Abhilfe für steife Beine
Was auf den ersten Blick wie eine Beinrüstung erscheint, ist tatsächlich ein medizinisches Hilfsmittel aus dem 16. Jahrhundert. Seine Bauweise und sein Aussehen leiten sich vom Harnisch, besser bekannt als Ritterrüstung, ab. Ein entscheidender Unterschied ist jedoch die offene Rückseite. Reste von Lederriemen lassen erkennen, dMehr

Abhilfe für steife Beine
Was auf den ersten Blick wie eine Beinrüstung erscheint, ist tatsächlich ein medizinisches Hilfsmittel aus dem 16. Jahrhundert. Seine Bauweise und sein Aussehen leiten sich vom Harnisch, besser bekannt als Ritterrüstung, ab. Ein entscheidender Unterschied ist jedoch die offene Rückseite. Reste von Lederriemen lassen erkennen, dass man das Bein auf der Hinterseite festzurren konnte. Wahrscheinlich schützte ein ledernes Futter vor Reibung. Das Harnischinstrument erzielte seine therapeutische Wirkung durch die beiden seitlich befestigten Schrauben. Drehte man sie, so bewegten sich Ober- und Unterteil näher aufeinander zu – das Knie wurde gebeugt. Dadurch konnte man ein versteiftes Bein über viele Tage hinweg wieder beweglich machen. Zur Vorbereitung wurde eine Behandlung mit Wärme und Pflanzenextrakten empfohlen. Die zusätzlichen Schrauben auf der Kniekachel dienten dazu, die Kniescheibe zu stabilisieren. Das langsame Strecken versteifter Glieder findet bis heute medizinische Anwendung und ist als Quengeln bekannt, die Hilfsmittel dafür heißen Quengelschienen oder -orthesen.

Handwerkliche Arbeitsteilung
Das Harnischinstrument wurde mit Sicherheit als therapeutisches Gerät hergestellt und nicht aus dem Beinzeug einer Rüstung umgearbeitet. Dafür sprechen beispielsweise die spezifische Länge, sowie die symmetrische Bauart, die eine Verwendung an beiden Beinen erlaubte. Zwar ist nicht bekannt, wer das Harnischinstrument herstellte, jedoch kann man annehmen, dass es ein Plattner war, der auch Rüstungen anfertigte. Plattner beherrschten das spannungsfreie Treiben sowie gegebenenfalls Härten von Blechen. Die Orthese ist reich mit detaillierten Ätzungen verziert und stellenweise vergoldet. Ätzmalerei war damals ein eigener Berufszweig.

Sächsische Herkunft?
Am Oberschenkel fallen zwei vergoldete Wappen auf, die von Putti gehalten und von Medaillons umrahmt werden. Es sind die Wappen von Sachsen und Dänemark. Im Jahr 1548 heirateten August von Sachsen (1526-1586) und Anna (1532-1585), Tochter von Christian III., dem König von Dänemark und Norwegen. Später, im Jahr 1553, wurde August Kurfürst von Sachsen und übernahm das kursächsische Wappen. Daher kann man das Harnischinstrument auf den Zeitraum zwischen 1553 und 1585/86 datieren. Die Kunstkammer, die August seit Mitte der 1550er Jahre aufbaute, enthielt auch repräsentative wissenschaftliche Instrumente. Laut eines Inventars von 1587 waren darunter auch mehrere Harnischinstrumente, jedoch ist nicht gesichert, dass das vorliegende Exemplar dazuzählte.

Weniger
Titel
Harnischinstrument
Allgemeine Bezeichnung
Orthese
Inventarnummer
WI1244
Sammlung
Wissenschftl. Instr.-Waffen-Pharmazie
Herstellungsdatum
1548-1585
Maße
L. 54 cm
Material und Technik
Eisen geäzt, geschwärzt, vergoldet
Beschreibung
Das Harnischinstrument besteht aus einer vorderen Beinschiene, die durch an den Seiten befindliche Doppelschrauben am Knie gebogen, aber auch in die Länge gestreckt werden kann. In der Kniekachel befindet sich eine auf das Knie drückende Platte, die ebenfalls durch eine Schraube gestellt werden kann. Reich geätzt und teilweise vergoldet, mit den großen Wappen von Sachsen und Dänemark in den Medaillons. Kurfürst August von Sachsen (1526-1586) heiratete am 7. Oktober 1548 die dänische Prinzessin Anna (1532-1585), Tochter des Königs Christian III. von Dänemark.
Literatur
Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums 1894, Heft 5.
Katalog zur Ausstellung der Geschichte der Medizin in Kunst und Kunsthandwerk. Zur Eröffnung des Kaiserin-Friedrich-Hauses, Berlin 1. März 1906, hg. von Eugen Holländer, Stuttgart 1906, Kat. Nr. IV.1, S. 137.
Ernst Königer: Aus der Geschichte der Heilkunst. Von Ärzten, Badern und Chirurgen, München 1958, Abb. 28. Link zur Bibliothek
Geerto Snyder: Instrumentum Medici. Der Arzt und sein Gerät im Spiegelbild der Zeiten, Ingelheim am Rhein 1972, S. 79-80, Abb. 51. Link zur Bibliothek