Nur scheinbar alltäglich
Eine solche Darstellung von Maria und Elisabeth mit ihren Kindern bei der häuslichen Arbeit ist ein sehr ungewöhnliches Thema in der Kunst. Die Gottesmutter mit dem aufgeklappten Buch auf dem Schoß hält eine Spindel in der Hand. Elisabeth wickelt das goldene Garn auf eine Haspel. Zu ihren Füßen sitzen ihre Kinder. Mehr

Nur scheinbar alltäglich
Eine solche Darstellung von Maria und Elisabeth mit ihren Kindern bei der häuslichen Arbeit ist ein sehr ungewöhnliches Thema in der Kunst. Die Gottesmutter mit dem aufgeklappten Buch auf dem Schoß hält eine Spindel in der Hand. Elisabeth wickelt das goldene Garn auf eine Haspel. Zu ihren Füßen sitzen ihre Kinder. Jesus hält in der ausgestreckten Hand einen Löffel mit Brei. Beide umfassen den Stiel einer Pfanne, Johannes der Täufer wendet sich mit einem Schriftband an seine Mutter Elisabeth: „Sichin mu(o)ter ihesus tu(o)t mir“ (Sieh hin, Mutter, was Jesus mir tut). Hinter dieser Szene versteckt sich eine theologische Aussage: So, wie Jesus Johannes von dem Brei gibt, versorgt er auch die Menschheit mit Seelennahrung. Das vordergründig alltägliche Geschehen hat also eine tiefere religiöse Bedeutung und betont zugleich die menschliche Natur des Gottessohnes.

Ein Altar zu Ehren der Jungfrau
Die Tafel gehörte zu einem Flügel des monumentalen Marienretabels vom Hochaltar der Nürnberger Frauenkirche. In geöffnetem Zustand waren neben der Darstellung von Maria und Elisabeth drei weitere Szenen aus dem Marienleben vor feierlichem Goldgrund zu sehen. Die Rückseite der Tafel, die die Gefangennahme Christi zeigt, war zusammen mit anderen Darstellungen des Leidenswegs Christi bei geschlossenen Altarflügeln sichtbar.

Anspielungen auf den Reliquienschatz
Die Marienszenen stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Reliquienschatz der Frauenkirche. Zu ihm gehörten hochkarätige Marienreliquien, wie der goldene Gürtel der Jungfrau, den Kaiser Karl IV. der Kirche geschenkt hatte. Unter den Reliquien befanden sich auch Überreste des Garns, das Maria der Legende nach für den Vorhang des Tempels in Jerusalem gesponnen haben soll. Im Bild ist beides im realen Leben Mariens verortet.
Bei kunsttechnologischen Untersuchungen fanden sich unter der Goldschicht hinter Maria und Elisabeth Spuren eines dunkelblauen Vorhangs. Dieser spielte auf eine weitere Marienreliquie der Frauenkirche an, „ein stucklein eins portleins“, wie es in einer Beschreibung von 1442 heißt. Gemeint ist die Borte des Tempelvorhangs, die Maria selber gewirkt haben soll. Wenn an Festtagen der Altar geöffnet und der Reliquienschatz in der Kirche ausgestellt war, dann machte die Wechselbeziehung von Bildern und Reliquien das Heilsgeschehen unmittelbar anschaulich.
 

Weniger
Titel
Maria und Elisabeth, Gefangennahme Christi (Außenseite) aus der Frauenkirche, Nürnberg
Allgemeine Bezeichnung
Gemälde, Altarbild
Inventarnummer
Gm1087
Proviso
Kunstsammlungen der Stadt Nürnberg
Sammlung
Gemälde bis 1800
Herstellungsort
Nürnberg
Herstellungsdatum
um 1400/1410
Hersteller
Meister des Nürnberger Marienaltars
Maße
94,4 × 138,9–139,5 × ca. 1,5 cm
Klassifikation
Altarbild
altarpieces
altar-piece
Material und Technik
Malerei und Metallauflagen auf Fichtenholz oder Lärchenholz
Standort
Dauerausstellung Spätmittelalter
Kommt in Guide vor
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Beschreibung
Zusammengehörig mit Gm 113 (Grabtragung der Maria), Gm 113a (Geißelung Christi), Gm 114 (Bethlehemitischer Kindermord), Gm 2321_1 (Kopf der Maria), Gm 2321_2 (Kopf des Verkündigungsengels): Sechs Flügelfragmente des Hochaltarretabels der Frauenkirche, Nürnberg. Die Flügel zeigen auf den Außenseiten Szenen aus der Passion Christi, auf den Innenseiten vor feierlichem Goldgrund Ereignisse aus dem Leben Mariens. Die Grundlagen seines Stils verdankt der Meister böhmischer Malerei, deren Einfluss auf Nürnberg seit der zweiten Hälfte des Jahrhunderts wirksam wurde. Von dort leitet sich die plastische Rundung der Formen sowie das weiche Spiel von Licht und Schatten her. Ähnliche Darstellungen der häuslichen Arbeit erscheinen auch in der zeitgenössischen, aus Nürnberg herzuleitenden Glasmalerei im Ulmer Münster. Der Streit um die Breipfanne und der Hilferuf des Johannes: "sich in muter ihesus tut mier", sind einzigartige Zeugnisse für die augenzwinkernde Verarbeitung von Motiven des Alltags. Die ungewöhnlichen Marienszenen der Festtagseite sind durch die spezifischen Festgewohnheiten und den Reliquienschatz der Frauenkirche bestimmt. Laut Beschreibung von 1442 besaß die Kirche ein Haupt der Kinder des Bethlehemischen Kindermordes sowie den goldenen Gürtel Mariens (vgl. Szene mit Maria und Elisabeth), den Kaiser Karl IV. der Kirche geschenkt hatte. Unter den Marienreliquien befanden sich ausserdem Überreste von Mariens "gespünn" sowie "ein stucklein eins portleins", das Maria selber gewirkt habe. Die Passionsszenen auf den Außenseiten der Flügel des großen Marienaltars erscheinen vor blauem Grund. Die sich folgenden Ereignisse um die Gefangennahme Christi sind als gleichzeitig ablaufend auf einen einzigen Augenblick konzentriert: Judaskuss, kurze Gegenwehr des Petrus, Heilung des Ohres des Malchus, Flucht der Jünger und Wegführung des Gefangenen mit einem Strick um den Hals. Die Nachtszene wird wie üblich durch eine brennende Fackel angedeutet. Im Gegensatz zu den eleganten, weichen Figuren der goldgrundigen Innenseite dominieren in den Passionsszenen der Außenseiten gedrungene Gestalten mit schweren, breiten Köpfen.
Vermerk am Objekt
Inschrift: Sichin mu(e)ter ihesus tu(e)t mier [Sieh hin, Mutter, Jesus tut mir] (Maria und Elisabeth: auf dem Schriftband des Johannesknaben)

Vitrinentext
Maria und Elisabeth: Die Tafeln sind Teile eines monumentalen Flügelaltars. Die Feiertagsseite zeigte Marienszenen. Maria und Elisabeth sitzen bei häuslicher Arbeit. Motivische Anklänge bietet ein Fenster im Ulmer Münster, geschaffen um 1395/1400 von Nürnberger Glasmalern. Einzigartig und rätselhaft ist der Streit von Christus und Johannes um die Breipfanne. Szene und zugehörige Inschrift verweisen wohl auf die Menschwerdung und Taufe Christi. Gefangennahme Christi: Die Szene schildert Episoden der Gefangennahme. Im Zentrum stehen Judaskuss und Heilung des Malchus. Ihm hatte Petrus das Ohr abgetrennt. Links hinten flieht ein Jünger, von dem die Soldaten nur den Mantel ergreifen. Wie in damaligen Passionsspielen wird die Szene dramatisch inszeniert. Der auf Christus einschlagende Soldat blickt direkt zum Betrachter und bezieht ihn als Zeugen in das Geschehen ein.

Mary and Elizabeth: The panels come from a monumental winged altar. The feast-day side shows scenes from the Life of the Virgin. Mary and Elisabeth are doing domestic work. Similar motifs can be seen in a window of Ulm Minster created by Nuremberg glass-painters about 1395/1400. Unique and puzzling is the struggle between the Infants Christ and John for the small pan. The scene and the related inscription probably refer to the Incarnation and Baptism of Christ. The Capture of Christ: The scene links individual episodes of the Capture of Christ within a crowded composition. The focal point is the Kiss of Judas and the Healing of Malchus. Peter had cut off his ear. At the back left a disciple flees, with the soldiers clutching only his cloak. As in Passion Plays of that time the night scene is highly dramatized. The soldier striking Christ looks directly at the viewer, who is drawn into the events quasi as a witness.

Literatur
Siehe Gm 113
Daniel Hess, Dagmar Hirschfelder, Katja von Baum (Hrsg.): Die Gemälde des Spätmittelalters im Germanischen Nationalmuseum, Band I: Franken, 2 Teilbände. Regensburg 2019, Kat.-Nr. 5.

Sie finden das Objekt in der Dauerausstellung mit der Nummer 11: Dauerausstellung Spätmittelalter

Maria und Elisabeth - Vertiefungstext
Mary and Elisabeth, 2nd Level
Maria und Elisabeth
Mary and Elisabeth
Maria und Elisabeth mit ihren Kindern
Mary and Elisabeth with their Children