Ähnlich, aber einzigartig
Wilhelm Lehmbruck schuf 1911 eine lebensgroße weibliche Aktplastik aus Gips, die er Die Kniende nannte. Begleitend fertigte er mehrere Büsten der Knienden, die sich durch Material und Oberflächendetails unterscheiden. Das Exemplar im GNM besteht aus gelblichem Ton. Obwohl die Bearbeitungsspuren der Figur EinzMehr

Ähnlich, aber einzigartig
Wilhelm Lehmbruck schuf 1911 eine lebensgroße weibliche Aktplastik aus Gips, die er Die Kniende nannte. Begleitend fertigte er mehrere Büsten der Knienden, die sich durch Material und Oberflächendetails unterscheiden. Das Exemplar im GNM besteht aus gelblichem Ton. Obwohl die Bearbeitungsspuren der Figur Einzigartigkeit verleihen, stellte Lehmbruck keine konkrete Person dar. Vielmehr zeigt die Büste eine universelle menschliche Geste. Die Frau hat ihre Augen geschlossen und den Kopf zu ihrer linken Schulter geneigt. Sie exponiert ihren langen, schlanken Hals. Diese Haltung könnte Nachdenklichkeit oder Demut darstellen. Lehmbruck lässt die Büste auf Höhe der Brust enden und ruft dazu auf, den Körper weiter zu imaginieren. Er deutet das Ganze an, ohne es zu zeigen.

Eine universelle Frau
Die vollfigurige Version hat ein Knie am Boden abgelegt und ein Bein aufgestellt. Ihre dünnen Körperglieder wirken elegant und unnatürlich. Daher warfen Kritiker Lehmbruck vor, er habe keinen Menschen, sondern eine Gliederpuppe geschaffen. Außerdem wurde die Kniende immer wieder als „gotisch“ bezeichnet. Doch während die gotische Bildhauerei überwiegend christliche Bildwerke schuf, vermied Lehmbruck jegliche Identifizierung der Frau. Ihr Kniefall wirkt dadurch universell. Vielleicht wartet sie auf eine Ehrung, vielleicht erweist sie jemandem eine Ehre, oder vielleicht interagiert sie gar nicht mit der Umwelt und hat ihre Aufmerksamkeit stattdessen ganz nach innen gerichtet.

Ruhm und Verachtung
Im Jahr 1909 zog Lehmbruck mit seiner Familie von Berlin nach Paris um, weil sich dort die internationale Avantgarde versammelte. Der Künstler hoffte, hier seinen großen Durchbruch zu schaffen. Als er 1911 Die Kniende und die dazugehörigen Büsten schuf, überraschte und irritierte er die Kunstwelt. Lehmbruck durfte 1912 bei der Sonderbundausstellung in Köln und 1913 bei der International Exhibition of Modern Art in New York ausstellen. Schon 1916 bezeichnete der Dichter Theodor Däubler Die Kniende als „Vorwort zum Expressionismus in der Skulptur“. Im Nationalsozialismus jedoch wurden die jüngeren Werke Lehmbrucks als „entartet“ angesehen – ein Urteil, das nach 1945 schnell wieder in Anerkennung für seine Pionierleistungen umschlug.

Weniger
Titel
Die Kniende / Geneigter Frauenkopf
Allgemeine Bezeichnung
Skulptur
Inventarnummer
Pl.O.3473
Sammlung
Kunst u. Kunsthandwerk 19.-21.Jh.
Herstellungsdatum
1911
Hersteller
Lehmbruck, Wilhelm (Bildhauer) AKL
Maße
H. 44 cm; B. 41 cm; T. 22 cm
Material und Technik
Ton, leicht gebrannt, dumpfer Klang
Vermerk am Objekt
Inschrift: W. LEHMBRUCK (Rückseitig unten rechts)

Vitrinentext
Lehmbruck studierte 1901 bis 1906 an der Düsseldorfer Kunstakademie und zählte danach zum Kreis der „Vereinigung Düsseldorfer Künstler“ sowie der „Société Nationale des Beaux-Arts in Paris“, an deren Jahresausstellungen im Grand Palais er ab 1907 teilnahm. 1910 zog er ganz an die Seine. Er lebte bis zum Ersten Weltkrieg in Paris, das ein Sammelpunkt fortschrittlicher künstlerischer Kräfte war.

An der Seine entstand 1911 die Figur „Kniende“. Der Dichter Theodor Däubler bezeichnete sie als das „Vorwort zum Expressionismus in der Skulptur“. Lehmbruck stellte sie im Pariser Herbstsalon 1911 aus und wurde mit ihr in Avantgardekreisen bald weltweit bekannt. 1912 zeigte er sie auf der berühmten Kölner „Sonderbundausstellung“. Sie war hier im Raum mit Arbeiten des als Vater des Expressionismus geltenden van Gogh zu sehen. Im folgenden Jahr konnte man sie in der New Yorker International Exhibition of Modern Art in Nachbarschaft von Werken Maillols und Brancusis bewundern.

Vom Modell der Knienden edierte Lehmbruck eine Büste, die er selbst als ein sehr „besonderes Werk“ einschätzte. Sie war mit der Ganzfigur bereits 1911 im Pariser Salon D’Automne unter dem Titel „Buste de jeune fille“ ausgestellt.

Bei dem Stück im Germanischen Nationalmuseum handelt es sich um eine der sechs zu Lebzeit des Künstlers entstandenen Terracotta-Ausformungen. Gegenüber postumen Ausformungen – die glatter und „auffallend perfekter“ wirken (Schubert) – zeichnen sie sich durch sensitive Lebendigkeit in der Oberflächenwirkung aus und haben durch unterschiedliche Farbtöne und Patinas eine jeweils individuelle Note.

Literatur
Schubert, Dietrich: Wilhelm Lehmbruck. Catalogue raisonné der Skulpturen 1898-1919. Worms 2001, S. 244 unter A. Alte Terracotten, Nr. 3, Abb. 251. Link zur Bibliothek