Ein ungewöhnlicher Fundort
Dieser kleine Silberbecher des ausgehenden 8. Jahrhunderts wurde 1928 bei Pettstadt in der Nähe von Bamberg aus der Regnitz ausgebaggert. Wie er in den Fluss kam, ist nicht geklärt. Das Stück ist aufwändig dekoriert. Vergoldete Ornamentstreifen liegen kreisförmig um den oberen Rand sowie die Standfläche des Bechers. Vier senkrechte Mehr

Ein ungewöhnlicher Fundort
Dieser kleine Silberbecher des ausgehenden 8. Jahrhunderts wurde 1928 bei Pettstadt in der Nähe von Bamberg aus der Regnitz ausgebaggert. Wie er in den Fluss kam, ist nicht geklärt. Das Stück ist aufwändig dekoriert. Vergoldete Ornamentstreifen liegen kreisförmig um den oberen Rand sowie die Standfläche des Bechers. Vier senkrechte Streifen verbinden die beiden Kreise. Ihr Dekor besteht aus verschlungenem pflanzlichen Flechtwerk, vermutlich Weinranken, in die stilisierte Tiere eingeflochten sind. Mit bloßem Auge sind diese stark abstrahierten Ornamente jedoch kaum zu erkennen. Derartige Ornamente finden sich auf dem europäischen Festland vor allem an Kunstobjekten aus der Regierungszeit Karls des Großen. Ihr Ursprung liegt in nordenglischen Vorbildern des späten 7. und 8. Jahrhunderts, die im Zuge der angelsächsischen Mission auf den Kontinent gelangten.


Kein gewöhnlicher Becher
Der Silberbecher wurde ursprünglich mit einem Deckel verschlossen. Die aufstrebenden Ornamentstreifen ähneln Säulen. Sie wirken wie architektonische Stützen des Deckels, so dass der Eindruck eines kleinen überdachten Rundtempels entsteht. Solche Rundtempel tauchen in der Kunst der Karolingerzeit wiederholt als Zeichen des himmlischen Jerusalem, als Bild des Heiligen Grabes oder als Lebensbrunnen auf. Die Verbindung von Tier- und Pflanzenmotiven im Rankenwerk deutet auf den christlichen Lebensbaum hin. Dies deckt sich mit der Vermutung, dass der Becher ein sakrales Objekt war, eine sogenannte Pyxis zur Aufbewahrung der geweihten Hostien für den Gottesdienst.

Die Slawenmission

Nach Pettstadt könnte der Becher am Ende des 8. Jahrhunderts im Rahmen der Slawenchristianisierung gelangt sein, die Karl der Große initiiert hatte. Zwischen Main und Regnitz, im heutigen Nordostbayern, lebten damals heidnische Slawen. Karl der Große beauftragte den Bischof von Würzburg mit ihrer Missionierung. Gleichzeitig festigte er damit den östlichen Rand seines Reiches.
 

Weniger
Allgemeine Bezeichnung
Hostienpyxis
Inventarnummer
FG1966
Sammlung
Archäologie
Herstellungsdatum
Frühmittelalter; Karolingerzeit
Fundort
Pettstadt
Maße
H. 10,2 cm; Mdm. 9,5 cm
Material und Technik
Silber, teilvergoldet
Standort

9.) Dauerausstellung Ur- und Frühgeschichte


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Beschreibung
Bauchiges, sich zur Mündung hin verjüngendes Gefäß mit vergoldeten Ornamentbändern im "Tassilokelch-Stil"; Innenseite vergoldet.
Literatur
E.H. Zimmermann, Ein karolingischer Silberbecher aus Pettstadt in Franken. Anzeiger des German. Nationalmus. 1928/29 (1929), 128‒132. ‒ G. Haseloff, Der Silberbecher aus der Regnitz bei Pettstadt, Landkreis Bamberg. Jahresber. Bayer. Bodendenkmalpfl. 17/18, 1976/77 (1978) 132‒177. ‒ E. Foltz, Bericht über die Restaurierung des Silberbechers von Pettstadt, Landkreis Bamberg. Arch. Korrbl. 12, 1982, 267f. mit Taf. 24. ‒ E. Wamers, Pyxides imaginatae. Zur Ikonographie und Funktion karolingischer Silberbecher. Germania 69/1, 1991, 97‒152. ‒ L. Wamser, Die Silberpyxis von Pettstadt als Zeugnis fränkischer Landesgeschichte. Ber. Bayer. Bodendenkmalpfl. 30/31, 1989/90 (1994), 315‒335. - R. Schürer, Die Zeit der Karolinger. In: Mittelalter. Kunst und Kultur von der Spätantike bis zum 15. Jahrhundert. Die Schausammlungen des Germanischen Nationalmuseums 2 (Nürnberg 2007) 57 Abb. 40 Kat.-Nr. 43. - A. Hofmann, Der „Pettstadter Becher“ im Germanischen Nationalmuseum. In: M. Klein-Pfeufer/M. Mergenthaler (Hrsg.), Frühe Maingeschichte. Archäologie am Fluss (Mainz 2017) 241‒251.