Objektansicht

Objekt / Inventarnr.: HG8601_1

 Aktionen

 

 QR Code

imageGrößere Ansicht

Kokosnusspokal der Familie Holzschuher (Kokosnusspokal mit Deckel)

Inventarnummer: HG8601_1
Hersteller: Peter Flötner (um 1490-1546) (Schnitzerei und Entwurf, zugeschr.), Melchior Baier (um 1495-1577) (Silberarbeit, zugeschr.)
Datierung: um 1535
Ort: Nürnberg
Material/Technik: Kokosnussschale; Silber, vergoldet; getrieben, gegossen
Maße: H. gesamt 44,1 cm; H. ohne Deckel 31,3 cm; D.(Cuppa) 14 cm; D.(Sockel) 14,2 cm
Marke/Inschrift: N im Rund
Sammlung: Handwerksgeschichte
Kunsthandwerk bis 1800
Beschreibung:
"Der stark vertikal aufragende Pokal ist durch die Dominanz der bildhauerischen Elemente bestimmt. Der sich auf rundem Grundriss erhebende Fuß und der gestreckte Schaft sind zu einem homogenen plastischen Gebilde aus vergoldetem Silber zusammengefasst. Aus felsigem Terrain steigt ein knorriger Rebstock auf, der als Schaft spiralig emporwächst. Den oberen Abschluss bilden der von Blättern umstandene Nodus und ein als Auflager der Kuppa dienendes Kapitell. Der Erdsockel wird von ungezwungen agierenden Figuren bevölkert, welche die Wirkung allzu heftigen Weingenusses vor Augen führen. Eine junge Frau, neben der eine umgestürzte Weinkanne liegt, scheint soeben ihr Gesicht mit einem Tuch zu verhüllen, um aber doch verstohlen das Treiben zu verfolgen. Indessen nähert sich eine zweite junge Frau, die eine Weinkanne hält, zudringlich einem schlafenden nackten Alten und umfasst sein Geschlecht. [...] Die erotische Szene findet ihre animalische Entsprechung in der Gruppe zweier kopulierender Ziegen, die zum Gefolge des Bacchus zählen. Auf den Besitzer des Pokals verweist ein Putto, der mit augenscheinlich großer Kraftanstrengung einen mächtigen Schild mit dem Holzschuher-Wappen hält. Die bacchantische Motivik setzt sich in der rundplastisch angelegten Gruppe des silbervergoldeten Deckelknaufs fort: Ein Silen flößt dem kindlich-feisten Bacchus, der trunken am Boden liegt, Wein aus einem Schlauch ein; ein zweiter Weinschlauch liegt schon bereit. Eine mit Silbermontierung versehene Kokosnuss bildet die - einschließlich des leicht gewölbten Deckels - annähernd kugelförmige Kuppa, die gleichsam als mächtige Frucht aus dem stammförmigen Schaft des Pokals hervorzugehen scheint. Die Wandung der Kokosnuss zeigt drei äußerst fein in Flachrelief geschnitzte Szenen mit bacchantischer Thematik; auch hier werden z. T. die Folgen maßlosen Trinkens drastisch vor Augen geführt. Der Deckel trägt dagegen drei - minder qualitätvoll ausgeführte - Szenen aus dem Bergbau, dem letztlich auch das Material des Silbers zu verdanken ist. Möglicherweise wird hier zugleich auf die wirtschaftliche Tätigkeit der Holzschuher angespielt, die in Böhmen Bergwerke besaßen." (Aus: Lorenz Seelig 2007, S. 504). Zu dem Pokal gehört ein Futteral (HG8601_2). Weitere grundsätzliche Informationen im Hauptdokument (HG8601).
Beschriftung:
Exotisches Material, virtuose Technik und subtilste Bildnerei in Relief und Kleinplastik vereint dieser Pokal. Bacchantische Szenen verweisen auf seinen Gebrauchszweck: den Genuss des Weines. Gleichzeitig warnen sie vor Exzessen als Folge der Unmäßigkeit. Der moralische Appell ist dem Künstler Anlass, in genüsslicher Detailliertheit eben diese Ausschweifungen wiederzugeben. Die später hinzugefügten Schnitzereien am Deckel beziehen sich auf die Eigentümerfamilie, die ihren Wohlstand dem Bergbau verdankte.
Coconut Goblet of the Holzschuher Family. Coconut shell, silver, gilded. This goblet combines exotic material, virtuoso technique as well as supremely subtle small-scale carving and relief sculpture. Bacchanalian scenes allude to its intended use: the enjoyment of wine. At the same time they warn against excesses caused by a lack of moderation. The moral appeal justifies the artist's reproduction of this debauchery in particularly succulent detail. The carvings added later to the cover relate to the family who owned the goblet and whose wealth was acquired from mining.
Literatur:
Lange, Konrad: Peter Flötner als Bildschnitzer. In: Jahrbuch der Preußischen Kunstsammlungen, Bd. 17, 1896, (S. 162--180, 221--235), S. 226--235. — Lange, Konrad: Peter Flötner: Ein Bahnbrecher der deutschen Renaissance. Berlin 1897, S. 93--103. — Frankenburger, Max: Beiträge zur Geschichte Wenzel I. Jamnitzers und seiner Familie (Studien zur deutschen Geschichte, Bd. 30). Straßburg 1901, S. 39--41, Nr. 124. — Rosenberg, Marc: Der Goldschmiede Merkzeichen, Bd. 3, Hofheim am Taunus 1925³, Nr. 3756; 3687?. — Kris, Ernst: Der Stil "Rustique". Die Verwendung des Naturabgusses bei Wenzel Jamnitzer und Bernhard Palissy. Zur Technik des Bronzegusses in der Renaissance. In: Jahrbuch der kunsthistorischen Sammlungen in Wien, N. F., Bd. 1, 1926, (S. 137--208), S. 165--166. — Braun, E. W.: Peter Flötner und die Renaissance in Deutschland. Ausst. Kat. Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg 1946/47, S. 69, Nr. 407. — Schwemmer, Wilhelm: Aus der Geschichte der Kunstsammlungen der Stadt Nürnberg. In: MVGN Bd. 40 (1949), S. 173. — Holzhausen, W.: Die Blütezeit bergmännischer Kunst. In: Heinrich Winkelmann (Hg.): Der Bergbau in der Kunst. Essen 1958, S. 151. — Kohlhaußen, Heinrich: Nürnberger Goldschmiedekunst des Mittelalters und der Dürerzeit: 1240 bis 1540. Berlin 1968, Nr. 469, S. 477--479. — Bayern. Kunst und Kultur. Ausst.Kat. Münchner Stadtmuseum, München. Hrsg. v. Michael Petzet. München 1972, S. 385, Nr. 681. — Hernmarck, Carl: The Art of the European Silversmith 1430--1830. London/New York 1977, S. 93, Abb. 83 und 83a. — O'Dell-Franke, Ilse: Kupferstiche und Radierungen aus der Werkstatt des Virgil Solis. Wiesbaden 1977, d 68--70, Taf. 34 (Wiederholung der Bildreliefs als Stiche). — Pechstein, Klaus: The "Welcome" Cup. Renaissance Drinking Vessels by Nuremberg Goldsmiths. In: Connoiseur 199, 1978, S. 182, Abb. D. — Pechstein, Klaus: Von Trinkgeräten und Trinksitten. Von der Kindstaufe bis zum Kaufvertrag. Pokale als Protokolle des Ereignisses. In: Pörtner, Rudolf (Hg.): Schatzhaus der deutschen Geschichte. Düsseldorf und Wien 1982, S. 396, Abb. 3. — Fritz, Rolf: Die Gefäße aus Kokosnuß in Mitteleuropa 1250--1800. Mainz 1983, S. 97, Taf. 26a--c. — Wenzel Jamnitzer und die Nürnberger Goldschmiedekunst 1500--1700. Goldschmiedearbeiten- Entwürfe, Modelle, Medaillen, Ornamentstiche, Schmuck, Porträts. Ausst. Kat. Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg. Hrsg. v. Gerhard Bott. München 1985, Nr. 11, S. 215--216. — Slotta, Rainer/Bartels, Christoph: Meisterwerke bergbaulicher Kunst vom 13. bis zum 19. Jahrhundert. Ausst. Kat. Deutsches Bergbau-Museum, Bochum; Schloss Cappenberg, Kreis Unna. Bochum 1990, S. 510--513, Nr. 228. — Dienst, Barbara: Der Kosmos des Peter Flötner. Eine Bildwelt der Renaissance in Deutschland (Kunstwissenschaftliche Studien, Bd. 90). München, Berlin 2002, S. 138--154. — Faszination Meisterwerk. Dürer, Rembrandt, Riemenschneider. Ausst. Kat. Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg. Bearb. v. Daniel Hess. Nürnberg 2005, S. 160--163 (Barbara Dienst). — Nürnberger Goldschmiedekunst 1541--1868. Bd. 1, Teil 1: Meister, Werke, Marken. Bearb. v. Karin Tebbe u. a. Nürnberg 2007, Nr. 14.09, S. 29; Bd. 2: Goldglanz und Silberstrahl. Bearb. v. Karin Tebbe u. a. Nürnberg 2007, S. 154 u. Nr. 15, S. 268. — Seelig, Lorenz: Goldschmiedekunst. In: Krause, Katharina (Hrsg.): Spätgotik und Renaissance (Geschichte der bildenden Kunst in Deutschland, Bd. 4). München u.a. 2007, Nr. 242, S. 503. — Renaissance. Barock. Aufklärung. Kunst und Kultur vom 16. bis zum 18. Jahrhundert. Hrsg. von Daniel Hess und Dagmar Hirschfelder. (Die Schausammlungen des Germanischen Nationalmuseums, Band 3) Nürnberg 2010, S. 259, 437, Abb. 221. — Teget-Welz, Manuel: Peter Flötner. Ein Bildschnitzer, Entwerfer und Illustrator im Nürnberg der Renaissance. In: Von nah und fern. Zuwanderer in die Reichsstadt Nürnberg. Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung im Stadtmuseum Fembohaus Nürnberg vom 29. März bis 10. August 2014. Petersberg 2014 (S. 101-108), S. 106 und Abb. S. 105. — Peter Flötner. Renaissance in Nürnberg. Eine Ausstellung der Museen der Stadt Nürnberg in Kooperation mit der Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg ; Albrecht-Dürer-Haus - Stadtmuseum - Tucherschloss ; 24. Oktober 2014 - 18. Januar 2015. Katalog, hrsg. von Thomas Schauerte und Manuel Teget-Welz. Petersberg 2014, S. 108-111, Kat. 24 (Barbara Dienst) — Teget-Welz, Manuel: Prunkpokal und Schmuckdolch. Peter Flötners Zusammenarbeit mit Melchior Baier. In: Peter Flötner. Renaissance in Nürnberg. Eine Ausstellung der Museen der Stadt Nürnberg in Kooperation mit der Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg ; Albrecht-Dürer-Haus - Stadtmuseum - Tucherschloss ; 24. Oktober 2014 - 18. Januar 2015. Katalog, hrsg. von Thomas Schauerte und Manuel Teget-Welz. Petersberg 2014 (S.45-54), S. 51-52. — Koeppe, Wolfram: Im Spiegel fürstlicher Repäsenration - das Patriziat als Auftraggeber. In: Monika Bachtler, Dirk Syndram, Ulrike Weinhold: Die Faszination des Sammelns. Meisterwerke der Goldschmiedekunst aus der Sammlung Rudolf-August Oetker. Bielefeld-Dresden-München 2011, S. 23.
 
 
3.3.130726