Titel
Minerva
Allgemeine Bezeichnung
Figur aus Sandstein
Inventarnummer
Pl.O.2493
Sammlung
Skulptur bis 1800
Herstellungsort
Ober-Franken; Bamberg ID: 7004325; Bamberg
Herstellungsdatum
1747-1753
Hersteller
Ferdinand Tietz
Ferdinand Tietz; geboren 1671 in Holtschitz (Kreis Komotau/Böhmen) - Schüler seines Vaters Adam Tietz ( 1671-1742), weitere Ausbildung wahrscheinlich in Wien - 1736 in untergeordneter Stellung an den Skulpturen für die Würzburger Residenz beteiligt - ab 1748 in fürstbischöflichen Diensten in Bamberg und Trier tätig, ab 1760 wieder in Bamberg, dessen Fürstbischof Adam Friedrich von Seinsheim die Hochstifte Würzburg und Bamberg regierte - gestorben 1777 in Seehof bei Bamberg (Bildhauer in Stein und Holz; bedeutendste Arbeiten: umfangreiche Ausstattung der Kirche St. Paulinus und des Kurfürstlichen Palastes in Trier, außerordentlich umfangreiche Gartenskulptur der Schlösser Seehof bei Bamberg und Veitshöchheim bei Würzburg; Vorliebe seiner Auftraggeber für Tietz gilt dem zügig arbeitenden Bildhauer wie dem Erfinder ( meisterte die Aufgaben einer Parkausstattung mit ihren vielfachen kompositorischen Bezügen); die von Tietz` ehemaligen Werkstattmitgliedern, nach seinem Weggang, geschaffenen Merkur (Pl.O. 2506) und Sphinx (Pl.O. 2442) in Teil 3 des Katalogs von Maué, unter Trier)
Maße
H. 319 cm - Statue mit Plinthe: H. 202 cm - Plinthe: B. 60 cm; T. 66 cm; H. 10,5 cm - Postament: H. 117 cm
Material und Technik
grauer Sandstein, rückwärtig rötlich gefärbt - Statue und Plinthe aus einem Stück; sorgfältige, nicht übertrieben feine Behandlung der Oberfläche (Beispiele: als Wülste mit eingekerbter Begrenzung wiedergegebene Lidränder, als erhabener Ring mit vertiefter Pupille modellierte Iris, groteske Maske im über der Stirn aufgeschlagenen Helmrand, Rocaillen am Helmrand über den Ohren, Schuppenpanzer mit unterschnittenen, eingekerbten Rändern der muschelartig gewellten Schuppen, broschenbesetzte Stiefel); linker Fuß und rechte Hüfte der Minerva sowie Rückenpartie des Kindes summarisch; ehemals gefasst
Beschreibung
Rundplastische Gewandfigur auf schlichter, annähernd quadratischer Plinthe mit abgeschrägten Ecken. Minerva schreitet, einen Buch und Zeichenrolle tragenden Knaben an der rechten Hand führend, nach vorn. Die unteren Partien der Figuren sind im Gegensinn komponiert: setzen das innere Bein vor und drehen das äußere Bein auswärts. Die oberen Partien sind komplementär aufeinander bezogen: Das Kind blickt empor, die Göttin sieht zum Kind hinab; der äußere Arm des Knaben ist gesenkt, die Hand umfaßt mühsam die in der Hüfte abgestützten Insignien seines Studiums, während Minerva mit dem erhobenen äußeren Arm spielerisch leicht den schweren S schützend emporstreckt. Minerva ist mit Helm, Hüftpanzer, wadenhohen Stiefeln und Schild mit Medusenhaupt gerüstet, während das Kind, bis auf ein die Scham deckendes Tuch nackt und schutzlos, nur durch der hinter ihm bauschenden Mantel der Göttin geborgen scheint. Der Mantel, lose von der rechten Schulter und dem rechten Oberarm fallend und weit seitlich wehend, flattert an der linken Körperseite nach vorn. Rückwärtig ist er verhältnismäßig glatt geführt und bildet eine Folie für beide Gestalten. Der dicke Mantelstoff ist durch voluminösere Falten von dem dünnen, knittrig gefältelten Stoff weitärmeligen, bodenlangen Gewandes unterschieden, das den Oberkörper Minervas locker umspielt, von dem langen, gezaddelten Schuppenpanzer zusammengehalten wird, am rechten Oberschenkel aufspringt und das vorgesetzte rechte Bein freigibt, während es das linke Bein bis auf den Fuß verbirgt und sich am Boden füllig bauscht. Ein Gegengewicht zur voluminösen Bekleidung bildet der große Helm mit überdimensionierten, vornüberfallenden Federn, unter dem die lang über den Rücken und den linken, den Schild haltenden Arm flatternden Locken hervorquellen. Minerva hat ein herzförmiges Gesicht mit der abgesetztem, rundlichem Kinn. Unter dicken Brauengewülsten treten die kugeligen, mit einem durch eine Kerblinie abgesetzten Randwulst versehenen Oberlider weit über die Augäpfel vor. Die gekrümmte, in einer abgesetzten Spitze endende Nase springt weit vor und verleiht dem Gesicht zusammen mit der vortretenden Oberlippe etwas Vogelartiges. Im Gegensatz zu diesem fast grotesken Kopf stehet der leidende Ausdruck des wie ein Männerkopf gestalteten Medusenhauptes. Die Statue steht auf einen hohen, unten ausschwingenden, profilierten Postament, dessen Seiten jeweils zwei aus Akanthusblüten emporwachsende, achsensymetrisch angeordnete Blattranken zieren.
Literatur
Claudia Maué: Ferdinand Tietz, seine Werkstatt und sein Einfluss. Fragen zu Stil und Qualität. In: Ferdinand Tietz 1708-1777. Hrsg. von Wolfgang Brassat. Petersberg 2010, S. 21-22.
Claudia Maué: Die Bildwerke des 17. und 18. Jahrhunderts im Germanischen Nationalmuseum, Tl.1, Franken. Nürnberg 1997, S. 134-137 m. Abbn.
AUS MAUÉ (1997): Von Stössel (1920) S. 87-88, Abb. 14 (im Park); Fries (1926) S. 118; Sauerlandt (1926) Tafel 84 (im Park); 79. Jahresbericht des GNM (1932) S. 5 (erwähnt); Lutze (1935) S. 86-88, Abb. S. 89; Müseler (1937) Tafel 101; Tomforde (1941) S. 27; Kämpf (1956) S. 153?154; Röhlig (1957) S. 705; Biebinger (1959) S. 203-204; Herzog (1959) S. 235, Anm. 3; Gerhard Bott: Wiedergefundene Figuren von Ferdinand Dietz aus dem Schloßgarten von Seehof bei Bamberg. In: Kunst in Hessen und am Mittelrhein (1962) S. 98- 103, hier S. 101; Utz (1976) S. 56; Führer (1977) S. 140, Nr. 357; Führer (1980) S. 140, Nr. 357; Bott (1982) S. 581, Abb. 7; Lindemann (1983) S. 101, Abb. 52; Geese (1984) S. 110 bei Kat. Nr. 49; Führer (1985) S. 197, Nr. 470; Lindemann (1989) S. 37, 38, 48, 106, 320, Kat.Nr. 7.1.1., Abb. 21; Führer (1994) S. 197, Nr. 470 - Frank Matthias Kammel: Waffen, Jagd, Gartenkultur. In: Germanisches Nationalmuseum. Führer durch die Sammlung. Nürnberg 2012, (S. 135-142), S. 141.