Ein intensiver Blick
Alexej von Jawlensky malte das Bild „Kopf in Schwarz und Grün“ vermutlich im Jahr 1913. Die Datierung vermerkte er jedoch erst nachträglich. Ein länglicher Kopf mit großen Augen füllt die gesamte Bildhöhe aus. Das schematische Gesicht ist in Blaugrün-, Rosa und Rottönen gehalten, der Hintergrund ist dunkelblau und schwarz. Stellenweise schaut dMehr

Ein intensiver Blick
Alexej von Jawlensky malte das Bild „Kopf in Schwarz und Grün“ vermutlich im Jahr 1913. Die Datierung vermerkte er jedoch erst nachträglich. Ein länglicher Kopf mit großen Augen füllt die gesamte Bildhöhe aus. Das schematische Gesicht ist in Blaugrün-, Rosa und Rottönen gehalten, der Hintergrund ist dunkelblau und schwarz. Stellenweise schaut die braune Malpappe hervor. Durch kräftige Umrisslinien verlieh Jawlensky den Gesichtszügen eine Intensität, die an urzeitliche Bilder oder christlich-orthodoxe Ikonen erinnert.

Farbiges Leuchten
Von 1902 bis 1908 setzte Jawlensky sich intensiv mit der Pariser Avantgarde auseinander und entwickelte daraufhin seinen eigenen Stil. Wichtige Einflüsse waren für ihn die Kunst von Paul Signac, Vincent van Gogh, Paul Cézanne und Paul Gauguin. Jawlensky wurde außerdem angeregt vom „Cloisonnisme“ (frz. cloisonner: abtrennen), den der Künstler Emile Bernard mitentwickelt hatte. Dieser Stil sollte einen ähnlichen Effekt erzielen wie Kirchenfenster, deren schwarze Bleifassungen dem farbigen Leuchten der Glasstücke Tiefe verleihen. Wie viele andere Künstler seiner Zeit versuchte Jawlensky seine künstlerischen Anliegen theoretisch zu untermauern. Der damals in Malerkreisen häufig gebrauchte Begriff „Synthese“ bedeutete für ihn Formverknappung und Vereinfachung mittels Konturierung.

München und die Avantgarde
Während seiner künstlerischen Ausbildung in Sankt Petersburg war Jawlensky unter anderem Schüler Marianne von Werefkins. Die beiden lebten ab 1896 zusammen in München und entwickelten eine künstlerisch fruchtbare Freundschaft mit Gabriele Münter und Wassily Kandinsky. 1909 war Jawlensky Mitbegründer der „Neuen Künstlervereinigung München“, von der sich zwei Jahre später ohne seine Beteiligung die Gruppe „Blauer Reiter“ abspaltete. Jawlenskys Münchener Schaffensperiode wurde jäh durch den Beginn des Ersten Weltkriegs im Jahr 1914 unterbrochen. Alle russischen Staatsbürger hatten das Deutsche Reich binnen 48 Stunden zu verlassen, weswegen er Zuflucht in der Schweiz suchte. Erst 1921 kehrte er nach Deutschland zurück.

Weniger
Titel
Kopf in Schwarz und Grün
Allgemeine Bezeichnung
Gemälde
Inventarnummer
Gm1671
Sammlung
Kunst u. Kunsthandwerk 19.-21.Jh.
Herstellungsdatum
1913
Hersteller
Jawlensky, Alexej von (1864-1941)
Jawlensky, Alexej von; 26.03.1864 Torzok (Tver', Russland)-15.03.1941 Wiesbaden (Maler)
Maße
H. 53,5 cm; B. 49,5 cm
Material und Technik
Öl auf Pappe
Beschreibung
Vor dem locker gemalten dunklen Hintergrund nimmt der Kopf in der vorderen Bildebene die gesamte Höhe der fast quadratischen, nur leicht gestreckten Malfläche ein. Wenige Aufhellungen des Grundes durch Blau oder im schmutzigen Ocker der unbemalt gebliebenen Malpappe lösen ihn vom neutralen Grund. Innerhalb der schwarzen Konturen herrschen türkisgrüne, hellblaue und rosa Farbtöne vor. Aus der in Englischrot knapp angedeuteten abfallenden Schulter schiebt sich der plastisch kräftig akzentuierte Hals in zwei Blau- und Rottönen nach oben. Der Umriss des Kopfes wird bestimmt von dem lang herabgezogenen Untergesicht und den nahezu kreisförmigen Formen der Frisur. Genau in der Mittelachse des Bildes liegt das frontal auf den Beschauer blickende linke Auge, dessen schwarze Pupille und Iris, wie auch beim anderen Auge, vor einem leuchtenden Dunkelblau stehen, das ebenso auf den Lippen wiederkehrt. In der Mitte des leicht nach links gewandten Gesichtes sind übereinander die halbmondförmige Binnenkontur des Kinns, der Mund, die balkenförmige Nase, an deren Wurzel ein roter Punkt zwischen den nach rechts und links abgewinkelten Brauen sitzt, aufgebaut. Die linke Gesichtsfläche wird von dunklem Grün beherrscht, das ein heller Rotfleck akzentuiert, die rechte Gesichtsfläche in hellerem Grün und weiß versetztem Blau wird ausgewogen durch die kräftigen Krapplackakzente unter dem Auge und auf der Wange. Vermutlich nachträglich datiert.
Vermerk am Objekt
Beschriftung: Nr. 7 Kopf in Schwarz und Grün A. Jawlensky 1913 (Rückseite)

Vitrinentext
1896 kam Jawlensky nach München. 1909 war er Mitbegründer der "Neuen Künstlervereinigung", von der sich 1911 die Gruppe "Blauer Reiter" abspaltete. Jawlensky ist einer der zentralen Künstler des Expressionismus. Landschaft, Stilleben sowie der menschliche Kopf sind seine drei großen Themen. Zwischen 1909 und 1913 liegt eine erste große Schaffensperiode, zu deren Höhepunkten auch der "Kopf in Schwarz und Grün" zählt. Durch lapidare Linienumrisse verleiht Jawlensky den Formen des Gesichts eine Intensität, wie sie archaischen Bildwerken oder Ikonen eigen ist.

Literatur
Der Blaue Reiter. München und die Kunst des 20. Jahrhunderts, 1908--1914. Ausst.Kat. Haus der Kunst München. München 1949, Nr. 43.
Weiler, Clemens: Alexej von Jawlensky. Wiesbaden 1955, S. 24, Taf. 26.
Pictures on exhibit, Vol. 19. New York 1956, S. 27, Nr. 8. Link zur Bibliothek
Le Jardin des Arts. Paris 1956, Werkverzeichnis Nr. 257. Link zur Bibliothek
Alexej von Jawlensky. 1864--1941. Ausst.Kat. Kunsthalle Bern. Bearb. von Franz Meyer. Bern 1957, Nr. 52.
Alexej von Jawlensky. 1864--1941. Ausst.Kat. Kunsthalle Düsseldorf. Düsseldorf 1957, Nr. 55.
Alexej von Jawlensky. 1864--1941. Ausst.Kat. Kunstverein Stuttgart. Bearb. von Clemens Weiler. Stuttgart 1958, Nr. 58.
Alexej von Jawlensky. Ausst.Kat. Städtische Galerie im Lenbachhaus München. Bearb. von Hans Konrad Röthel. München 1964, Nr. 80.
Ketterer, Roman Norbert: Moderne Kunst IV. Lagerkatalog. Campione 1967, S. 74f., Nr. 59 m. Abb.
Tätigkeitsbericht des Germanischen Nationalmuseums. Nürnberg 1968, S. 7, 18, Farbabb. 13. Link zur Bibliothek
Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums. Nürnberg 1969, S. 216--218 mit Farbabb.
Schätze und Meilensteine deutscher Geschichte aus dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg. Nürnberg 1997, S. 184. Link zur Bibliothek
Alexej von Jawlensky. Reisen, Freunde, Wandlungen. Ausst.Kat. Museum am Ostwall, Dortmund. Bearb. von Tayfun Belgin. Heidelberg 1998, S. 324, Kat. Nr. 211.
Moderne Zeiten. Die Sammlung zum 20. Jahrhundert (Kulturgeschichtliche Spaziergänge im Germanischen Nationalmuseum, Bd. 3). Nürnberg 2000, S. 33. Link zur Bibliothek
Treasures of German Art and History in the Germanisches Nationalmuseum, Nuremberg. Nürnberg 2001, S. 184. Link zur Bibliothek
Jawlensky, Alexej. In: AKL Online, Dok-ID: _00091115 (04.05.2011).
Goldberg, Itzhak (Hrsg.): Jawlensky. La promesse du visage, Ausst.Kat. Fundación MAPFRE, Madrid 2021 . Link zur Bibliothek