Beschreibung
"Die das Tuch bestimmende Verbindung monarchischer Symbole und revolutionärer Ständekritik ist charakteristisch für die Frühzeit der Französischen Revolution, als die Ideen von Freiheit und Gleichheit noch mit dem Königtum vereinbar erschienen. Ein Flächenmuster aus vier Kronen füllt das von einem Inschriftband ornamental gerahmte Mittelfeld. Der Randstreifen besteht aus einem je viermal bild- und spiegelbildlich wiederkehrenden Rapport, dessen Hauptmotiv eine 1789 unter den Bezeichnungen "La Fermière en corvée" oder "Le Grand Abus" verbreitete Ständekarikatur aufgreift. Die Gruppe aus einer Klerus [Nonne] und Adel [Aristokratin] auf dem Rücken tragenden Vertreterin des Dritten Standes erweitern ein weiterer adeliger Antreiber und das die nun aufgekündigte Geduld der Trägerin symbolisierende Lamm. Die Inschriften beschwören das nahe, für die privilegierten Stände traurige Ende der traditionellen Gesellschaftsordnung. Das im Durchdruck hergestellte Tuch besitzt zwei gleichwertige Ansichtsseiten. Die wie auf einem figürlichen Damast als Bild und Spiegelbild gesetzten Motive und Inschriften erscheinen jeweils umgekehrt auf der Vorder- und Rückseite. Sämtliche Farben durchdringen das Gewebe. Möglicherweise orientierte sich diese auf die Frühzeit des Kattundrucks beschränkte Herstellungsweise noch bewusst an den Wirkungen traditioneller Bilddamaste, während die originären Eigenschaften der neuen Technik, allen voran die schnelle und preiswerte Fertigung figürlich gemusterter Textilien, erst allmählich zur Ausbildung einer eigenen Ästhetik führten." Zander-Seidel: Politik als Dekor, S. 314.