Die Kunst der Minne
Eine Gartenlandschaft wird zur Spielwiese einer ausgelassenen, in Gruppen arrangierten Hofgesellschaft. Dass das bunte Treiben einen erotischen Hintergrund hat, lässt schon ihre Aufmachung erkennen: Die figurbetont-modische Kleidung der jungen Männer ist ebenso aufreizend wie die tiefen Kleiderdekolletés der Hofdamen. Ihre SpiMehr

Die Kunst der Minne
Eine Gartenlandschaft wird zur Spielwiese einer ausgelassenen, in Gruppen arrangierten Hofgesellschaft. Dass das bunte Treiben einen erotischen Hintergrund hat, lässt schon ihre Aufmachung erkennen: Die figurbetont-modische Kleidung der jungen Männer ist ebenso aufreizend wie die tiefen Kleiderdekolletés der Hofdamen. Ihre Spiele folgen den Gesetzen der Minne. Darunter versteht man das an den Höfen des Hochmittelalters zur Kunstform entwickelte Liebeswerben um eine begehrte Frau.


Spielarten der Liebe
Dargestellt sind einige heute noch bekannte Spiele, wie Fangen oder Blindekuh. Aber auch längst vergessene Spiele sind zu sehen: Die linke obere Gruppe vergnügt sich beim „Main Chaude“. Hierbei muss ein Mann mit geschlossenen Augen erraten, wer ihm die Hand auf das Gesäß legt. Direkt darunter treten ein Höfling und eine Edeldame zur sogenannten „Quintaine“ an. In dieser Abwandlung des ritterlichen Lanzenstechens versuchen sich die Gegner durch einen Stoß mit dem Fuß zu Fall zu bringen. Beobachtet wird das heiter-frivole Geschicklichkeitsspiel von der Minnekönigin höchstpersönlich. Ganz rechts macht der Minnestrick einen Höfling zum gefesselten Liebesopfer. Nur die verehrte Dame kann ihn befreien. Im Zentrum des Bildteppichs steht die Minneburg. Sie ist das Sinnbild für die begehrte Frau, die es – wie eine Festung – durch die Minne zu erobern gilt.


Ein höfisches Thema?
Ob der Teppich für den privaten oder öffentlichen Raum hergestellt wurde, ist nicht überliefert. Zwei Wappen am rechten Rand verweisen auf die angesehene Tuchhändlerfamilie Diel in Speyer, die diesen Teppich offenbar in Auftrag gegeben hatte. Als Ratgeber der Pfälzer Kurfürsten war ihr der repräsentative Gebrauch von Wandteppichen am Heidelberger Hof geläufig. Großformatige Wandteppiche im häuslichen Bereich waren bis ins 16. Jahrhundert überwiegend dem Adel und der städtischen Oberschicht vorbehalten. Dass ein bürgerlicher Auftraggeber sich ausgerechnet für ein höfisches Motiv wie die Minne entscheidet, ist bemerkenswert. Offenbar wollte die Familie Diel als reiche Tuchhändler durch die Wahl des Themas auch ihr Standesbewusstsein zum Ausdruck bringen.

 

Weniger
Titel
Bildteppich mit der Minneallegorie und Spielszenen, so genannter Spieleteppich
Allgemeine Bezeichnung
Wandtextilien
Inventarnummer
Gew668
Sammlung
Textilien-Schmuck
Herstellungsort
Mittelrhein; Heidelberg (?)
Herstellungsdatum
um 1400
Maße
H. 160 cm; B. 390 cm
Material und Technik
Wirkerei, Kette: Leinen, ungefärbt, Schuss: Wolle, mehrere Farben, Metallfäden, Gesichter teilweise in grauer Zeichnung oder mit farbiger Seide gestickt, Kettdichte: 6,5 - 8,5 Fäden/cm
Standort
Dauerausstellung Spätmittelalter
Kommt in Guide vor
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Beschreibung
Der großformatige Behang mit Spielszenen in einer von Burg, Klosteranlage und Mühlengebäude beherrschten Landschaft ist ein herausragendes kulturhistorisches Dokument. Mit Freude am Detail sind zeitgenössische Spiele wie Blindekuh, Quintaine und Schinkenklopfen wiedergegeben, die auch im gesellschaftlichen Leben der Erwachsenen ihren Platz hatten. Die Minnekönigin wohnt den von Männern und Frauen gemeinsam unternommenen Spielen bei. Zwei Stifterwappen am rechten Rand des Teppichs kennzeichnen ihn als bürgerlichen Auftrag. (Text aus Schätze und Meilensteine) Tapestry with Games of Love Upper Rhine (?), ca. 1380; tapestry of linen and wool, 142 x 390 cm. Inv.no. Gew 668, Detail This hanging, with game-scenes set in a landscape with a castle, a monastery complex, and mill buildings, is an outstanding cultural-historical document. Contemporary games such as “Blind Cow”, quintaine, and “main chaude” are reproduced with pleasing detail. Such games also had their place in the social life of adults, and here, the Minnekönigin (Queen of Love) participates in the games played by men and women together. Two donor coats-of-arms at the tapestry’s right margin identify it as a bourgeois commission. The tapestry with its wealth of figures brings together the motifs of medieval courtly poetry. In a spacious garden landscape couples are enjoying themselves playing games with a deeper erotic meaning. Games of tag, thrusting, riding, tying up and intimate touching characterize the activities near the castle of love. The festive garments of the couples reflect the stylization of the culture of courtly love. The queen of love is recognized by her crown. The provenance of the tapestry is not known. A reference to the possible patron is seen in the coat of arms of Hans Diehl from Speyer on the top right edge. Diehl had good contacts to the prince electoral court in Heidelberg, and the court’s predilection for festivities may have been the reason for the commission for the tapestry. It appears likely that the tapestry may have been produced in the workshops there. The bourgeois adoption of the theme of courtly love reflects the social aspirations of the new ruling class. (Text from Treasures of German art and history)
Literatur
Jutta Zander-Seidel: Animals on Minne Tapestries. Symbols of Lordship and Ornament. In: Evelin Wetter and Kathryn Starkey (ed.): Animals in Text and Textile. Storytelling in the Medieval World (Riggisberger Berichte 23). Abegg-Stiftung 2019, S. 210-225. Link zur Bibliothek
Der Spieleteppich im Kontext profaner Wanddekoration um 1400. Beiträge des internationalen Symposions am 30. und 31. Oktober 2008 im Germanischen Nationalmuseum (Wissenschaftliche Beibände zum Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums, Bd. 29). Herausgegeben von Jutta Zander-Seidel. Nürnberg 2010.
Falke, Jacob: Ein culturhistorisch merkwürdiger Teppich im germanischen Museum. In: Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums (1853--1883 Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit). Nürnberg 1857, Sp. 324--327.
Kurth, Betty: Die deutschen Bildteppiche des Mittelalters. 3 Bde., Wien 1926, Bd. 1, S. 122--124, 230--231; Bd. 2, Taf. 105--107. Link zur Bibliothek
Kohlhaussen, Heinrich: Die Minne in der deutschen Kunst des Mittelalters. In: Zeitschrift des Deutschen Vereins für Kunstwissenschaft Bd. 9, 1942, H. 1/2, S. 145--172, bes. 150--151.
Rapp Buri, Anna/Stucky-Schürer, Monica: zahm und wild. Basler und Straßburger Bildteppiche des 15. Jahrhunderts. Mainz 1990, S. 16. Link zur Bibliothek
Germanisches Nationalmuseum (Hrsg.): Schätze und Meilensteine deutscher Geschichte aus dem Germanischen Nationalmuseum. Nürnberg 1997, S. 43. Link zur Bibliothek
Treasures of German art and history in the Germanisches Nationalmuseum, Nuremberg. Publ. by Germanisches Nationalmuseum, Nuremberg. Ed. by Hermann Maué and Christine Kupper, 2001. Link zur Bibliothek
Bulitta, Brigitte: Zur Herkunft und Geschichte von Spielbezeichnungen: Untersuchungen am Beispiel traditioneller Bewegungsspiele. Kassel 2000, S. 55, 119--121. Link zur Bibliothek
Franke, Birgit: Kaiser Karl IV. und Kaiserin Elisabeth in Dortmund 1377 und 1378. In: Nils Büttner u.a. (Hrsg.): Städtische Repräsentation. St. Reinoldi und das Rathaus als Schauplätze des Dortmunder Mittelalters. Bielefeld 2005, S. 275--295, bes. 283, 290--291.
Mittelalter. Kunst und Kultur von der Spätantike bis zum 15. Jahrhundert (Die Schausammlungen des Germanischen Nationalmuseums, Bd. 2). Nürnberg 2007, S. 362--363, 437, Kat. 473, Abb. 329. Link zur Bibliothek

Sie finden das Objekt in der Dauerausstellung mit der Nummer 11: Dauerausstellung Spätmittelalter

Spieleteppich
Tapestry of Courtly Games
Spieleteppich
Courtly Games Tapestry