Botschafter des Glaubens
Bartholomäus ist einer der zwölf Jünger, die Jesus zu Aposteln ernannte und sie mit der Verbreitung der christlichen Glaubensbotschaft beauftragte. Die Tonfigur gehört zu einer Serie von zwölf sitzenden Aposteln, von denen sich heute sechs in der Sammlung des GNM befinden. Ursprünglich hielt Bartholomäus ein MesserMehr

Botschafter des Glaubens
Bartholomäus ist einer der zwölf Jünger, die Jesus zu Aposteln ernannte und sie mit der Verbreitung der christlichen Glaubensbotschaft beauftragte. Die Tonfigur gehört zu einer Serie von zwölf sitzenden Aposteln, von denen sich heute sechs in der Sammlung des GNM befinden. Ursprünglich hielt Bartholomäus ein Messer in seiner rechten Hand, ein Verweis auf sein Martyrium. Auch die anderen Apostel waren anhand solcher für sie jeweils typischen Attribute zu erkennen. Doch obwohl die meisten dieser Erkennungszeichen verloren gegangen sind, charakterisieren Körperhaltung und Gesichtszüge sie als unterschiedliche Persönlichkeiten.

Die Kunst der Modellierung
Bemerkenswert ist der üppige Faltenwurf seines Gewands. Der namentlich nicht bekannte Künstler wandte dabei eine besondere Technik an: Die gleichmäßige Wandstärke lässt erkennen, dass er mit ausgewalzten Tonplatten arbeitete, die er zu einer Hohlfigur zusammenfügte. Offenbar stabilisierte er sie mit einer Hand von innen, während er die äußere Form mit einem Modellierholz herausarbeitete.
Ursprünglich waren die Apostel farbig gestaltet. Drei weitere Figuren der Zwölfergruppe, die heute noch in der Nürnberger Jakobskirche erhalten sind, geben einen Eindruck von dieser Bemalung. Bei den Aposteln im GNM wurde die Farbfassung dagegen Ende des 19. Jahrhunderts abgelaugt. Dadurch lassen sich bestimmte Details des komplizierten Herstellungs­verfahrens besser erkennen. So deuten die kleinen Löcher an den Seiten der Köpfe auf eine Stütze hin, mit der diese beim Trocknen und Brennen stabilisiert wurden.

Von allen Seiten schön
Die zwölf Tonfiguren, die um 1420 in Nürnberg geschaffen wurden, sind sowohl technisch als auch künstlerisch von herausragender Qualität. Wahrscheinlich waren sie für einen Johannesaltar in der Lorenzkirche bestimmt, der an der Schwelle zum Chorraum stand. Die Apostelfiguren sind auf allen Seiten mit höchster Sorgfalt ausgearbeitet. Vermutlich ließ sich die Rückwand dieses Altaraufsatzes aufklappen, so dass zumindest zeitweise auch die Rückseiten der Tonapostel sichtbar waren.
 

Weniger
Titel
Apostel Bartholomäus
Allgemeine Bezeichnung
Figur aus Ton (Pl.O.230-235; Apostel)
Inventarnummer
Pl.O.232
Sammlung
Skulptur bis 1800
Herstellungsort
Nürnberg, ID: 7004334; Nürnberg
Herstellungsdatum
um 1420
Hersteller
Meister der Nürnberger Tonapostel
Maße
H. 65 cm; Sockel, B. 45 cm; Sockel, T. 27 cm.
Material und Technik
roter Ton, im Brand stellenweise schwärzlich verfärbt - hohl, unten offen; Rückseite sorgfältig bearbeitet; ursprünglich farbig gefasst
Beschreibung
Kopf nach links gewandt, das rechte Bein über das linke geschlagen. Die erhobene Rechte trägt das Messer, die im Schoß ruhende Linke ein geschlossenes Buch. Die Figur des auf einer reichverzierten Thronbank sitzenden Jüngers Christi gehört zu einer Apostelfolge aus einer Nürnberger Kirche, von der das Museum sechs Stück besitzt. Die differenzierte Formung des üppigen Bartes und der gelockten Haare, des in weiche, voluminöse Faltenzüge drapierten Gewandes sowie die zartgliedrige Ausführung von Antlitz und Händen erklären sie zu Hauptwerken der Nürnberger Tonplastik und zu herausragenden plastischen Arbeiten des sogenannten Schönen Stiles. Das der kraftvollen Gestalt von ihrem Meister verliehene hohe Pathos reflektiert zudem dessen Kenntnis französischer Monumentalskulptur seiner Zeit.
Vitrinentext
Die Figuren vertreten das höchste künstlerische und technische Niveau der Nürnberger Tonplastik des Weichen Stils. Ihr Schöpfer orientierte sich an Traditionen der brabantischen Plastik. Prägnant sind faltenreiche Gewänder, elegante Haltungen, stilisierte Frisuren und feines Maßwerk an den Rückseiten der Throne.

These figures represent the artistic and technical high point of terracotta sculpture of the Soft Style in Nuremberg. Their maker was influenced by the sculptural traditions of Brabant. Notable features are richly pleated garments, elegant postures, stylized hairstyles and fine tracery on the backs of the thrones.

Literatur
Maximilian Benker: Ulm in Nürnberg. Simon Lainberger und die Bildschnitzer für Michael Wolgemut. Weimar 2004, S. 31. -- Gerhard Lutz: Repräsentataion und Affekt. Skulptur von 1250 bis 1430. In: Gotik. Geschichte der bildenden Kunst in Deutschland, Bd. 3. Hrsg. von Bruno Klein. München 2007, S. 396. Link zur Bibliothek
Wilm, H.:Tonplastik in Deutschland. Augsburg 1929, Abb. 33 ff.- Besprechung: C. Th. Müller Repertorium f. Kunstwissenschaft 1930, Bd. 51, S. 196 - GNM. Führer durch die Sammlungen. München 1977, S. 49 - Treasures of Human Art & History. Nürnberg 2002, S.44 - Kammel, Frank Matthias: Die Apostel aus Sankt Jakob. Nürnberger Tonplastik des weichen Stils, Nürnberg 2002, Kat. 19-24 und S. 40, 44, Abb. 27, 28, 54, 59, 71 - Oellermann, Eike: Die Tonapostel der St. Jakobskirche in Nürnberg. In : s.o., S. 52-67
(aus Stafski) Weitere vor 1910 s. Josephi (1910) - H. Bosch (1890), Kat. Nr. 25-30 - W. Josephi (1910), Kat. Nr. 91-96 - F. Lübbecke (1910), S. 116/17 - Hans Martin Sauermann: Die gotische Bildnerei und Tafelmalerei in der Dorfkirche zu Kalchreuth. Beiträge z. fränk. Kunstgesch. i. Erlangen o. J. (1911), S. 40 ff. - Max Loßnitzer: Veit Stoß, die Herkunft seiner Kunst, seine Werke und sein Leben. Leipzig 1912, S. 20 u. Anm. 94 - Walter Stengel: Neue Beiträge zur Lösung der Hirschvogel-Frage. In: Kunst u. Kunsthandwerk 16, 1913, S. 474 - E. Lüthgen (1917), S. 204 - Franz Woher: Meister Ulrich Wolffartzhauser, ein Augsburger Bildhauer aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts. In: Jb. des Ver. f. christl. Kunst in München 4, 1918 (1919), S. 11- H. Höhn (1922), S. VIII, 116 Nr. 38-41 - J. Bier (1922), S. 5, 14 Nr. 32/33 - H. Wilm (1922), S. 21, 37 Nr. 42, 43 - W. Pinder (1924), S. 18/19, 149/50 - Ders.: Die deutsche Plastik des 15. Jahrhunderts. München 1924, S. 12-14 - Walter Fries: Kirche und Kloster zu St. Katharina in Nürnberg. In: Mitt. des Ver. f. Gesch. d. Stadt Nürnberg 25, 1924, S. 108/109 - Ludwig Kaemmerer: Tonbrandplastik und Töpferkunst in Coburg. In: Sprechsaal 59, Coburg 1926, S. 555-57 - K. Martin (1927), S. 120 - H. Wilm (1929), S. 19, 44-49 - Bespr. in: Rep. f. Kunstwiss. 51, 1930, S. 196-200 (C. Theodor Müller) - Gustav Andre: Der Meister der "Schönen Madonna" in der Sebalduskirche zu Nürnberg. In: Z. f. bild. Kunst 64, 1930/31, S. 167-174 - Fritz Goldmann: Der Meister des Schlüsselfelderschen Christophorus. Diss. Halle-Wittenberg 1935 (Masch.Schr.), S. 28 -W. Pinder (1937), S. 156/57 - Marguerite Devigne: Claus Sluter. In: Thieme-Becker 31, 1937, S. 148 - H. Müller (1951), S. 131, 134 - A. Feulner-Th. Müller (1953), S. 252 - W. Paatz (1956), S. 18, 86 - Louis Réau: Iconographie de l'art chrétien 3. Iconographie des saints I. Paris 1958, S. 182 - G. P. Fehring-A. Reß (1961), S. 61 - Europäische Kunst um 1400. Ausstellung Wien 1962, Kat. Nr. 398 - Frank Matthias Kammel: Spätmittelalter. In: Germanisches Nationalmuseum. Führer durch die Sammlung. Nürnberg 2012, (S. 63-84), S. 72,73 mit Abb. 54. - Gisela Kohrmann: Vom Schönen Stil zu einem neuen Realismus. Unbekannte Skulptur in Franken 1400-1450. Ostfildern 2014, S. 22, Abb. 2
Frank Matthias Kammel: Nürnberg 1420. Der Deichsler-Altar und der Schöne Stil. In: Der Deichsler-Altar. Nürnberger Kunst um 1420. Hrsg. von Frank Matthias Kammel. Ausst.Kat. Germanisches Nationalmuseum. Nürnberg 2016, S. 6-48, hier S. 19-20, Kat.Nr. 14, S. 71.