Erst der Einband, dann das Buch
Der Prunkeinband entstand mehrere Jahrzehnte bevor das dazu gehörige Buch überhaupt geschaffen wurde. Gestiftet hatten ihn Kaiserin Theophanu und ihr minderjähriger Sohn Otto in die Abtei Echternach bei Trier. Hier entstand um 1030 auch die Handschrift dafür, der berühmte Codex Aureus. Das „goldene Buch“ ist eine EMehr

Erst der Einband, dann das Buch
Der Prunkeinband entstand mehrere Jahrzehnte bevor das dazu gehörige Buch überhaupt geschaffen wurde. Gestiftet hatten ihn Kaiserin Theophanu und ihr minderjähriger Sohn Otto in die Abtei Echternach bei Trier. Hier entstand um 1030 auch die Handschrift dafür, der berühmte Codex Aureus. Das „goldene Buch“ ist eine Evangelienschrift, deren Bezeichnung wörtlich zu verstehen ist: Die Mönche der Abtei Echternach schrieben sie mit Goldtinte auf purpurfarbene Seiten. Das reich bebilderte Manuskript ist eine der bedeutendsten und wertvollsten Handschriften des frühen Mittelalters. Es wird heute getrennt vom Bucheinband in der Bibliothek des GNM aufbewahrt, um beide Werke optimal bewahren zu können
(Hs. 156142).

Höchste Handwerkskunst
Der kostbare Buchdeckel wurde in Trier bei einer der führenden Goldschmiede­werkstätten der Zeit in Auftrag gegeben. Diese war vor allem bekannt für ihre besondere Technik der Emailkunst, das sogenannte Zellenschmelz-Verfahren: Dünne aufgelötete Goldstege bildeten ein Muster, in das jeweils eine Masse aus geschmolzenem Glas in verschiedenen Farben eingefüllt wurde.
Die Elfenbeintafel im Zentrum war zumindest teilweise farbig bemalt und vergoldet. Sie enthält eine frühe Darstellung der Kreuzigung Christi. Von rechts reicht der römische Soldat Stephaton Christus einen angefeuchteten Essigschwamm; Longinus fügt Christus später mit einer Lanze die Seitenwunde zu. Kreuzigungsdarstellungen gewannen in den folgenden Jahrhunderten immer mehr an Bedeutung und gehörten im Spätmittelalter zu den am häufigsten dargestellten Bildthemen.

Ein Kind als Stifter
Um die Elfenbeintafel herum ist eine ganze Reihe von feinen, heute nur schwer erkennbaren Figuren in das dünne Goldblech des Deckels getrieben. Darunter befinden sich Maria und Heilige, die mit der Abtei Echternach verbunden sind, sowie Symboltiere der Evangelisten und Personifikationen der vier Paradiesflüsse. Sie versinnbildlichen die Ausbreitung des Evangeliums in alle vier Himmelsrichtungen.
In Gestalt aufrechtstehender Stifterfiguren präsentieren sich Kaiserin Theophanu und ihr Sohn gleichrangig zwischen den Heiligen. Sie betonen damit die enge Verbindung von Herrscherhaus und Kirche. Die Inschrift neben dem minderjährigen Thronfolger ermöglicht auch eine ungefähre Datierung: Den Titel „Otto III.“ erhielt er 983, als er im Alter von drei Jahren zum deutschen König gekrönt wurde. Der Einband muss also danach, spätestens aber im Todesjahr von Theophanu 991 entstanden sein.
 

Weniger
Titel
Prunkeinband des Codex Aureus Epternacensis
Allgemeine Bezeichnung
Bucheinband
Inventarnummer
KG1138
Sammlung
Kunsthandwerk I (bis 1500)
Herstellungsort
Trier ID: 7004447; Trier
Herstellungsdatum
zwischen 983 und 991, vielleicht 985-987
Maße
H. 44 cm; B. 31,3 cm
Material und Technik
Goldblech, ziseliert; Edelsteine; Perlen; Elfenbein; Email über Eichenholz; Rücken und Rückdeckel Seide
Standort
Dauerausstellung Mittelalter
Beschreibung
Deckel des Goldenen Evangelienbuchs von Echternach (Codex Aureus Epternaciensis). Elfenbeinplatte gerahmt von Einband: Zellenschmelzplatten, abwechselnd mit Platten, die Zellenmosaik und Filigranornamente tragen, getriebenes Goldblech, Perlen, Halbedelsteine. Das Ganze montiert auf Eichenholzplatte. Das Elfenbeinrelief: Christus am Kreuz zw. Longinus u. Stephaton, Suppedaneum von der Gestalt der Terra gestützt, in den oberen Ecken Sol und Luna. Umrahmung: Palmettenfries. Zwischen der äusseren und inneren Rahmung aus Zellenschmelz- und Filigranplättchen getriebene Reliefs in Goldblech: oben und unten jeweils ein Paradiesesfluss mit einem Evangelistensymbol; an den Längsseiten: Maria, S. Willibrord, Petrus, Bonifacius, Benedictus, Lindger sowie König Otto und Kaiserin Theophanu, jeweils durch Inschrift gekennzeichnet. Aus der Willibrordabtei bei Echternach. Stiftung der Kaiserin Theophanu und Königs Otto. -- Elfenbeinrelief: Christus steht aufrecht auf dem Suppedaneum, das von der hockenden Terra gestützt wird. Sein Haupt - mit geöffneten Augen - ist nach rechts unten geneigt, wo Longinus, in Rückansicht, mit erhobener Lanze steht. Links vom Kreuz Stephaton mit Essigeimer und Schwamm. In den oberen Ecken die Rundbilder von Sol und Luna, dazwischen der Titulus: (I)HC NAZARENV(S). Auf der Stirnseite des Suppedaneums die Inschrift: TERRA. Ein breiter Blattfries bildet den Rahmen, von den Figuren teilweise überschnitten. Das Kreuz ist blau, das Gewand der Terra, Eimer, Schwamm und Lanze sowie die nichtfigürlichen Teile von Sol und Luna grün. Die Vertiefungen der Pupillen geschwärzt.
Literatur
Mittelalter. Kunst und Kultur von der Spätantike bis zum 15. Jahrhundert (Die Schausammlungen des Germanischen Nationalmuseums, Bd. 2). Nürnberg 2007, S. 22, 39, 78--81, 116, 117, 126, 198, 393, Kat. 63, Abb. 54, 105, 106, 179.
Grebe, Anja: Codex Aureus. Das Goldene Evangelienbuch von Echternach. Darmstadt 2007, S. 24--34 Link zur Bibliothek
Schorta, Regula: Monochrome Seidengewebe des hohen Mittelalters. Untersuchungen zu Webtechnik und Musterung. Berlin 2001, S. 80, Nr. 148. Link zur Bibliothek
Europas Mitte um 1000. Beiträge zur Geschichte, Kunst und Archäologie. Ausst.Kat. Budapest, Nationalmuseum, Krakau, Nationalmuseum u.a. Stuttgart 2000, Katalogband, Nr. 02.03.22 m. Abb. (Irmgard Siede). Link zur Bibliothek
Egbert Erzbischof von Trier 977--993. Gedenkschrift der Diözese Trier zum 1000. Todestag. Hrsg. von Franz J. Ronig. Bd.1: Katalog- und Tafelband. Trier 1993, Nr. 45, Taf. 169 u. 48, Taf. 173.
Jülich, Theo: Sakrale Gegenstände und ihre Materialien als Bedeutungsträger. In: Rheydter Jahrbuch. 19. 1991, S. 245--259 (250--252, Abb. 2).
Wolf, Gunther: Zur Datierung des Buchdeckels des Codex aureus Epternacensis. In: Hémecht 42, 1990, S. 147--152. Link zur Bibliothek
Wilckens, Leonie von: Zur Verwendung von Seidengeweben des 10. bis 14. Jahrhunderts in Bucheinbänden. In: Zeitschrift für Kunstgeschichte 56 (1990), S. 425--442 (441). Link zur Bibliothek
Freiheit. Gleichheit. Brüderlichkeit. 200 Jahre Französische Revolution in Deutschland (Ausst.- Kat. des GNM). Nürnberg 1989, Kat. Nr. 450 (Klaus Dieter Pohl) mit Abb. (der Deckel war nicht auf der Ausstellung zu sehen, sondern nur im Katalog behandelt). Link zur Bibliothek
Hürkey, Edgar J.: Das Bild des Gekreuzigten im Mittelalter. Worms 1983, S. 26, 105 f., 429, 500, 140, 143, Abb. 308.
Kahsnitz, Rainer: Das Goldene Evangelienbuch von Echternach. In: Pörtner, Rudolf (Hrsg.): Das Schatzhaus der deutschen Geschichte. Das Germanische Nationalmuseum. Unser Kulturerbe in Bildern und Beispielen. Düsseldorf/Wien 1982, S. 155--178, Abb. 6.
Kahsnitz, Rainer: Der Einband des Goldenen Evangelienbuchs. In: Kahsnitz, Rainer/Mende, Ursula/Rücker, Elisabeth: Das Goldene Evangelienbuch von Echternach. Eine Prunkhandschrift des 11. Jahrhunderts. Frankfurt a.M. 1982, S. 38--71, Abb. 7--11, Taf. 1--2.
Springer, Peter: Kreuzfüße. Ikonographie und Typologie eines hochmittelalterlichen Gerätes. Berlin 1981, S. 111, 137. Link zur Bibliothek
Muthesius, Anna: The Sil over the Spine of the Mondsee Gospel Lectionary. In: The Journal of the Walters Art Gallery 37, 1978, S. 50--73 (55 u. Abb. 7). Link zur Bibliothek
Bildführer GNM 1977, Nr. 33 mit Abb.
Westermann-Angerhausen, Hiltrud: Die Goldschmiedearbeiten der Trierer Egbertwerkstatt (Trierer Zeitschrift für Geschichte und Kunst des Trierer Landes und seiner Nachbargebiete, Jg. 36, Beiheft). Trier 1973, S. 40--43, 73--76, 79--85, 126--129, 134--135. Link zur Bibliothek
Kahsnitz, Rainer: Besprechung der Ausstellung Rhein und Maas. In: Zeitschrift für Kunstgeschichte 36 (1973), S. 296--298. Link zur Bibliothek
Rhein und Maas. Kunst und Kultur 800--1400. Ausst.Kat. Schnütgenmuseum Köln. Hrsg. von Anton Legner. Köln 1972, Nr. C2 und C7. Link zur Bibliothek
Tilmann Buddensieg: Über ein neugefundenes Elfenbein aus dem Umkreis des Echternacher Meisters. In: Mussen in Köln, Jg. 8, Heft 12 (Dezember 1969), S. 814-815 Link zur Bibliothek
Stafski, Heinz: Die mittelalterlichen Bildwerke. Bd. 1: Die Bildwerke in Stein, Holz, Ton und Elfenbein bis um 1450 (Kataloge des Germanischen Nationalmuseums). Nürnberg 1965, S. 232, 234 f. mit Abb., Nr. 206. Link zur Bibliothek
Steenbock, Frauke: Der kirchliche Prachteinband des frühen Mittelalter von den Anfängen bis zum Beginn der Gotik. Berlin 1965, Kat. Nr. 42 (dort ältere Literatur!), Abb. 60, 176. Link zur Bibliothek
Eibern, Victor H.: Die bildende Kunst der Ottonenzeit zwischen Maas und Elbe. In: Das erste Jahrtausend 2. Düsseldorf 1964, S. 1030. Link zur Bibliothek
Eibern, Victor H.: Zum Verständnis und zur Datierung der Aachener Elfenbeinsitula. In: Das erste Jahrtausend 2. Düsseldorf 1964 S. 1068--1079. Link zur Bibliothek
Haussherr, Reiner: Der tote Christus am Kreuz. Diss. Bonn 1963, S. 59, 72. Link zur Bibliothek
Verheyen, Egon: Das Goldene Evangelienbuch von Echternach. München 1963, S. 12--4, 19. Link zur Bibliothek
Messerer, Wilhelm: Ottonische Buchmalerei um 970--1070 im Gebiet deutscher Sprache. In: Zeitschrift für Kunstgesch. 26, 1963, S. 76.
Schramm, Percy Ernst/Mütherich, Florentine: Denkmale der deutschen Könige und Kaiser. München 1962, S. 149 Nr. 85. Link zur Bibliothek
Oettinger, Karl: Der Elfenbeinschnitzer des Echternacher Codex Aureus und die Skulptur unter Heinrich III. (1039-- 1056). In: Jb. d. Berliner Mus. NF 2, 1960, S. 34, 35.
Thoby, Paul: Le crucifix des ongines au Concile de Trente. Nantes 1959, S. 56 Nr. 60. Link zur Bibliothek
Metz, P.: Die Entstehungszeit des goldenen Evangelienbuches v. Echternach im GNM. Ber. d. Kunstg. Ges. in Berlin. Vortrag vom 20. 3. 1959, S. 14ff.
Vöge, W.: Ein deutscher Schnitzer des 10. Jahrhunderts. In: Jb. d. Preuß. Kunstslgn. 20, 1899, S. 117--24 (Neudruck in: W. Vöge: Bildhauer des Mittelalters. Berlin 1958, S. 1--10).
Schnitzler, Hermann: Rheinische Schatzkammer I. Düsseldorf 1957, S. 23 Nr. 11.
Werdendes Abendland an Rhein und Ruhr. Ausstellung in Villa Hügel. Hrsg. vom Landschaftsverband Rheinland. Essen 1956, S. 241, Kat.Nr. 421, Taf. 56. Link zur Bibliothek
Metz, Peter: Das Goldene Evangelienbuch von Echternach im Germanischen Nationalmuseum zu Nürnberg. München 1956, S. 34--36, 85, 88. Link zur Bibliothek
Wesenberg, Rudolf: Bernwardinische Plastik, 1955, S.29 ff. (Abb. 17).
Swarzenski, Hanns: Monuments of Romanesque Art. Chicago 1954, S. 40, Nr. 50. Link zur Bibliothek
Feulner, Adolf/Müller, Theodor: Geschichte der deutschen Plastik. München 1953, S. 24. Link zur Bibliothek
Ars Sacra. Kunst des frühen Mittelalters. Ausst.Kat. Bayerische Staatsbibliothek München. München 1950, S. 53--55, Nr. 106 - fol. 110 wird verglichen mit einer Darstellung auf einem Romanischen Reliquar, Spanisch 12. Jh. im Art Institute Chicago, vgl. Gaz. des Beaux Arts Jg. 103, Bd. 58, 1961, S. 113, Abb. 6.50. Link zur Bibliothek
Jantzen, Hans: Ottonische Kunst. München 1947, S. 140, 141. Link zur Bibliothek
Schlee, Paradiesflüße, Anhang: Codex. Leipzig 1937 - Der Deckel (m. d. noch im Einband befindlichen Lagen) sowie einige lose Blätter 1958 (?) in Echternach auf der 1300-Jahr-Ausstellung des hl. Willibrord.
Pinder, Wilhelm: Die Kunst der deutschen Kaiserzeit bis zum Ende der staufischen Klassik. Leipzig 1935, S. 146, 147. Link zur Bibliothek
Boeckler, Albert: Das goldene Evangelienbuch Heinrichs III. Berlin 1933, S. 68. Link zur Bibliothek
Nordenfalk, Carl: Neue Dokumente zur Datierung des Echternacher Evangeliars in Gotha. In: Zeitschrift für Kunstgeschichte 1 (1932), S. 153--157. Link zur Bibliothek
Goldschmidt, Adolf: Die Elfenbeinskulpturen aus der Zeit der karolingischen und sächsischen Kaiser, VIII.--XI. Jahrhundert, Bd. 2, Berlin 1918, S. 22, Nr. 23.
Creutz: in Zeitschrift für Christliche Kunst XXI, 1908.
Kraus, Franz Xaver: Christliche Inschriften der Rheinlande von der Mitte des 8. bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts 2. Freiburg I. Br. 1894, Nr. 334.
Vöge, Wilhelm: Eine deutsche Malerschule um die Wende des 1. Jahrtausends. In: Westdeutsche Zeitschrift für Geschichte und Kunst, Erg. H. 7, 1891, S. 381, 382.
Älteres Schrifttum: R3 4683 d v. Falke: Deutsche Schmelzarbeiten d. M.A.`s Frankfurt/Main 1890 S. 5, Taf. 4.
RDK V, Sp. 15 (Abb.) u. Sp. 21 ff ( `Email` von Erich Steingräber). Link zur Bibliothek
Zur Ikonographie der Buchmalerei s. RDK Sp. 742--59. Link zur Bibliothek
Ältere Literatur bei W. Vöge (1891) und A. Goldschmidt (1918) Link zur Bibliothek

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