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Objekt / Inventarnr.: Gm2179

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Jetzt sind die Deutschen wieder Nr. 1 in Europa (Gemälde, Fotografie)

Inventarnummer: Gm2179
Hersteller: Vostell, Wolf (1932-1998)
Datierung: 1968
Material/Technik: Leinwand, Plexiglas; Foto, Siebdruck, Schichtenbild
Maße: H. ca. 122,5 cm; B. 202 cm; T. ca. 12 cm
Sammlung: 19. Jahrhundert
20. Jahrhundert
Beschreibung:
Das Gemälde "Jetzt sind die Deutschen wieder Nr. 1 in Europa" setzt sich aus drei Bildelementen zusammen, die schichtweise übereinander gelagert sind. Der gräuliche Hintergrund zeigt die Vergrößerung einer Fotografie aus dem Vietnamkrieg. Auf Kriegstrümmern ist der leblose Körper eines Vietnamesen zu erkennen. Die Fotografie nimmt zu 3/4 den Hintergrund ein, links davon, jedoch deutlich überlagert, ist der rosafarbene Siebdruck eines Braun-Küchenmixers in übergroßer Form abgebildet. Seine Höhe entspricht bis auf wenige Zentimeter der Höhe des Bildes. Die dritte Schicht, und damit im Vordergrund befindlich, wird durch die mit schwarzer Farbe ausgefüllte Form eines amerikanischen Kriegsbombers bestimmt, welcher sich vom rechten Bildrand aus in das Bild hineinzubewegen scheint. Die Abbildung ist auf ein Pressefoto zurückzuführen und zeigt das Flugzeug beim Abwurf von Bomben über Vietnam. Angesiedelt im oberen Drittel des Bildes überlagert das Motiv das Foto des Toten sowie einen Teil der rechten Seite des Siebdruck-Mixers.
Beschriftung:
Vostell hat in seinen Objekten vorgefundene Materialien zur Grundlage seiner gestalterischen Praxis gemacht. Er selbst schlug für seine Arbeit den Terminus "gefundener Realismus" vor. Der Titel "Jetzt sind die Deutschen wieder Nr. 1 in Europa" bedient sich der Schlagzeile eines Nachrichtenblattes, einer Siegermeldung. Wie ein Zeichen des Triumphs ist links monumental vergrößert und rosarot das Werbefoto eines Braun-Küchenmixers als Siebdruck wiedergegeben. Moderne Haushaltsgeräte hat Vostell auch in anderen Arbeiten dargestellt. Sie zitieren das deutsche Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg, das die Erinnerung an Drittes Reich und Zweiten Weltkrieg schnell aus dem Bewusstsein der Menschen verdrängte. Hinter dem Symbol gesellschaftlichen Wohlstands und persönlichen Wohlergehens taucht eine Szene mit Mord und Totschlag auf, die Vergrößerung eines Reportagefotos aus dem Vietnamkrieg. Überlagert wird die Szene durch eine zweite Bildebene, bestehend aus einer Plexiglasscheibe, auf der ein Bomber abgebildet ist. Die Gegenüberstellung des Produkts einer industriellen Wohlstandsgesellschaft mit auftrumpfender Gewalt und menschenverachtender Brutalität leitet vielschichtige Assoziationen ein. Vostell kombiniert in seinen "Schichtenbildern" unterschiedliche Ebenen von Realität, die sich in der Überlagerung gegenseitig durchleuchten. Bei der Vergegenwärtigung seiner politisch-sozialen Themen griff der Künstler häufig auf Zeitungsillustrationen zurück, um den tödlichen Ernst der Macht zu demonstrieren. Die Verwendung von Zeitungsvorlagen war in der Kunst der sechziger Jahre neu. "Ich betrachte es als einen Erfolg, die Zeitgeschichte durch meine neue Bildform in die Museen gebracht zu haben. Die Betrachter im Museum können nicht mehr sagen, ach, das ist ja mit der Hand gemalt, das ist ja alles erfunden, nein, sie sehen Tatsachen des 20. Jahrhunderts", so Vostell 1980 in einem Interview. Angesicht der unbewältigten Vergangenheit sowie der Gegenwart des Kalten Kriegs wollte er zeigen, welchen Einfluss Bomber, Erschießungskommandos, Panzerketten auf unser Leben haben. "Da es keinen Heiligenschein mehr gibt und er nicht mehr gemalt werden kann, müssen wir eben das Problem der Panzerketten dokumentieren. Der Mensch wird freier, wenn seine Erniedrigung dokumentiert anstatt verschwiegen wird." Vostells Arbeit im Germanischen Nationalmuseum gehört zur Werkgruppe "Umfunktionierungen". Sie appelliert an das globale Bewusstsein und fordert zur Umpolung aggressiver Energien in konstruktive Bahnen auf. Angesichts zerstörerischen politischen Wahnsinns richtete sich der Künstler an die Gegenwelten entwerfende Phantasie, wie in seinem 1966 in New York verfassten Happening-Manifest "Statt Bomben", in dem er vorschlug, dass die US-Flugzeuge die Bevölkerung Nordvietnams statt mit mörderischen Ladungen mit Masthühnern, Schnürriemen, Kaugummis, Tomatenmark, Hamburgern, Bagels, Coca Cola, Sicherheitsnadeln, Beatles Records, Sahnetorten, Schraubenziehern, Radiergummis, 4711, Büstenhaltern, Strumpfbändern usw. bombardieren sollten.
The title of the work repeats the headline of a newspaper. The symbol of triumph is also the advertising photo of a household blender reproduced as pink silkscreen. Behind this image of prosperity a photo reportage from the Vietnam War invokes the Cold War. A bomber is superimposed onto both images. In his "layered pictures" Wolf Vostell combines varoius mutually transparent levels of reality.
Literatur:
Ursula Peters: Wolf Vostell "Jetzt sind die Deutschen wieder Nr. 1 in Europa", 1968. In: Mäzene, Schenker, Stifter. Das Germanische Nationalmuseum und seine Sammlungen (=Kulturgeschichtliche Spaziergänge im Germanischen Nationalmuseum, Band 5). Nürnberg 2002, S. 164-165. — Ursula Peters: Wolf Vostell. In: Deutsche Biographische Enzyklopädie (DBE), 2. überarbeitete und erweiterte Ausgabe, hrsg. von Rudolf Vierhaus. Band 10, München 2008, S. 319. — Ursula Peters: Moderne Zeiten. Die Sammlung 20. Jahrhundert (= Kulturgeschichtliche Spaziergänge im Germanischen Nationalmuseum, Band 3). Nürnberg 2000, S. 245-246. — Hansen, Al: A Primer of Happenings and Time/Space Art. New York 1965. (Zu Wolf Vostell) — Schilling, Jürgen: Aktionskunst. Identität von Kunst und Leben? Eine Dokumentation. Luzern/Frankfurt a. M. 1978, S. 114. — Wolf Vostell. Dé-coll/agen, Verwischungen, Schichtenbilder, Bleibilder, Objektbilder 1955--1979. Ausst.Kat. Kunstverein Braunschweig 1980. — Bergmann, Rudij: Wolf Vostell. In: Kritisches Lexikon der Gegenwartskunst. Ausg. 13. München 1991, Abb. 8. — Vostell. Dipinti 1954--1991. Ausst.Kat. Palazzo delle Esposizioni. Rom 1992, S. 47. — Peters, Ursula: Kunst und Kultur nach 1945. Neue Sammlungsabteilung im Germanischen Nationalmuseum, Nürnberg. In: Monatsanzeiger des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg, Nr. 201, Dezember 1997, S. 2--3, Abb. S. 3. — Peters, Ursula: 1968: Die internationale Revolte. Wolf Vostell "Jetzt sind die Deutschen wieder Nr. 1 in Europa". In: Monatsanzeiger des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg, Nr. 228, März 2000, S. 8--9, Abb. S. 9. — Wolf Vostell, "Jetzt sind die Deutschen wieder Nr. 1 in Europa (Serie Umfunktionierungen) In: Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums. Nürnberg 2000, S. 195--196, Abb. 21. — Germanisches Nationalmuseum: Führer durch die Sammlungen. Nürnberg 2001, S. 236. — Vostell, Wolf. In: AKL Online, Dok-ID: _00712297 (14.04.2011).
 
 
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