Höchste Präzision
Brillen wurden im späten 13. Jahrhundert in Norditalien erfunden und verbreiteten sich im 14. und 15. Jahrhundert in ganz Europa. Die Brillenmacher mussten ihr Handwerk mit größter Präzision beherrschen und dies bei der Meisterprüfung auch beweisen. Der Nürnberger Lienhardt Fraischlich legte dieses Meisterstück am 5. Juni 1613 vor. Wie alle seine KollegMehr

Höchste Präzision
Brillen wurden im späten 13. Jahrhundert in Norditalien erfunden und verbreiteten sich im 14. und 15. Jahrhundert in ganz Europa. Die Brillenmacher mussten ihr Handwerk mit größter Präzision beherrschen und dies bei der Meisterprüfung auch beweisen. Der Nürnberger Lienhardt Fraischlich legte dieses Meisterstück am 5. Juni 1613 vor. Wie alle seine Kollegen musste er innerhalb einer Woche ohne Hilfe zwei baugleiche, komplex dekorierte Bügelbrillen aus Horn anfertigen – eine grüne für die Nahsicht und eine rote für die Fernsicht. Fraischlichs Meisterstück besticht durch seine handwerkliche Perfektion. Die Brillenfassungen weisen eine Sägeschnittstärke von nur 0,3 mm auf, zusätzlich sind sämtliche Kanten fein nachgeschliffen. Es sind die dünnsten der 17 Meisterbrillen im GNM.

Materialkenntnis & Fingerfertigkeit
Die Gestelle bestehen aus Horn, die kreisrunden Gläser aus mit Mangan entfärbtem Kali-Kalk-Glas. Erst nachdem das Horn ausgesägt war, färbte Fraischlich es rot. Dies geht aus kleinsten Farbablagerungen hervor. Fraischlich setzte die Gläser ein, indem er das Gestell durch Erwärmung dehnbar machte. Das Schleifen der Linsen war offenbar kein Bestandteil der Prüfung. Auf den zugehörigen, mit Buntpapier ausgekleideten Holzfutteralen vermerkte man handschriftlich den Namen des neuen Meisters, das Datum sowie die Namen der geschworenen Handwerksvorsteher. „Ao. 1613 den 5 Juny / Ist Lienhardt Fraischlich meister worden / Geschworne waren / Hanns Übel, / Georg Schienbein, / Georg Ammon d Elter.“

Die Tradition der Meisterprüfung
Die aufwendigen Meisterstücke waren nicht alltagstauglich und nicht für den Verkauf gedacht, sondern sie wurden in der Handwerkslade der Brillenmacher aufbewahrt. Sie dienten als Befähigungsbelege, Erinnerungs- und Vergleichsstücke. Ihr Materialwert war nicht sehr hoch, jedoch mussten die Gesellen verschiedene andere Kosten stemmen: Sie hatten eine Arbeitswoche lang Verdienstausfall, mussten die Werkzeuge und den Arbeitsplatz in der Werkstatt eines Geschworenen mieten, sowie die Geschworenen nach der Prüfung verköstigen. Bis ungefähr 1720 wurden die Meisterstücke nach dem gewohnten Muster angefertigt. Danach verzichteten die Nürnberger Brillenmacher darauf, da das Drahtgestell die Hornbrille abgelöst hatte.

Weniger
Allgemeine Bezeichnung
Meisterstück der Nürnberger Brillenmacher
Inventarnummer
Z45
Sammlung
Kunsthandwerk II (1500-1800)
Herstellungsort
Nürnberg
Herstellungsdatum
dat. 1613
Hersteller
Lienhardt Fraischlich
Maße
L Futteral: 11,0 cm; B Futteral: 5,7 cm; H Futteral: 1,5 cm; L Brille: 10,0 cm; H Brille: 4,2 cm
Material und Technik
Holz, Horn, Glas, Messing, Papier, gesägt, geschliffen, geschnitten, mechanisch geformt, geklebt
Beschreibung
Das Meisterstück der Nürnberger Brillenmacher besteht normativ aus zwei Bügelbrillen für einen Fernsichtigen, davon eine zur Nah-, die andere zur Fernsicht sowie einem dazugehörigen speziellen Futteral. Davon sind das Futteral und eine Brille noch vorhanden. Das länglich-oktogonale, flache Hartholzfutteral besteht aus drei Teilen. An das Mittelteil mit bügelbrillenförmigen Vertiefungen auf Ober- und Unterseite sind mittels einfacher Messingdrahtscharniere zwei Deckel, einer für die Ober-, der andere für die Unterseite, befestigt. Aus Messingdraht sind auch die beiden Haken und Ösen der jeweiligen Zuhaltungen. Auf der Oberseite des Futterals ist die handschriftliche Beschriftung -Ao. 1613 den 5 Juny / Ist Lienhardt Fraischlich meister worden / Geschworne waren / Hanns Übel, / Georg Schienbein, / Georg Ammon d Elter.- erkennbar. Die Innenflächen des Futterals sind flächig mit Buntpapier beklebt. Die noch vorhandene Brille besteht aus einem Gestell aus eingefärbtem Horn sowie zwei kreisrunden Gläsern. Das Gestell ist reich durchbrochen und weist volutenartige, kleeblattförmige, herzförmige sowie vierpassförmige Aussägungen auf. Das vorliegende Meisterstück gehörte zu einer Gruppe von ursprünglich 20 Stücken, von denen heute noch 11 vorhanden sind. Die vorhandenen Meisterstücke sind Z42, Z43/1, Z43/2, Z44, Z45, Z47, Z50, Z51, Z53, Z56 sowie Z63. Sie datieren von 1608 bis 1704.
Literatur
Mende, Ursula: Zunftaltertümer der Nürnberger Brillenmacher im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg, in: Tagungsband Nordbayerische Fachtagung der Augenoptiker, Nürnberg 15./16.April 1967, S. 94-110; Schneider-Hillen, Gusti: Nürnberger Brillenmacher; Ausstellungsfaltblatt (13), Ausstellung des Stadtarchivs Nürnberg, 1974; Pflugk, Albert von: Die Ordnungen der Nürnberger Brillenmacher, in: Forschungen zur Geschichte der Optik (4), S. 203-222; Zeiss Notizen (13 1943, S. 3-4; Greeff, R.: Brillenmacherordnungen. Meisterstücke, in: Katalog einer Bilderausstellung zur Geschichte der Brille, Amsterdamm 1929, S. 72.
Schindler, Thomas / Dix. Annika / Saffarian, Cornelia: Wie die Brille, so das Ding. Perspektiven auf die Meisterstücke der Nürnberger Brillenmacher. In. Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums 2011 (S. 125-147)
Was ist deutsch? Fragen zum Selbstverständnis einer grübelnden Nation. Begleitband zur Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum, Nürnberg, 2. Juni bis 3. Oktober 2006. Nürnberg 2006, S. 247