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Objekt / Inventarnr.: HG11816

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Terrine mit Présentoir aus der Dresdener Hofsilberkammer (Terrine aus Silber mit Untersatz)

Inventarnummer: HG11816
Hersteller: Ingermann, Paul
Datierung: um 1739
Ort: Dresden
Material/Technik: Silber, getrieben, gegossen, graviert, innen vergoldet
Maße: Terrine: H. mit Deckel 30,5 cm; Breite mit Henkeln 39,5 cm; Platte: L. 53,5 cm
Marke/Inschrift: PI — AR III — 2
Sammlung: Handwerksgeschichte
Kunsthandwerk bis 1800
Beschreibung:
Große Deckelterrine mit Schale aus der Dresdner Hofsilberkammer. Silber, getrieben, Füße, Griffe und Knauf gegossen; Terrine innen vergoldet. -- Die ungewöhnlich stattliche, hohe Terrine steht auf vier Volutenfüßen. Wandung und Deckel sind in sechs leicht geschwungenen, durchgehenden Zügen godroniert. Den Gefäßdekor bilden lorbeerartige, zu Dreiergruppen übereinandergelegte Blätter auf Griffen und Füßen. Die sechs Deckelabschnitte zeigen je ein getriebenes, wie flach aufgelegtes Blatt, so dass der wie eine sich öffnende Knospe gestaltete Knauf mit einem Kranz bereits aufgesprungener Blütenblätter umgeben wird. Die Schale, mit flachem, geschweiftem Rand, wiederholt an den Griffen das Blattmotiv der Terrinenhenkel. Trotz der schlichten Form und des streng symmetrisch angeordneten Dekors lässt die schwellende Gefäßwandung mit der zügigen Godronierung Eleganz und Schwung des kommenden Rokoko ahnen. In Typus und Grundgestalt folgt die Dresdner Terrine dem französischen Vorbild des Pot à oilleeiner besonders hohen und großen Suppenterrine, die bereits bei Bérain begegnet - freilich mit anderem Dekor - und in zahlreichen späteren französischen Beispielen überliefert ist. Auch die Stilisierung des vegetabilen Dekors lässt eher an französische als an Augsburger Anregungen denken. Die Orientierung an Frankreich - im 18. Jahrh. an deutschen Fürstenhöfen allgemein gepflegt - mag im speziellen Fall des Dresdner Hofsilbers mit der künstlerischen Ausnahmesituation am Wettiner Hof zu erklären sein. Dort versuchte man sich vom Einfluss der in Deutschland führenden Augsburger Goldschmiede weitgehend freizumachen und den Bedarf an Gebrauchssilber durch Arbeiten einheimischer Kräfte zu decken. Diese Künstler, die fast ausschließlich für den kurfürstlich-königlichen Hofstaat arbeiteten, schufen in freier Abwandlung der französischen Vorbilder einen ganz eigenen Dresdner Stil. Der wichtigste Goldschmied der neuen Richtung unter August III. war Paul Ingermann. Er wurde um 1670 in Torgau geboren, war 1698 Meister, 1717 Schau- und Zeichenmeister in Dresden, 1719-22 sowie 1726-29 Ältester, 1738/39 Oberältester und starb vermutlich 1747. Die Terrine gehört wahrscheinlich zu dem 1728 angefertigten Service, das auf den Reisen des Hofes nach Polen sowie auf den Jagden und Jagdhofhaltungen in Hubertusburg, Torgau und Pillnitz benutzt wurde. Ingermann ergänzte es 1739 und versah es Anfang der vierziger Jahre mit dem Monogramm "AR" (Friedrich August Freiherr von O'Byrn: Die Hofsilberkammer und die Hof-Kellerei zu Dresden. Dresden 1880, S. 104, 116/5, 127/XIII). 1880 war das Service noch in Dresden vorhanden, heute ist es wie alle Teile der Hofsilberkammer in verschiedene meist private Sammlungen zerstreut, was die Rekonstruktion des ursprünglichen Bestandes nahezu unmöglich macht. Ein Pendant zur Deckelterrine befand sich 1929 in schwedischem Privatbesitz (Nils G. Wollin [Hrsg.]: Falk Simons Silversamling. Stockholm 1929, Abb. 123). Zwei vom Museum 1973 angekaufte Wärmeglocken aus der Dresdner Hofsilberkammer gehören zwar zu einem anderen Service - bei verwandter Grundform zeigen sie eine glatte Wandung ohne Godronierung - vermögen aber zusammen mit der neuerworbenen Terrine eine gute Vorstellung von der prachtvollen Tafelzier am Hofe Augusts III. zu vermitteln.
Literatur:
Arnulf von Ulmann (Hrsg.): Anti-Aging für die Kunst. Restaurieren - Umgang mit den Spuren der Zeit (= Kulturgeschichtliche Spaziergänge im Germanischen Nationalmuseum, Band 6). Nürnberg 2004, S. 183-184, Kat. 71 — Schätze Deutscher Goldschmiedekunst von 1500 bis 1920 aus dem Germanischen Nationalmuseum. Katalog zur Ausstellung in Ingolstadt, Hanau, Lüneburg und Nürnberg 1992. Berlin 1992, Kat. 225 und Abb. S. 300 — Deutsche Goldschmiedekunst vom 15. bis zum 18. Jahrhundert aus dem Germanischen Nationalmuseum. Katalog zur Ausstellung in Hanau, Ingolstadt und Nürnberg 1987/1988, bearbeitet von Klaus Pechstein u.a. Berlin 1987, Kat. 85 — Hannelore Müller: European Silver. The Thyssen-Bornemisza Collection. London 1986, Kat. 75 (weiter Ingermann-Arbeiten, vermutlich für den Dresdner Hof) — Monika Bachtler: Goldschmiedekunst. Bielefeld 1986, Kat. 115 (weiter Ingermann-Arbeiten, vermutlich für den Dresdner Hof) — Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums 1978, S. 144-145 (Erwerbsbericht, Klaus Pechstein)
 
 
3.3.130726