Objektansicht

Objekt / Inventarnr.: WI111

 Aktionen

 

 QR Code

imageGrößere Ansicht

Nördliche Halbkugel eines Himmelsglobus (Globus)

Inventarnummer: WI111
Hersteller: Weigel, Erhard (Entwurf)
Datierung: um 1690
Ort: Nürnberg (?)
Material/Technik: Kupferblech, getrieben, punziert, ziseliert, bemalt
Maße: H. 20,0 cm; Dm. 36 cm; Stärke 0,5 mm
Sammlung: Waffen und Jagdkultur
Wiss. Instrumente und Medizingeschichte
Beschreibung:
Das vorliegende Fragment wurde aus Kupferblech zu einer etwa 0,5 mm starken Kugelkalotte von 35 cm Durchmesser getrieben. Am Pol der so entstandenen Halbkugel befindet sich ein etwa 8 mm großes Loch, das vermutlich für die Durchführung der Polstange entlang der Drehachse des Globus vorgesehen war. Zwölf weitere Löcher, von je 2 mm Durchmesser, finden sich gleichmäßig verteilt entlang der Wandung, knapp oberhalb des Abschlusses der Halbkugel zu ihrer Schnittebene. Schrauben, Stifte oder andere Verbindungselemente fehlen vollständig. Weiter sind zwei zur Schnittebene parallel liegende, getriebene Kleinkreise zu erkennen, die sich leicht über die Kugeloberfläche erheben. Der in einem Winkel von etwa 23° zur Schnittebene gelegene südlichere Kleinkreis entspricht dem Kreis, der den Großkreis des Himmelsäquators auf der Himmelskugel tangiert. Der nördlichere Kleinkreis hingegen wird durch die sich über Jahrtausende vollziehende Wanderung der Erdachse durch den Sternenhimmel beschrieben, die sogenannte Präzession. Die Kugeloberfläche weist die Struktur eines Doppelreliefs auf. Durch Treib- und Ziselierarbeit wurden die klassischen wie die heraldischen Sternbilder herausgearbeitet, wobei sich die von Erhard Weigel neu eingeführten deutlich über die klassischen erheben und diese dem Augenschein nach überdecken. Dadurch bleiben Teile der klassischen Sternbilddarstellungen noch zu erkennen, wie etwa Kopf und Tatzen des Großen Bären, stehen aber dennoch gegenüber der optischen Dominanz der neu eingeführten zurück. Insgesamt 29 heraldische Sternbilder lassen sich ausmachen, teils am Kugeläquator durchschnitten. Weigel führte neue Sternbilder beruhend auf Herrschaftswappen seiner Zeit ein, welche die althergebrachten ersetzen sollten. Als kleine Buckel treten die Sterne gemäß dem Grad ihrer scheinbaren Helligkeit hervor: je heller der Stern am Firmament, desto ausgeprägter die Erhebung auf dem Globus. Die Buckel der lichtstärksten Gestirne sind fein durchstochen. Vom grau-blauen Untergrund heben sich die handkolorierten Sternbilder ab. Dabei sind die klassischen Sternbilder durchgehend in einem gelb-braunen Farbton gehalten, die heraldischen polychrom gefasst. Durch die schollenartigen, teilweisen Fassungsausbrüche ist die farbliche Trennung zwischen einigen Sternbildern merklich beeinträchtigt worden (Die krumme Hellepart (Fürstentum Holstein), Der Steigbügel (Fürstentum Kurland)). Nördlich des weigelschen Sternbilds Das weisse Pferd (Fürstentum Braunschweig-Lüneburg) befindet sich eine ovale, getriebene Kartusche, deren große Halbachse 5 cm misst. Die Kartusche ist leer. Südlich des Sternbilds Drey Castel (Königreich Spanien), finden sich vier Symbole die sich als „1000“ deuten lassen.
Literatur:
Erh. Weigel Metallene Himmelskugel mit den getriebenen Wappen der europäischen Länder statt der üblichen Sternbilder. Bemaltes Kupfer. Nur die nördliche Hälfte, ohne Gestell. — Siegmund Günther: Die mathematische Sammlung des germanischen Museums. In: Leopoldina 14 (1878), S. 93–96, 108–110. — Ernst Zinner: Deutsche und niederländische astronomische Instrumente des 11. - 18. Jahrhunderts. München 1956, S. 582. — Werner Horn: Der heraldische Himmelsglobus des Erhard Weigel 8, 1959. In: Der Globusfreund, S. 17-28. — Oswald Muris, Gert Saarmann: Der Globus im Wandel der Zeiten. Berlin, Beutelsbach bei Stuttgart 1961, S. 165f. — Alois Fauser: Ältere Erd- und Himmelsgloben in Bayern. Stuttgart 1964, S. 141 Nr. 232. — Schätze der Astronomie, Ausst. Amman, Damaskus, Istanbul, Tunis Kat. Nbg. 1983, Nr. 6 — Focus Behaimglobus. Ausst.Kat. Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg. Bearb. v. Johannes Willers u.a. Nürnberg 1992, S. 538. — Stefan Kratochwil: Die Himmelsgloben von Erhard Weigel. In: Jenaer Jahrbuch zur Technik- und Industriegeschichte 6, 2004, S. 41-54, bes. S. 45. — Jürgen Hamel: Der heraldische Silberglobus von Erhard Weigel im Astronomisch-Physikalischen Kabinett Kassel. In: Gottfried Kirch, hrsg. v. Jürgen Hamel. Frankfurt/Main 2010, S. 34-64. — Christof Sendhardt: Ein Fragment des Himmels. Ein heraldischer Himmelsglobus von Erhard Weigel als Projektor? In: Kulturgut – Aus der Forschung des Germanischen Nationalmuseums 46, 2015/3, S. 4-8 [online: http://www.gnm.de/sammlungen/online-bestaende/kulturgut/ ] — Jürgen Hamel: Die heraldischen Himmelsgloben von Erhard Weigel. Ein Bestandsverzeichnis. In: Der Globusfreund 61/62, 2016, S. 93–137.
 
 
3.3.130726