Titel
Geburt der Maria
Allgemeine Bezeichnung
Gemälde, Altarflügel
Inventarnummer
Gm1180
Sammlung
Gemälde bis 1800
Herstellungsdatum
um 1460/80
Hersteller
Meister der Uttenheimer Tafel (tätig um 1460/80)
Maße
H. 96,2 cm; B. 93 cm
Material und Technik
Malerei auf Nadelholz
Beschreibung
Die Tafel zeigt die Geburt der Gottesmutter Maria, die von einer Geburtshelferin am Boden gewickelt wird, während eine zweite Helferin ein weißes Leintuch am lodernden Holzfeuer wärmt. Die im Gegensatz zum Legendentext sehr jugendlich gezeigte Mutter Anna beobachtet die Vorgänge vom Bett aus, das mit einem kostbaren Brokatvorhang ausgezeichnet ist. Das aufgesägte und parkettierte Tafelgemälde war Bestandteil eines Marienretabels, von dem weitere Flügelteile in Brixen, Wien und München erhalten sind. Die Gemälde zeichnen sich durch eine für ihre Entstehungszeit ungewöhnlich weit entwickelte perspektivische Raumauffassung aus und gehören deshalb zu den markantesten Leistungen des Meisters von Uttenheim, der nach der Mitteltafel des Hochaltarretabels der Margarethenkirche in Uttenheim bei Bruneck benannt wird. Dieser Maler zählt zusammen mit Michael Pacher zu den ersten deutschen Künstlern, die wohl in Padua eine frühe oberitalienische Prägung erhielten und sich mit der Zentralperspektive auseinandersetzten. Im Werk beider Künstler verschmelzen erstmals die neuen in Italien ausgebildeten Prinzipien der perspektivischen Raumkonzeption mit der spätgotischen nordalpinen Bildtradition. Trotz vieler realistischer Elemente und Details wie Windeln, Wickelbänder und Nabelbinden, Fliesenboden, Kassettendecke und Bettzeug vermittelt die Szene eine am Beispiel und Vorbild der hl. Frauen Anna und Maria entwickelte Idealvorstellung spätmittelalterlichen Alltagslebens. Geburt und Verkündigung Mariae boten sich als Innenraumszenen in besonderer Weise für die idealisierte Schilderung des Profanen an, wobei viele Bildelemente in ihrer Bedeutung zwischen realitätsnah gezeigtem Alltagsobjekt und Träger christlicher Symbolik pendeln. -- Das Gemälde ist Bestandteil des Forschungsprojektes „Kunsthistorische und kunsttechnologische Erforschung der Gemälde im Germanischen Nationalmuseum“ (2013-2019). Nach Abschluss des Projektes werden die Objekt-Informationen im Onlinekatalog aktualisiert.
Literatur
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