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Objekt / Inventarnr.: KG1239

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Armilla mit Kreuzigungsdarstellung (Armilla)

Inventarnummer: KG1239
Erworben 1978 mit Beteiligung der Bundesrepublik Deutschland und mit Hilfe der Bayerischen Landesstiftung und des Fördererkreises des Germanischen Nationalmuseums.
Datierung: um 1170/80
Ort: Rhein-Maas-Gebiet;
Material/Technik: Kupfer, vergoldet; Grubenschmelz
Maße: H. 11,5 cm; B. 11,7 cm; T. 4,5 cm
Sammlung: Handwerksgeschichte
Kunsthandwerk bis 1800
Beschreibung:
Stark gebogene Kupferplatte von irregulärer, etwa trapezförmiger Gestalt, unten annähernd halbkreisförmig, nach oben zu schräg verlaufende Kanten; der annähernd gerade obere Abschluß in der Mitte geringfügig eingezogen. Figuren, Kreuz, Bodengrund und Wolken in farbigem Email im wesentlichen in Weiß, Grün, Türkis, Violett, Blau, Purpurfarben, Rot und Gelb; Grund, nackte Teile der Figuren, vor allem Gesichter, Hände und Gestalt Christi in vergoldetem Metall ausgespart und graviert. Vier ursprüngliche kleine Löcher seitlich in der Rahmenleiste zum Durchziehen von Bändern, mit deren Hilfe die armilla am Oberarm ihres Trägers befestigt wurde, oder zum Aufnähen auf einem Kleidungsstück, etwa dem königlichen Mantel. -- Die vielfigurige Komposition der Kreuzigung mit Christus, Maria und Johannes, Stephaton und Longinus, Halbfiguren zweier akklamierender Engel und den um das Gewand Christi losenden drei Soldaten erstreckt sich über die ganze gewölbte Bildfläche bis zu den äußersten Rändern. Christus hängt vor tiefblau emailliertem Kreuz; sein von grünem Nimbus mit blauem Kreuz hinterfangenes Haupt ist ganz auf seine rechte Schulter gesunken. Zum Zeichen des Todes sind die Augen geschlossen. Die Hüfte ist stark nach links ausgebogen; das weiße Lendentuch mit grünen Schatten in den Vertiefungen ist auf seiner rechten Hüfte zu einem großen Knoten geschürzt und läßt am unteren Rand in einer Faltentüte das türkisfarbene Futter sichtbar werden. Christi Füße stehen auf einem ungewöhnlich großen perspektivisch wiedergegebenen grünen Suppedaneum, dessen rote Flecken das herabtropfende Blut des Herrn bezeichnen. Ähnlich perspektivisch verzerrt ist die blau emaillierte Inschrifttafel mit dem goldenen Buchstaben INRI. Longinus mit Lanze und Stephaton mit Essigeimer und Ysopstengel eilen von den Seiten heran, Stephaton der Bildtradition entsprechend deutlich als Rückenfigur verstanden. Im Gegensatz zu ihren reich bewegten Gestalten stehen Maria und Johannes als straffe aufrechte Figuren von rechteckigem Umriß an den äußersten Rändern der Komposition. Das untere Drittel des Bildfeldes füllen vor den blauen und purpurfarbenen Felsen des Golgathaberges drei Soldaten mit den in der Weise des antiken Morraspieles zum Losen erhobenen Händen. Zwischen ihnen liegt auf dem Felsen der purpurfarbene Leibrock und der grüngelbe Mantel des Herrn. Die Darstellung folgt der im Maasgebiet im 3. Viertel des 12. Jahrhs. ausgebildeten Tradition, hat aber in der Wahl des toten anstelle des lebenden Christus und im sonst gänzlich unüblichen Motiv des Fußbrettes offenbar unmittelbar byzantinische Anregungen aufgenommen, die wenig später im sog. Klosterneuburger Altar des Nikolaus von Verdun aus dem Jahr 1181 fortgeführt werden. Auf byzantinische Anregungen weist auch die im Westen ungewöhnliche vielfigurige Kreuzigung anstelle des Dreifigurenbildes und die in der Schatzkunst des 12. Jahrhs. sonst nicht belegte, freilich auch im Osten im Gegensatz zur älteren Tradition des Kreuzigungsbildes seltene Darstellung der losenden Soldaten. -- Armillae gehörten zum Herrscherornat der deutschen Könige, wurden in den ordines für die Königskrönung, wenn auch nicht in den für die römische Kaiserkrönung, genannt, während andere europäische Könige, außer den hier nicht in Betracht kommenden englischen, solche Insignien nicht kannten. Eine weitere -- wie die vorliegende in Russland, aber an anderem Ort -- aufgefunden Armilla wurde vom Pariser Louvre erworben. Die seitdem postulierte Zusammengehörigkeit der beiden Stücke wird neuerdings angezweifelt (Jannic Durand und Maria Rodina 2010). Ein weiteres im selben Kunstkreis und etwa zur selben Zeit entstandenes Paar emaillierter armillae mit der Darstellung der Geburt und Darbringung Christi, das wegen der dort angebrachten Inschrift wahrscheinlich ursprünglich zum Schmuck der deutschen Königinnen gehört hat, befand sich noch im 18. Jahrh. bei den damals in Nürnberg verwahrten Reichskleinodien.
Beschriftung:
Im Mittelalter gehörten am Oberarm getragene Spangen zum Krönungsornat der deutschen Könige. Die Armilla mit der Kreuzigung ist in der Regierungszeit Friedrich Barbarossas (1152-1190) entstanden. Sie ist ein eindrucksvolles Zeugnis der rhein-maasländischen Emailkunst. Ihr Gegenstück mit der Auferstehung Christi befindet sich in Paris. Zusammen bilden die beiden Spangen das einzige aus dem Mittelalter erhaltene Paar.
Literatur:
Christoph Gottlieb Murr (Hrsg.): Beschreibung der sämtlichen Reichskleinodien aus der Handschrift des seel. Duumviers Hieronimus Wilhelm Ebners von Eschenbach und der Reichsheiligthümer, welche in des Heil. Röm. Reichs freyen Stadt Nürnberg aufbewahret werden. Nürnberg 1790, S. 52-54 (zu den 1796 verlorenen armillae der Reichskleinodien in Nürnberg) — Christoph Gottlieb von Murr: Beschreibung der vornehmsten Merkwürdigkeiten in der Reichsstadt Nürnberg, in deren Bezirke und auf der Universität Altdorf nebst einem Anhange. 2. Auflage Nürnberg 1801, S. 300-302 (zu den 1796 verlorenen armillae der Reichskleinodien in Nürnberg) — Kahsnitz, Rainer: Armillae aus dem Umkreis Friedrich Barbarossas. In: Anzeiger GNM 1979, S. 7--46, Abb. 8, 10--13 — Wörn, Dietrich: Armillae aus dem Umkreis Friedrich Barbarossas (Naplecniki Andrej Bogoljubskijs). In: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas, N.F. Bd. 28, 1980, S. 391--397. — Kahsnitz, Rainer: Die Armilla Kaiser Friedrich Barbarossas. Ein Schmuckstück aus Email als Zeichen der Königswürde. In: Pörtner 1982, S. 181--198, Abb. 1--2. — Hürkey, Edgar J.: Das Bild des Gekreuzigten im Mittelalter. Untersuchungen zu Gruppierung, Entwicklung und Verbreitung anhand der Gewandmotive. Worms 1983, S. 91 und Nr. 263. — Heck, Simone: Zum Reisen fit machen? Vom Umgang mit Leihgaben. In: Ulmann 2004, S. 88--91 u. Nr. 24. — Mittelalter. Kunst und Kultur von der Spätantike bis zum 15. Jahrhundert (Die Schausammlungen des Germanischen Nationalmuseums, Bd. 2). Nürnberg 2007, S. 24, 39, 84--86, S. 85, Abb. 61, S. 394, Kat. 77. — Sainte Russie. L'art russe des origines à Pierre le Grand. Katalog zur Ausstellung im Musée du Louvre, Paris, 2010. Paris 2010, S. 192-193, Kat. 81 (Jannic Durand und Maria Rodina; Pariser Gegenstück unter eingehender Würdigung von KG 1239) — Russen und Deutsche. 1000 Jahre Kunst, Geschichte und Kultur. Bd. 1: Katalog. Ausst. Kat. Staatliches Historisches Museum, Moskau. Neues Museum, Berlin. Petersberg 2012, S. 24-25, Nr. I.3 (B. S. Heeb).
 
 
3.3.130726