Titel
Goldhaube einer Nürnberger Patrizierin (Flinderhaube)
Allgemeine Bezeichnung
Kopfbedeckung (Damen)
Inventarnummer
T35
Sammlung
Textilien-Schmuck
Herstellungsort
Nürnberg
Herstellungsdatum
1650-1700
Maße
H. 31 cm, B. 43 cm, T. 19 cm
Klassifikation
Kopfbedeckung Damen
Material und Technik
Seide, gelb, Knüpftechnik, Flindern Metall, geklöppelte Metallborten, Polsterung
Technologische Angaben:
Obermaterial: dreidimensionale Arbeit in Makrameeknüpfung
(1) Seide, gelb, 12 – 14-fach, Einzelfaden 2z/S
(2) Schnur aus Leinenseele, 2z/S, in dichter Z-Drehung umwickelt mit Seide, 2z/S
(3) Draht, Kupfer, rein, versilbert, vergoldet*
(4) Flinder, birnenförmig, Kupfer-Silberlegierung, versilbert, vergoldet; gestanzt, gelocht
Das Grundgeflecht besteht aus je zwei Fäden (1) und (2), die sich leinwandartig kreuzen. An den Kreuzungspunkten der umwickelten Schnüre (2) sind diese zu jeweils 1,2 cm langen Stäbchen geknüpft, zusammen mit dem Metalldraht, der an der Spitze der Stäbchen eine Schlaufe bildet und eine Flinder aufnimmt. Dann wird das Stäbchen ins Grundgeflecht zurückgeführt.
Anfang der Knüpfarbeit aus Leinenband, naturfarben, Leinwandbindung ripsartig, Breite: 1,2 cm; Leinengewebe, naturfarben, Leinwandbindung (wie Polsterung (1)); Leinenzwirn, weiß, 2z/S
Abschluss der Knüpfarbeit durch Schlingenbildung von Obermaterial (1), Zusammenfassen der Schlingen mit einem Seidenbändchen, gelb, Leinwandbindung ripsartig

Polsterung/Wattierung
einliegender Wulst (1) und (2)
(1) Leinen, naturfarben, Leinwandbindung
(2) Bastfaser, ungefärbt, unversponnen

Verzierungen
Einfassung der vorderen Kante (1) und (2)
(1) Klöppelborte, Metallfäden, goldfarben:
Metalllahn in S-Drehung um Seidenseele, 2z/S in zwei Stärken; Lahn, goldfarben, ca. 1 mm breit; B. 2,5 cm
(2) wie (1), B. 0,7 cm

Maße
H. 31 cm, B. 43 cm, T. 19 cm
Vitrinentext
"Mir flindert um die Stirn des Goldes Sonnenschein: Ich Schöne, solt ich nicht ein Erden Sonne seyn". Die Verse des 17. Jahrhunderts sind Ausdruck des repräsentativen Anspruchs der dem Nürnberger Patriziat vorbehalten Haube mit goldenen "Flinderlein". Über einem ausgepolsterten Seidengrund sind zahlreiche Metallplättchen an Drahtstiften beweglich aufgehängt. Licht- und Klangreflexe steigerten die Schmuckwirkung. Als Bestandteil der oberschichtlichen Standeskleidung ist die Flinderhaube auch auf Bildnissen überliefert.

Patrician Headgear with Dangling Metal Platelets. Copper, gilded, silk, metal threads, macramé knotting, wire, linen lining. "Golden sunshine is sparkling around my forehead: Should I, beautiful one, not be a sun on earth". The 17th century verses express the prestigious nature of the "gold-sequined" headgear reserved for Nuremberg patricians. Numerous metal platelets on wire pins dangle over a padded silk base. Light and sound reflections enhanced the decorative effect. The headgear is also seen in portraits as an element of upper-class clothing.

Die Flinderhaube war in der Nürnberger Kleiderordnung von 1657 ausschließlich dem Ersten Stand zugelassen. Damals hatten Barett und Hut längst in die Frauenkleidung Eingang gefunden. Die das Haar verhüllende Haube entsprach der konservativen Ausrichtung der patrizischen Standeskleidung.

Gold spangled headdress of a Nuremberg patrician woman. In the Nuremberg sumptuary law of 1657 only the upper class was permitted to wear a gold-spangled headdress. Berets and hats had at that time long been accepted as a part of women’s dress. The bonnet which completely concealed the hair reflected the conservative trend in patrician social dress.

Beschreibung
Voluminöse Rundhaube aus geknüpfter, goldfarbener Seide mit Metallflindern, die frei in eingearbeite Stege aus seidenumwickelten Draht eingehängt sind. Diese Machart kennzeichnet die Haube als in Inventaren des 17. Jahrhunderts überliefert patrizische Standeshaube. Den Gesichtsausschnitt umläuft ein schmaler, geknüpfter rand ohne Flidnern, im Innern polsternde Seidenwülste. Unten hinten wird der Haubenrand von einem Seidenband zusammengehalten, das in der aktuellen Montierung in einer Schleife endet.
Literatur
In Mode. Kleider und Bilder aus Renaissance und Frühbarock. Hrsg. von Jutta Zander-Seidel. Ausst.Kat. Germanisches Nationalmuseum. Nürnberg 2015, S. 64-65, 273 (technologische Angaben), Kat.-Nr. 31.
Renaissance. Barock. Aufklärung. Kunst und Kultur vom 16. bis zum 18. Jahrhundert. Hrsg. von Daniel Hess und Dagmar Hirschfelder. (Die Schausammlungen des Germanischen Nationalmuseums, Band 3) Nürnberg 2010, S. 158 - 159, 396, Nr. 86.
Manfred H. Grieb (Hrsg.): Nürnberger Künstlerlexikon: bildende Künstler, Kunsthandwerker, Gelehrte, Sammler, Kulturschaffende und Mäzene vom 12. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. München 2007, Bd. 1.
Friedrich Kobler: Flitter (Flinder). In: Reallexikon zur deutschen Kunstgeschichte, Bd. 9, 2003, Sp. 1273-1274, Abb. 4.
Von teutscher Not zu höfischer Pracht 1648--1702. Ausst. Kat. Germanisches Nationalmuseum. Nürnberg 1998, Nr. 91.
Germanisches Nationalmuseum (Hrsg.): Schätze und Meilensteine deutscher Geschichte aus dem Germanischen Nationalmuseum. Nürnberg 1997, S. 112.
Andreas Tacke: Die Gemälde des 17. Jahrhunderts im Germanischen Nationalmuseum. Nürnberg (Bestandskatalog). Mainz 1995, S. 317.
Jutta Zander-Seidel: Textiler Hausrat. Kleidung und Haustextilien in Nürnberg von 1500-1650. München 1990, S. 119-124.
Leonie von Wilckens: Das Kleid des Menschen und sein Schmuck. Standesabzeichen, Pilgerkleid und modische Stilisierung. In: Das Schatzhaus der deutschen Geschichte. Das Germanische Nationalmuseum. Hrsg. Von Rudolf Pörtner. Düsseldorf-Wien 1982, S. 373, Abb. 8.
Goes, Albrecht: Die Frau. In: Blätter der Frankfurter Zeitung, 26.2.1939, 21. Jhrg., Nr. 4, o. P.
GNM, DKA, Nürnberg Kunsthandwerk Paumgartner Georg, Inventar und Beschreibung der Zubringung Sabina Baumgartner, geb. Harsdörfer, 1640.
Nürnberg, Stadtarchiv, YY 1166, Zubringung Margaretha Kastenbein bei ihrer Heirat mit dem Erbarn Lorenz Neuhofer, 1628, April 20.