Absolute Präzision
Ein Torquetum wurde zur Vermessung der Welt und des Himmels genutzt. Es zeigt modellhaft die Lage von Horizont und Äquator und dient zur Bestimmung des Sonnenstands - und damit der Zeit. Man verwendete Torqueten auch zur Berechnung von Längen, Höhen und Breiten. Dadurch ließen sich Sternpositionen genau bestimmen, man koMehr

Absolute Präzision
Ein Torquetum wurde zur Vermessung der Welt und des Himmels genutzt. Es zeigt modellhaft die Lage von Horizont und Äquator und dient zur Bestimmung des Sonnenstands - und damit der Zeit. Man verwendete Torqueten auch zur Berechnung von Längen, Höhen und Breiten. Dadurch ließen sich Sternpositionen genau bestimmen, man konnte aber auch die Höhe von Bergen oder Bauwerken ermitteln. Daneben wurde es, wie die meisten astronomischen Geräte, für astrologische Berechnungen eingesetzt.
Seinen Namen verdankt das Torquetum seinen drehbaren Scheiben, Zeigern und Bogenstücken – „torquere“ ist das lateinische Wort für „drehen“. Für das reibungslose Zusammenspiel der dreidimensional angeordneten Bestandteile ist äußerste Präzision gefragt. Dies gilt sowohl für die Bearbeitung des Metalls als auch für die eingravierten Maßsysteme zum Ablesen der Werte.

Bilderkosmos
Entworfen hat dieses Torquetum der damals europaweit bekannte Mathematiker und Astronom Johannes Praetorius. Was vor allem ins Auge fällt, ist die kunstvolle Ausgestaltung des von vier kleinen Löwen getragenen Instruments. Das Messing wurde mit unterschiedlichen handwerklichen Techniken bearbeitet und vergoldet. Neben den feinen, rein funktionalen Skalen sind alle Flächen vollständig mit bildlichen Darstellungen bedeckt. Dazu gehören unter anderem Themen der Bibel und ein Jahreszeiten-Zyklus, aber auch Männer bei Vermessungsarbeiten mit unterschiedlichen Instrumenten. Als Vorlagen nutzte der namentlich nicht bekannte Graveur W.W. wissenschaftliche Bücher und Serien von Stichen.


Bürgerliche Kunstkammer
In Auftrag gegeben wurde das Torquetum vom Nürnberger Arzt Melchior Ayrer. Es könnte ihm in seiner medizinischen Praxis zur Ermittlung günstiger Zeitpunkte für bestimmte Heilbehandlungen und Eingriffe gedient haben. Vor allem war es ein sehr repräsentatives Objekt. Ayrer hatte es bei Praetorius zusammen mit anderen, ebenso kunstvoll gestalteten wissenschaftliche Instrumenten in Auftrag gegeben. Selbstbewusst ließ er sein Familienwappen neben der Signatur von Praetorius anbringen.
Mit seiner kostbaren Instrumentensammlung konnte sich der Arzt selbst mit adligen Machthabern messen: Die bei Praetorius in Auftrag gegebenen Stücke haben die Qualität vergleichbarer Instrumente in der Kunstkammer des Kurfürsten August von Sachsen. Einige Geräte von Praetorius besaß der Kurfürst sogar in fast identischer Ausführung.
 

Weniger
Allgemeine Bezeichnung
Torquetum
Inventarnummer
WI33
Sammlung
Wissenschftl. Instr.-Waffen-Pharmazie
Herstellungsdatum
1568
Hersteller
Praetorius, Johannes
Monogrammist W. W.
Maße
H. 23,5cm; Grundplatte 17x17cm
Material und Technik
Messing, graviert, punziert, vergoldet
Beschreibung
Teil einer Gruppe repräsentativer, wissenschaftlicher Instrumente aus dem Besitz der Familie Ayrer (WI2; WI3; WI4; WI12; WI33). Das Ensemble erwarb 1675 die Stadtbibliothek Nürnberg.
Literatur
Gustav von Bezold: Wissenschaftliche Instrumente im germanischen Nationalmuseum, in: Festschrift zum XVI. Geographentag, Nürnberg 1907, S. 34ff. Link zur Bibliothek
Aufgang der Neuzeit. Deutsche Kunst und Kultur von Dürers Tod bis zum Dreißigjährigen Krieg 1530-1650, Ausst. Kat. Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, hg. von Ludwig Grote, bearb. von Leonie von Wilckens, Bielefeld 1952, S. 87, Abb. S. 72 sowie Buchdeckel. Link zur Bibliothek
Ernst Zinner: Deutsche und niederländische Instrumente des 11. bis 18. Jahrhunderts, München 1956, S. 472, Taf. 11, Abb. 2. Link zur Bibliothek
Documenta astronomica. Eine Ausstellung historischer Instrumente und Dokumente zur Entwicklung der astronomischen Messkunst, Ausst. Kat. Museum für Völkerkunde und Vorgeschichte Hamburg, hg. von Bernhard Sticker und Paul Adolf Kirchvogel, Wiesbaden 1964, S. 40, Taf. 2. Link zur Bibliothek
500 Jahre Regiomontan – 500 Jahre Astronomie, Ausst. Kat. Stadt Nürnberg und Kuratorium „Der Mensch und der Weltraum e.V.“, in Zusammenarbeit mit dem Germanischen Nationalmuseum Nürnberg, hg. von Henning Lothar, Nürnberg 1976, S. 88. Link zur Bibliothek
Winkelmessinstrumente. Vom 16. bis zum frühen 19. Jahrhundert, Ausst. Kat. Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum, bearb. von Franz Adrian Dreier, Berlin 1979, 29-30. Link zur Bibliothek
Wenzel Jamnitzer und die Nürnberger Goldschmiedekunst 1500-1700, Ausst. Kat. Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, hg. von Gerhard Bott, München 1985, S. 486-487, 764. Link zur Bibliothek
Mensch und Kosmos, Ausst. Kat. Oberösterreichische Landesmuseen, Schlossmuseum Linz, hg. von Wilfried Seipel, Linz 1990, Bd. 2, Kat. Nr. 59. Link zur Bibliothek
Focus Behaim-Globus. Ausst. Kat. Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, hg. von Gerhard Bott, bearb. von Johannes Willers u.a., Nürnberg 1992, Kat. Nr. 1.128 [Johannes Willers]. Link zur Bibliothek
Christine Sauer: Die Memorabilien in der Stadtbibliothek Nürnberg, in: Dies. (Hg.): Wunderkammer im Wissensraum. Die Memorabilien der Stadtbibliothek Nürnberg im Kontext städtischer Sammlungskulturen, Wiesbaden 2021, S. 55-64, Abb. 2.32. Link zur Bibliothek
Torquetum
Torquetum