs. 156142).

Höchste Handwerkskunst
Der kostbare Buchdeckel wurde in Trier bei einer der führenden Goldschmiede­werkstätten der Zeit in Auftrag gegeben. Diese war vor allem bekannt für ihre besondere Technik der Emailkunst, das sogenannte Zellenschmelz-Verfahren: Dünne aufgelötete Goldstege bildeten ein Muster, in das jeweils eine Masse aus geschmolzenem Glas in verschiedenen Farben eingefüllt wurde.
Die Elfenbeintafel im Zentrum war zumindest teilweise farbig bemalt und vergoldet. Sie enthält eine frühe Darstellung der Kreuzigung Christi. Von rechts reicht der römische Soldat Stephaton Christus einen angefeuchteten Essigschwamm; Longinus fügt Christus später mit einer Lanze die Seitenwunde zu. Kreuzigungsdarstellungen gewannen in den folgenden Jahrhunderten immer mehr an Bedeutung und gehörten im Spätmittelalter zu den am häufigsten dargestellten Bildthemen.

Ein Kind als Stifter
Um die Elfenbeintafel herum ist eine ganze Reihe von feinen, heute nur schwer erkennbaren Figuren in das dünne Goldblech des Deckels getrieben. Darunter befinden sich Maria und Heilige, die mit der Abtei Echternach verbunden sind, sowie Symboltiere der Evangelisten und Personifikationen der vier Paradiesflüsse. Sie versinnbildlichen die Ausbreitung des Evangeliums in alle vier Himmelsrichtungen.
In Gestalt aufrechtstehender Stifterfiguren präsentieren sich Kaiserin Theophanu und ihr Sohn gleichrangig zwischen den Heiligen. Sie betonen damit die enge Verbindung von Herrscherhaus und Kirche. Die Inschrift neben dem minderjährigen Thronfolger ermöglicht auch eine ungefähre Datierung: Den Titel „Otto III.“ erhielt er 983, als er im Alter von drei Jahren zum deutschen König gekrönt wurde. Der Einband muss also danach, spätestens aber im Todesjahr von Theophanu 991 entstanden sein.
 

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Ein Vorläufer des Waschbeckens
Im Spätmittelalter führten die Bedürfnisse des aufstrebenden Bürgertums in den Städten zur Entwicklung neuer Möbelgattungen. Dazu gehört auch der Waschkasten. Er brachte „fließendes“ Wasser in die Stuben, langeMehr

Ein Vorläufer des Waschbeckens
Im Spätmittelalter führten die Bedürfnisse des aufstrebenden Bürgertums in den Städten zur Entwicklung neuer Möbelgattungen. Dazu gehört auch der Waschkasten. Er brachte „fließendes“ Wasser in die Stuben, lange bevor es Wasserleitungen in den Wohnhäusern gab. Denn damals musste jeder Liter, den man trank, zum Kochen, Putzen oder für die eigene Hygiene verwendete, von einem der vielen öffentlichen Brunnen geholt werden. Waschkästen machten die Nutzung des Wassers in den Wohnungen deutlich komfortabler, da sie ganz ähnlich funktionierten wie heutige Waschbecken.

Mit Hilfe der Schwerkraft
Der obere Teil des Waschkastens dient dabei als Wasserspeicher. Hinter der kleinen Tür ist ein Behälter eingebaut, der mit Brunnenwasser gefüllt wurde. Drehte man den Hahn darunter auf, lief frisches Wasser in ein Metallbecken und man konnte sich bequem die Hände waschen. Das Abwasser floss in einen Auffangbehälter im unteren Teil des Schranks. Von dort musste es dann wieder entsorgt werden.

Ein Luxus der Reichen

Waschkästen gab es zunächst nur in wohlhabenden Häusern. Meist standen sie in der Stube, in der auch gegessen wurde. Das Händewaschen war ein wichtiger Teil der Tischhygiene. Da Gabeln damals noch nicht zum Essbesteck gehörten, aß man mit Messer und Löffel – und mit den Händen. Zeitgenössische „Tischzuchten“, Anweisungen zum rechten Verhalten, forderten daher eine gründliche Reinigung der Hände vor und nach dem Essen.
 

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Krieg als Spiel
Die Rüstungen erscheinen wehrhaft und funktional, waren für den Krieg jedoch völlig ungeeignet. Mit Eisenplatten von bis zu neun Millimetern sind sie viel zu schwer – in der Schlacht verwendete man wesentlich dünnere und leichtere Rüstungen. Zudem schränkteMehr

Krieg als Spiel
Die Rüstungen erscheinen wehrhaft und funktional, waren für den Krieg jedoch völlig ungeeignet. Mit Eisenplatten von bis zu neun Millimetern sind sie viel zu schwer – in der Schlacht verwendete man wesentlich dünnere und leichtere Rüstungen. Zudem schränkte der fest verschraubte Helm die Sicht so ein, dass man einem Angriff von der Seite schutzlos ausgeliefert wäre. Die Zweikämpfe, für die diese Rüstungen geschaffen wurden, fanden vor großem Publikum statt. Sie waren speziell für den Reiterkampf im Turnier bestimmt.
Turniere, die sich in Europa seit dem 12. Jahrhundert aus Wehrübungen der Ritter entwickelt hatten, wurden ab dem 13. Jahrhundert zu immer beliebteren Großevents. Gekämpft wurde nach festgelegten Regeln in unterschiedlichen Disziplinen. Ob zu Fuß oder zu Pferd, zu zweit oder als Gruppenkampf, für jede Form des Kampfes gab es die passende Spezialausrüstung.

Zweikampf im Sattel
Zu den beliebtesten Arten der Reiterspiele gehörte das Stechen, heute der Inbegriff des Ritterturniers. Hierbei preschten zwei Ritter zu Pferd mit der eingelegten Lanze aufeinander zu. Ziel war es, sie an Schild, Lanze oder Harnisch des Gegners zu brechen.
Da die Angriffe ausschließlich von vorne kamen, war nur die Körpervorderseite gepanzert. Auch der Helm war auf Lanzenangriffe von vorne optimiert und senkte das Verletzungsrisiko enorm. Zusätzlich waren die Lanzen vorne abgestumpft und mit einem sogenannten Kröning versehen.
Als Extremform des Stechens entwickelte sich fast zeitgleich das Rennen. Hier wurde mit scharfen Lanzen geritten und auch die Ausrüstung war leichter. Diese waghalsigen Zweikämpfe waren beim Publikum besonders beliebt.

Städtischer Rüstungsverleih
Nachdem die Nürnberger Patrizier von den Adelsturnieren im Umland ausgeschlossen worden waren, gründete die Stadt im 15. Jahrhundert ein eigenes Reiterspiel. Als „Gesellenstechen“ wurde es bis 1561 auf dem Hauptmarkt abgehalten. Anders als der Titel vermuten lässt, beteiligten sich vor allem Söhne der städtischen Oberschicht und nicht Handwerksgesellen an den Schaukämpfen. Um zu verhindern, dass sich jeder für teures Geld eine eigene Rüstung eigens für das Gesellenstechen zulegte, fand der Rat eine Lösung: Er ließ einen eigenen Bestand an Rüstungen anfertigen, die dann für das Turnier ausgeliehen werden konnten. Diese Grundausrüstung wurde dann mit einer individuellen Helmzier und einem Schild in den Farben der Familien ergänzt.
 

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Von der Rennbahn ins Kinderzimmer
Modern, ja fast futuristisch erscheint das Automobil-Spielzeug, das August Geigenberger 1903 entworfen hat (Entwurfszeichnung LGA9847/3). Es ist stromlinienförmigMehr

Von der Rennbahn ins Kinderzimmer
Modern, ja fast futuristisch erscheint das Automobil-Spielzeug, das August Geigenberger 1903 entworfen hat (Entwurfszeichnung LGA9847/3). Es ist stromlinienförmig und auf einfache Formen und Farben reduziert. Dennoch entbehrt es nicht eines gewissen Humors, beispielsweise durch die überlangen Arme des Fahrers. Um 1900 waren Automobile noch kein alltäglicher Anblick, und viele Menschen standen ihnen skeptisch gegenüber. Seit 1895 gab es allerdings in Frankreich schon erste Autorennen. Um 1900 fuhren dann bereits raketenförmige Spezialanfertigungen bei diesen Rennen mit, deren Fotos vielleicht sogar Geigenberger zu seinem Entwurf inspirierten.


Karikatur und Kinderbuch
Der Künstler betrieb zusammen mit seinem Bruder Otto in Wasserburg am Inn eine kunstgewerbliche Werkstatt. Vorher lebte er zu Ausbildungszwecken mehrere Jahre lang in München, wo er die Königliche Kunstgewerbeschule besuchte. Hier erhielt er entscheidende künstlerische Impulse im Sinne des Jugendstils. Seine karikaturesken Illustrationen verkaufte er unter anderem an die Zeitschrift Jugend. 1902 schuf er ein Kinderbuch mit dem Titel „Der tapfere Ingobert“.

Spielzeug für eine neue Zeit
Das Bayerische Gewerbemuseum Nürnberg rief 1903 einen Wettbewerb für neuartiges Holzspielzeug aus. Die Lebensreformbewegung, die vor allem in bildungsbürgerlichen Haushalten Anklang fand, forderte naturnahes Spielzeug, dessen einfache Formen der kindlichen Fantasie Raum geben sollten. In diesem Sinne muss man auch Geigenbergers hochgelobte Beiträge zum Wettbewerb verstehen. Die vorliegende Ausführung des Automobils stammt vom Nürnberger Holzbildhauer Jean Stöttner. Um das lokale Handwerk zu fördern, verbreitete das Kultusministerium 1904 die prämierten Entwürfe aus dem Wettbewerb zum Nachbau in Berchtesgaden, Oberammergau und Partenkirchen. Jedoch blieb die handwerkliche Herstellung von Reformspielzeug eine Randerscheinung, da sie nicht mit der industriellen Massenproduktion mithalten konnte.

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Auf das Wesentliche reduziert
Vollkommen auf das Wesentliche reduziert gibt Konrad Witz die Erzählung aus dem Lukasevangelium wieder: Der Erzengel Gabriel überrascht Maria mit der Botschaft, dass sie schwanger werden und Gottes Sohn zur WeltMehr

Auf das Wesentliche reduziert
Vollkommen auf das Wesentliche reduziert gibt Konrad Witz die Erzählung aus dem Lukasevangelium wieder: Der Erzengel Gabriel überrascht Maria mit der Botschaft, dass sie schwanger werden und Gottes Sohn zur Welt bringen wird (Lk 1, 26–38). Der Maler hat die Szene in einen kargen Raum verlegt. Kein Mobiliar, kein schmückendes Beiwerk lenken den Blick von den monumentalen Figuren ab. Als müsse er die Wahrhaftigkeit des Geschehens betonen, hält der Maler stattdessen kleinste Details des kargen Raumes fest: die Maserung der Holzbalken, die Risse im Putz und den Mörtel, der aus den Fugen quillt. Dass der Engel den Raum durch eine verschlossene Tür betreten hat, ist als theologische Aussage zu verstehen: Verbildlicht ist der Widerspruch, dass Maria schwanger werden kann und gleichzeitig ihre Jungfräulichkeit behält. Wie die Kammer ist ihr Leib im einen Moment noch leer, bevor sie kurze Zeit später – so unerklärlich wie das Eintreten des Engels – den Gottessohn in sich trägt.

Kunstvolle Lichtregie
Besonders auffällig sind die markanten Schatten im Bild. Scharfe Schlagschatten lassen die Bolzen in den Holzbalken und den eisernen Türgriff hervortreten. Zugleich verleihen sie Maria und dem Engel eine fast greifbare körperliche Präsenz. Die Schatten erzeugen die Illusion einer Lichtquelle, die sich rechts außerhalb des Bildes befinden muss. Dies zeigt insbesondere der balkenförmige Schatten, der von der rechten unteren Bildecke ausgeht. Dieses Motiv übernimmt Konrad Witz aus dem damals schon berühmten Genter Retabel der Brüder van Eyck und zeigt sich damit als weltgewandter Kunstkenner. Zugleich schafft er durch die komplexe Lichtregie eine Verbindung zwischen dem Bildraum und der Lebenswelt der Betrachtenden.

Die neuen Realisten
Der in Basel tätige Konrad Witz gehörte zu einer Generation von Malern, die die Kunst Mitteleuropas im 15. Jahrhundert teils radikal erneuerten. Die lebensnahe Wiedergabe verschiedener Lichteffekte und Materialien – wie etwa der Goldstickereien der Mantelsäume – zeugen von der Auseinandersetzung mit der „Ars Nova“. Darunter versteht man eine in den Niederlanden entwickelte neue Art der realistischen Malerei, die Maler wie Witz aber gänzlich eigenwillig adaptierten.
Die Tafel bildete ursprünglich vermutlich die Außenseite eines Retabelflügels, dessen in Basel erhaltene Innenseite die Begegnung an der Goldenen Pforte zeigt. Der Aufstellungsort des Retabels ist nicht mehr bekannt. Möglicherweise war es für die Zisterzienserinnenkirche Olsberg oder eine andere Kirche in der Umgebung von Basel bestimmt.
 

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