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Objekt / Inventarnr.: HM1017

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Linienschiff 3. Ranges (Schiffsmodell, sog. Knochenschiff)

Inventarnummer: HM1017
Datierung: um 1800
Material/Technik: Tierknochen, Elfenbein, Fäden, Hanf, Holz, Messing, Eisenblech, Eisen- und Messingstifte, rote und schwarzbraune Farbe
Maße: H. 36 cm; L. 54 cm; Br. 16 cm
Sammlung: Handwerksgeschichte
Kunsthandwerk bis 1800
Beschreibung:
Vorbild des Schiffes ist ein Linienschiff 3. Ranges, 3. Ordnung. Ein solches Schiff trägt 64 Geschütze in zwei durchgehenden Batteriedecks sowie zusätzliche auf dem Vor- und Achterdeck. Das kleine Schiff in Nürnberg besitzt insgesamt 84 aus Messing gedrehte Kanonen. Die Batteriedecks mit ihren rot umrandeten Geschützöffnungen sind durch schwarzbraun gefasste Knochenstreifen hervorgehoben: Hier können die Kanonen mittels einer Schnur, die aus dem unteren Heckspiegel austritt, eingezogen werden, was dem Schiff neben seinem hohen dekorativen Wert eine besondere Unterhaltungsqualität verlieh und seinen Verkaufswert steigerte. Zur praktischen Handhabung der aus Fasern von Hanfseilen gefertigten Schnur ist an ihrem Ende ein Knochenkügelchen befestigt. Die für das Spiel mit den Kanonen im Schiffsbauch installierte Mechanik wurde durch ein Röntgenbild sichtbar gemacht. -- Linienschiffe 3. Ranges waren zwischen den Loten (die Länge zwischen den Schnittpunkten des Vor- und Achterschiffes mit der Wasserlinie) ca. 50 Meter lang und als Vollschiffe getakelt. Während die Masten des Schiffs in Nürnberg wie häufig bei Seemannsmodellen überhöht sind, weist die aus Fäden geflochtene Takelage keine Fehler auf, der Modellbauer kannte ihre Funktion sehr genau. Allerdings hat die Schiffsminiatur keine Beiboote, obwohl Schiffe der vorgestellten Klasse über viele verfügten. Auch ist kein Ankergeschirr vorhanden. Der Heckspiegel ist wie bei französischen Linienschiffen hufeisenförmig. Am Heck ist leider kein Name angebracht und das Modell führt auch keinen Flaggenschmuck, wie einige vergleichbare Stücke. -- Mit dem Einhorn hat das Schiff eine typisch britische Galionsfigur. Das Einhorn, Bestandteil des Wappens des englischen Königshauses, wurde von vielen englischen Schiffen als Galionsfigur getragen. Ein englisches Linienschiff mit dem Namen "Unicorn" gab es zur Zeit der Koalitionskriege nicht. In den Schiffslisten konnte nur eine wesentlich kleinere Fregatte mit diesem Namen gefunden werden. Der Schöpfer des Knochenschiffes hat wie andere seiner gefangenen Landsleute aus dem Gedächtnis ein Modell mit typisch französischen Merkmalen gebaut und dieses, um es in England besser veräußern zu können, mit einer britischen Galionsfigur versehen. Das Einhorn ist durch den roten Anstrich seiner Halterung hervorgehoben und wie die verzierten Bugflügel und der prächtige Heckspiegel aus Elfenbein geschnitzt, während für den über einem Holzkern gebauten Schiffsrumpf und die Masten Knochen Verwendung fanden. Das Modell in Nürnberg ist äußerst gediegen gearbeitet. Weltweit existieren heute nur noch wenige "prisoner of war shipmodels" ähnlicher Qualität, was auch für den Erhaltungszustand gilt. Das Schiff befindet sich im Originalzustand, nichts deutet darauf hin, dass jemals Restaurierungsarbeiten vorgenommen wurden. Weder der Rumpf, die Masten, die Ausrüstung noch die Takelage weisen irgendwelche Beschädigungen auf. Das Schiff ist mit dem Kiel auf einer Holzplatte befestigt, die oben mit Knochenstreifen verkleidet und an den Kanten rot gefasst ist. Die schlicht gestaltete Standplatte lässt darauf schließen, dass es sich um ein frühes, um 1800 entstandenes Knochenschiff handelt; spätere Exemplare haben meist reich verzierte Ständer. (Nach Rüdel 2006)
Literatur:
Horst Rüdel: Relikte aus den Koalitionskriegen: Knochenschiffe französischer Kriegsgefangener. In: KulturGUT IV/2006, S. 6--8 — Neuerwerbungen Schiffahrt und Fischerei: In: Altonaer Museum in Hamburg. Jahrbuch 1967. S. 201--215, hier S. 213--214
 
 
3.3.130726