Krieg als Spiel
Die Rüstungen erscheinen wehrhaft und funktional, waren für den Krieg jedoch völlig ungeeignet. Mit Eisenplatten von bis zu neun Millimetern sind sie viel zu schwer – in der Schlacht verwendete man wesentlich dünnere und leichtere Rüstungen. Zudem schränkte der fest verschraubte Helm die Sicht so ein, dass man einem Angriff von der Seite schutzlos ausgeliMehr

Krieg als Spiel
Die Rüstungen erscheinen wehrhaft und funktional, waren für den Krieg jedoch völlig ungeeignet. Mit Eisenplatten von bis zu neun Millimetern sind sie viel zu schwer – in der Schlacht verwendete man wesentlich dünnere und leichtere Rüstungen. Zudem schränkte der fest verschraubte Helm die Sicht so ein, dass man einem Angriff von der Seite schutzlos ausgeliefert wäre. Die Zweikämpfe, für die diese Rüstungen geschaffen wurden, fanden vor großem Publikum statt. Sie waren speziell für den Reiterkampf im Turnier bestimmt.
Turniere, die sich in Europa seit dem 12. Jahrhundert aus Wehrübungen der Ritter entwickelt hatten, wurden ab dem 13. Jahrhundert zu immer beliebteren Großevents. Gekämpft wurde nach festgelegten Regeln in unterschiedlichen Disziplinen. Ob zu Fuß oder zu Pferd, zu zweit oder als Gruppenkampf, für jede Form des Kampfes gab es die passende Spezialausrüstung.

Zweikampf im Sattel
Zu den beliebtesten Arten der Reiterspiele gehörte das Stechen, heute der Inbegriff des Ritterturniers. Hierbei preschten zwei Ritter zu Pferd mit der eingelegten Lanze aufeinander zu. Ziel war es, sie an Schild, Lanze oder Harnisch des Gegners zu brechen.
Da die Angriffe ausschließlich von vorne kamen, war nur die Körpervorderseite gepanzert. Auch der Helm war auf Lanzenangriffe von vorne optimiert und senkte das Verletzungsrisiko enorm. Zusätzlich waren die Lanzen vorne abgestumpft und mit einem sogenannten Kröning versehen.
Als Extremform des Stechens entwickelte sich fast zeitgleich das Rennen. Hier wurde mit scharfen Lanzen geritten und auch die Ausrüstung war leichter. Diese waghalsigen Zweikämpfe waren beim Publikum besonders beliebt.

Städtischer Rüstungsverleih
Nachdem die Nürnberger Patrizier von den Adelsturnieren im Umland ausgeschlossen worden waren, gründete die Stadt im 15. Jahrhundert ein eigenes Reiterspiel. Als „Gesellenstechen“ wurde es bis 1561 auf dem Hauptmarkt abgehalten. Anders als der Titel vermuten lässt, beteiligten sich vor allem Söhne der städtischen Oberschicht und nicht Handwerksgesellen an den Schaukämpfen. Um zu verhindern, dass sich jeder für teures Geld eine eigene Rüstung eigens für das Gesellenstechen zulegte, fand der Rat eine Lösung: Er ließ einen eigenen Bestand an Rüstungen anfertigen, die dann für das Turnier ausgeliehen werden konnten. Diese Grundausrüstung wurde dann mit einer individuellen Helmzier und einem Schild in den Farben der Familien ergänzt.
 

Weniger
Allgemeine Bezeichnung
Stechzeug
Inventarnummer
W1316
Sammlung
Wissenschftl. Instr.-Waffen-Pharmazie
Herstellungsort
Nürnberg
Herstellungsdatum
um 1500
Maße
H. 110 cm (Helmkamm bis Ende Bauchreif); B. 75 cm; T. 100 cm
Standort
Dauerausstellung Waffen, Jagd, Gartenkultur
Beschreibung
Stechzeug, bestehend aus Stechhelm und senkrechter Hinterschraube. Als Schutz der linken Achselhöhle dient eine runde Scheibe.
Literatur
Bayern. Kunst und Kultur. Ausst. Kat. Freistaat Bayern und Landeshauptstadt München, hg. von Michael Petzet, München 1972, Kat. Nr. 610. Link zur Bibliothek
Führer des Germanischen Nationalmuseums. Nürnberg 1977, Kat. Nr. 564. Link zur Bibliothek
Hans Sachs und die Meistersinger in ihrer Zeit. Ausst. Kat. Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, hg. von Johannes Willers, Nürnberg 1981, Kat. Nr. 82. Link zur Bibliothek
Walter J. Karcheski: The Nuremburg Stechzeuge Armours, in: The Journal of the Arms and Armour Society 14 (1993), Nr. 4, S. 181–217. Link zur Bibliothek
Fabian Brenker: Turniere und Lanzenspiele in Bildern aus dem Mittelalter und der frühen Neuzeit. Orte, Auftraggeber und soziale Funktionen, Petersberg 2021, S. 154.

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