Eine Heizung als Schauobjekt
Kachelöfen sind eine Erfindung des Mittelalters. Spätestens im 15. Jahrhundert setzten sie sich als neue Form der Raumheizung durch. Sie waren Teil der Innenausstattung von Wohnstuben und offiziellen Räumen und dienten gleicher­maßen dem Raumschmuck als auch der Repräsentation. Entsprechend kunstvoll ist meist ihre GeMehr

Eine Heizung als Schauobjekt
Kachelöfen sind eine Erfindung des Mittelalters. Spätestens im 15. Jahrhundert setzten sie sich als neue Form der Raumheizung durch. Sie waren Teil der Innenausstattung von Wohnstuben und offiziellen Räumen und dienten gleicher­maßen dem Raumschmuck als auch der Repräsentation. Entsprechend kunstvoll ist meist ihre Gestaltung, wie bei diesem Ofen: Fast vollständig ist er aus glasierten Kacheln in leuchtenden Farben aufgebaut. Auf den Figurenfeldern erkennt man verschiedene Apostel, die Wappen verweisen auf den Würzburger Bischof Lorenz von Bibra, Würzburger Domherren, die Stadt Ochsenfurt und fränkische Adelsfamilien.
Die Bildmotive geben einen Hinweis auf die Herkunft des Kachelofens. Er stammt aus dem ehemaligen Amtshaus des Würzburger Domkapitels in Ochsenfurt, dem heutigen Rathaus. Damals verband sich kirchliche und weltliche Macht an diesem Ort, denn die Mitglieder des Domkapitels hatten gleichzeitig die Herrschaft über die Stadt inne. Auch wenn einige der Kacheln später ergänzt wurden, ist ein solcher, fast vollständig erhaltener Kachelofen aus dieser frühen Zeit eine Seltenheit.

Der Luxus von Wärme
Kachelöfen hielten zunächst Einzug in die Häuser der Oberschicht, in Adelsresidenzen, Klöster, Rat- und Kaufmannshäuser. Sie waren vor allem in den mittelalterlichen Städten verbreitet, bis sie mehr und mehr auch die Bauernstuben der ländlichen Gegenden erreichten.
Mit ihrer langanhaltenden Wärme bedeuteten Kachelöfen eine erhebliche Verbesserung der Wohnqualität. Zuvor nutzte man zum Heizen fast ausschließlich offene Kamine. Diese leiteten einen Großteil der Wärme ungenutzt durch den Schornstein ab, zudem zog ihr Rauch oft in die Stuben. Ein Kachelofen dagegen ist so konstruiert, dass der Rauch lange in der Heizkammer gehalten wird, bevor er auf der Rückseite durch die Wand in Küche oder Flur geleitet wird. Die oft mit Modeln hergestellten Kacheln hatten auch eine praktische Funktion: Die plastisch gestalteten Schmuckreliefs vergrößerten die Oberfläche, so dass der Ofen deutlich mehr Wärme nach außen abgab.

Brandschutz
Die geschlossene Konstruktion von Kachelöfen hatte vor allem in den eng bebauten Städten noch einen weiteren Vorteil. Jede offene Feuerstelle im Haus erhöhte die Gefahr eines Wohnungsbrandes, der schnell zum Flächenbrand werden konnte. In den winkligen Gassen mit ihren meist aus Holz konstruierten Häusern verbreitete sich Feuer in Windeseile. Die Einführung von Kachelöfen reduzierte diese Gefahr erheblich und trug zur Sicherheit der Bewohner bei.

Weniger
Titel
Kachelofen
Allgemeine Bezeichnung
Ofen
Inventarnummer
A503
Sammlung
Bauteile
Herstellungsort
Ochsenfurt oder Würzburg
Herstellungsdatum
1. Viertel 16. Jahrhundert
Maße
H. 146 cm ohne Steinfuß; B. 80 cm
Material und Technik
Ton, bunt glasiert (Bleiglasur)
Standort
Dauerausstellung Alltagskultur bis 1700
Beschreibung
Ofen, vierseitig mit 33 großen und 42 kleinen Wappenkacheln und wiederholten Darstellungen von 11 Aposteln in Nischen, die noch die letzten Anklänge der gotischen Architektur erkennen lassen. Am Fuße ein Fries von liegenden Landsknechten. Gesims ausladend, dessen flache Hohlkehle mit Wappen besetzt ist. Der ganze Ofen ist bunt glasiert (Bleiglasur). 82 Kacheln, darunter 19 neu.
Literatur
Roeper, Adalbert und Hans Bösch: Sammlung von Oefen in allen Stilarten vom XVI. bis Anfang des XIX. Jahrhunderts. München 1895, Taf. 1.
Denkschriften des Germanischen Nationalmuseums, Bd. 1. Nürnberg/Leipzig 1856, S. 157. Link zur Bibliothek
Becker, Carl und Jakob Heinrich von Hefner-Alteneck: Kunstwerke und Gerätschaften des Mittelalters und der Renaissance, Bd. 3, Frankfurt am Main 1863, Taf. 8.
Essenwein, August: Buntglasierte Thonwaaren des 15.-18. Jahrhunderts im germanischen Museum X. In: Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit, N. F. 22 (1875), Sp. 140.
Mitteilungen aus dem Germanischen Nationalmuseum 1899, S. 50. Link zur Bibliothek
Walcher von Molthein, Alfred: Die deutsche Keramik in der Sammlung Figdor II. In: Kunst und Kunsthandwerk 12 (1909), S. 301ff., Abb. 116. Link zur Bibliothek
Weixlgärtner, Arpad: Führer durch die Dr. Albert Figdor-Stiftung (= Führer durch die kunsthistorischen Sammlungen in Wien, 16. Heft), Wien 1932, S. 24, Nr. 36. Link zur Bibliothek
Nagel, Herbert: Kachelöfen des 15.-17. Jahrhunderts. Darmstadt 1954, Taf. 3 (= Wohnkunst und Hausrat - einst und jetzt, Bd. 8). Link zur Bibliothek
Bildführer des Germanischen Nationalmuseums 1977, Nr. 185 mit Abb. Link zur Bibliothek
Franz, Rosemarie: Der Kachelofen. Entstehung und kunstgeschichtliche Entwicklung vom Mittelalter bis zum Ausgang des Klassizismus. Graz 1969, S. 56-57, Taf. 2. Link zur Bibliothek
Reinheckel, Günter: German and Austrian Ceramics (= Masterpieces of Western and Near Eastern Ceramics. Bd. 8). Tokio 1978, Farbtafel 17. Link zur Bibliothek
Kammel, Frank Matthias: Kachelöfen und Ofenkacheln im Germanischen Nationalmuseum. In: Heiß diskutiert: Kachelöfen – Geschichte, Technologie, Restaurierung. Nürnberg 2011, S. 33–55. Link zur Bibliothek
Frank Matthias Kammel: Alltagskultur bis 1700. In: Germanisches Nationalmuseum. Führer durch die Sammlungen. Hrsg. von G. Ulrich Großmann. Nürnberg 2012, S. 85-92, hier S. 90-91.
G. Ulrich Großmann, Anja Grebe: Burgen. Geschichte - Kultur - Architektur. Berlin 2016, S. 122. Link zur Bibliothek
F. Schmieder: Wein, Wappen und Apostel. In: KulturGUT, H. 64 (1. Quartal 2020), S. 11-15. Link zur Bibliothek

Sie finden das Objekt in der Dauerausstellung mit der Nummer 10: Dauerausstellung Alltagskultur bis 1700