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Objekt / Inventarnr.: Gm392

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Apostel Paulus am Schreibpult (Gemälde, Porträt)

Inventarnummer: Gm392
Hersteller: Rembrandt, Harmensz. van Rijn (1606-1669)
Datierung: um 1629/30
Ort: Leiden
Material/Technik: Öl auf Eichenholz
Maße: H. 47,2 cm; B. 38,6 cm
Marke/Inschrift: "N° 48 / Rembrand" — "KT 65" — "60" — "RT 65" — "101" — "Norimberga"
Sammlung: Malerei bis 1800 und Glasmalerei
Beschreibung:
Der in Gedanken versunkene, beim Schreiben kurz innehaltende Apostel Paulus ist ein bemerkenswertes Gemälde im Frühwerk Rembrandts. Es entstand im Kontext einer Reihe von Studien, in denen sich Rembrandt mit der Darstellung greiser, bärtiger Männer beschäftigte, die früher als Bildnisse seines Vaters galten. Wie ein Gebirge schiebt sich der dunkle Schreibtisch mit den schräg darauf aufgestellten Büchern vor die Figur, schafft räumliche Distanz und verstärkt die Konzentration auf das hell beleuchtete Gesicht und die auf dem Tisch vor dem Buch aufgestützte Linke. Die Farbpalette bleibt auf Braun- und Gelbtöne beschränkt und verleiht dem Gemälde eine höhlenartig düstere Stimmung. Durch den virtuosen Einsatz einer außerhalb des Bildausschnittes und einer durch das aufgeschlagene Buch verdeckten Lichtquelle schuf Rembrandt ein Höchstmaß an räumlicher Wirkung. Das von links oben auf den Kopf gerichtete inspirative Licht und das gleichsam aus sich heraus leuchtende Buch vermitteln eine anschauliche Vorstellung von der in den Briefen des Paulus sich offenbarenden geistigen Auseinandersetzung mit den Grundlagen des Christentums. Die gesamte Kraft des alten Mannes, der das Schwert seiner früheren Christenverfolgungen – hier in einer von Rembrandt bevorzugten orientalischen Form – sprichwörtlich hinter sich an den Nagel gehängt hat, liegt nun in seinen Schriften und in der väterlichen Sorge um die von ihm begründeten christlichen Gemeinden. Das Gemälde dürfte damit den Gegensatz zwischen der „vita activa“ und „vita contemplativa“ zum Ausdruck bringen, wobei dem besonnenen Nachdenken des Apostels auch resignative Züge innezuwohnen scheinen. Damit scheint Rembrandt die seit der Renaissance in der Kunst häufig thematisierte Temperamentenlehre bemüht und Paulus als Melancholiker auf dem schmalen Grat zwischen genialer Leistung und depressiver Passivität aufgefasst zu haben. Das Gemälde, das noch zu den Frühwerken der Leidener Zeit zählt, ist ein eindringliches Dokument für Rembrandts psychologische Durchdringung seiner Porträts und Bildthemen. Der lebhafte Duktus der pastosen Malerei, die nuancierten Farbabstufungen und die unterschiedliche Durcharbeitung der einzelnen Bildpartien tragen wesentlich zur Lebendigkeit und Unmittelbarkeit des intendierten Gefühlszustands bei.
Beschriftung:
In Lichtführung, Farbabstufungen und pastoser Malweise äußert sich Rembrandts frühe Meisterschaft. Dies gilt auch für die psychologische Durchdringung der Figur: Rembrandt zeigt den um das Wohl seiner Gemeinden besorgten Apostel in Gedanken beim Abfassen seiner Briefe.
The Apostle Paul in Contemplation. Oil on oak panel. Rembrandt's early mastery is seen in the handling of light, the gradation of color and in his pastose painting style. This also applies to the psychological intensity of the figure: Rembrandt's apostle, concerned for the welfare of his congregations, is depicted deep in thought.
Literatur:
(Auktionskatalog) Auction von drei Oelgemälden welche aus dem Besitz des Fürstgischofs von Würzburg und Bamberg, Herzog in Franken G. Carl Freiherrn von Fechenbach herrühren (...) am 19. 9. 1882 durch Rudolph Lepke (Katalog Nr. 393) Berlin, S. 9, Nr. C (ein Greis) mit Abb. — Bode, Wilhelm: Studien zur Geschichte der Holländischen Malerei. Braunschweig 1883, S. 366, 643. — Katalog der Ausstellung von Werken der Niederländischen Kunst des Siebzehnten Jahrhunderts (...) in Berliner Privatbesitz veranstaltet von der Kunstgeschichtlichen Gesellschaft in Berlin in den Räumen der Königlichen Akademie. Berlin 1890, Nr. 222 — Bode, Wilhelm: Ausstellung von Werken der Niederländischen Kunst (...) Teil 2: Die Gemälde aus Berliner Privatbesitz. In: Jahrbuch der Königlich Preussischen Kunstsammlungen, 11, 1890, S. 199--241, bes. S. 207. — [Auktions-]Katalog der reichhaltigen und ausgewählten Freiherrlich von Bodeck-Ellgau'schen Gemälde-Galerie auf Schloss Heidenfeld in Bayern (...). Versteigerung zu Köln erbtheilungshalber den 10. November 1890, S. 15, Nr. 70 mit Abb. — Bode, Wilhelm: Rembrandt's Gemälde des Paulus im Nachdenken im Germanischen Nationalmuseum zu Nürnberg. In: Zeitschrift für bildende Kunst, N.F. 14, 1903, S. 48 mit einer Radierung von L. Kühn. — Rijckevorsel, J. L. A. A. M.: Rembrandt en de traditie. Rotterdam 1932, S. 73--75. — Münz, Ludwig: Rembrandt's etchings (...). Bd. 1, London 1952, S. 4 (Abhängigkeit zum Stich von de Gheyn), Abb. 5 (de Gheyn) und Abb. 6 (Nürnberg). — Rembrandt. Der Meister und seine Werkstatt. Gemälde. Ausst. der Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz Berlin, Gemäldegalerie; Rijksmuseum Amsterdam, The National Gallery London. Hrsg. von Christopher Brown--Jan Kelch--Pieter van Thiel. München--Paris--London 1991, S. 31 und Nr. 5, S. 136--138. — A Corpus of Rembrandt-Paintings. Foundation Rembrandt Research Project. Bearbeitet von Josua Bruyn--Bob Haak--Simon H. Levie--Pieter J.J. van Thiel--Ernst van de Wetering, Bd. 1: 1625--1631. Den Haag--Boston--London 1982, S. 46 mit Abb. 21, S. 149, S. 266--271, Nr. A 26 mit Abb. S. 593--597 Nr. C 25 (Bild in Leipzig). — Gerson, Horst: Rembrandt, Paintings. Amsterdam 1968, S. 188, Nr. 23 (the Apostel Paul at his desk, Rembrandt's father), S. 89, Abb. 23, vgl. S. 188, Abb. b (Zeichung Oxford). — A Corpus of Rembrandt-Paintings. Foundation Rembrandt Research Project. Bearbeitet von Josua Bruyn--Bob Haak--Simon H. Levie--Pieter J.J. van Thiel--Ernst van de Wetering, 4 Bde. Den Haag u.a. 1982, 1986, 1989, 2005, Bd. 1, S. 46, 149, und Nr. A26, S. 266--271. — Tümpel, Christian: Rembrandt. Mythos und Methode. Königstein i. T. 1986, Nr. 74, S. 398. — Tacke, Andreas: Die Gemälde des 17. Jahrhunderts im Germanischen Nationalmuseum. Bestandskatalog. Mainz 1995, Nr. 92, S. 191--194 mit Abb. und mit weiterer, älterer Literatur. — Der junge Rembrandt. Rätsel um seine Anfänge. Ausst. der Staatlichen Museen Kassel, Gemäldegalerie Alte Meister, Museum Het Rembrandthuis, Amsterdam. Bearbeitet von Ernst van de Wetering--Bernhard Schnackenburg. Wolfratshausen 2001, Nr. 32, S. 222--225. — Faszination Meisterwerk. Dürer, Rembrandt, Riemenschneider. Ausst.Kat. des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg. Nürnberg 2004, S. 72--75. — Rembrandt & Caravaggio. Ausst. im Rijksmuseum Amsterdam und Van Gogh Museum Amsterdam. Bearbeitet von Duncan Bull--Taco Dibbits. Zwolle 2006, S. 50 und Kat. Nr. 8. — Renaissance. Barock. Aufklärung. Kunst und Kultur vom 16. bis zum 18. Jahrhundert. Hrsg. von Daniel Hess und Dagmar Hirschfelder. (Die Schausammlungen des Germanischen Nationalmuseums, Band 3) Nürnberg 2010, S. 292--293, 448, Abb. 255. — Ausst.Kat. Rembrandt's First Masterpieces (Per Rumberg/Holm Bevers). The Morgan Library & Museum, New York, 2016, S. 40-41, Fig. 37.
 
 
3.3.130726