Beschreibung
Sog. Ghyczy-Sessel oder Ghyczy-Ei
Entwurf: Peter Ghyczy (geb. 1940), 1968
Hersteller: Chemie-Kombinat Schwarzheide
Ovale Schale aus Polyurethan, gelb, blaues Schaumstoffpolster- nach anderer Quelle: fiberglasverstärktes Polyester
Das Sitzei war für Anwendung im Garten gedacht. Es erwies sich aber als wenig brauchbar, da in die Schlitze das Wasser eindrang.
Peter Ghyczy ist ein deutscher Designer ungarischer Abstammung, multikulturell und vielsprachig; er in die Reihe der Designer, die ebenfalls Einwanderer waren – darunter Henry van de Velde, Marcel Breuer, Hans Gugelot und Peter Maly, und die das deutsche Design wesentlich beeinflusst haben. 1968 übernahm er als freier Mitarbeiter eine leitende Funktion bei der Firma Elastogran in Lemförde in Südniedersachsen, bei der er für die Entwicklung von Produkten aus Polyurethan verantwortlich war. Besitzer und Firmenleiter Gottfried Reuter, ursprünglich Chemiker bei Bayer in Leverkusen, war eine Koryphäe auf dem Gebiet der Polyurethan-Technik, für die er etliche Patente besaß. Darauf baute er in den 1960er Jahren eine Firmengruppe auf, für die er schließlich eine eigene Designabteilung in Lemförde gründete.
Geschichte
Zwischen 1968 und 1972 entwickelte Peter Ghyczy in Lemförde zahlreiche innovative Entwürfe, die – bisher nirgends dokumentiert – ihn als einen der produktivsten Designer jener Jahre ausweisen. 1970 eröffnete in Lemförde das „Design-Center“, ein Gebäude nach Ghyczys Entwurf, das ebenfalls vollständig aus Polyurethan bestand und als Kunststoffarchitektur selbst eine Innovation war. Dabei handelte es sich um eines der frühen deutschen Designstudios, dessen enge Verzahnung von technischer Entwicklung und Produktgestaltung beispielhaft war und das in der Kunststoffbranche eine Alleinstellung hatte. Hier entstanden neben neuartigen, modularen Bauteilen, wie etwa Notunterkünften und Fassadenelementen, vor allem Möbel verschiedenster Art, darunter Stühle, Schalensessel, Wohnlandschaften, Tische, Regale und plastische Türfronten für Büro und Küche. Lizenzen wurden an namhafte Firmen vergeben, u. a. an Drabert, die Vereinigten Werkstätten, Vitra (damals noch Fehlbaum GmbH) und Beylarian in den USA. Bekannt geworden ist von alledem nur ein Modell: das „Gartenei“ von 1968, der erste aufklappbare Sessel. Bereits 1972 wurde das „Design-Center“ geschlossen und später abgerissen. Reuter verkaufte seine Firma an BASF und – insgeheim – die Polyurethan-Technik gleichzeitig auch an die DDR, die als Beigabe das Gartenei erhielt. So kam es, dass dieser Ghyczy-Entwurf auch in der DDR vom VEB Synthesewerk Schwarzheide (heute: BASF Schwarzheide) in der Nähe von Senftenberg in unbekannter Stückzahl produziert wurde. Nachdem es als „Senftenberger Ei“ – nicht selten fälschlicherweise als DDR-Design angesehen – in der Kunstszene der späten 1990er Jahre zum Kultobjekt und zu einem begehrten Sammlerstück wurde, legte Peter Ghyczy seinen Entwurf selbst wieder auf.
1972 gründete er die Firma Ghyczy + Co Design in Viersen und stellt seine erste eigene Möbelkollektion vor. Für etliche seiner Entwürfe meldete er Patente an, insbesondere für die von ihm entwickelte Klemmtechnik als Verbindung von Glas und Metall, auf deren Grundlage Ghyczy eine neuartige gestellfreie Tischform entwickelte, die häufig kopiert wurde und auf der er eine ganze Produktfamilie aufbaute. Schließlich entstand die Klemmkonsole R 03, ein gestellfreies Regal und längst ein anonymer Klassiker, der heute – als Plagiat – in kaum einem Baumarkt fehlt. Von Peter Ghyczy stammen auch zahlreiche Lampenentwürfe u. a. die Serie MegaWatt und die Tischleuchte MW 17, ein gebogenes, ausbalanciertes Rohr und damit eine weitere gestellfreie Konstruktion – ein Prinzip, das designhistorisch an den Freischwinger erinnert. Bei zahlreichen Produkten verwendete Peter Ghyczy Gussteile aus Metall, insbesondere Aluminium- und Messingguss. Dieses Verfahren geht noch auf seine frühen Erfahrungen mit der Gusstechnik beim Kunststoff zurück.
1974 verlegte Peter Ghyczy den Firmensitz in die Niederlande, wo die Firma nun unter dem Namen Ghyczy Selection firmierte. 1985 erfolgte der Umzug nach Swalmen, wo die Firma heute noch besteht.