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Objekt / Inventarnr.: KG763

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Ardennenkreuz (Vortragekreuz)

Inventarnummer: KG763
Datierung: 2. Viertel 9. Jh.
Ort: Nordfranzösisch oder westdeutsch ("fränkisch");
Material/Technik: Kupfer, vergoldet; Gold, Edelsteine, Glasflüsse, über Holzkern; Bergkristall; Goldfiligran
Maße: H. 65,5 cm; H. mit Dorn 73 cm; B. 45,2 cm; D.(Kugel) 7,6 cm; T. ca. 4,3 cm
Sammlung: Handwerksgeschichte
Kunsthandwerk bis 1800
Beschreibung:
Seinen inzwischen geläufigen Namen verdankt das Gemmenkreuz seiner angeblichen Herkunft aus einem Stift im luxemburgischen Teil der Ardennen. Die ursprüngliche Funktion kann nur vermutet werden, da Knauf und Dorn am unteren Ende des Kreuzstammes spätere Veränderungen sind, und die originale Halterung nicht mehr rekonstruiert werden kann. Es ist allerdings anzunehmen, dass es sich von Anfang an um ein Vortragekreuz gehandelt hat. -- Das lateinische Kreuz besitzt gespaltene, leicht nach außen geschweifte Enden und eine zur Kreisform erweiterte Mitte. Der hölzerne Kern war urspünglich vollständig mit Metallblechen belegt: auf der Vorderseite und an den Kanten mit Gold-, an der Rückseite mit vergoldetem Kupferblech. Der rechte Kreuzarm hat Blechverkleidung und Dekor vollständig verloren. Die Kanten und das kreisförmige Zentrum sind mit tordierten Drähten betont, auf den Schmalseiten sind filigrane Ranken aufgelegt. In das rückseitige Blech ist eine weitere Wellenranke getrieben, die an den Enden in Weintrauben ausläuft. Das Zentrum der Rückseite ist heute leer, möglicherweise befand sich hier ursprünglich eine Agnus-Dei-Darstellung (Kahsnitz 1982). -- Die Arme der Vorderseite sind mit Edelsteinen und Glasflüssen belegt, die auf den Kreuzarmen jeweils in drei Reihen angeordnet sind. Ihre Muldenfassungen sind mit Perldraht konturiert. Die mittleren Reihen bestanden ursprünglich vollständig aus großen Glasflüssen mit eingeschmolzenen Quarzpartikeln, die Saphire imitieren. Sie sind durchbohrt, was auf eine vorherige Verwendung als Schmucksteine schließen lässt. Die prominenten Mittelreihen, die von diesen voluminösen Saphir-Imitaten gebildet werden, sind seitlich von kleineren Steinen (Granat) und Glasflüssen begleitet, die alternierend mit Goldblechbuckeln zu Reihen angeordnet sind. Die Buckel sind durch kreuzförmig darüber gelegte Drahtbügel dekoriert. -- Ein Kranz von ehemals 16 Steinen (Granat; Chrysopras; jetzt in situ noch 13 Steine und ein Glasfluss), abwechselnd in rechteckigen und gerundeten Muldenfassungen sitzend, ist um einen großen zentral sitzenden Bergkristall gelegt. Der gemugelte Kristall ist von einer Fassung mit blattähnlichen Krampen gehalten, um die (ursprünglich) zwanzig kleinere, goldfarben hinterlegte Glasflüsse ringförmig gruppiert sind. Möglicherweise erlaubte der Bergkristall den Blick auf eine dahinter angebrachte, nicht mehr erhaltene Reliquie. -- Die ursprüngliche Gesamtzahl der Steine und Glasflüsse betrug 111. Von den 29 Saphir-Imitaten der Mittelreihen haben sich 15 erhalten, vier wurden nachträglich durch andere Glasflüsse bzw. einen gemugelten Bergkristall ersetzt. Insgesamt 56 kleinere Steine und Gläser (von ursprünglich 82) sind noch in situ, allerdings sind 34 davon als spätere Ersetzungen anzusehen. Die 22 verbleibenden aus dem originalen Besatz zeigen die farbliche Ordnung aus Weiß, Blau, Grün und Rot, die an den Gemmenkreuzen seit dem 9. Jahrhundert beobachtet werden kann (vgl. Jülich 1986/87; S. 200). -- Anhaltspunkte zur zeitlichen Einordnung des Kreuzes können vor allem aus Form und Technik der Edelsteinfassungen und der Goldblechbuckel gewonnen werden, die in enger Beziehung zur Stephansbursa in der Weltlichen Schatzkammer Wien bzw. zum Deckel des Psalters Karls des Kahlen in der Bibliothèque Nationale in Paris stehen. Die dadurch in das zweite Viertel des 9. Jahrhunderts eingrenzbare Datierung wird durch die Wellenranke der Rückseite bestätigt, die mit Motiven aus touronischen Handschriften der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts vergleichbar sind. Gleichzeitig stützen diese Vergleiche auch die völlig unzureichend belegte Herkunft des Kreuzes aus dem karolingischen Kernbereich. -- Das Kreuz wurde 1894 im deutschen Kunsthandel erworben.
Literatur:
García de Castro Valdés, César (Hrsg.): Signum Salutis. Cruces de orfebrería de los siglos V al XII. Oviedo 2008, Kat. Nr. 18. (Ralf Schürer). — Mittelalter. Kunst und Kultur von der Spätantike bis zum 15. Jahrhundert (Die Schausammlungen des Germanischen Nationalmuseums, Bd. 2). Nürnberg 2007, S. 16, 59, Abb. 41, S. 59--60, 74, 309, 391 Kat. 48. — Germanisches Nationalmuseum. Führer durch die Sammlungen. Nürnberg 2001, S. 34. — Hyrsl, Jaroslav: A rare medieval sapphire imitation. In: Gems and Gemology 37, 2001, S. 243--244. — 799. Kunst und Kultur der Karolingerzeit. Karl der Große und Papst Leo III. in Paderborn. Katalog zur Ausstellung in Paderborn 1999. Mainz 1999, Bd. 2, Nr. XI.12 (Theo Jülich). — Schätze und Meilensteine deutscher Geschichte aus dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg. Nürnberg 1997. S. 24. — Sepière, Marie-Christine: L'image d'un Dieu souffrant. Aux origines du crucifix. Paris 1994; S. 40--41. — Lasko, Peter : Ars Sacra 800--1200. 2. Auflage, New Haven 1994, S. 32. — Elbern, Victor H.: Die Goldschmiedekunst im frühen Mittelalter. Darmstadt 1988, S. 42--43, Abb. 30--31. — Jülich, Theo: Gemmenkreuze. Die Farbigkeit ihres Edelsteinbesatzes bis zum 12. Jahrhundert. In: Aachener Kunstblätter Bd. 54/55, 1986/87, S. 99--258; bes. S. 157--159, Abb. 12, S. 211--212. — Kahsnitz, Rainer: Das Ardennenkreuz - eine crux gemmata aus karolingischer Zeit. In: Das Schatzhaus der deutschen Geschichte. Das Germanische Nationalmuseum Nürnberg, hrsg. von Rudolf Pörtner, München 1982, S. 151--175, Abb. 4--6. — Gaborit-Chopin, Danielle: L'orfèvrerie cloisonnée à l'époque carolingienne. In: Cahiers archéologique 29, 1980/1981; S. 5--26, bes. S. 13. — Mahler, Annemarie E.: Lignum Domini and the Opening Vision of the Dram of the Rood. A viable Hypothesis?. In: Seculum 53, 1978, S. 441--459, bes. S. 452 und Taf. 1. — Germanisches Nationalmuseum Nürnberg. Führer durch die Sammlungen. München 1977, Nr. 32 mit Abb. — Kahsnitz, Rainer: Rhein und Maas. Kunst und Kultur 800--1400. Zu der Ausstellung in Köln und Brüssel im Sommer 1972. In: Zeitschrift für Kunstgeschichte 36, 1973, S. 282--307, bes. S. 295. — Rhein und Maas. Kunst und Kultur 800--1400. Katalog der Ausstellung in Köln und Brüssel 1972, Köln 1972, Nr. A 1 (Dietrich Kötzsche). — Germanisches Nationalmuseum. Ausgewählte Werke. Nürnberg 1971, Nr. 6. — Usener, Karl Hermann: Zur Datierung der Stephansbursa. In: Miscellanea Pro Arte. Hermann Schnitzler zur Vollendung des 60. Lebensjahres. Düsseldorf 1965, S. 37--47, bes. S. 40--41 u. Abb. 6. — Elbern, Victor H.: Liturgisches Gerät in edlen Materialien zur Zeit Karls des Großen. In: Karl der Große. Lebenswerk und Nachleben, 3. Karolingische Kunst, hrsg. von Wolfgang Braunfels und Hermann Schnitzler. Düsseldorf 1965, S. 115--167, bes. S. 122 u. Abb. 5. — Karl der Große - Werk und Wirkung. Katalog zur Ausstellung 1965 in Aachen. Düsseldorf 1965, Nr. 558 u. Abb. 111. — Elbern, Victor H.: Die bildende Kunst der Karolingerzeit zwischen Rhein und Elbe. In: Das erste Jahrtausend, Textband 1. Düsseldorf 1962, S. 412--435 bes. S. 432. — Weixlgärtner, Arpad: Das Reliquiar mit der Krone im Staatlichen Historischen Museum zu Stockholm. Uppsala 1954, S. 38. Victor H. Elbern: Das erste Jahrtausend, Tafelband. Düsseldorf 1962, Taf. 288--289. — Pilz, Kurt: Vortragekreuze. In: Kirche und Kunst 34, 1956, Nr. 1, S. 2. — Werdendes Abendland an Rhein und Ruhr. Katalog zur Ausstellung in Essen 1956. Essen 1956, Nr. 298 und S. 161. — Deutsche Kunst und Kultur im Germanischen Nationalmuseum. Nürnberg 1952, Abb. 20. — Ars Sacra. Kunst des frühen Mittelalters. Katalog zur Ausstellung in München 1950. München 1950, Nr. 72. — Arbman, Holger: Schweden und das karolingische Reich (Handlingar, Kungl. Vitterhets Historie och kvitets Akademiens 43). Stockholm 1937, S. 187, Anm. 4. — Koch, Albert: Die Mölsheimer Goldfibel. Ein frühkarolingisches Denkmal. In: Zeitschrift für Kunstgeschichte 4, 1935, S. 205--213, bes.S. 209. — Alte Kunst am Mittelrhein. Katalog zur Ausstellung in Darmstadt 1927. Darmstadt 1927, Nr. 403, Taf. 38. — Rosenberg, Marc: Das Stephanusreliquiar im Lichte des Utrechtpsalters. In: Jahrbuch der Preußischen Kunstsammlungen 43, 1922, S. 169--184, bes. S. 178, Abb. 8 und 10. — Hampe, Theodor: Ein Vortragekreuz aus dem X. Jahrhundert. In: Mitteilungen aus dem Germanischen Nationalmuseum 1900, S. 98--106, Taf. IV.
 
 
3.3.130726