Absolute Präzision
Ein Torquetum wurde zur Vermessung der Welt und des Himmels genutzt. Es zeigt modellhaft die Lage von Horizont und Äquator und dient zur Bestimmung des Sonnenstands - und damit der Zeit. Man verwendete Torqueten auch zur BMehr

Absolute Präzision
Ein Torquetum wurde zur Vermessung der Welt und des Himmels genutzt. Es zeigt modellhaft die Lage von Horizont und Äquator und dient zur Bestimmung des Sonnenstands - und damit der Zeit. Man verwendete Torqueten auch zur Berechnung von Längen, Höhen und Breiten. Dadurch ließen sich Sternpositionen genau bestimmen, man konnte aber auch die Höhe von Bergen oder Bauwerken ermitteln. Daneben wurde es, wie die meisten astronomischen Geräte, für astrologische Berechnungen eingesetzt.
Seinen Namen verdankt das Torquetum seinen drehbaren Scheiben, Zeigern und Bogenstücken – „torquere“ ist das lateinische Wort für „drehen“. Für das reibungslose Zusammenspiel der dreidimensional angeordneten Bestandteile ist äußerste Präzision gefragt. Dies gilt sowohl für die Bearbeitung des Metalls als auch für die eingravierten Maßsysteme zum Ablesen der Werte.

Bilderkosmos
Entworfen hat dieses Torquetum der damals europaweit bekannte Mathematiker und Astronom Johannes Praetorius. Was vor allem ins Auge fällt, ist die kunstvolle Ausgestaltung des von vier kleinen Löwen getragenen Instruments. Das Messing wurde mit unterschiedlichen handwerklichen Techniken bearbeitet und vergoldet. Neben den feinen, rein funktionalen Skalen sind alle Flächen vollständig mit bildlichen Darstellungen bedeckt. Dazu gehören unter anderem Themen der Bibel und ein Jahreszeiten-Zyklus, aber auch Männer bei Vermessungsarbeiten mit unterschiedlichen Instrumenten. Als Vorlagen nutzte der namentlich nicht bekannte Graveur W.W. wissenschaftliche Bücher und Serien von Stichen.


Bürgerliche Kunstkammer
In Auftrag gegeben wurde das Torquetum vom Nürnberger Arzt Melchior Ayrer. Es könnte ihm in seiner medizinischen Praxis zur Ermittlung günstiger Zeitpunkte für bestimmte Heilbehandlungen und Eingriffe gedient haben. Vor allem war es ein sehr repräsentatives Objekt. Ayrer hatte es bei Praetorius zusammen mit anderen, ebenso kunstvoll gestalteten wissenschaftliche Instrumenten in Auftrag gegeben. Selbstbewusst ließ er sein Familienwappen neben der Signatur von Praetorius anbringen.
Mit seiner kostbaren Instrumentensammlung konnte sich der Arzt selbst mit adligen Machthabern messen: Die bei Praetorius in Auftrag gegebenen Stücke haben die Qualität vergleichbarer Instrumente in der Kunstkammer des Kurfürsten August von Sachsen. Einige Geräte von Praetorius besaß der Kurfürst sogar in fast identischer Ausführung.
 

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Was ist eine Votivgabe?
Der Begriff Votiv leitet sich vom lateinischen „votum“ ab, was für Gelübde, Versprechen; Wunsch oder Verlangen steht. Votivgaben von Gläubigen finden sich noch heute in Wallfahrtskirchen. In dMehr

Was ist eine Votivgabe?
Der Begriff Votiv leitet sich vom lateinischen „votum“ ab, was für Gelübde, Versprechen; Wunsch oder Verlangen steht. Votivgaben von Gläubigen finden sich noch heute in Wallfahrtskirchen. In der Geschichte gehen sie auf kultische Opfergaben zurück. Im Mittelalter bezeugen sie den Schutz durch einen Heiligen. Votive wurden aus unterschiedlichen Materialien hergestellt, darunter Ton, Bronze, Eisen oder Holz, vor allem aber Wachs.
Eine Votivgabe oder -tafel ist der materialisierte Ausdruck eines intimen Aktes zwischen einem Gläubigen und dem von ihm an Wallfahrtsorten angerufenen Gnadenbild. Letzteres steht entweder stellvertretend für Jesus Christus, Maria als Universalpatronin oder andere Heilige, die meist bei speziellen Anliegen um Hilfe oder zum Dank für die Errettung aus einer Notlage angerufen wurden. Votivgaben veranschaulichen oft das geheilte Leiden entweder in symbolischer Form oder als Abbild des erkrankten Organs oder Körperteils der Votanten.

Brüste als Votiv?
Brustvotive wurden unter anderem der hl. Agatha als Dank für die Heilung dargebracht, vor allem für zwei Krankheiten: Brustkrebs oder Brustentzündungen. Letztere traten bis weit ins 19. Jahrhundert hinein häufig bei Wöchnerinnen auf. Die Bitte nach ausreichendem Milchfluss, also nach Muttermilch, war in den meisten Bevölkerungsschichten existentiell für das Überleben der Säuglinge, denn industriell gefertigte Babynahrung gab es noch nicht.

Wieso aus Silber?
Seit dem Barockzeitalter schätzte das Bürgertum Silber als Material für Votivgaben. Mit der Epoche der Aufklärung gewann Silber zunehmend an Bedeutung, weil damals die naiv gemalten Votivtafeln in die Kritik gerieten und echte, edle Materialien bevorzugt wurden. Im Fall dieses Brustvotivs wurden verschiedene Einzelelemente des wertigen Materials zu einer Tafel zusammengefügt. Die beiden kreisrunden Brüste stellen jedoch kein reales Abbild weiblicher Brüste dar.
 

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Ähnlich, aber einzigartig
Wilhelm Lehmbruck schuf 1911 eine lebensgroße weibliche Aktplastik aus Gips, die er Die Kniende nannte. Begleitend fertigte er mehrere Büsten der Knienden, die sich durch Material und Oberflächendetails unterscMehr

Ähnlich, aber einzigartig
Wilhelm Lehmbruck schuf 1911 eine lebensgroße weibliche Aktplastik aus Gips, die er Die Kniende nannte. Begleitend fertigte er mehrere Büsten der Knienden, die sich durch Material und Oberflächendetails unterscheiden. Das Exemplar im GNM besteht aus gelblichem Ton. Obwohl die Bearbeitungsspuren der Figur Einzigartigkeit verleihen, stellte Lehmbruck keine konkrete Person dar. Vielmehr zeigt die Büste eine universelle menschliche Geste. Die Frau hat ihre Augen geschlossen und den Kopf zu ihrer linken Schulter geneigt. Sie exponiert ihren langen, schlanken Hals. Diese Haltung könnte Nachdenklichkeit oder Demut darstellen. Lehmbruck lässt die Büste auf Höhe der Brust enden und ruft dazu auf, den Körper weiter zu imaginieren. Er deutet das Ganze an, ohne es zu zeigen.

Eine universelle Frau
Die vollfigurige Version hat ein Knie am Boden abgelegt und ein Bein aufgestellt. Ihre dünnen Körperglieder wirken elegant und unnatürlich. Daher warfen Kritiker Lehmbruck vor, er habe keinen Menschen, sondern eine Gliederpuppe geschaffen. Außerdem wurde die Kniende immer wieder als „gotisch“ bezeichnet. Doch während die gotische Bildhauerei überwiegend christliche Bildwerke schuf, vermied Lehmbruck jegliche Identifizierung der Frau. Ihr Kniefall wirkt dadurch universell. Vielleicht wartet sie auf eine Ehrung, vielleicht erweist sie jemandem eine Ehre, oder vielleicht interagiert sie gar nicht mit der Umwelt und hat ihre Aufmerksamkeit stattdessen ganz nach innen gerichtet.

Ruhm und Verachtung
Im Jahr 1909 zog Lehmbruck mit seiner Familie von Berlin nach Paris um, weil sich dort die internationale Avantgarde versammelte. Der Künstler hoffte, hier seinen großen Durchbruch zu schaffen. Als er 1911 Die Kniende und die dazugehörigen Büsten schuf, überraschte und irritierte er die Kunstwelt. Lehmbruck durfte 1912 bei der Sonderbundausstellung in Köln und 1913 bei der International Exhibition of Modern Art in New York ausstellen. Schon 1916 bezeichnete der Dichter Theodor Däubler Die Kniende als „Vorwort zum Expressionismus in der Skulptur“. Im Nationalsozialismus jedoch wurden die jüngeren Werke Lehmbrucks als „entartet“ angesehen – ein Urteil, das nach 1945 schnell wieder in Anerkennung für seine Pionierleistungen umschlug.

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Ein seltener Fund
Im späten Mittelalter besaß nahezu jeder Ritter einen solchen Helm für den Krieg oder das Turnier. Dennoch sind heute nur noch weniger als 20 dieser originalen Helme erhalten. Gutes Eisen hatte damals einen hohen MaterialweMehr

Ein seltener Fund
Im späten Mittelalter besaß nahezu jeder Ritter einen solchen Helm für den Krieg oder das Turnier. Dennoch sind heute nur noch weniger als 20 dieser originalen Helme erhalten. Gutes Eisen hatte damals einen hohen Materialwert. Unbrauchbare oder veraltete Helme wurden daher in großer Zahl umgeformt und das teure Material wiederverwendet.
Dass dieser Helm die Jahrhunderte überdauerte, verdanken wir einem Brauch, der im 14. Jahrhundert aufkam: Zur Erinnerung an einen verstorbenen Ritter hängte man dessen Wappenschild zusammen mit dem Helm in der Kirche auf. Oft wurden dafür dünnwandige Nachbildungen verwendet. Erst 1924 entdeckte man, dass sich auf dem Totenschild des Hans Rieter zu Kornburg in der Allerheiligenkirche Kleinschwarzenlohe ein originaler Helm befand.

Rundum geschützt
Topfhelme waren die ersten vollständig geschlossenen Helme. Sie wurden aus mehreren miteinander vernieteten Eisenplatten gefertigt. Das obere Scheitelstück dieses Helms wurde sehr aufwendig aus einem Stück getrieben. Unterhalb der schmalen Sehschlitze erkennt man eine Reihe von Löchern, die das Atmen erleichtern sollten. Der kreuzförmige Durchbruch links war für eine Rüstkette bestimmt, die den Helm mit der Rüstung verband. Nicht erhalten ist die sogenannte Helmzier, ein Aufsatz, der den Helm mit den persönlichen Erkennungszeichen des Ritters versah.

Nicht für jeden Kampf geeignet
Topfhelme waren vor allem ein wirksamer Schutz vor Angriffen von Reitern mit der Lanze. Sie wurden daher ausschließlich von Rittern getragen. Die geschlossene Form brachte aber auch Nachteile mit sich: Sie behinderte vor allem die Sicht, die Beweglichkeit und die Atmung. Das konnten auch Atemlöcher und Sehschlitze nicht verhindern. Eine ausreichende Luftversorgung war angesichts der schweren körperlichen Anstrengung eines Kampfes entscheidend. Zum Nahkampf mit Schwert und Dolch nahmen Ritter ihren Helm daher meistens ab.

Alter Adel
Die Verwendung für den Totenschild hatte Anfang des 17. Jahrhunderts einige Veränderungen des Helms zur Folge. Dazu gehören die Farbfassung und die goldenen Schmuckstreifen, das Aufhängeloch, die Spangen vor den Sehschlitzen und der gezackte Streifen aus Kettengeflecht. Vermutlich nahm man hierfür den unteren Rand eines Kettenhemds. Dass für den Totenschild eine damals bereits veraltete Helmform verwendet wurde, geschah wohl mit Absicht: Im 16. und 17. Jahrhundert waren viele Patrizier in den Adelsstand erhoben worden. Über die Helmform betonte man die Zugehörigkeit zum alten Ritteradel.
 

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Notkleidung
Not macht erfinderisch – was das bedeuten kann, macht dieser Wintermantel deutlich. Er steht beispielhaft für die Notkleidung der 1940er Jahre. Im Zweiten Weltkrieg und danach waren Stoffe und Kleidung Mangelware. Sie wurden seit Kriegsbeginn rationiert uMehr

Notkleidung
Not macht erfinderisch – was das bedeuten kann, macht dieser Wintermantel deutlich. Er steht beispielhaft für die Notkleidung der 1940er Jahre. Im Zweiten Weltkrieg und danach waren Stoffe und Kleidung Mangelware. Sie wurden seit Kriegsbeginn rationiert und nur noch gegen Bezugsscheine abgegeben. Die Textilproduktion für militärische Zwecke hatte Vorrang. Bei Bombenangriffen, auf der Flucht und durch Plünderungen waren große Kleidermengen verloren gegangen. Außerdem spendeten viele Menschen im Krieg Stoff zur Wiederverwendung. Das alles hatte zur Folge, dass die textilen Reserven der Gesellschaft am Ende des Zweiten Weltkriegs erschöpft waren. Zusätzlich lag die produzierende Industrie am Boden. Doch die Menschen wussten sich zu helfen.

Quasi Couture
Alte, teilweise schon untragbare Kleidung wurde umgearbeitet, zweckfremde Textilien wurden zu Kleidung verarbeitet. Heute würde man von „Upcycling“ oder „Repurposing“ sprechen. Auch dieser Wintermantel hatte ursprünglich eine andere Funktion: Er war ein Schlafsack aus britischen Armeebeständen. Der schwere Wollstoff ähnelt zumindest von Weitem den voluminösen Stoffen, die in den 1940er beliebt waren. Der kantige Schnitt des Mantels orientiert sich an den damaligen Trends, dazu kommen breit abgesteppte Kanten, große Knöpfe, aufgesetzte Taschen und eine gegürtete Taille. Zusätzlichen Schutz bot eine lose Kapuze zum Umbinden.


Deckenmäntel
Der Mantel ist ein Produkt der Schneiderei Gebrüder Mitzlaff in Würzburg. Jedoch konnten auch noch viele Privatpersonen, vor allem Frauen, selbst schneidern. Sie verarbeiteten etwa alte Decken aus Luftschutzkellern und US-Hilfslieferungen, die im Sommer 1947 in CARE-Paketen verschickt wurden, zu sogenannten Deckenmänteln. Jedes dieser Pakete enthielt zwei ungefärbte Decken, Nähzeug, eine Schere und ein Paar Schuhsohlen. So halfen sich die Menschen über die Winterzeit, in der der Mangel am stärksten zu spüren war.
 

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Vermessung der Welt
Astrolabien sind komplexe Zeit- und Raummessinstrumente in handlichem Format. Sie dienten zur genauen Messung von Winkeln, um damit Höhen und Entfernungen genau zu bestimmen. Mit ihrer Hilfe konntMehr

Vermessung der Welt
Astrolabien sind komplexe Zeit- und Raummessinstrumente in handlichem Format. Sie dienten zur genauen Messung von Winkeln, um damit Höhen und Entfernungen genau zu bestimmen. Mit ihrer Hilfe konnte man ohne das von Sonnenuhren benötigte Tageslicht auch nachts die genaue Zeit ablesen. Auf ihrer zweidimensionalen Scheibe bilden sie das Himmelsgewölbe über einem bestimmten Standpunkt auf der Erde ab. Mit verschiedenen gravierten Einlegescheiben kann man das Gerät auf den jeweiligen Breitengrad einstellen.
Die vielfachen Mess- und Orientierungsfunktionen machten Astrolabien zu einem wichtigen Instrument der Seefahrt. Zusammen mit gedruckten Tabellen erleichterten sie die Navigationsmöglichkeiten von Hochseeseglern.

Antikes Erbe – arabische Herkunft
Entwickelt wurden Astrolabien von griechischen Wissenschaftlern in der Antike. Sie wurden im islamisch-arabischen Kulturraum intensiv genutzt und gelangten im Mittelalter zurück nach Europa. Auch dieses Astrolabium stammt aus dem Nahen Osten. Die eingravierten Namen in arabischer Schrift bezeugen, dass es im 12. oder 13. Jahrhundert vom arabischen Meister Al-Sahl al-Nisaburi für den Herrscher der syrischen Stadt Hama hergestellt wurde. Die Datierung schwankt um hundert Jahre, da es in Hama drei Fürsten gleichen Namens gab. Eine Besonderheit dieses Astrolabiums sind die zwölf arabisch beschrifteten Tänzer und Fabelwesen, die auf der Rückseite als „Sternenzeiger“ dienen. Als Weltmodelle waren so aufwendig gestaltete Astrolabien beliebte Statussymbole von Herrschern.

Ein reines Schaustück?
Auf welchen Wegen dieses Astrolabium nach Nürnberg kam, ist nicht bekannt. Es soll sich im Spätmittelalter im Besitz des Johannes Regiomontanus befunden haben. Der Mathematiker und Astronom war 1471 nach Nürnberg gezogen, wo er systematische Beobachtungen des Himmels mit selbst konstruierten Geräten betrieb. Die Reichsstadt war für ihre Metallhandwerke berühmt und im 15./16. Jahrhundert eines der wichtigsten Zentren für den Bau wissenschaftlicher Instrumente.
Ob das Astrolabium des al-Sahl al-Nisaburi jemals praktisch zum Einsatz kam, ist höchst zweifelhaft. Denn die zugrunde liegenden Fixsternpositionen waren zu seinem Entstehungszeitpunkt bereits veraltet. Möglicherweise handelt es sich um ein reines Schaustück. In Nürnberg gelangte es in die Sammlung der Stadtbibliothek. 1877 kam es als Dauerleihgabe an das GNM, das mit 14 Astrolabien eine der bedeutendsten Sammlung dieser Instrumente weltweit beherbergt.
 

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Vom Machen der Schachteln
Unter Schachteln verstand man bis weit ins 19. Jahrhundert hinein ausschließlich solche massenweise produzierten Behältnisse aus Holzspänen. Hergestellt wurden sie in Regionen mit reichem Nadelbaumbestand wie dem Thüringer Wald, Mehr

Vom Machen der Schachteln
Unter Schachteln verstand man bis weit ins 19. Jahrhundert hinein ausschließlich solche massenweise produzierten Behältnisse aus Holzspänen. Hergestellt wurden sie in Regionen mit reichem Nadelbaumbestand wie dem Thüringer Wald, Böhmen und Oberbayern, wo Berchtesgaden ein Zentrum des Schachtelmacherhandwerks war.

Ein schmales, dünnes Holzbrett wurde zunächst lange in Wasser eingeweicht. Der Span ließ sich danach biegen und um einen hölzernen Formstock legen. Anschließend entfernte der Handwerker den Formstock und trocknete die gebogene Zarge am Ofen. Diese wurde verleimt und meistens mit einer gespaltenen Weidenrute zusammengenäht, wie dies auch hier der Fall ist. Deckel und Boden bestanden meist aus astfreiem Tannenholz. Viele Schachteln blieben unbemalt, gerade wenn sie dem Handel oder zum Transport dienten. Doch diese sind im Museum viel seltener überliefert als die von sogenannten Schachtelmalern aufwändig bemalten Exemplare.

Handel mit dem Höfischen
Solche Behältnisse wurden teilweise von Verlegern über Messen wie in Braunschweig oder Leipzig vertrieben. Ein Knotenpunkt der Distribution war auch Nürnberg, wo besonders viele Waren aus Thüringen und Berchtesgaden gehandelt wurden. In die Haushalte gelangten die Stücke vielfach über Wanderhändler.
Auf dem Deckel ist ein höfisches Paar aus der Zeit um 1780 dargestellt. Der Herr, der sich vor der Dame verbeugt, trägt einen roten Rock, eine Kniebundhose und einen Dreispitz. Die Dame kleidet eine Haube, ein Schultertuch (Fichu) und ein langes Kleid. Farblich abgestimmte Blumen und ein Baum bilden einen landschaftlichen Hintergrund. Über dem Paar steht geschrieben: „Mein Herz in mir / Theil ich mit dir“. Derartige (Liebes-)Paare und ähnliche Sprüche bildeten ein besonders beliebtes Sujet auf den meist ovalen Spanschachteln.

In Liebe und Erinnerung
Bei solchen Schachteln handelte es sich um Liebesgaben in der Tradition mittelalterlicher Minnegaben. Vor allem in ländlichen Regionen verschenkten Männer sie gerne an die Liebste. Meist gehörten sie sozial niedrigeren Schichten an als die abgebildeten Paare. Die Behältnisse gaben also nicht ihre eigene Lebenswelt wieder, sondern eine fremde, möglicherweise angestrebte. Letztlich bildeten die Schachteln in der ländlich-bäuerlichen Lebenswelt ein Statussymbol und waren Teil der mobilen Ausstattung.
Meist verwahrte man Hauben, Bänder, Tücher, aber auch Briefe und andere Erinnerungsstücke in den schmuckvoll bemalten Schachteln.
 

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Ein vollständiges Set
Die beiden Jakobsmuscheln verraten, wofür dieser Reitermantel benutzt wurde: Es handelt sich um den wasserabweisenden Überwurf eines Pilgers. Er bildet ein Set zusammen mit einem Wollfilzmantel (Mehr

Ein vollständiges Set
Die beiden Jakobsmuscheln verraten, wofür dieser Reitermantel benutzt wurde: Es handelt sich um den wasserabweisenden Überwurf eines Pilgers. Er bildet ein Set zusammen mit einem Wollfilzmantel (T550), einem Hut (T552), einem Pilgerstab (T554) und einem Rosenkranz (KG303). All diese Gegenstände gehörten Stephan III. Praun aus Nürnberg. Auf einem Bild, welches wohl erst nach seinem Tod entstand, sieht man ihn – mit leichten Abweichungen – in der ganzen Garnitur (Gm655). Der schwarze Ledermantel ist kreisrund geschnitten, hat einen Stehkragen und hinten einen „Reiterschlitz“, der die Bewegungsfreiheit des Trägers erhöhte. Er ist vergleichbar mit spanischen Reitermänteln dieser Zeit, wenn auch nicht sicher belegt ist, dass alle Teile der Garnitur in Spanien hergestellt wurden.

Gründe für die Pilgerreise
Der 26-jährige Protestant Stephan III. Praun hielt sich 1570 am spanischen Königshof in Madrid auf und begann von dort aus per Pferd seine Pilgerreise nach Santiago de Compostela. An diesem wichtigsten Pilgerort (West-) Europas befindet sich die Grabstätte des Apostels Jakobus des Älteren. Der lange, beschwerliche Weg war für die Gläubigen gleichermaßen eine Prüfung wie auch eine Chance, für ihr Seelenheil vorzusorgen. Eigentlich hatte Luther das Wallfahrtswesen kritisiert. Dennoch nahmen auch viele Angehörige des protestantischen Glaubens den Weg auf sich. Vermutlich spielte gesellschaftlicher Statuszuwachs bei dieser Entscheidung eine Rolle.

Die Jakobsmuschel
Pilgernde schmückten sich nach ihrer Rückkehr gerne mit den Abzeichen ihrer Reise. Das wichtigste Symbol ist bis heute die Jakobsmuschel. Ihre fächerförmigen Rippen wurden immer wieder verglichen mit einer vereinfachten Darstellung der Pilgerwege, die in Santiago de Compostela münden. Noch bis heute werden die Jakobswege mit einem gelben Strahlenkranz ausgeschildert, der an die Rippen auf der Jakobsmuschel erinnert. Außerdem sollen Pilgerreisende die Muscheln als Trinkschalen verwendet haben.

Seltene Relikte
Kleidung aus der Zeit vor dem 18. Jahrhundert hat sich selten erhalten. Oft wurde sie bis aufgetragen oder aber umgearbeitet. UV-Strahlung, Feuchtigkeit und Schädlingsbefall verursachen Schäden an Textilien. Umso erstaunlicher ist es, dass diese Garnitur komplett erhalten blieb, und sogar die Biografie ihres Besitzers bekannt ist.
 

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Silber trifft auf Elfenbein
Friedrich Adler entwarf 1910 die silberne Prunkbowle, deren Umsetzung die Nürnberger Goldschmiedewerkstatt J. C. Wich übernahm. Sie ist nicht als Gebrauchsgegenstand, sondern als Schaustück zu verstehen. Dem zylindrischen UnteMehr

Silber trifft auf Elfenbein
Friedrich Adler entwarf 1910 die silberne Prunkbowle, deren Umsetzung die Nürnberger Goldschmiedewerkstatt J. C. Wich übernahm. Sie ist nicht als Gebrauchsgegenstand, sondern als Schaustück zu verstehen. Dem zylindrischen Unterbau der Bowle sind gedrechselte Elfenbeinsäulchen vorgelagert. Die eigentliche Schale ist trompetenförmig und zeigt stilisiertes Rankenwerk vor patiniertem Grund. Auf dem Deckel verbinden sich sphärische Dreiecke zu flachen Zeltspitzen. Der Knauf ist eine Arbeit aus durchbrochenem Elfenbein, durch deren Löcher man die vergoldete Figur eines Trinkenden erkennt. Die Elfenbein-Arbeiten stammen von Adlers Schüler und Mitarbeiter Emil Kellermann.

Tradition und Innovation
Adler und Kellermann lernten sich bei den kunstgewerblichen Meisterkursen des Bayerischen Gewerbemuseums in Nürnberg kennen. Von 1910 bis 1913 leitete Adler vier der insgesamt elf Meisterkurse, die die Qualität und aktuelle Strömungen der bayerischen Kunstindustrie fördern sollten. Aus Adlers und Kellermanns Lehrer-Schüler-Beziehung entwickelte sich eine mehrjährige Zusammenarbeit. In der Prunkbowle setzten sie sowohl traditionelle als auch innovative Impulse um. Die Durchbrucharbeit am Knauf ist dafür beispielhaft: Einerseits kann man sie auf die stilisierten Naturdarstellungen in Erich Haeckels Bildband „Kunstformen der Natur“ (1904; besonders Tafel 22), zurückführen; andererseits bekrönten durchbrochene Sphären schon in der Elfenbeinschnitzerei des 17. Jahrhunderts zahlreiche Pokale.

Erster Weltkrieg und Holocaust
Das Bayerische Gewerbemuseum kaufte die Prunkbowle gleich nach ihrer Entstehung für die Lehrsammlung an. Als das Stück 1914 für eine Ausstellung nach Lyon verliehen wurde, brach der Erste Weltkrieg aus, woraufhin Frankreich die Rücksendung der Leihgaben verweigerte. Die Prunkbowle fand ihren Weg auf den Kunstmarkt, konnte 1976 aber für das Museum zurückgekauft werden. Adler selbst war noch bis 1933 extrem erfolgreich und gefragt. Dann verhängten die Nationalsozialisten ein Arbeitsverbot über den jüdischen Kunsthandwerker und Lehrer. Letztendlich konnte nur ein Teil seiner Familie fliehen. 1942 wurde Adler im Konzentrationslager Auschwitz ermordet.

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