Nachziehen und Reiten
Das ungefähr 300 Jahre alte Räderpferd ist 76cm hoch und damit groß genug, dass ein Kind darauf platznehmen konnte. Die Bodenplatte hat mehrere Löcher, von denen das vorderste zum Festbinden einer Schnur diente. Das Pferd ist damit gleichzeitig ein Reit- und ein Nachziehspielzeug. Seine Proportionen unterscheiden sich Mehr

Nachziehen und Reiten
Das ungefähr 300 Jahre alte Räderpferd ist 76cm hoch und damit groß genug, dass ein Kind darauf platznehmen konnte. Die Bodenplatte hat mehrere Löcher, von denen das vorderste zum Festbinden einer Schnur diente. Das Pferd ist damit gleichzeitig ein Reit- und ein Nachziehspielzeug. Seine Proportionen unterscheiden sich stark von der Natur – die stämmigen Beine stehen in Kontrast zum zierlichen Kopf. Das Zaumzeug und die Mähne sind mit eingeritztem Dekor verziert: Neben Zacken und Fischgräten findet man links und rechts auch je eine Wirbelrosette.


Identität trifft Ideologie
Das GNM kaufte das Pferd 1903 von einem Antiquitätenhändler in Davos (Schweiz). Seinen ersten Standort im Museum hatte es in der „Klettgauer Bauernstube“, die die Kultur der deutsch-schweizerischen Grenzlandschaft wiedergeben sollte. Doch später wurde das Spielzeug aus diesem Kontext entfernt und als niederdeutsch bezeichnet. Es war eine willkommene Projektionsfläche für Deutschnationalisten, die darin ein Stück „ihrer“ Geschichte und Identität sahen. Die Verzierungen auf der Mähne bezeichneten sie ab den 1920er Jahren als Lebensrute und Sonnenwirbel, zwei Symbole, die auf germanischen Runen basieren sollen. Dieser Deutung folgte auch die Volkskunde in Zeiten des Nationalsozialismus.

Naturwissenschaftlich betrachtet
Erst das zufällige Entdecken eines ähnlichen Räderpferds aus dem Engadiner Museum in St. Moritz führte die Forschung auf eine entscheidende Spur. Das dortige Exemplar stammt, ebenso wie ein weiteres in Privatbesitz, aus dem Kanton Graubünden. 2014/15 führte das GNM eine dendrochronologische Untersuchung an seinem Pferd durch. Die Datierung der Holzprobe ergab, dass der jüngste Jahrring von 1696 stammt. Das Fichtenholz wuchs höchstwahrscheinlich in den Nordalpen (Schweiz). Die Zuschreibung als Graubündener Spielzeug aus der Zeit um 1700 war damit erstmalig gesichert. So konnte eine naturwissenschaftliche Methode dabei helfen, ideologisch geleitete Falschannahmen der Vergangenheit auszuräumen.

Weniger
Titel
Räderpferd
Allgemeine Bezeichnung
(Spielzeug-)Pferd
Inventarnummer
BA941
Sammlung
Volkskunde-Spielzeug-Judaica
Herstellungsort
Graubünden
Herstellungsdatum
um 1700
Maße
H. ca. 76 cm, L. ca. 68 cm,
Gewicht: 18 kg
Material und Technik
Fichtenholz, farbig gefasst
Standort
Dauerausstellung Volkskunde
Beschreibung
Holzpferd auf Rädern (Räderpferd), mit dem Sattel und Zaumzeug aus einem Stück Fichtenholz plump geschnitzt, zum Reiten für Kinder. Auf einem, an den vier Ecken abgeschrägtem Brett fahrbar mit Hilfe von 4 kleinen Scheibenrädern. Reste rot-schwarzer Bemalung. (Übernahme aus altem Inv.)
Literatur
Claudia Selheim: Das Zeigen „alltäglicher“ Dinge. In: Abenteuer Forschung. Ausstellungskatalog, Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg. Hrsg. von G. Ulrich Großmann. Nürnberg 2019, S. 116–125, bes. S. 122-124.
Karl Gröber: Kinderspielzeug aus alter Zeit. Eine Geschichte des Spielzeugs. Berlin 1927, Abb. 30. Link zur Bibliothek

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