Objektansicht

Objekt / Inventarnr.: HG2146

 Aktionen

 

 QR Code

imageGrößere Ansicht

"Schlüsselfelder-Schiff" (Tafelaufsatz aus Silber)

Inventarnummer: HG2146
Leihgabe der Johann Carl von Schlüsselfelder'schen Familienstiftung
Datierung: 1503 oder kurz vorher
Ort: Nürnberg
Material/Technik: Silber, weitgehend vergoldet, getrieben, gegossen; Email; Figuren partiell kalt gefasst
Maße: H. 79 cm; B. 43,5 cm; T. 28 cm
Marke/Inschrift: rückläufiges N im Rund
Sammlung: Handwerksgeschichte
Kunsthandwerk bis 1800
Beschreibung:
Schlüsselfelder-Schiff, Tafelaufsatz, weitgehend vergoldetes Silber, Email, Nürnberg, 1503 oder kurz vorher The Schlüsselfeld Nef, centerpiece, mostly gilded silver, enamel, Nuremberg, 1503 or immediately before Ein zweischwänziges Meerweib ist auf einem buckeligen Sockel gelagert. Mit emporgehobenen Armen hält es ein Schiff in der Schwebe, das auf seinem Kopf aufsitzt. Es handelt sich um eine Karacke, einen Schiffstyp, der seit dem 14. Jh. vom westlichen Mittelmeer aus weiteste Verbreitung fand und ohne den die Erschließung der Weltmeere nicht vorstellbar ist. Die Kennzeichen dieses Typs sind klar wiedergegeben: der breite, schwere, hochbordige Schiffskörper, ein kastellartiger Aufbau des Vorschiffes und ein recht langes, bereits auf der Höhe des Großmastes ansetzendes Heckkastell. Typgerecht besitzt das Schiff drei Masten, die mittels einer aufwendigen Takelage mit dem Deck verbunden sind. Minutiös sind Details wiedergegeben, Anker, Enterhaken, Kanonen, Eimer, Blöcke, Taljen, Wanten und andere Teile des stehenden und laufenden Gutes, durch Gravierung angedeutete Luken am Deck, die Wetterschutzgerüste, die Galerie über dem Achtersteven, die Befestigung der Segel an den Masten, das große Ruder usw. Es ist nicht etwa ein Modell, wie man meinen könnte, sondern eine Goldschmiedearbeit, ein Werk aus vergoldetem Silber. Die gesamte Ausführung bezeugt die herausragenden Fähigkeiten der Werkstatt, in der das Schiff geschaffen wurde, die plastischen Qualität des Drachenkopfes am Bug wie auch der Karyatide beweisen ihre über das handwerkliche hinausgehende künstlerische Potenz. Deutlich zeigt sie sich als mitten im Binnenland gelegen: Der Fuß mit seinem gekehlten Randprofil und den typischen Buckeln ist auch an zahlreichen Nürnberger Pokalen der Zeit um 1500 zu finden und für den, dem sich solch ein Hinweis nicht gleich erschließt, gibt mitten im geblähten Segel die Nürnberger Beschaumarke für Silberarbeiten die Lage der "Werft" an. [...] Die insgesamt 74 erhaltenen Figuren bringen Leben in das Schiff, verleihen ihm eine geradezu anekdotenhafte Note. Besatzung und Passagiere sind bei verschiedenen Tätigkeiten zu beobachten: in den Wanten, auf den Rahen, im Ausguck oder bewaffnet an der Reling einen imaginären Feind abwehrend. Andererseits - begleitet von Musikanten - tafelt fröhlich eine Runde an zwei Tischen auf dem Heckkastell. Es ist eine skurrile Mischung, neben der Besatzung und den Waffenträgern sind unter anderem ein Mönch zu sehen, eine Wäsche waschende Frau und ein Matrose, der sein entblößtes Hinterteil über den Bordrand dem Betrachter weist. Sie sind die eigentliche Schöpfung der Werkstatt, und sie geben einen Hinweis auf den wesentlichen Zweck des Schiffes. Es ist ein Trinkgerät, ein Aufsatz, der zur Zierde einer festlichen Tafel, zur Unterhaltung der Gäste bestimmt war. (Aus: Faszination Meisterwerk 2004, Ralf Schürer). Zu dem Trinkgerät hat sich ein Futteral erhalten: HG2148. Vielleicht vom Nürnberger Montanunternehmer Matthäus Landauer in Auftrag gegeben; nach dessen Tod 1515 testamentarisch seinem Neffen Wilhelm Schlüsselfelder vermacht, 1549 in dessen Nachlass erstmals dokumentiert; anschließend in Schlüsselfelder Familienbesitz und seit 1875 als Depositum im Germanischen Nationalmuseum. (S. Ausst. Kat. Quasi Centrum Europaae). Ein sehr stattliches silbernes Schiff, das vom Gewicht her dem Schlüsselfelder Schiff entsprach, gab bereits Stephan Schuler für die Frauenkirche in Auftrag. Er kaufte 1444 ein silbervergoldetes Schiff mit den vier Aposteln St. Peter, Andreas, Johannes und Jacob. Es wog 25 Mark, 1 Lot, die Mark kostete 7 1/4 Gulden, insgesamt kostete das Schiff 148 fl., 3 1/2 Schillinge, vgl. Schuler, Saalbuch 1869, S. 16.
Beschriftung:
Das Goldschmiedewerk gibt mit fast modellhafter Detailtreue eine dreimastige Karacke wieder, den verbreitetsten Typ eines Hochseeschiffes seiner Zeit. In erster Linie ist es aber ein repräsentatives Gerät für die Tafel, mit dem der Eigentümer Status und Reichtum demonstrierte. Das Gefäß, das "zwo Maß getrancks" fasst, befand sich im Besitz der patrizischen Nürnberger Familie Schlüsselfelder. Es ist Teil der Familienstiftung, in der die Schlüsselfelder auch nach ihrem Erlöschen 1709 noch heute präsent sind.
Ship as Table Centerpiece (Schlüsselfelder Ship). Silver, parcel-gilt, enamel. With almost perfect attention to detail the goldsmith has reproduced a three-masted carrack, the most common type of merchant vessel of the period. Here, however, it is primarily an elaborate table centerpiece with which the owner demonstrated his status and wealth. The vessel, which holds "zwo Maß getrancks" (more than two liters of drink), was the property of the Nuremberg patrician family Schlüsselfelder. It belongs to the Schlüsselfelder Foundation, in which the family's name lives on even though the line itself died out in 1709.
Literatur:
Johann Gottfried Biedermann: Geschlechtsregister des hochadeligen Patriciats in Nürnberg. [...]. Bayreuth 1748, Tafel 621 (zu beiden Wilhelm Schlüsselfelder) — Lessing, Julius: Wunderliches Trinkgerät. In: Westermanns illustrierte deutsche Monatshefte, Bd. 63 (1888), S. 384. — Gümbel, A.: Zur Biographie Albrecht Dürers des Älteren. Mit einer archivalischen Notiz über Albrecht Dürer den Jüngeren. In: Rep. Für Kunstwissenschaft, Bd. 37 (1915), S. 321--322. — Rosenberg, Marc: Der Goldschmiede Merkzeichen. Frankfurt a. M. 1922--1925. Bd. 3. Nr. 3705. — Dettling, K.: Der Metallhandel Nürnbergs im 16. Jahrhundert. In: MVGN (Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg) 27 (1928), S. 170f. — Oman, Charles: Medieval Silver Nefs (Victoria & Albert Museum, Monograph No. 15). London 1963, S. 18--19. — Hinderer, W. : Die gr. Karacke um 1480. In: Mechanikus. Magazin für Modellbau, Jg. 9 (1964), S. 372--377, 416--419, 458--466. — Gall, Günter : Leder im eurpäischen Kunsthandwerk (= Bibl. Für Kunst- und Antiquitätenfreunde, Bd. XLIV). Braunschweig 1965, S. 132--134, Abb. 98. — Fritz, Johann Michael: Gestochene Bilder, Gravierungen auf deutschen Goldschmiedearbeiten der Spätgotik (= Beihefte der Bonner Jahrbücher, Bd. 20). Köln und Graz 1966, S. 183, 564, Nr. 854, Abb. 159 und 365. — Kohlhaussen, Heinrich: Nürnberger Goldschmiedekunst des Mittelalters und der Dürerzeit 1240-1540. Berlin 1968, S. 272--277, Kat. Nr. 338. — Ahlborn, Joachim: Die Familie Landauer. Nürnberg 1969, S. 75 und 151, Anm. 429. — Kohlhaussen, Heinrich: Europäisches Kunsthandwerk. Band 2: Gotik und Spätrenaissance. Frankfurt a. M. 1970, Nr. 28/29. — Albrecht Dürer. 1471-1971. Ausst. Kat. GNM, München 1971, Nr. 660. — Kohlhaussen, Heinrich: Nürnberger Kunsthandwerk im 15. und 16. Jahrhundert. In: Nürnberger Geschichte einer europäischen Stadt. München 1971, S. 224--229, S. XXX und Abb. 28 und 29. — Steingräber, Erich: Kunsthandwerk. In: Bialostokki, Jan: Spätmittelalter und beginnende Neuzeit (= Propyläen Kunstgeschichte, Bd. 7). Berlin 1972, S. 323, Nr. 305, Abb. 305 und 309. — Hernmarck, Carl: The Art of the European Silversmith 1430 - 1830. London und New York 1977, S. 172, Abb. 393. — Fusi, Maurizio: Navi d'argento, nefs, silver ships. Mailand 1977, Tf. 9. — Bildführer GNM 1977, Nr. 372. — Hernmarck, Carl: Die Kunst der europäischen Gold- und Silberschmiede von 1450-1830. München 1978, S. 165, Nr. 393. — Houart, Victor: Feines Kunsthandwerk. Miniatursilber. Modelle und Spielzeug als Sammelobjekte. München 1982, Abb. 1 und 2. — Pechstein, Klaus : Von Trinkgeräten und Trinksitten. Von der Kindstaufe bis zum Kaufvertrag. Pokale als Protokolle des Ereignisses. In: Pörtner, Rudolf (Hg.): Schatzhaus der deutschen Geschichte. Düsseldorf und Wien 1982, S. 393, Abb. 2. — Fritz, Johann Michael: Goldschmiedekunst der Gotik in Mitteleuropa. München 1982, S. 184, Tf. 15. — Smith, Jeffrey Chipps: Nuremberg. A Renaissance City 1500--1618. Ausst. Kat. Austin 1983, S. 64, Abb. 37. — Wenzel Jamnitzer und die Nürnberger Goldschmiedekunst 1500--1700 : Goldschmiedearbeiten, Entwürfe, Modelle, Medaillen, Ornamentstiche, Schmuck, Porträts. Ausst. Kat. Nürnberg 1985, S. 209, Nr.1 (Günther Schiedlausky). — Nürnberg 1300--1550. Kunst der Gotik und Renaissance. Ausst. Kat. The Metropolitan Museum of Art, New York; Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg. Hrsg. v. Gerhard Bott u. Philippe de Montebello. München 1986, S. 224--227, Nr. 81 (Rainer Kasnitz). — Wegener Sleeswyk, André: The engraver Willem a Cruce (WA) and the development of the Chain-Wale. In: Tractrix 1. 1989, S. 21--44. — Schiedlausky, Günther: Tafelschiffe. In: Kunst und Antiquitäten 1991, S. 30--39, H.12. — Circa. 1492. Art in the age of exploration. Ausst. Kat. National Gallery Washington 1991/1992, Kat. Nr. 137. — Focus Behaim Globus, 2 Bde. Ausst. Kat. Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg. Bearb v. Johannes Karl Wilhelm Willers. Nürnberg 1992, S. 789--790, Nr. 4.4. — Schätze und Meilensteine deutscher Geschichte aus dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg. Nürnberg 1997, S. 64--65 (Renate Eikelmann). — Eser, Thomas: Ein Leuchter, drei Rätsel, ein Kartenspiel. Nürnberger Kunst in Italien. In: Quasi Centrum Europae. Europa kauft in Nürnberg, 1400--1800. Ausst. Kat. Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg. Bearb. v. Hermann Maué u. a. Nürnberg 2002, (S. 45--71), S. 48--55. — Quasi Centrum Europae. Europa kauft in Nürnberg, 1400--1800. Ausst. Kat. Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg. Bearb. v. Hermann Maué u. a. Nürnberg 2002, Kat. Nr. 5. — Timann, Ursula: Schlüsselfelder Schiff, um 1502/03. In: Maué, Hermann: Quasi Centrum Europae. Europa kauft in Nürnberg. 1400--1800. Korrekturen und Ergänzungen. In: Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums. Nürnberg 2003, S. 108--109. — Schürer, Ralf: Schlüsselfelder Schiff. In: Faszination Meisterwerk. Dürer, Rembrandt, Riemenschneider. Ausst. Kat. Nürnberg 2004, S. 81--82. — Faszination Meisterwerk. Dürer, Rembrandt, Riemenschneider. Ausst. Kat. Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg. Bearb. v. Frank Matthias Kammel u. a. Nürnberg 2004, S. 83--84. — Ellmer, Detlev: Aus den Sammlungen des DSM. Seeschiffe im Binnenland als Zeichen der Kaufleute. In: Deutsches Schiffahrtsarchiv 28, 2005, (S. 375 - 398), S. 380. — Nürnberger Goldschmiedekunst 1541--1868, 2 Bde. Bd. 1: Meister, Werke, Marken. Bearb. v. Karin Tebbe u. a. Nürnberg 2007, S. 151 (Karin Tebbe). — Krause, Katharina (Hg.): Spätgotik und Renaissance (= Geschichte der bildenden Kunst in Deutschland. Band 4). Berlin u. a. 2007, Kat. 132. — Peter Fleischmann: Rat und Patriziat in Nürnberg. Die Herrschaft der Ratsgeschlechter vom 13. bis zum 18. Jahrhundert. Nürnberg 2008. Bd. 2 Ratsherren und Ratsgeschlechter, S. 897-907 (zur Familie Schlüsselfelder, S. 900 und 906 (zum Schiff) — Renaissance. Barock. Aufklärung. Kunst und Kultur vom 16. bis zum 18. Jahrhundert. Hrsg. von Daniel Hess und Dagmar Hirschfelder. (Die Schausammlungen des Germanischen Nationalmuseums, Band 3) Nürnberg 2010, S. 38, 40, Abb. 7, 387. — Leibniz und die Leichtigkeit des Denkens. Historische Modelle: Kunstwerke, Medien, Visionen. Kat. zur Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg, 30.6.2016-5.2.2017, hrsg. von Frank Matthias Kammel. Nürnberg 2016, S. 132-133 u. Abb. S — Scherner, Antje: "Gestern bin ich voll gewest". Alkohol und Trinkspiele in der frühen Neuzeit. In: Monika Bachtler, Dirk Syndram, Ulrike Weinhold: Die Faszination des Sammelns. Meisterwerke der Goldschmiedekunst aus der Sammlung Rudolf-August Oetker. Bielefeld-Dresden-München 2011, S. 97
 
 
3.3.130726