Titel
Bauernstreit
Allgemeine Bezeichnung
Gemälde
Inventarnummer
Gm1163
Sammlung
Gemälde bis 1800
Anzahl der Teile
1
Hersteller
Liss, Johann (um 1597-1631)
Herstellungsdatum
um 1616/19
Herstellungsort
Veneto; Venedig
Standort
Dauerausstellung Renaissance, Barock, Aufklärung
Maße
H. 68 cm; B. 83 cm
Material und Technik
Öl auf Leinwand
Darstellung
Rüdiger Klessmann (1992) nimmt eine Entstehung des Bildes in Venedig an: "Der 'Hochzeitszug' und der 'Bauernstreit' dürften trotz ihrer nördlichen Thematik auf venezianischem Boden entstanden sein, dafür sprechen der etwas rauhe, die Leinwandstruktur integrierende Farbauftrrag der Gemälde und der rote Bolusgrund." (Klessmann, 1992, S. 28) - Schon Kurt Steinbart (1940) machte auf den Zusammenhang zwischen "flämischen Kirmesdarstellungen", auf denen "meist klein in den Hintergrund als Anhängsel zu dem im Vordergrunde herrschenden ausgelassenen Treiben verbannt [...] als unerlässliches Intermezzo der Streit" gehörte, und Gm 1163 aufmerksam. Liss habe, so Steinbart, den Streit zum Hauptmotiv gemacht "und ihm dadurch einen selbständigen Charakter" verliehen (Steinbart 1940, S. 27). Hans-Joachim Raupp (1986) stellt im Zusammenhang mit dem Bild der 'Bauernschlägerei' von Pieter Bruegel d. Ä. (1527?-1569) fest, dass "der gewalttätige, ja lebensbedrohende Streit aus nichtigem Anlass [...] eine gute Gelegenheit [bot], die feiernden Bauern als betrunkene und verblendete Narren zu denunzieren, die ihrer Leidenschaft nicht Herr sind. Der plötzliche Umschlag von ausgelassener Fröhlichkeit [bei Liss wäre dies der Bauerntanz gewesen] in besinnungslose Gewalt konnte den Städter als Warnung vor unüberlegter Teilnahme an Bauernfesten dienen. Außerdem ließ sich in diesem Zusammenhang vor den bösen Folgen von Trunk und Glücksspiel warnen" (Raupp 1986, S. 295). - Klessmann weist auf die Zusammenhänge mit Bruegel ebenso hin wie auf eine Entstehung des Werkes bald nach dem Eintreffen des Malers in Venedig, da die Genese und die Komposition mit den in den Niederlanden enstandenen Zeichnungen eng verbunden sind (Klessmann 1999, S. 165).
Zustandsbeschreibung
siehe Andreas Tacke: Die Gemälde des 17. Jahrhunderts im Germanischen Nationalmuseum. Bestandskatalog. Mainz 1995, S. 161.
Beziehung zu anderen Objekten
; Wenn Gm 1163 nach 1617 entstand, sollte man in weitere Überlegungen den um 1620 oder früher gefertigten Stich (Hollstein, nach Bruegel 218) von Lucas Vorstermann d. Ä. (1595-1675) mit einbeziehen. - Weitere mögliche Bildquelle lt. Klessmann (Augsburg 1975): Der Kupferstich "Bauernstreit" (Bartsch 162) von Hans Sebald Beham (1500-1550) aus der Folge seiner 1546/47 entstandenene Monatsdarstellungen (Bartsch 154 ff.). "Aus derselben Folge hat Liss einzelne Motive in den Budapester 'Hochzeitszug' (= "Dorfhochzeit", Museum für Bildende Kunst, Budapest, Inv.Nr. 3844; Tacke 1995, S. 162, Abb. 111) übernommen, der das Gegenstück zum 'Bauernstreit' darstellt. Liss' Auseinandersetzung mit diesen Bildthemen, die auch im 17. Jahrhundert von den Nachahmern Bruegels gemalt und verbreitet wurden, wie auch die Farbigkeit und Malweise der Bilder machen ihre Entstehung in Antwerpen wahrscheinlich. Sandrart hat zwar einen Aufenthalt des Malers in Antwerpen nicht überliefert, jedoch darf dieser auch wegen des starken Einflusses von Jordaens (1593-1678) mit Sicherheit angenommen werden. [...]". (Klessmann 1975, S. 62 f.) Wie großzügig sich Liss Vorlagen aneignen konnte, belegt 'Der Zahnarzt' in der Kunsthalle Bremen (Inv.Nr. 276-1930/1), der die vielfache Vergrößerung (129 x 96,5 cm) eines Kupferstichs (Bartsch 157) von Lucas van Leyden (1494-1533) aus dem Jahre 1523 darstellt. Eine Verwendung von druckgraphischen Vorlagen, wie sie hier naheliegt, ist mit dem Bremer Bild nochmals gegeben. Zu diesem besteht auch "stilistisch die engste Verwandtschaft. Das kräftige Kolorit mit dem hervorstechenden Rot und die trockene Wirkung der schwerfällig gehandhabten Malweise bei Verwendung von rotem Bolusgrund sind auffallende Merkmale, die den genannten Bildern gemeinsam sind" (Klessmann 1975, S. 61). Corinna Höper vergleicht das Bremer Bild mit dem Nürnberger: "Die fleischige Hand des Bauern findet sich mehrfach im Frühwerk, etwa in den 'Raufenden Bauern' um 1617 in Nürnberg" (Höper 1990, S. 204). -- Sandrart beschreibt 1675 (Sandrart/Peltzer, 1925, S. 187) vermutlich den Budapester Bauernzug, aber auch noch ein anderes (zugegehöriges?) Bild mit einer Bauernschlägerei, von dem er sowohl Motive ("Mistgabeln und Hacken"), die sich auf einer Handzeichnung von Johann Liss (Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett, Inv.Nr. 21-759; vgl. Tacke 1995, S. 163, Abb. 112) finden lassen, erwähnt, als auch ein Motiv, das sich auf dem Nürnberger Gemälde im Vordergrund findet: "Der Zechtisch stuzet einen alten trunknen Bauren zur Erden". Aus diesem Grund möchte Tacke annehmen, daß - wenn es nicht eine weitere, dann aber verschollene Fassung einer "Bauernschlägerei" von Liss gibt - Sandrart vielleicht seinen Eindruck von mehreren Darstellungen von Liss mit gleichem Bildthema zusammenfaßte. --- Als weiteres mögliches Pendant zur 'Dorfhochzeit' (Budapest) wurde von Steinbart eine andere 'Bauernschlägerei" von Liss (Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Innsbruck, Inv.Nr. 890; Tacke 1995, S. 163, Abb. 113) vorgeschlagen: Da bei sonst übereinstimmender farbiger Grundhaltung der Doppelfassung das kräftige Hell-Dunkel des Innsbrucker 'Bauernstreites" besser zum Budapester 'Bauerntanz' paßt als die weiche Tonigkeit der wohl ein wenig später entstandenen Nürnberger Wiederholung, halte ich das aus Venedig stammende Innsbrucker Stück für das von Liss als Pendant zum 'Hochzeitstanz' etwa gleichzeitig mit letzterem gemalte Bild" (Steinbart 1940, S. 27). Die lt. Tacke 1995, S. 163 zweite Fassung des Ferdinandeums in Insbruck wird heute aber allgemein als die schwächere angesehen; Richard E. Spear (1976) spricht sogar von einer Kopie nach Gm 1163.; Wiederholung oder Kopie: 'Bauernschlägerei", Öl auf Leinwand (auf Holz übertragen), 68 ,7 x 91,6 cm von Liss: Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Innsbruck, Inv.Nr. 890; erworben in Venedig. (Tacke 1995, S. 164 u. S. 163, Abb. 113). Überliefert ist auch eine Kopie "Bauernhochzeit" nach Liss von Simon de Vos (1603-1676) (Breslau, Inv.Nr. 1178 [vor dem Zweiten Weltkrieg], "Ländliches Bacchanal") und eine weitere im Landesmuseum Oldenburg.; Weiteres Bilderpaar "Bauernhochzeit und Bauernstreit": Graf Humprecht Jan Czernin war zwischen 1660 und 1663 königlicher Botschafter in Venedig. In dieser Zeit wird er lt. Tacke das Bildpaar erworben haben und lässt es 1669 in dem handschriftlichen Katalog aufführen. Auch 1722 werden die Bilder noch im Katalog der Sammlung Czernin aufgeführt. Welche Bilder allerdings in der Sammlung Czernin waren, muss offenbleiben, denn E. A. Safarik macht in seiner Publikation von 1975 (Anm. 13; Prag, Nationalbibliothek, segn. XXIII B 32, 1-3; die Zeichnungen in Bd. III, Bl. 55 und Bl. 58), in der er zwei Zeichnungen aus dem Prager Sammlungskatalog "Imagines Galeriea" veröffentlichte, auf abweichende Proportionen zwischen den Nachzeichnungen im Sammlungskatalog und dem Budapester und Nürnberger Bild aufmerksam. Anzumerken ist lt. Tacke, dass die Zeichung links und rechts in der Komposition gegenüber dem Geemälde erweitert ist; vielleicht waren also Kopien nach Liss in Prager Sammlung.;
Beschreibung
Zwei in Streit geratene Männer wollen mit gezückten Säbeln aufeinander losgehen; die Szene spielt im Freien. Andere trennen die Streitenden. Um Unheil zu verhindern, werden sie festgehalten und bekommen nun ihrerseits Schläge angedroht: eine alte Frau schwingt im Bildhintergrund einen Schlüsselbund, im Vordergund wird der andere Streitsüchtige mit einer Holzbank in Schach gehalten. Teller und Töpfe sind umgefallen.
Vitrinentext
Streitende Bauern sind seit dem 15. Jh. ein beliebtes Motiv. Als Anregung dienten Liss altdeutsche Grafiken und niederländische Gemälde. Dabei veranschaulicht das Umschlagen von ausgelassenem Frohsinn in rohe Gewalt die Folgen von Trunksucht und Glücksspiel.
Brawling Peasants. Oil on canvas. Brawling peasants have been a popular motif since the 15th c. Liss took his idea from old German engravings and Dutch paintings. In so doing, he illustrated how boisterous gaiety can suddenly change into a scene of violence, the outcome of drinking and gambling.
Brawling Peasants. Oil on canvas. Brawling peasants have been a popular motif since the 15th c. Liss took his idea from old German engravings and Dutch paintings. In so doing, he illustrated how boisterous gaiety can suddenly change into a scene of violence, the outcome of drinking and gambling.
Literatur
Joachim von Sandrarts Academie der Bau-, Bild- und Mahlerey-Künste von 1675. Leben der berühmten Maler, Bildhauer und Baumeister (Teil I.). (Teil 2: Aus dem zweiten Hauptteil der Teutschen Academie von 1679). Hrsg. und kommentiert von A. R. Peltzer. Teil 1. München 1925, S. 187. Link zur Bibliothek
Steinbart, Kurt: Johann Liss. Wien 1940, S. 19--20 und S. 56, Abb. II bei S. 16 und Abb. 8 (Detail). Link zur Bibliothek
Safarik, Eduard A.: La mostra di Johann Liss. In: Arte Veneta, 29, 1975, S. 297--306. Link zur Bibliothek
Johann Liss. Augsburger Rathaus 1975 und Cleveland Museum of Art 1976. Ausst.Kat. Augsburg 1975, S. 61--63. Kat.Nr. A 3 (von R. Klessmann), S. 63--64, Abb. 4. Link zur Bibliothek
Spear, Richard E.: Johann Liss Reconsidererd. In: The Art Bulletin, 58, 1976, S. 582--593, bes. 585 mit Abb. 3 und 4.
Raupp, Hans-Joachim: Bauernsatiren. Entstehung und Entwicklung des bäuerlichen Genres in der deutschen und niederländischen Kunst ca. 1470--1570. Niederzier 1986, S. 295. Link zur Bibliothek
Höper, Corinna: Katalog der Gemälde des 14. bis 18. Jahrhunderts in der Kunsthalle Bremen. Bremen 1990, S. 204. Link zur Bibliothek
Klessmann, Rüdiger: Gartenfeste und Gelage. Ein bevorzugtes Bildthema von Johann Liss. In: Kunst und Antiquitäten, Heft 9, 1992, S. 27--31, bes. S. 28 (Pendants zum Budapester Bild; verweist auf die Vorbilder bei Beham).
Tacke, Andreas: Die Gemälde des 17. Jahrhunderts im Germanischen Nationalmuseum. Bestandskatalog. Mainz 1995, S. 161--165, Nr. 77 mit Abb. und mit weiterer, älterer Literatur. Link zur Bibliothek
Klessmann, Rüdiger: Johann Liss. Eine Monographie mit kritischem Oeuvrekatalog. Gent 1999, Nr. 31, S. 164--167. Link zur Bibliothek
Renaissance. Barock. Aufklärung. Kunst und Kultur vom 16. bis zum 18. Jahrhundert. Hrsg. von Daniel Hess und Dagmar Hirschfelder. (Die Schausammlungen des Germanischen Nationalmuseums, Band 3) Nürnberg 2010, S. 225, 450, Abb. 185. Link zur Bibliothek
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