Beschreibung
Gebauchtes Gefäß mit plastischen Schwertlilien an der Außenseite.
Wohl kaum eine kunsthistorische Epoche hat die Blumen- und Pflanzenwelt Europas so umfassend und nachhaltig zum Fundus ihres Dekorapparates gemacht wie der Jugendstil. Zwar hatte die europäische und außereuropäische Flora mit der Erfindung des europäischen Porzellans durch Johann Friedrich Böttger (1682-1719) eine Projektionsfläche beinahe unendlichen Ausmaßes gefunden und die Service in der Folge mit einer Überfülle von Rosen, Tulpen, Päonien und ähnlichem überzogen. In der Zeit des Jugendstils drangen florale Motive jedoch auch in viele andere Bereiche des Kunsthandwerks und Kunstgewerbes ein, wie zum Beispiel in den Möbelgestaltung, in die Metall- und Glaskunst. Blumen und Blüten wurden nicht nur als Motive aufgemalt oder plastisch appliziert, sondern einzelne Gefäß- bzw. Möbelteile wurden selbst in Pflanzenform gestaltet. Die nach Entwürfen von Hector Guimard (1867-1942) aus der Frühzeit erhaltenen Lampen und Schilder der Pariser Metro sind bis heute beredtes Zeugnis dieser Zeiterscheinung. Zusätzlich zu den um 1900 in Europa beheimateten Pflanzen bot sich den Künstlern der Zeit ein weiteres Spektrum größten Ausmaßes.
Seit der zweiten Londoner Weltausstellung 1862 gehörten China und Indien zu den in Europa ausstellenden Ländern. Mit ihren Exponaten eröffneten sie den Besuchern nicht nur eine bis dahin unbekannte Welt, ihr Einfluß auf Kunst und Kultur in Europa wuchs von da an in großem Maße. Für die Dekoration von Kunst- und Konsumgütern griff man auf den ostasiatischen Dekorfundus zurück, vielfach auch ohne die tiefere Symbolik bestimmter Kombinationen von Blumen, Sträuchern und Bäumen zu kennen.
Zu den im Jugendstil häufig rezipierten Blumen gehört die Schwertlilie oder auch Iris germanica. Ursprünglich stammte diese Pflanze aus Asien; sie war aber bereits seit der Antike im Abendland bekannt. Der berühmte Arzt und Pharmakologe Pedanios Dioskurides der im 1. Jahrhundert n. Chr. ein fünfbändiges, bis in die Neuzeit gültiges Arzneimittellehrbuch publizierte, erwähnte bereits mehrere Arten der Schwertlilie. Ihre Wurzeln wurden als Heilmittel verwendet, bildeten aber auch die Grundlage für Kosmetika. Durch Benediktinermönche kam die Pflanze im frühen Mittelalter nach Zentraleuropa. Hildegard von Bingen empfahl ihre Wurzeln bei Nieren- und Lebererkrankungen sowie gegen unreine Haut. Seit dem 13. Jahrhundert wurde sie in Florenz, seit dem 16. Jahrhundert in Nürnberg kultiviert.
Die französische Staatsmanufaktur in Sèvres bot um 1900 Wandteller dekoriert mit Irisblüten an, und auch die berühmten, um 1890 entstandenen Gläser Emile Gallés (1846-1904) aus Nancy sind mit Irisblüten verziert. Wie ein kürzlich in das Museum gelangtes Blumengefäß zeigt, wurden auch Geschirre aus Steingut mit Schwertlilien dekoriert. Der blaßgelbe Scherben dieses neuerworbenen, 25 cm hohen bauchigen Gefäßes ist innen mit einer rosafarbenen Glasur überzogen. Die Wandung außen erhält ihre eindrucksvolle Gestaltung durch einen dichten Kranz plastisch aufgelegter schilfartiger Blätter, aus denen jeweils ein einzelner Stengel mit einer Irisblüte herauswächst. Insgesamt sechs Stengel sind gleichmäßig in diesen Blattkranz eingefügt. Ungeachtet der in Europa am häufigsten vorkommenden violett-blauen (Iris sibirica) bzw. gelben Irisarten (Iris pseudoacorus) sind sie auf dem Gefäß rosa bzw. gelblich gefärbt. Auf dem Boden des Gefäßes ist im Rechteck die Marke der Firma Wilhelm Schiller und Sohn eingeprägt. Wilhelm Schiller, der 1829 in Bodenbach (Böhmen) zunächst mit Friedrich Gerbing eine Fabrik zur Herstellung von Majolika, Siderolith und Kunstterrakotta gegründet hatte, verlegte 1885, nach dem Tod seines Geschäftspartners, den Betrieb in das benachbarte Obergrund. Sein Sohn Eduard wurde im gleichen Jahr Mitinhaber der Firma, die um 1910 „dekorative keramische Artikel“ herstellte. Wohl aus dieser Zeit stammt auch der neuerworbene Blumentopf mit den Irisblüten.