Ein Zimmer zieht um
Als im Jahr 1901 die gesamte Inneneinrichtung eines barocken Wohnhauses in Aachen versteigert wurde, erwarb das Germanische Nationalmuseum den „kleinen Gobelinsaal“. Die geschnitzten Wandvertäfelungen aus Holz und die Bildteppiche wurden ins Museum transferiert, wo sie bis heute den ursprünglichMehr

Ein Zimmer zieht um
Als im Jahr 1901 die gesamte Inneneinrichtung eines barocken Wohnhauses in Aachen versteigert wurde, erwarb das Germanische Nationalmuseum den „kleinen Gobelinsaal“. Die geschnitzten Wandvertäfelungen aus Holz und die Bildteppiche wurden ins Museum transferiert, wo sie bis heute den ursprünglichen Raumeindruck wiedergeben. Nur die stuckierte Decke sowie die Möbel fehlen. Ein Kamin aus einem Schloss in Lüttich ergänzt das Ensemble, da das Original in Aachen verblieb. Die Holzsichtigkeit der Vertäfelungen ist besonders charakteristisch für den Aachener Kunsthandwerksstil des 18. Jahrhunderts. Statt sie farbig zu bemalen oder zu vergolden, erhielten sie nur einen Wachsüberzug. So kann die natürliche Maserung des Eichenholzes zur Geltung kommen. Die geschnitzten Ornamente beinhalten viele Masken und Muscheln, sind aber noch streng symmetrisch angeordnet. Daher kann man das Aachener Zimmer, welches um 1740 entstand, als Werk des frühen Rokokos bezeichnen.

Der Moses-Saal
Die Bildteppiche sind Wirkarbeiten und daher besonders detailliert und leuchtkräftig. Allerdings sind die Textilien sehr lichtanfällig, so dass die Farben heute verblasst sind. Die Signatur auf den Teppichen verrät, dass sie in der Werkstatt der Brüsseler Familie van der Borght entstanden. Brüssel war damals ein wichtiges Zentrum für die Herstellung repräsentativer Bildwirkereien. Die Teppiche aus dem Aachener Zimmer zeigen Szenen aus dem Leben Moses‘: Von seiner Auffindung als Kleinkind am Nil, über die Teilung des roten Meeres, bis hin zum Zerbrechen der Gesetzestafeln. Passend zum „kleinen Gobelinsaal“ im Erdgeschoss gab es noch einen „großen Gobelinsaal“ im ersten Stock des Aachener Hauses. Dessen Wandteppiche stellten die fünf Erdteile dar, jedoch sind sie heute nicht mehr vollständig erhalten.

Das Wespienhaus
Johann von Wespien war der Auftraggeber des repräsentativen Aachener Wohnhauses. Er war ein äußerst wohlhabender Tuchfabrikant, der reich geheiratet hatte. 1756 bis 1759 war er Aachens Bürgermeister. Sein Haus in der Kleinmarschierstraße wurde 1734-1737 erbaut, jedoch sollte die Vervollständigung der Inneneinrichtung noch viel länger dauern. Als Architekt diente Johann Joseph Couven, der an mehreren Bauvorhaben Wespiens beteiligt war. Couven stimmte die Fassade und das innere Dekorationsschema harmonisch aufeinander ab, weswegen dieses Haus später als sein bestes Werk galt. Da Wespien keine Nachkommen hinterließ, kam das Haus in den Besitz einer anderen Familie, die 1901 aus Geldnot die Inneneinrichtung versteigern musste. 1943 wurde es bei einem Luftangriff fast vollständig zerstört und nicht wiederaufgebaut.

Weniger
Titel
Aachener Zimmer
Allgemeine Bezeichnung
Wandvertäfelung aus Holz, Gobelins
Inventarnummer
A3417
Sammlung
Bauteile
Herstellungsort
Nordwest-Deutschalnd; Aachen; Brüssel
Herstellungsdatum
um 1740
Hersteller
Johann Joseph Couven (1701-1763); Manufaktur Franz und Peter van der Borght
Couven, Johann Joseph; geboren 10.11.1701 in Aachen, gestorben 12.09.1763 in Aachen (Architekt)
Maße
L. 6,70 m; B. 4,80 m; H.3,7 m
Material und Technik
Vertäfelung: Eiche - gebeizt, mattiert
Beschreibung
Wandvertäfelung und Gobelins aus dem Saal des Johann von Wespien'schen Hauses in Aachen. Geschnitzte Ornamente im Stil des frühen Rokoko. Bildteppiche mit Szenen aus dem Leben Moses'.
Literatur
Katalog der Innen-Ausstattung des von Wespien'schen Patrizierhauses zu Aachen. Versteigerung zu Aachen den 9. October 1901 durch J. M. Heberle (H. Lempertz' Söhne). Köln 1901. Link zur Bibliothek
Deutsche Möbel II. Abb. p.XXXIX. Link zur Bibliothek
Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums 1924/1925. Festschrift zum 60. Geburtstag von Dr. Theodor Hampe, II. Direktor des Germanischen Nationalmuseums. Nürnberg 1926, S. 133.
Heil, Walter: Ein Zimmer des Aachener Wespienhauses im Museum von San Franzisko. In: Aachener Kunstblätter 16, 1957, S. 11--13. Link zur Bibliothek
Grimme, Ernst Günther: Johann von Wespien. In: Aachener Kunstblätter 19/20, 1960/61, S. 56--63. Link zur Bibliothek
Germanisches Nationalmuseum. Führer durch die Sammlungen. München 1977, Nr. 424. Link zur Bibliothek
Schätze und Meilensteine deutscher Geschichte aus dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg. Nürnberg 1997, S. 135. Link zur Bibliothek
G. Ulrich Großmann (Hrsg.): Architektur und Museum -- Bauwerk und Sammlung. Das Germanische Nationalmuseum und seine Architektur (Kulturgeschichtliche Spaziergänge im Germanischen Nationalmuseum, Bd. 1 ). Ostfildern-Ruit 1997, S. 54--55. Link zur Bibliothek
Germanisches Nationalmuseum. Führer durch die Sammlungen. Nürnberg 2001, S. 165. Link zur Bibliothek
Couven, Johann Joseph. In: AKL Online, Dok-ID: _10173769_T_3 (15.11.2011).
Frank Matthias Kammel: Das Germanische Nationalmuseum und die Niederlande. Ein gespaltenes Verhältnis. In: Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums 2015, S. 111-145, hier S. 139.