Die Jagd, ein fürstliches Vergnügen
Die fürstliche Leidenschaft für das Jagen bestimmt das Bildprogramm dieses Pokals aus der Zeit um 1720. Auf der Schale, auch Cuppa genannt, und am Fuß des Pokals sind in flachem Relief Jagdszenen zu sehen. Der Schaft ist als Eichenstamm ausgebildet, und auch auf dem Deckelknauf steht eine EicheMehr

Die Jagd, ein fürstliches Vergnügen
Die fürstliche Leidenschaft für das Jagen bestimmt das Bildprogramm dieses Pokals aus der Zeit um 1720. Auf der Schale, auch Cuppa genannt, und am Fuß des Pokals sind in flachem Relief Jagdszenen zu sehen. Der Schaft ist als Eichenstamm ausgebildet, und auch auf dem Deckelknauf steht eine Eiche mit belaubter Krone. Um den Baum herum spielt sich eine dramatische Szene mit mehreren Figuren ab: Zwei Jäger reiten auf eine Gruppe aus drei Hunden und einem gewaltigen Hirsch zu, der bereits zu Boden gegangen ist.

Ein Geschenk für den sächsischen Kurprinzen?
Die Jagd gehörte zum adligen Lebensstil. Besonders wichtig war die Parforcejagd, die Hetzjagd zu Pferde. Deutsche Fürsten übernahmen sie im 17. Jahrhundert nach französischem Vorbild. Um Jagderfolge gebührend zu feiern, wurden mitunter kostbare Pokale zur Erinnerung angefertigt. Die Cuppa weist am unteren Rand einen Wulstring auf.
Darauf befinden sich abwechselnd das sächsisch-polnische Wappen und die Initialen des sächsischen Kurprinzen Friedrich August II. Er war ein passionierter Jäger und man kann annehmen, dass der Pokal aus seinem Besitz stammt. Sein Vater war August der Starke, der sächsische Kurfürst und polnische König.


Kunsthandwerk am sächsischen Hof
Der Jagdpokal besteht, wie die meisten ähnlichen Stücke, aus vergoldetem Silber. Er entstand wohl im Dunstkreis eines der prunkvollsten Höfe seiner Zeit. Entsprechend zeugt die Bearbeitung der Details von Stilsicherheit und der Beherrschung aller Techniken und Finessen der Goldschmiedekunst. Die größten Teile sind getrieben, die kleinteiligen Figuren gegossen. Der Pokal besitzt keine Silbermarken. Diese waren auch in Dresden Vorschrift, um die Qualität des kostbaren Silbers zu garantieren. Das Fehlen der Marken könnte darauf hindeuten, dass er von einem Hofkünstler gefertigt wurde. Einer der bedeutendsten Goldschmiede dieser Zeit war der für August den Starken arbeitende Johann Melchior Dinglinger, in dessen Umkreis der Pokal entstanden sein dürfte. Vor allem sein Bruder, Georg Christoph Dinglinger, stellte ähnliche Werke her. Vergleichbare Goldschmiedearbeiten von ihm finden sich im Grünen Gewölbe in Dresden.
 

Weniger
Titel
Jagdpokal des Kurprinzen Friedrich August von Sachsen
Allgemeine Bezeichnung
Pokal aus Silber
Inventarnummer
HG11167
Proviso
Erworben mit Unterstützung des Fördererkreises des Germanischen Nationalmuseums.
Sammlung
Kunsthandwerk II (1500-1800)
Herstellungsort
Dresden
Herstellungsdatum
um 1720
Hersteller
Unbekannter Goldschmied, der Dresdener Dinglinger-Werkstatt nahestehend
Maße
H. 50 cm; Gewicht 3277g
Material und Technik
Silber, vergoldet, getrieben, gegossen, graviert und ziseliert
Beschreibung
Runder Fuß mit profiliertem Rand und umlaufendem Relieffries einer Jagd. Die hochgewölbte Mitte bildet kräftiges Wurzelwerk, das sich zu einem mächtigen Eichenbaum als Schaft entwickelt, der sich oben in vollplastisches, mit Blättern besetztes Geäst entfaltet. Der untere Teil der Cuppa ist mit vier vollplastischen, von Palm- und Lorbeerzweigen gerahmten Kartuschen besetzt, die abwechselnd das sächsisch-polnische Wappen und die Initialen FA zeigen. Auf der Wandung der sich nach oben erweiternden Cuppa ein Relief einer Hirschjagd. Der Rand des Deckels besitzt eine Zarge in Form von Lambrequins; der darüber befindliche Wulst ist mit Jagdgerät in Kartuschen, abwechselnd mit Ornamentwerk geschmückt. Auf der Oberseite des Deckels Jagdszenen und Landschaftsdarstellungen in Flachrelief, darauf die vollplastische Gruppe zweier berittener Jäger, die auf einen am Boden liegenden Hirsch zureiten, der von drei Hunden angegriffen wird. Den Griff des Deckels bildet ein Eichenbaum. -- Keine Marken. -- Wappen und Initiale legen die Herkunft des Pokals aus dem Besitz des für seine Jagdleidenschaft bekannten sächsischen Kurprinzen Friedrich August (1696-1763), Sohn Augusts des Starken, nahe. Das Fehlen von Marken lässt darauf schließen, dass es sich um die Arbeit eines Hofgoldschmiedes handelt. Erworben 1962 mit Unterstützung des Fördererkreises des Germanischen Nationalmuseums.
Literatur
Erna von Watzdorf: Johann Melchior Dinglinger. Der Goldschmied des deutschen Barock. Zwei Bände, Berlin 1962, Bd. 2, S. 317 u. Abb. 416 (zu Dinglinger)
Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums 1963, S. 227 (Erwerbsbericht, Günther Schiedlausky)
Manfred Meinz: Die Jagd in der Kunst. Darstellungen auf Silbergerät. Hamburg 1965, S. 28, Taf. 12-13
Ekhart Berckenhagen: Barock in Deutschland - Residenzen. Berlin 1966, Nr. 279 mit Abb. Link zur Bibliothek
Deutsche Goldschmiedekunst vom 15. bis zum 18. Jahrhundert aus dem Germanischen Nationalmuseum. Katalog zur Ausstellung in Hanau, Ingolstadt und Nürnberg 1987/1988, bearbeitet von Klaus Pechstein u.a. Berlin 1987, Nr. 93 u. Abb. S. 190-191
Germanisches Nationalmuseum. Führer durch die Sammlungen. München 1994, Nr. 462 Link zur Bibliothek
Germanisches Nationalmuseum. Führer durch die Sammlungen. Nürnberg 2001, S. 167 Link zur Bibliothek
Was ist deutsch? Fragen zum Selbstverständnis einer grübelnden Nation. Begleitband zur Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum, Nürnberg, 2. Juni bis 3. Oktober 2006. Nürnberg 2006, S. 258
Germanisches Nationalmuseum. Führer durch die Sammlungen. Nürnberg 2012, S. 129. Link zur Bibliothek
Jagdpokal
Hunting Cup