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Amors Abschied von Psyche (Gemälde)

Inventarnummer: Gm1118
Hersteller: Heintz, Joseph d. Ä. (1564-1609)
Datierung: kurz nach 1603
Ort: Prag
Material/Technik: Öl auf Leinwand
Maße: H. 177,5 cm; B. 111,4 cm
Sammlung: Malerei bis 1800 und Glasmalerei
Beschreibung:
Die Geschichte von Amor und Psyche erfreute sich am Prager Hof als Sinnbild einer vollendeten, in der Unsterblichkeit gipfelnden Liebe besonderer Beliebtheit. In seinem ambitionierten, großformatigen Gemälde wählte der Prager Hofmaler Joseph Heintz jedoch keine jener seit Raffael gerne dargestellten glücksvollen Episoden wie die Himmelfahrt oder Vermählung von Psyche, sondern den dramatisch aufgeladenen Moment des ersten Erkennens des wahren Geliebten und seines damit verbundenen schmerzvollen Verlusts. Der schönen Königstochter wurde die Neugierde zum Verhängnis, doch endlich ihrem nächtlichen Liebhaber in die Augen zu blicken, dessen Liebe sie sich nachts erfreute, ohne ihn sehen und erkennen zu dürfen. Sie entzündete eine Öllampe und erblickte Amor, den sie durch einen Tropfen heißes Öl jedoch weckte. Amor entfloh zur Strafe, und Psyche konnte erst nach vielen leidvollen Prüfungen wieder mit ihm zusammenkommen. Heintz zeigt den dramatischen Höhepunkt der nächtlichen Szene, als Amor im flackernd unruhigen Zwielicht der von Psyche entzündeten Öllampe entflieht. Psyche präsentiert sich dem Betrachter in kompliziert verdrehter Pose als Rückenakt auf ihrem nächtlichen Lager. Die Begegnung der beiden Liebenden wird durch das Spiel der beiden Eroten im Vordergrund und den beiden schnäbelnden Tauben zwischen ihren Beinen variiert. Einer der beiden Eroten blickt verschmitzt zum Betrachter und bezieht ihn in das Bildgeschehen ein. Dieses Spiel auf verschiedenen Ebenen verleiht dem Gemälde neben den anspruchsvollen Posen der nackten Körper, der ausgeklügelten Beleuchtung und dem artifiziellen Effekt des perlmuttfarbenen Schimmers von Psyches weißer Haut besondere Sinnlichkeit und Raffinesse. Darüber hinaus bot das komplex arrangierte Gemälde dem gelehrten Kenner einen weiteren Genuss, indem es auf damals bekannte Kunstwerke zurückgriff. So zitierte Joseph Heintz mit dem Rückenakt antike Vorbilder beziehungsweise Raffaels Ausmalung der Loggia di Psiche in der Villa Farnesina in Rom mit vergleichbar dynamisch verdrehten Rückenakten. Auch bei der Darstellung der beiden Eroten im Vordergrund handelt es sich um ein offenbar bewusstes, auf Wiedererkennung zielendes Zitat eines Vorbilds, nämlich Parmigianinos Bild des bogenschnitzenden Amor, das sich seit 1603 im Besitz Rudolfs II. befand. In der raffiniert dramatischen und sinnlichen Inszenierung eines der attraktivsten Stoffe der Antike ist das Gemälde von Joseph Heintz ein herausragendes Beispiel für die Malerei des Prager Manierismus.
Beschriftung:
Das Bild zeigt den Moment als Psyche versucht, den fliehenden Amor aufzuhalten. Dieser war unter der Bedingung, dass sie auf seinen Anblick verzichtet, jede Nacht bei ihr erschienen. Aus Neugier hatte sie jedoch eine Lampe entzündet. Die Szene ist mit raffinierten Licht- und Schatteneffekten gestaltet. Der Rückenakt ist perlmuttfarben-schimmernd stilisiert. Auch die komplizierten Körperhaltungen unterstreichen die gesuchte Künstlichkeit. Das Motiv wird von den Eroten und schnäbelnden Tauben im Vordergrund variiert.
Cupid's Farewell from Psyche. Oil on canvas. The picture shows the moment when Psyche attempts to prevent Cupid from fleeing. The latter had come to her bedside every night on condition that she did not look at him. Out of curiosity she lit a lamp. The scene is composed with subtle light and shadow effects. The stylized nude back shimmers like lustrous mother-of-pearl. The complicated poses also underscore the intentional artificiality. Variations on the love motif are seen in the small cupids and in the affectionate billing and cooing of the doves in the foreground.
Literatur:
Bushart, Bruno: Deutsche Malerei des Barock. Königstein i. T. 1967, Abb. S. 11. — Zimmer, Jürgen: Joseph Heintz der Ältere als Maler. Weißenhorn 1971, S. 54, S. 90--91, Kat. Nr. A 13 (vermutlich in Prag für Rudolf II. gemalt), Abb. 35. — Brachert, Thomas: Patina. Vom Nutzen und Nachteil der Restaurierung. München 1985, S. 100 mit Abb. 25. — Kaufmann, Thomas DaCosta: L'école de Prague. La peinture à la cour de Rodolphe II. Paris 1985, Nr. 7.44, S. 238. — Kaufmann, Thomas DaCosta: The school of Prague. Painting at the court of Rudolf II. Chicago-London 1988, Nr. 7.44, S. 196--197. — Regards sur Amour & Psyché à l'âge néo-classique. Ausst. Kat. Musée de Carouge/Kunsthaus Zürich. Bearb. von Peter Lang. Zürich 1994, Nr. 1, S. 24-29 — Tacke, Andreas: Die Gemälde des 17. Jahrhunderts im Germanischen Nationalmuseum. Bestandskatalog. Mainz 1995, S. 103--105, Nr. 46 mit Abb. und weiterer, älterer Literatur. — Rudolf II. and Prague. The court and the city. Ausst. Hradschin Prag. Hrsg. von Eliska Fucíková. London 1997, Nr. I.40. — Faszination Meisterwerk. Dürer, Rembrandt, Riemenschneider. Ausst.Kat. des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg. Nürnberg 2004, S. 156--158. — Renaissance. Barock. Aufklärung. Kunst und Kultur vom 16. bis zum 18. Jahrhundert. Hrsg. von Daniel Hess und Dagmar Hirschfelder. (Die Schausammlungen des Germanischen Nationalmuseums, Band 3) Nürnberg 2010, S. 274, 276, 450, Abb. 238. — Maria Grazia Bernardini (Hrsg.): The Tale of Cupid and Psyche. Myth in Art from Antiquity to Canova. Ausst. Kat., Rom, Museo Nazionale di Castel Sant'Angelo. Rom 2012, Nr. 48, S. 242-243 (Daniel Hess)
 
 
3.3.130726