Erst der Einband, dann das Buch
Der Prunkeinband entstand mehrere Jahrzehnte bevor das dazu gehörige Buch überhaupt geschaffen wurde. Gestiftet hatten ihn Kaiserin Theophanu und ihr minderjähriger Sohn Otto in die Abtei Echternach bei Trier. Hier entstand um 1030 auch die Handschrift dafür, der berühmte Codex Aureus. Das „goldene Buch“ ist eine Evangelienschrift, deren Bezeichnung wörtlich zu verstehen ist: Die Mönche der Abtei Echternach schrieben sie mit Goldtinte auf purpurfarbene Seiten. Das reich bebilderte…
Ein selbstbewusster Kavalier
Im frontalen Gegenüber malte sich Rembrandt mit einer Halsberge (einem „Panzerkragen“ aus Metall) und einer Liebeslocke. Er zeigt sich damit im Kostüm des höfischen Kavaliers. Bei der Liebeslocke, die an Rembrandts verschatteter Kopfseite auf die Schulter herabfällt, handelte es sich um einen Trend der aristokratischen Männermode. Rembrandts Abstammung war jedoch keineswegs adelig. Mit der Kostümierung und dem direkten Blick aus dem Bild zum Betrachter markiert das Nürnberger Bildnis einen Wendepunkt in Rembrandts…
Ähnlich, aber einzigartig
Wilhelm Lehmbruck schuf 1911 eine lebensgroße weibliche Aktplastik aus Gips, die er Die Kniende nannte. Begleitend fertigte er mehrere Büsten der Knienden, die sich durch Material und Oberflächendetails unterscheiden. Das Exemplar im GNM besteht aus gelblichem Ton. Obwohl die Bearbeitungsspuren der Figur Einzigartigkeit verleihen, stellte Lehmbruck keine konkrete Person dar. Vielmehr zeigt die Büste eine universelle menschliche Geste. Die Frau hat ihre Augen geschlossen und den…
Dürers Mutter im Porträt
Dürer zeigt seine Mutter Barbara in rotem Gewand und weißer Haube mit einem über der Schulter drapierten Schleier. Sie erscheint im Brustbild in Dreiviertelfigur vor grünem Grund. In den Händen hält sie als Zeichen ihrer Frömmigkeit eine Gebetskette, den Rosenkranz.
Barbara Holper war die Tochter eines Goldschmieds. Mit nur fünfzehn Jahren heiratete sie den aus Ungarn eingewanderten Albrecht Dürer den Älteren. Dieser war zuvor für einige Jahre Geselle in…
Jagd nach dem Altertum
Das Germanische Nationalmuseum versteht sich maßgeblich als Museum für den deutschsprachigen Raum. Als um 1900 der Trakt mit den sogenannten Bauernstuben eingerichtet wurde, war es daher naheliegend, dass auch ein Zimmer aus der deutschsprachigen Schweiz gezeigt wurde. Museumsleute und Freunde historistischer Lebenswelten machten damals regelrecht Jagd auf derartige Getäfer, wie die Wandvertäfelungen in der Schweiz heißen. Die dortigen Museumsdirektoren und Denkmalpfleger zeigten sich…
Ein Vorläufer des Waschbeckens
Im Spätmittelalter führten die Bedürfnisse des aufstrebenden Bürgertums in den Städten zur Entwicklung neuer Möbelgattungen. Dazu gehört auch der Waschkasten. Er brachte „fließendes“ Wasser in die Stuben, lange bevor es Wasserleitungen in den Wohnhäusern gab. Denn damals musste jeder Liter, den man trank, zum Kochen, Putzen oder für die eigene Hygiene verwendete, von einem der vielen öffentlichen Brunnen geholt werden. Waschkästen machten die Nutzung des Wassers in den…
Momentaufnahme des Hebammenwesens
Der mit Hebammen-Utensilien gefüllte Koffer gleicht einer Zeitkapsel. Er dokumentiert den Stand der Geburtsmedizin im Winter 1944/45. Seine Besitzerin war die Hebamme Elisabeth Dudek, genannt Elise, die den Koffer im oberschlesischen Gieschewald (pol. Giszowiec) bei Kattowitz einsetzte. Im April 1945 floh Dudek in den Westen, wo sie dann in der klinischen Krankenpflege tätig war, allerdings nicht mehr als Hebamme. Im Rentenalter überließ Frau Dudek ihren Koffer dem letzten, 1945 von ihr in Gieschewald zur Welt…
(Über-)natürliche Schönheit
Das Stängelglas von 1896 erscheint so fragil und einzigartig wie eine echte Blüte. Es wurde in der Manufaktur der Tiffany Glass and Decorating Company in New York City produziert. Auf einer gewölbten Fußplatte steht ein dünner Stängel, der sich nach oben erweitert und in einen Blütenkelch übergeht. In den Bauch des Glases ist ein pfauenfederförmiger Farbverlauf eingearbeitet. Der geschwungene Blütenrand hat fünf Auswölbungen und ist mit oberflächlichen Rissen, sogenannten Craquelés, verziert. Das mundgeblase…
Alles begann mit Aufseß …
Hans von und zu Aufseß war der Gründer und bis 1862 der erste Direktor des Germanischen Nationalmuseums. Als Nachkomme eines reichsritterlichen Geschlechts, widmete er sich bereits während seines Jura-Studiums mit großer Leidenschaft historischen Forschungen und verwaltete die Familiengüter. Seine umfangreiche Privatsammlung aus Kunst- und Altertumsschätzen sowie Büchern, Handschriften und Archivalien bildete den Grundstock für das Museum, welches heute mit mehr als 1,4 Millionen Objekten das größte…