Titel
Säge
Allgemeine Bezeichnung
Bügelsäge / Werkzeug
Inventarnummer
Z3286
Sammlung
Kunsthandwerk II (1500-1800)
Herstellungsdatum
Typ 16. / frühes 17. Jh.
Maße
L. 65,9 cm; L. Bügel 51,3 cm; B. Bügel 1,7 cm; H. Bügel 17 cm; L. Blatt 42,4 cm; B. Blatt 2,7 cm
Klassifikation
Werkzeug
Werkzeug
Material und Technik
Eisen, geschnitten, gefeilt (geschliffen), geschraubt, genietet, punziert; Holz, gedrechselt; Messing, punziert
Beschreibung
Die Bügelsäge ist aus sieben Teilen zusammengesetzt: dem Bügel, dem Blatt, dem Griff mit Flügelschraube und zwei Fassungshülsen sowie einem Haltebolzen. Der c-förmig gebogene Bügel ist ein flacher Sechskant mit konvexer Langseite und zwei halbbogenförmig eingezogenen Seiten. Seine Langseite ist zur Mitte hin halbrund-scheibenförmig verbreitert. In eine Seite dieser Halbscheibe sind drei gleichartige Meisterzeichen in Form von runden Kartuschen mit schreitendem Hahn darin eingeschlagen. Die unteren Enden der Seiten des Bügels sind hochrechteckig durchbrochen, um als Führung für das langrechteckige Sägeblatt zu dienen. Dieses besitzt eine geschränkte Zahnung auf Zug (Flocken / Walking 1949, S. 39) und wird an beiden Enden von einem gefalteten und vernieteten Blechstreifen, der so genannten Angel, gefasst. Die vordere Angel ist einfach durchbohrt, während die andere nach hinten in einen langen Gewindestab übergeht. Zur Fixierung des Blatts beim Spannen wird vorne der Haltebolzen durch die Bohrung der Angel gesteckt. Danach wird hinten die Flügelschraube gegen den zylindrisch gehöhlten Griff, der als Führung für den Gewindestift dient, gedreht. Drückt nun die Flügelschraube auf den Griff, spannt sich das Blatt. Die beiden Enden des Griffs stecken jeweils in einer kurzen, eisernen Hülse, wodurch dessen Stabilität beim Spannen gewährleistet wird. Der gedrechselte Griff weist mittig zwei scheibenförmige Wülste auf, die einen gerundeten und mit ovalen Kerbungen versehenen Profilgrat fassen. Durch diese Art der Oberflächengestaltung wurde eine ergonomische Handhabung der Säge erleichtert. Das auffälligste dekorative Merkmal des Bügels sind die beiden von den maulartig angelegten Außenwinkeln zur Bügelmitte hin strebenden, bandartigen und ohrenförmig gewundenen Stäbe, auf deren Enden mit Außengewinde plastische Eicheln geschraubt sind. Des Weiteren sind rechtwinklig zur Bügelrichtung orientierte Zonen mit zwei oder drei parallelen Profilgraten sowie tropfenförmige und v-förmige Kerbungen, die sich spiegelsymmetrisch über die ganze Länge des Bügels verteilen, zu nennen. Einordnung: Die C-Form des Bügels mit den eingezogenen Seiten sowie dessen außergewöhnliche Verzierung mit den zwei von den Bügelaußenwinkeln zur Bügelmitte strebenden Eichelzweigen und die Spannvorrichtung mit dem Gewindestift sind Charakteristika für einen bestimmten Typ Bügelsäge, der vage in die Zeit vom 15. bis frühen 17. Jahrhundert einzuordnen zu sein scheint. Das älteste der seltenen Vergleichsexemplare des Stücks im GNM ist eine noch ins 15. Jahrhundert datierte Säge von 57 cm Länge, die sich 1939 im Bestand des -Schloßmuseum Berlin- (Bernt 1939, S. 96-97) befunden hat. Deren Bügel ist flächig durch parallel laufende, langrechteckige Kerben und kreuzförmig angeordneten Punzendekor gekennzeichnet. Diese Säge ist mit einem Meisterzeichen in Form eines Reichsapfels versehen. Die um 1500 datierende Bügelsäge im Museum für Angewandte Kunst in Wien (mak, Inv.Nr. F 995) unterscheidet sich von der Säge des GNM hauptsächlich in den Abmessungen (L. 58 cm) und der flächigen Bügelgestaltung mit gepunztem Dekor in Form von halbkugeligen Vertiefungen, die zu geometrischen Strukturen angeordnet sind. Das Meisterzeichen als Kartusche mit einem aufrecht stehenden Löwen mit gefiedertem Schwanz darin ist zwei Mal in die halbscheibenförmige Verbreiterung der Langseite des Bügels eingeschlagenen. Eine 1517 datierte Bügelsäge des -Kunstmuseums der Stadt Düsseldorf- (Häußermann 1962), Inventarnummer unbekannt, ist deutlich kleinformatiger (L. 50 cm) als die Bügelsäge des GNM. Deren Bügel und dessen Gestaltung sind dagegen ausgesprochen ähnlich. Darüber hinaus sind die Parallelen zu einer als -Privatbesitz- (Bernt 1939, S. 98--99) veröffentlichten Bügelsäge, die um 1620 datiert wurde, ebenfalls deutlich nachvollziehbar. Dieses Exemplar ist gleicher Maßen verhältnismäßig kurz (L. 52 cm) und ihre Bügelgestaltung ist im Vergleich zur Säge des GNM wesentlich üppiger, indem den Eichelzweigen von der Mitte des Bügels zwei Tierköpfe, die auf ohrenförmig gewundenen Strängen sitzen, entgegen streben. Der Herstellungsort aller genannten Exemplare dieses Typs Bügelsäge ist zwar ungeklärt, doch wird in der angegebenen Literatur für die auf Basis des Stilvergleichs ermittelte Zeitstellung eine süddeutsche bzw. oberdeutsche Lokalisierung vorgeschlagen. Diese nicht auszuschließende Annahme gründet auf der Überlegung, lediglich hochspezialisierte städtische Handwerker wären zur Fertigung derart komplexer Werkzeuge in der Lage gewesen. Ein wichtiger Anhaltspunkt ist in diesem Zusammenhang vor allem die Spannvorrichtung mit dem Schraubgewinde, das die Beherrschung der Technik des Gewindeschnitts voraussetzt. Aufgrund dessen ist auch Nürnberg als ein potentiell in Frage kommender Herstellungsort solcher Sägen anzusprechen. Dort ist das gewerbsmäßige Feilen und Schneiden von Schraubgewinden durch spezialisierte Werkzeugschmiede (Zeug-, Neber- und Zirkelschmiede) bereits seit dem 15. Jahrhundert zu beobachten (Stahlschmidt 1971, S. 119-120).
Literatur
Zum Werkzeugtyp: Walther Bernt: Altes Werkzeug. München 1939. -- Ulrich Häußermann: Holz und bauende Hand. Die Geschichte des Schreinerhandwerks. Stuttgart 1962, S. 118-119. - Dominik Wunderlin: Preziosen der Handwerkskunst. Ein Raritätenkabinett edler Arbeitsgeräte. Basel 2002, S. 82-83.
Schindler, Thomas: Werkzeuge der Frühneuzeit im Germanischen Nationalmuseum. Bestandskatalog. Nürnberg 2013, S. 225, Kat. 480 (Abb.).